[Literatur] Cry Baby – Scharfe Schnitte (2007)

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Gillian Flynn

Nachdem mich David Finchers Adaption von Gillian Flynns Roman Gone Girl so fasziniert hat, dachte ich mir, nimmste dir mal ihr Debüt zur Brust. Und ich war beim finalen Zuklappen eines Buchs selten so zwiegespalten, wie bei Cry Baby – Scharfe Schnitte.

Journalistin Camille Preaker verschlägt es notgedrungen in ihr trostloses Heimatkaff Wind Gap, Missouri. Sie soll über einen Mädchenmord berichten, in der Hoffnung, dass dabei eine große Story bei rausspringt. Ihr Chef sieht darin den Heimvorteil, schließlich wuchs Camille dort auf und kennt sich auch bestens in der Gegend aus. Doch die Journalistin sieht sich nicht nur mit zwei brutalen Kindermorden, sondern auch mit ihrer traurig dunklen Vergangenheit konfrontiert.

Es ist schon fies: Auf der einen Seite wusste ich vom ersten Moment an, dass mich das Buch Nerven kosten würde:
Der Schreibstil eigenwillig, flapsig und sehr auf „cool“ getrimmt, die Figuren und das Setting in einem Kaff in Missouri sowas von anstrengend und unsympathisch, nur vereinzelt stechen dabei einigermaßen „gewöhnliche“ Charaktere heraus. Kein Wunder also, dass die ersten Momente in diesem fürchterlichen Kaff namens Wind Gap nicht nur für die wiederheimkehrende Protagonistin Camille Preaker die Höllesind, sondern auch für mich.
Denn genau so wie man sich als Stadtkind das Leben in solchen Käffern vorstellt, genau so schildert es auch Gillian Flynn. Mit einer gefühlt akribischen Akuratesse. Ich kann nicht sagen, dass ich mich während des Lesens an das alles gewöhnt habe, geschweige denn es überhaupt wollte. Aber es kam recht zügig ein Punkt, wo ich das Buch, bzw. den Reader, nicht mehr aus der Hand legen konnte.
Nicht weil mich die Schreibe interessiert hat, nicht weil die Story so herausragend war, nicht weil mir als Stadtkind ein völlig anderes Leben in Buchform vor die Füße geworfen wurde. Ehrlich gesagt weiß ich es nicht, warum es mit einem Mal so faszinierend wurde. Denn die Geschichte selbst dümpelt so vor sich hin, die Protagonistin schlägt sich die meisten Seiten über eher mit mit ihrer ungeliebten Familie,  und der nicht minder unglücklichen Vergangenheit ihrerselbst seit dem Tod ihrer kleinen Schwester herum, und statt tempomäßig auf die Tube zu drücken, müssen wir uns genauso wie Camille den unzähligen Eindrücken dieses kleinen Kaffs stellen, in welchem jeder jeden kennt, eine Runde Tratsch nicht ausreicht und eine Zukunft, die sich jeder einzelne in seiner Highschoolzeit so ganz anders ausgemalt hatte, als es letzten Endes kommen musste, ehe sich dann plötzlich zum Ende hin die Ereignisse nur so überschlagen, den Leser aus dem beinahe schon zu entspannten Trott reißen und sich eine unangenehme Sogwirkung der Geschichte entwickelt.
Etwas, dass mir schon aus der Verfilmung von Gone Girl bekannt war, denn auch dort schleicht die Handlung gemächlich voran, ehe zum Ende hin so viele Ereignisse stattfinden, das einem schon fast schwindelig werden kann.
Allerdings ist es schade, dass das Ende von Cry Baby so abgehackt und abrupt daherkommt. Wie ein letzter Tritt in die Magengrube, ehe es dann auch wirklich vorbei ist. Bin ich zugegebenermaßen kein Fan von, da ich eine Geschichte gerne locker auslaufen sehen möchte, als mit einem Brett vor den Kopf gestoßen u werden, aber jedem das seine.

„Sie johlten, als ich hinten einstieg. Amma ließ eine andere Flasche kreisen, warmer Rum, der wie Sonnenmilch schmeckte. Ich fürchtete schon, sie würden verlangen, ich solle Alkohol kaufen.
Natürlich hätte ich das getan, aber ich wünschte mir, dass sie mich einfach so dabei haben wollten. Wie erbärmlich. Ich wollte wieder beliebt sein. Kein Freak mehr. Von den coolsten Mädchen der Schule akzeptiert werden. Der Gedanke reichte beinahe, um mich aus dem Wagen zu treiben.“

Die Geschichte in Cry Baby ließ mich einfach nicht mehr los, obwohl sie mich nicht hundertprozentig angesprochen hat. Ist auch eine Leistung, die die anfänglich niedrig geplante Wertung doch deutlich nach oben reißen konnte.

3/5 Sterne

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(c) fischerverlage.de

Cry Baby – Scharfe Schnitte [Sharp Objects]
Autor: Gillian Flynn
Erscheinungsjahr: 2007
Verlag: Scherz (Fischer E-Books)
Ausgabe: 1. Auflage (10. Januar 2014) [E-Book]
Seiten: 336
ISBN-10: 365101164X
ISBN-13: 978-3651011649

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