[Film] Kill Bill Vol. 1 (2003 US)

Header„Rache ist ein Gericht, das am besten kalt serviert wird.“

Das dachte ich mir auch, also gab es zum Abendessen eine kalte Platte. Zum Glück! Denn selten schafft es ein Film, mich alles andere vergessen zu lassen. Die Augen waren einzig und allein auf den Fernseher fixiert– bloß nicht blinzeln hieß es, während die Hand blind nach weiteren Salamisnacks suchte. Leichte Spoiler voraus!

„Da hatte wohl jemand etwas gegen die Verbindung und wollte nicht für immer schweigen.“

Keine Ahnung wie oft ich beim schauen laut auflachen musste, aber Quentin Tarantino schoss hier (wiedermal) den filmischen Vogel ab. Regelmäßig sogar. Und im positiven Sinne natürlich.
Denn ich weiß nicht, wie ein einzelner Filmemacher so ein perfektioniertes Gespür für Pointen und Inszenierung haben kann. Und wie einer auf so ‚bescheuerte‘ Ideen kommt, die nebenbei aber so locker flockig, wie eine Fingerübung, von ihm miteinander verbunden werden.

1

Es macht nämlich so unglaublich viel Spaß, Tarantinos Handschrift zu lesen. Gerade hier, in Kill Bill Vol. 1. Ihr müsst beispielsweise nur mal auf die Kameraarbeit achten. Sie ist oben, unten, ganz oben, ganz unten, über dir, weit weg, nah dran, schräg von unten, schräg von oben, via Splitscreen… sie ist einfach überall und ausschließlich auf das Wesentliche konzentriert, so verspielt sie auch sein mag. Sie bringt Leone’sche Closeups, oder hält stur auf Uma Thurmans Füße oder ihre krummen Zehen. Sie allein vermag es mitunter, komödiantische Einlagen, über die man noch Jahre später amüsiert lachen kann, zu erschaffen. Zum Beispiel wenn sich Uma Thurman auf die Suche nach dem „Pussy Wagon“ begibt und im Rollstuhl durch die Tiefgarage rollt. Der irre Blick nach links, nach rechts. Die Kamera zieht fast schon zu spät nach. Aber nur fast. Alles gewollte Kniffe, die Tarantinos Filmen diesen experimentellen Touch verleihen, ohne dabei deplatziert zu wirken. Eher gekonnt.

Eine weitere Eigenschaft, für die ich Tarantino und sein Kill Bill-Rachewerk so schätze und liebe, sind nicht nur die fein geschliffenen Dialoge, sondern auch die in ihnen enthaltenen Pointen.
Wie kann man nur so ein verflucht gutes Gefühl und Timing für sie besitzen?! Jede Einstellung sitzt, manche von ihnen sind schon eine einzige Pointe für sich. Und jeder einzelne Spruch trifft nicht minder ins Schwarze. Coolness in ihrer reinsten und reduziertesten Form.

Toe

„Wie auch immer. Bevor ich meine Genugtuung bekommen sollte, das Wichtigste zuerst: Wackel mit dem großen Zeh.“

Doch neben all diesen Dingen gibt es noch zwei andere Dinge, die einen Tarantino-Film so einzigartig machen. Der Soundtrack und die überzogene Gewaltdarstellung.
Tarantino erschafft für sich und seine Filme eine andere Welt, setzt physikalische Gesetze zum Teil außer Kraft und macht alles so unbeschreiblich cool und übertrieben, wodurch er die zur Schau gestellte Brutalität selbst wieder ad acta legt. Dabei schließt sich beides nicht unmittelbar gegenseitig aus, dennoch herrscht zwischen diesen beiden Elementen eine unsichtbare Linie, die nur hin und wieder verbogen oder schwammig wird. Alles ist Maßarbeit, das eine wiegt das andere auf und andersrum. Wie eine feine Waage hält es die Balance, ohne den Film, trotz seiner völligen Überzogenheit, in die Unglaubwürdigkeit rasen zu lassen.

Nie verkommt diese gezeigte Brutalität zu einer Art der Aufgeilung, sie ist schier das Mittel zum Zweck: Unterhaltung. Fernab jeglicher Realität, überdreht und einfach toll anzuschauen. Genauso wie die kurz eingestreuten, völlig vom Boden losgelösten Kampfbewegungen, eine kleine Hommage an die alten Eastern. Und dann… immer mit diesem nötigen Augenzwinkern… schießen die nicht enden wollenden Blutfontänen aus den Stümpfen- erst in Farbe, dann sogar nur noch in s/w. Wie ein Rausch. Und dann wieder, im wortwörtlich gemeinten Moment eines Augenzwinkerns, kehrt die Farbe wieder zurück ins Bild. Als sei das alles ganz normal und der Blutrausch damit vorbei.

Ein Rausch. Ja, das ist wohl das richtige Wort für Kill Bill Vol. 1. Ein Rausch, der selbst in ruhigen Situationen noch über den Zuschauer hereinbricht und ihn zu fesseln vermag.

„Ihr dürft gehen, aber die abgetrennten Gliedmaßen bleiben hier! Sie gehören jetzt mir!“

Natürlich benötigt diese zur Schau gestellte Coolness auch immer einen passenden Soundtrack, der sie unterstreicht. Und da ist wieder dieses Mysterium namens Quentin Tarantino. Denn der ist musikalisch gefühlt in jedem Winkel der Erde unterwegs und findet hier zusammen mit RZA immer das exakt passende Stück für seine Szenen, selbst wenn sie komplett gegensätzlich zu dem Gezeigten agieren. Dann dient sie eben als Kontrastmittel, was die Szene nur noch einprägsamer und betonter macht. Und seien wir mal ehrlich, es passt trotzdem noch wie die Faust aufs Auge.
Wenn Die Braut blutüberströmt im Hochzeitskleid auf dem Boden der Kapelle liegt, den Gnadenschuss verpasst bekommt und danach zynisch Nancy Sinatras „Bang Bang (My Baby Shot me Down)“ erklingt, wenn Elle Driver (Daryl Hannah) mit dieser eingängigen Melodie von „The Twisted Nerve“ pfeifend im engen Krankenschwesterndress durch das Krankenhaus marschiert oder Tomoyasu Hotei’s fette Gitarren in „Battle Without Honor or Humanity“ zum großen Finale einläuten…
So macht das Medium Film einfach Spaß. Die Elemente befinden sich im Einklang, losgelöst sämtlicher gängigen Konventionen und noch dazu so einfallsreich in Szene gesetzt… da geht mein Filmherz richtig auf.

Final

Wer weiß wie oft ich Tarantino in diesem Text nun schon gelobt habe. Vermutlich zu wenig, denn für mich ist Kill Bill Vol. 1 durch und durch perfekt. Seine Geschichte selbst passt zwar auf eine Augenklappe, aber hier ist es das ganze drum und dran, das mir so gut in den Kram passt. Tarantino weiß eben, wie er es angehen muss und macht diesen Streifen dadurch zu einer absolut runden Sache. Er erlaubt sich Einstreuungen wie die Animesequenz oder die Kapitelaufteilung seiner Erzählung, bringt einen scheinbar so unwichtigen Handlungsstrang mit Sonny Chibas genialem Auftritt, der sich dann aber als äußerst wertvoller Twist entpuppt.
Alles Dinge, die unter einem anderen Regisseur vermutlich kläglich untergehen würden. Dieses punktgenaue Einsetzen aller erdenklichen Mittel fetzt einfach ungemein. Wahrscheinlich ist dieser Tarantino-Streifen nebst der Fortsetzung deshalb mein liebstes Werk von ihm. Da kann ich nur meinen Hut vor ziehen. Bravo.
Die 10 Punkte sind da nur noch reinste Formsache.

10/10 Punkte

PosterKill Bill Vol. 1
Jahr: 2003 US
Regie & Drehbuch: Quentin Tarantino (+ Uma Thurman)
Cast:
Uma Thurman
Daryl Hannah
Lucy Liu
Michael Madsen
David Carradine
Vivica A. Fox
Julie Dreyfus
Chiaki Kuriyama
Sonny Chiba

Bilder: [© Miramax]

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8 Kommentare zu “[Film] Kill Bill Vol. 1 (2003 US)”

  1. Wahrscheinlich ist es auch mein liebster Tarantino, obwohl das schwer zu sagen ist. Aber dieser Film ist einfach locker und schnell.
    Nur je öfter man sich den Film anschaut, desto mehr fallen die Tricks auf. Wenn man sich auch mit anderen Filmen beschäftigt, dann merkt man das „Kill Bill“ wie Frankenstein ist…total aus anderen Teilen, also Filmen, zusammengesetzt.

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