[Literatur] Die Stunde der toten Augen (1957)

Dank der Vorzüge eines E-Bookreaders habe ich es vor geraumer Zeit geschafft, endlich wieder ein Buch auszulesen. Bei dem Stapel der sich hier auftut und meiner gemächlichen Lesegeschwindigkeit echt ein Wunder. Ein großer Dank geht dabei an Karoline vom
Inkunabel-Blog, wo ich bei der Besprechung des Werkes Im Westen nichts neues auf den Roman Die Stunde der toten Augen von Harry Thürk gestoßen bin. Danke für den Buchtipp, liebe Karoline!

Harry Thürk (*1927 – †2005), zu seiner Zeit selbst in etlichen Kriegsgebieten wie Vietnam und Korea als Journalist tätig, schreibt in seinem Anti-Kriegsroman über eine (fiktive) deutsche Fallschirmjägertruppe, stationiert nahe der sowjetischen Frontlinie, als sich der zweite Weltkrieg langsam aber sicher seinem Ende zuneigt.

Die Stunde der toten Augen ist definitiv keine leichte Kost und schon gar nichts für zwischendurch. Dem Autor gelingt es, die traumatischen Kriegserlebnisse seiner Figuren in den letzten beiden Jahren des zweiten Weltkriegs authentisch und beklemmend wirkend zu vermitteln. Schon die ersten Seiten machen keine Gefangenen, wenn Thürk seine acht, rein auf das Töten gedrillte Fallschirmjäger Ende Oktober 1944 aus der Junkers über sowjetischem Boden abspringen lässt. Ihr Auftrag: Eine Brücke sprengen, um den Nachschub der sowjetischen Truppen empfindlich zu stören. Der Leser folgt dabei den Soldaten Zado, in seinem früheren Leben ein Künstler, der sich seinen Lebensunterhalt mit Zirkusnummern verdient hat, Bindig, der vor dem Krieg seine Nase nicht aus Büchern nehmen konnte und Truppenführer und Unteroffizier Klaus Timm, die reinste Kampfmaschine, der erst im Krieg so richtig erblüht. Er ist einer, der wie für den Krieg gemacht ist und seine Männer dementsprechend drillt.

Im ganzen Roman wird elendig in der Kälte verreckt, manchmal geht es schnell und unerwartet, manchmal schleicht der Tod vor den Augen der Soldaten umher, ehe er mit aller Grausamkeit zuschlägt. Und niemand weiß, wen es erwischt. Die Nerven liegen vor und nach dem Auftrag blank, manch einer kann sich wegen eines Nervenzusammenbruchs nicht einmal mehr eine Zigarette anzünden. Die Dose mit den starken Schmerztabletten rollt raschelnd über den Lagerboden der Junkers. Er hat es geschafft. Den Auftrag erfüllt. Er hat überlebt. Und nun? Er zieht seine Waffe… die Nerven gehen mit ihm durch.

„Kalt und kühn“ würde die meisten Soldaten vermutlich am ehesten beschreiben. Nach der Ausbildung agieren sie hinter der feindlichen Linie, tun alles um selbst wieder heil nach Hause, in ein kleines Dorf namens Haselgarten auf der deutschen Seite, zu kommen. Sie töten um selbst nicht getötet zu werden. Töten, im Glauben das Richtige zu tun. Kühn deshalb, weil sich kaum einer außerhalb des Propagandanetzwerks des NS-Regimes bewegen kann. Ihnen werden Begriffe wie „ehrenvoller Tod“ eingebläut, sollten sie in diesem Krieg fallen. Der deutsche Sieg wird immerzu gepredigt, obwohl jeder Soldat an der Front sehen kann, wie schlecht sie doch im Gegensatz zu den Russen ausgerüstet sind und das es nur eine Frage der Zeit ist, bis die sowjetischen Truppen losrollen und alles niederwalzen. Und doch stellt kaum jemand diese Worte in Frage, Auftrag auf Auftrag folgt, der nächtliche Flug über die Kampflinie, Absprung, Auftrag und mit etwas Glück die Abholung. Immer und immer wieder. In der eisigen
Kälte Russlands. Und niemand kann sich sicher sein, zurückzukehren. Auftrag für Auftrag.

Allerdings machen diese Kampfeinsätze nicht den größten Teil des Romans aus. Mittels Rückblenden erfährt der Leser mehr über seine Figuren. Man lernt sie kennen, erfährt was sie vor dem großen Krieg gemacht haben, wie sie gelebt haben. Und wie der Krieg zu ihnen kam. Warum sie kämpfen. Auch beschreibt Thürk, wie sich die Soldaten abseits ihrer Einsätze die Zeit vertreiben, das es für viele auch im Krieg noch andere Dinge gibt, als sich selbst den Kopf darüber zu zer-
matern, wie man beim nächsten Einsatz wohl heil wieder nach Hause käme. Wenn… So verdreht beispielsweise die in Haselgarten ansässige Anna Thomas Bindig abseits jeglicher Kampfhandlungen gehörig den Kopf und sorgt auch sonst für Überraschungen. Doch das der Krieg auch vor solchen Situationen nicht haltmachen wird, ist beiden bewusst. Nicht nur die ständigen Artillerieeinschläge abseits des Dorfes zerstören diese Illusionen immer wieder aufs neue…

„Wo ich bin, wird gestorben“ – Klaus Timm

Die Stunde der toten Augen vermittelt einen weitgehend realistisch anmutenden Eindruck vom Soldatenleben des zweiten Weltkriegs. Schonungslos offen präsentiert Harry Thürk seinem Leser die Grausamkeiten des Krieges, zeigt wie abgeklärt manch einer schon geworden ist und mit welchen inneren Dämonen sich die weniger abgebrühten Fußsoldaten herumschlagen müssen. Es gibt meinerseits nicht viel zu bemängeln, einzig die Rückblenden haben es mir an mancher Stelle äußerst schwer gemacht am Ball zu bleiben. Nicht nur weil sie an unpassenden Stellen eingesetzt wurden, sondern auch, weil die zeitliche Abgrenzung auf mich einen sehr schwammigen Eindruck machte und mir das flüssige Lesen erschwerte. Ansonsten bietet dieser Roman all das, was aus dem Klappentext hervorgeht.

4,5/5 Punkte

(c) mitteldeutscherverlag.de

Die Stunde der toten Augen
Autor: Harry Thürk
Erscheinungsjahr: 1957
Verlag: Mitteldeutscher Verlag (mdv)
Ausgabe: 8. Auflage 2008
Seiten: 448
ISBN-10: 3898123847
ISBN-13: 978-3898123846

 

 

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8 Kommentare zu “[Literatur] Die Stunde der toten Augen (1957)”

  1. Wow, ich fühl mich echt geehrt! Freut mich sehr, wenn ich dir da so einen guten Tipp geben konnte. Die Rezension finde ich auch wirklich sehr gut gelungen.
    Willst du denn noch mehr von Thürk lesen oder bist du dann erstmal bedient?^^ Ich habe hier seit Jahren die Bände Singapore und Saigon liegen, konnte mich bisher aber nie aufraffen sie auch wirklich zu lesen… Es gibt einfach zu viel Literatur auf dieser Welt…;)

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    1. Wie gesagt, ich bedanke mich für den Buchtipp! Hat genau die richtige Kerbe getroffen. 🙂
      Derzeit liebäugle ich noch mit seinem Werk „Operation Mekong“ und einem Teil seiner Hongkong-Krimis. Die werden wohl aber warten müssen, denn erst einmal muss/will ich mit meiner Lieblingsreihe vorankommen, die seit einigen Jahren in vollkommen unwillkürlicher Reihenfolge übersetzt wurde, ich jetzt aber weitestgehend alle Bänder zusammen habe. Und George R.R. Martins Reihe liegt auch schon zum Teil bereit… Und ich dachte ich hätte dieses Problem nur bei Filmen… 😀

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  2. Was ist denn deine Lieblingsreihe? An George R.R. Martin traue ich mich irgendwie nicht so richtig heran, weil ich schon die Staffeln von Game of Thrones gesehen hab und es daher am Anfang nur Wiederholung für mich wäre (und irgendwie sind mir die deutschen Teile auch zu teuer). Ich kann mich momentan auch einfach nicht entscheiden, was ich als nächstes lese. Hier liegen einfach zu viele interessante Bücher rum^^

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    1. Meine Lieblingsreihe ist die Adler-Reihe von Simon Scarrow.
      Kurzfassung: Das römische Imperium versucht sich Britannien unter den Nagel zu reißen und trifft dabei auf Widerstand der einheimischen barbarischen Stämme. Die Bücher sind recht blutig und roh gehalten, was mir genau in den Kram passt. Und die Hauptfiguren Macro und Cato sind mir sympathisch. 😉

      Das mit dem Lied von Eis und Feuer verstehe ich nur zu gut. Die ersten beiden Staffeln habe ich mehr als nur einmal gesehen, als ich dann aber in der Buchhandlung meine Nase in den ersten Band gesteckt habe, konnte ich kaum noch aufhören und musste mich förmlich zwingen. Da habe ich es trotz der Bedenken einfach mitgenommen.
      Das mit der Aufteilung der Bücher stört mich auch, 30€ für einen Originalband finde ich sehr happig. Wobei ich die Bücher so von der Größe her angenehmer zu lesen finde, als einen dicken Wälzer.

      Manchmal hilft es, einfach zum Regal zu schlendern, sich blind eins rauszunehmen und einfach zu lesen. Bis zum (bitteren) Ende. Aber ich halte mich auch nie an meine Ratschläge… 😉

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  3. oh, eine historische Reihe, sehr interessant… da bin ich ja auch immer für zu haben! Ich hab gerade „Die Rosenkriege“ von meinem Chef bekommen, die sollen auch recht blutig sein, da bin ich mal gespannt…
    Ich habe ein großes Bücherregal, da ist es nicht so einfach dran vorbei zu schlendern und was rauszusuchen… Und ich muss immer recht abwechslungsreich lesen, sonst wirds mir zu langweilig^^ wie siehts da bei dir aus? Bist du auf Fantasy und Krieg spezialisiert oder gibt’s da noch andere Bereiche, wie bspw. Krimis?

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    1. Ach, sieh an. Von Iggulden habe ich auch ein Buch aber naja… noch nicht gelesen. *g*
      Dieses „Was lese ich als nächstes?“-Problem kenne ich auch zur genüge, aber hauptsache man sorgt immer für Nachschub, nech? 😀
      „Spezialisiert“, naja. Ich fahre gerne im selben Gewässer, da weiß ich was ich habe: Historische Fiktion und (Psycho-/Polit-)Thriller. Ich mag den Nervenkitzel beim lesen sehr gerne. Leichte Kost habe ich hingegen sehr selten, sowas fesselt mich leider kaum.
      Fantasy habe ich, abgesehen von Harry Potter damals, nie etwas gelesen. Das Interesse daran kam erst mit der Serie GoT, aber es sollte dann auch nicht allzu fantasylastig sein, das ist wohl immer mein Problem mit der Sparte. (Drachen sind okay, bei einem Magier wirds aber wieder kritisch…) *lach*

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