NTLive: A Streetcar named Desire (Young Vic Theatre)

AStreetcar
via http://youngviclondon.wordpress.com

Da bei mir aktuell eine leichte Filmflaute herrscht, nutze ich die Gelegenheit und berichte von der aktuellen National Theatre Live Übertragung NTLive zeigt: A Streetcar named Desire
(30. September bis Anfang November als Wiederholung in ausgewählten deutschen Kinos.)

Basierend auf Tennessee Williams‚ Drama A Streetcar named Desire (Endstation Sehnsucht) strahlt National Theatre Live das Stück unter der Regie von Benedict Andrews aus dem Young Vic Theatre in London aus.
Neben Gillian Anderson in der Hauptrolle als Blanche DuBois finden sich auch Ben Foster als Stanley Kowalski und Vanessa Kirby als Stella Kowalski auf der Castliste.

Bei Bedarf den Soundtrack im Hintergrund laufen lassen.

Handlung:
Als Blanche DuBois‘ fragile kultivierte Welt in sich zusammenstürzt, wendet sie sich trostsuchend an ihre Schwester Stella, die sich zusammen mit dem polnisch abstammenden Arbeiter Stanley Kowalski eine kleine Existenz in einem Arbeiterviertel in New Orleans aufgebaut hat. Doch durch die unkontrollierbare Abwärtsspirale in der sich Blanche befindet, gerät sie immer wieder an den brutalen und unerbittlichen Stanley.

(c) The Guardian

Meinung:

Setting/Location:
Ich bin ein wenig mit gemischten Gefühlen aus dem Kinosaal gegangen. Auf der einen Seite bietet A Streetcar named Desire einige außerordentlich intensive Momente, allerdings schleichen sich in den gut 3 Stunden Laufzeit auch einige Längen ein, über die man nicht so leicht hinwegsehen kann.
Aber zunächst einmal ein paar Worte zum Setting: Im Young Vic Theatre befindet sich die Bühne in der Mitte des Raums, es liegt also im Mittelpunkt. Für das Stück wurde ein drehbarer Untersatz gebaut, der das Haus, in dem sich das Drama abspielt dreht. Das Haus selbst bestand zwar nur aus einem Metallrahmen, und vom Innenleben her wurde es so hergerichtet, dass man einen Blick in die Küche und dem „Wohnbereich“, sowie den Schlafbereich (getrennt durch einen weißen, recht transparenten Vorhang) und dem Badezimmer (getrennt durch eine lose Tür) werfen konnte. Dazu befand sich außen vor der Haustür eine Metalltreppe, die weitere Hauseingänge suggerierte und so das New Orlean’sche Arbeiterviertel unterstrich. Vermutlich hätte ich mich geärgert, wenn ich live dabei gewesen wäre, denn durch das Drehen der Bühne hätte man vergleichsweise oft lediglich die Rückseite der Akteure gesehen. Da lobe ich mir diese Übertragungen, da ist man wirklich nah am Geschehen. Auch wenn mich das Gedrehe hin und wieder gestört hat, nämlich wenn die Sicht auf die Gesichter der Schauspieler von einer Tür o.ä. blockiert war. Leider passierte dies einige Male, natürlich auch genau in den Momenten, in denen heftige verbale Bemerkungen fielen und einem so die entgeisterten Blicke der Figuren entgingen. Zwar nicht gerade optimal, bis auf dieses kleine Missgeschick aber trotzdem sehr schön anzusehen, selbst wenn die Kameras das Gesichtete bestimmen und man sich dementsprechend nach ihnen richten muss. Aber kein Problem, denn die Kameraführung war durchdacht.
In der Werbepause nannte einer der Verantwortlichen des Theaters das Young Vic ein „rock’n’roll house“, was das Erlebnis auf dieser Bühne treffend beschreibt. Ob A Street Named Desire auf einer normalen Bühne enbenso intensiv geworden wäre? Sicherlich, hier war es eben eine nette Spielerei.

(c) http://ntlive.nationaltheatre.org.uk/productions/ntlout7-a-streetcar-named-desire
(c) http://ntlive.nationaltheatre.org.uk/productions/ntlout7-a-streetcar-named-desire

Handlung & Aufmachung:
Wie schon gesagt, 3 Stunden erfordern eine Menge Sitzfleisch (Warum hat mein Stammkino nicht so bequeme Sessel wie das in Frankfurt? Ich prangere das an!). Die Geschichte selbst (s.o.) ist schnell erzählt, aber es ist erstaunlich wie schnell manche Nuancen in einer Aufführung positives, sowie negatives fördern können.
Blanche DuBois (Anderson), die höchstkultivierte Englisch-Highschoollehrerin und eine der letzten Abkömmlinge des alten Südstaaten-Geldadels hat alles verloren. Aufgrund ihrer sexuellen Eskapade mit einem Schüler verliert sie ihren Job, dann das Familienhaus „Belle rêve“ („schöner Traum„). Aufgrund ihres sexuellen Drangs flüchtet sie sich in immer mehr Affären, und anschließend in sich selbst. Realität und Illusion verschwimmen zusehends bei ihr. Trost und Schutz suchend wendet sie sich an ihre jüngere Schwester Stella (Kirby), die ihr (kleines) Glück mit dem von polnischen Einwanderern abstammenden Stanley Kowalski (Foster) in einem Arbeiterviertel in New Orleans gefunden hat. Doch Blanche kann ihren Hochmut über den „niederen“ Stanley nicht verbergen und so entstehen bereits bei der ersten Begegnung der beiden extreme Spannungen, die sich zum Finale hin endgültig in einem Sturm der (charakterlichen) Zerstörung entladen und sich die Familie endgültig entzweit.

Von der Aufmachung her, fand ich das Stück echt toll gemacht. Schon allein der jazzige und außerordentlich eingängige Soundtrack von Alex Baranowski entführt den Zuschauer gedanklich gleich zu Beginn nach New Orleans. Die Bühne wird voll ausgenutzt, schon allein die Idee mit der Stahltreppe, die weitere Nachbarn suggeriert, fand ich genial umgesetzt. Das Haus selbst, beschränkt durch unsichtbare Wände, zwei Türen und einem Vorhang wirkte realistisch. Klein, unscheinbar, aber authentisch und sorgte dafür, dass man sich gleich in das Setting einleben konnte.

(c) http://ntlive.nationaltheatre.org.uk/productions/ntlout7-a-streetcar-named-desire
(c) http://ntlive.nationaltheatre.org.uk/productions/ntlout7-a-streetcar-named-desire

Wenn Blanche auf ihren viel zu hohen Absätzen, dem Koffer, dem extravaganten Outfit und natürlich der Sonnenbrille angetakelt kommt und erstmals diese kleine Spelunke beäugt, überkam einem schon das Grinsen bei ihrer Ungläubigkeit.
Beinahe alles in dem „Haus“ wird genutzt, die räumliche Aufteilung wird bei der Schauspielerei zur Intuition, wenn sich manche Szenen in unterschiedlichen Räumen abspielen. Wenn die Jungs zur Pokerrunde am Esstisch sitzen und Stella und Blanche im angrenzenden Schlafbereich, lediglich getrennt vom Vorhang, sich zu unterhalten versuchen. Blanche schaltet das Radio ein, doch Stan geht sofort auf die Barrikaden, sie habe das Radio wieder auszustellen. Sie weigert sich und Stanley rauscht hinter dem Vorhang hervor und zerstört das Gerät.
Die Inszenierung von Benedict Andrews punktet durch diese physische und psychische Präsenz. Dinge werden auf den Boden geworfen und zerschmettert, Türen zugeknallt, und auch Blanches Monologe werden von einem blauen Lichtschein begleitet, die Sie und uns aus der Realität, geradewegs in ihre Illusionen reißen. Mit ohrenbetäubenden Geräuschen und Musik werden diese untermalt, was mir beim ersten Mal vor Schreck einen ordentlichen Herzkasper bescherte.

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(c) http://ntlive.nationaltheatre.org.uk/productions/ntlout7-a-streetcar-named-desire

Natürlich braucht ein solches Drama genug Zeit sich zu entwickeln. Und die bekommt es auch. Doch drei Stunden verbergen nicht die aufkommende Langatmigkeit, die zwischen den äußerst präsenten Momenten aufkommt. Dabei kann ich den meisten Schauspielern nicht mal einen Vorwurf machen, bis auf eine Person war es nämlich verdammt gut besetzt. Kommen wir also zu dem interessantesten Punkt einer Aufführung: Den Darstellern.

Schauspieler:

(c) http://ntlive.nationaltheatre.org.uk/productions/ntlout7-a-streetcar-named-desire
(c) http://ntlive.nationaltheatre.org.uk/productions/ntlout7-a-streetcar-named-desire

Ich freue mich immer, wenn mich die unscheinbaren Schauspieler so in den Bann ziehen können. Vanessa Kirby (bei der Recherche fiel mir auf, dass sie die nervende Schwester in Alles eine Frage der Zeit gespielt hat) gelang diese Überraschung. Ihre Figur Stella ist hin und hergerissen. Einerseits möchte sie ihrer kultivierten großen Schwester Blanche gerecht werden, andererseits ist sie ihrem Mann Stanley sexuell so verfallen, dass sie sich selbst nach einer heftigen Handgreiflichkeit noch für ihn rechtfertigt und ihr Leben aufrecht erhalten will.
Sie hat mich von Anfang an fasziniert. Gerade weil sie das „arme Ding“ zwischen den Fronten verkörpert, ein zerbrechliches Stück, das am Ende, genau wie ihre Schwester, der Realität nicht mehr ins Auge blicken kann, und auch nicht will. Und doch steckte in der Performance etwas kraftvolles, etwas bestimmendes, dass sie zu keiner Zeit in den Hintergrund rücken ließ.
Doch gegen Ben Foster als Stanley Kowalski hatte sie absolut keine Chance. Foster bietet hier eine unglaublich elektrisierende Präsenz auf. Nicht nur körperlich, sondern auch psychisch.

(c) http://ntlive.nationaltheatre.org.uk/productions/ntlout7-a-streetcar-named-desire
(c) http://ntlive.nationaltheatre.org.uk/productions/ntlout7-a-streetcar-named-desire

Behaart, tätowiert, verschmutzt, wuchtig und roh spielt er den Arbeiter der Unterschicht, der sich selbst um Gleichheit bemüht. So beruft er sich anfangs beispielsweise ständig auf den „polyethnischen Grundsatz“. Er ist gegenüber seinen Freunden loyal, arbeitet hart und leidenschaftlich im Umgang mit seiner Frau, auch wenn die sexuellen Sitten bei ihm härter und gewaltsamer sein können. Kalt und abschätzig begegnet er indessen Blanche, was ihn als brutalen Typen dastehen lässt. Blanche geht sogar so weit, und vergleicht ihn als primitives Wesen, einen „Überlebenden aus der Steinzeit“. Auch wenn sich die beiden nicht ausstehen können, erkennt Blanche die animalische Seite an Stanley, macht jedoch den Fehler ihm diese Begriffe unvermittelt an den Kopf zu werfen. Da ist es nur eine Frage der Zeit, bis Stan seiner animalisch primitiven Seite Luft machen muss und gegenüber Stella und Blanche handgreiflich wird.
Ben Foster meistert seine Rolle mit Bravour und war für mich unerwarteter weise das Highlight des Stücks. Denn meist konnte man seine Handlungen nachvollziehen und diesen Hass auf Stellas Schwester ebenso, wenn auch sein triebgesteuertes Machtspiel klar die Grenzen überschritt.

Kommen wir also nun zu dem, weswegen ich überhaupt in dieses Theaterstück gegangen bin: Gillian Anderson. Was habe ich mich auf Anderson auf der Bühne gefreut. Doch leider muss ich zugeben, dass ich das Drama von Tennessee Williams nicht kannte, und mir ihre Rolle dadurch etwas zu viel abverlangte. Ihre Leistung wurde von den Kritikern gelobpreist und mit Worten des Lobes überschüttet. Sie legt definitiv eine (hier wohl eher un-)glanzvolle Leistung hin. Doch für dieses Stück war das Fluch und Segen zugleich.

(c) http://ntlive.nationaltheatre.org.uk/productions/ntlout7-a-streetcar-named-desire
(c) http://ntlive.nationaltheatre.org.uk/productions/ntlout7-a-streetcar-named-desire

Gillian Anderson kenne ich nur aus toughen Rollen. Als Special Agent Dana Scully in Akte X oder als Hannibals schlagfertige Psychotherapeutin, etc. pp. Hier schlüpft sie in die Rolle einer gescheiterten Existenz, fernab jeglicher Realitätsvorstellungen und schlicht und ergreifend kaputt. In jeglicher Hinsicht.
Sie hat meinen vollsten Respekt dafür, diese abendfüllende Rolle Abend für Abend vorzutragen. Ich verstehe nicht einmal, wie man sich diesen Haufen Text merken kann und dann so geschmeidig auf der Bühne auftreten kann… Aber ich kam mit ihrer Figur einfach nicht zurecht. Dabei war es nicht einmal der Jim Beam-schluckende Charakterzug, oder eine ihrer vielen Eskapaden. Sie hatte diesen Slang, der von Stunde zu Stunde unerträglicher wurde. Bei ihr hatte ich immer eine recht tiefe Stimme im Kopf, aber wenn hier bei jedem Satz gefühlt mit einer Oktave höher abgeschlossen wird, dann zehrt das ungemein an den Nerven. Vermutlich auch der Grund, weshalb ich mit Kopfschmerzen den Saal verließ und glücklich darüber war, dass das Stück endlich sein Ende fand. Auch dieses gegeneinander Ausspielen nahm ich ihr nicht immer ab, aber bei der Meckerei muss ich mich wohl oder übel über die Rolle an sich beklagen. Vermutlich hätte ich mit einer, nicht so für ihre schlagfertigen Rollen bekannten Schauspielerin weniger Probleme gehabt. Doch genug der Griesgrämerei. Denn was ich über alle Maßen beeindruckend fand, war Andersons Spiel allgemein betrachtet. Sie hat ihre Umgebung so greifbar gemacht. Ihre Monologe waren wie Bilder. Wenn sie an der Haustür steht und zum nächtlichen Himmel blickt, oder von ihrem tragischen Freund erzählt, dann hatte ich richtige Bilder im Kopf, die lebensecht wirkten. Solch eine Leistung erlebe ich selten. Und wenn sie als Blanche dann mal in die Tritte kam, dann richtig. Wie sie in ihren Worten gegen Stan zur Höchstform auflief, das wird noch eine Ewigkeit haften bleiben.
Wie schon gesagt, Gillian Anderson war meiner Meinung nach Fluch und Segen zugleich für dieses Stück.

(c) The Guardian

Fazit:
Letztendlich kann ich das Stück für seine intensiven Momente loben, wenn sich Blanche über Stans Wesen echauffiert und sich immer weiter in den Dreck manövrierte. Der jazzige Soundtrack mit Einlagen von Chris Isaak’s Wicked Game, der das Stück begleitete, war eingängig und sanft, aber auch ruppig wenn es das Stück erforderte. Und der Cast mit Ausnahme einer, aus meiner Warte betrachteten (leider) fehlbesetzten Gillian Anderson, hervorragend besetzt. Auch wenn das Stück zuweilen wirklich an den Nerven zehrte, bin ich trotz der Meckereien froh darüber, es gesehen zu haben.

7/10 Punkte.

Falls du Lust auf das Stück bekommen hast, kannst du dir hier weitere Infos einholen und findest mit etwas Glück noch ein Kino in deiner Nähe.

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4 Kommentare zu “NTLive: A Streetcar named Desire (Young Vic Theatre)”

  1. Wow, eine wirklich tolle ausführliche Besprechung! Dagegen kommt mir meine ganz mickrig vor… 😉 Du hast oft noch viel bessere, präzisere Worte gefunden.

    Finde ich interessant, dass wir Gillian Anderson ganz ähnlich erlebt haben und auch für dich Ben Foster das Highlight war! Kleine Bemerkung am Rande (apropos „Segen und Fluch“ – hier: einer Lehrerin): du hast „beharrt“ statt „behaart“ geschrieben! 😉

    Wann ist jetzt eigentlich „Frankenstein“ bei dir dran? Da meine erste Sichtung ja schon 2011 war, weit vor meiner „Blogeröffnung“, werde ich nach dem 3.11. auch nochmal eine Kritik dazu schreiben. Wobei ich ernsthaft am Überlegen bin, ob ich mir nicht wieder BEIDE Versionen ansehen soll…

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    1. Ach iwo! In der Tat ähneln sich unsere Meinungen bis auf winzige Ausnahmen sehr, nur schaffst du es wenigstens, es auf den Punkt zu bringen. Kurzfassen war noch nie meine Stärke (leider). Aber vielen Dank für das Lob. 😉

      Pardon bezüglich des Tippfehlers und danke für den Hinweis. Sowas erkennt die Rechtschreibprüfung ja nie…

      Frankenstein sehe ich mir am 20.11. an, mit Miller als Monster. War ein harter Kampf, mit einer Freundin die Entscheidung zu treffen, in welche Version wir gehen sollen. Am liebsten beide, aber das wäre mir zu aufwendig geworden. Muss auch so reichen. 🙂

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      1. Bin ja selbst auch eher eine Vielschreiberin… 😉 Deswegen wüsste ich gar nicht recht, was ich mit Twitter anfangen sollte… 😉

        Da bin ich schon froh, dass ich’s so nah zu meinem Kino hab – beide Versionen anzusehen ist gar nicht aufwendig! 🙂 Bin schon sehr gespannt, wie deine Meinung ausfallen wird! Ich bin am 3.11. in der Miller-Monster-Version (mit meinen Schülern).

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