[Review] Wara No Tate – Die Gejagten (2013 JP)

shieldofstraw

Ein wenig überrascht war ich schon, dass es ein japanischer Film überhaupt in unser ‚großes‘ Kino schafft. Rückblickend lassen sich die vergangenen Jahre an einer Hand abzählen, wo es selbst namhafte Regisseure lediglich in den kleinsten Saal unseres schnuckeligen Programmkinos geschafft haben. Für einen Asiafan wie mich eine echte Schande.
Große Freude also, als unser Kino Reklame für Takashi Miikes Wara No Tate – Die Gejagten machte.

Wenn man erstmals einen Film von einem Regisseur sieht, über den man meist schon mehr im voraus gelesen oder gehört hat, ohne  jemals eines seiner Werke gesehen zu haben, dann ist das immer so eine Sache. Schnell hat man einen gewissen Anspruch an den Film erhoben und erwartet dies und jenes, weil eigentlich macht er das ja so und so.
Der japanische Regisseur Takashi Miike hat bei mir auch schon seinen Ruf weg, muss ich bei ihm doch immer an extreme Kost wie bspw. Ichi the Killer denken. Umso erstaunter war ich, was mir sein neuester Streich bot.

Miike wirft den den Zuschauer ohne wenn und aber mitten in das Geschehen: Ein siebenjähriges Mädchen wird zu Tode geprügelt in einem abgelegen Abflussrohr gefunden. Schnell stellt sich der Mörder Kunihide Kiyomaru (Tatsuya Fujiwara; Battle Royale) der Polizei. Diese soll ihn nach Tokyo zur Gerichtsverhandlung überführen. Leichter gesagt als getan, denn der Großvater des ermordeten Mädchens setzt ein großzügiges Kopfgeld auf Kiyomaru aus, wodurch selbst bei der hiesigen Polizei der ein oder andere zwischen dem Geld und dem Ehrenkodex der Polizei wählen muss.

Wer jetzt eine Actiongranate erwartet, liegt nur zum Teil richtig. Miike versteht es das Spektakel in den Hintergrund rücken zu lassen, ohne dass dem Film gleich der Drive auszugehen droht. Statt sich lediglich auf schaulustige Werte zu verlassen, zieht der Japaner menschliche Abgründe ins Zentrum. Stück für Stück bürdet er durch die Überführung des Mörders seinen Figuren den einhergehenden psychischen Stress auf, der bei diesem Gewissenskonflikt entsteht. Sie dienen als Schutzschild für einen Kindermörder, müssen gegebenfalls sogar ihr Leben für dieses Monster lassen. Ist soetwas richtig? So richtig, um ihn der Gerichtbarkeit zuzuführen und ihm noch sämtliche Strafrechte zu ermöglichen? Eine Frage die nicht nur die Personenschützer Mekari (Takao Ōsawa) und Shiraiwa (Nanako Matsushima) beschäftigt. Immer wieder kommen Zweifel auf, insbesondere beim Rest des vierköpfigen Teams rund um Mekari. Japan steht ob des riesigen Kopfgelds ohnehin Kopf.
Auch der Zuschauer muss sich für eine Seite entscheiden: Was ist der eigene Ehrenkodex wert? Wie würde man wohl selbst entscheiden? Erschwerend kommt hinzu, dass es der Killer Kiyomaru seinen Beschützern nicht leicht macht. Er gibt ihnen jeden einzelnen Grund ihn zu hassen, ja gar ihn zu töten. Doch wer kann sich beherrschen und wem kann man noch vertrauen, wenn selbst der Polizeiapparat Japans nicht mehr vertrauenswürdig ist?

Fragen über Fragen, denen der Film mit einer ausgeprägten Gemächlichkeit nachgeht und gerade im Mittelteil immer anstrengender wird. Wenn nicht gerade Menschen auf Kiyomaru Jagd machen, dann droht die Erzählung schlichtweg einzuschlafen. Es zieht sich, unlogische Handlungen häufen sich und Charaktere büßen an Glaubwürdigkeit ein. Einzig Takao Ōsawa als Mekari vermag in diesen Leerlaufphasen noch zu glänzen, so ist doch er der einzige, der aus seiner dünnen Rolle das Maximale rausholen kann. Er wird durch das perfide, aber gute Spiel Fujiwaras gefordert und gerfördert. Er wird gezwungen in seinen eigenen persönlichen Abgrund zu blicken, ohne dabei selbst hineinzustürzen. Diesen Stress und den inneren Zwiespalt in dem er sich befindet, verkörpert er so authenthisch wie nur irgendwie möglich.

Und spätestens zum großen Finale liefert uns Regisseur Miike dann endlich seine Antworten auf die vorangegangenen Fragen, kann sich dabei aber einen zynischen Unterton nicht verkneifen. Es passt ohne falsch zu sein, und doch fühlt es sich merkwürdig an. Etwas, über das man sich noch lange nach dem Abspann den Kopf zerbrechen kann, etwas, das wie so vieles im Film nach Austausch verlangt.

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Was hat Mekari mit Kiyomaru vor?
Was wiegt mehr, welche Grenze überschreitet er und wieviel ist er bereit zu geben?

Wara no tate – Die Gejagten hätte so richtig gut werden können. Doch leider vermag der rein psychologische Aspekt den Film nicht vollständig über die viel zu langen 117 Minuten tragen zu können. Dabei ist doch die Darstellerriege stark besetzt, die Action und sonstige Schauwerte schick anzusehen und die Geschichte so anspruchsvoll anders und vorallem: spannend. Nur leider ist der Film an vereinzelten Punkten so dermaßen krampfhaft auf nur diesen einen Kern der Geschichte fokussiert, dass sich die Handlung erzwungenermaßen selbst ein Bein stellen muss. Ein freieres Handlungsgerüst und eine Laufzeitstraffung wäre hier sicherlich von Nutzen gewesen. Denn wäre das perfekt abgestimmte Finale und die teils herausragenden Akteure nicht, dann hätte ich diesen japanischen Actionthriller relativ bald schon aus dem Gedächtnis gestrichen. Und das obwohl er doch auf seine Art außerordentlich spannend ist.

6/10 Punkte

WnT_Artwork_RZ.inddWara No Tate – Die Gejagten [Wara no tate]
Jahr: 2013 JP
Regie: Takashi Miike | Drehbuch: Tamio Hayashi
Cast:
Takao Osawa
Nanako Matsushima
Tatsuya Fujiwara
Masatō Ibu
Kimiko Yo
Tsutomu Yamazaki

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4 Kommentare zu “[Review] Wara No Tate – Die Gejagten (2013 JP)”

  1. Ich war auch ganz überrascht, als der Trailer als Werbung bei Youtube auftauchte. Vielleicht war es einfach mal wieder Zeit für einen Versuch auch diese Filme in den Mainstream zu bekommen oder der Film war in Japan der Riesenhit. Ich finde es allerdings schade, dass er einige Probleme gerade im Aufbau der Geschichte hat und es schreckt mich besonders ab wenn du sie als krampfhaft beschreibst.

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    1. Mit Kultregisseur Miike kann wohl nichts schief gehen dachte man sich. Mich freut sowas ja immer, aber leider war das Kino bis auf ein paar Besucher leer. Die Angst vor dem exotischen ist heutzutage viel zu groß, als das da so ein Filmchen etwas reißen könnte. Der letzte große Hit hier war wohl „Fearless“ mit Jet Li als Zugpferd… ist aber auch schon wieder zig Jahre her.

      Die Geschichte wird ganz solide aufgebaut, es fühlt sich aber leer an, wenn sich in zahlreichen Dialogsituatonen verfahren wird. Das nimmt dem Film das Tempo und lässt ihn ‚blutleer‘ wirken. Aber sehenswert ist der Film in gewisser Weise trotzdem noch. Ist eben etwas anderes und auf typisch japanische Art behäbig.

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