[Film] Grüne Tomaten (US 1991)

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Mit den gebratenen grünen Tomaten des Whistle Stop Cafés kam ich erstmals im Englischkurs in Berührung. Neue Lektüre stand an, das genaue Thema weiß ich gar nicht mehr. Jedenfalls schossen mir die ersten, für Schüler urtypischen, Gedanken durch den Kopf: „Oh Gott, nicht schon wieder so was dröges wie „Death of a Salesman“, „Cal“, Shakespeare’sche Texte oder ähnliches“. …

-Zeitsprung-

Die bestellten Bücher kamen an, und zu meinem Leidwesen mussten sie natürlich (für Schulverhältnisse) richtige Wälzer sein… Ein Alptraum sag ich euch. Mein ohnehin schon gen Tiefpunkt laufendes Interesse war jetzt endgültig bei 0 angelangt. Das Buch sollte Fried Green Tomatoes at the Whistle Stop Café heißen, ganz nebenbei sogar richtig gute Kritiken eingeheimst haben und doch… naja. Schullektüre halt und das heißt immer, es wird bis zum erbrechen analysiert, man muss es lesen und das alles ohne jegliches Interesse.

-Zeitsprung-

Verflucht, war das Buch gut! Und am Ende kullerte sogar ein klitzekleines Krokodilstränchen die Wange herunter, einfach weil es so fabelhaft geschrieben war und es so schwer fiel, die Charaktere loszulassen und das Buch ein letztes Mal zu schließen.
Und dann… kam der Film.

Dass sich Fannie Flagg auch für das Drehbuch verantwortlich zeigte, merkt man. Denn selten, wirklich nur ganz selten kommt es vor, dass ein Film der Buchvorlage durchwegs das Wasser reichen kann, wenn nicht sogar noch besser ist.
Das fängt schon beim Casting an. Jede einzelne Rolle ist so perfekt besetzt, wie man es sich nur wünschen kann. Angefangen bei Jessica Tandy, die hier als ältere Frau die ganze Geschichte so herzlich erzählt, über Kathy Bates, die so vollkommen unzufrieden mit ihrem aktuellen Leben ist und zeitgleich auch noch versucht die Ehe mit ihrem Mann mit höchst denkwürdigen Ideen zu retten, zu Mary Stuart Masterson als rebellische aber herzensgute Idgie und die eher ruhige, relativ konservative Ruth, gespielt von Marie-Louise Parker. Über die Nebenrollen könnte ich auch noch Worte verlieren, aber das würde wohl den Rahmen sprengen.

Obwohl der Film mit zwei Erzählebenen arbeitet, stört das nicht im Geringsten. Ganz im Gegenteil, denn beide Ebenen haben ihren eigenen Charme, was an den unterschiedlichen und sich doch überschneidenden Themen liegen dürfte und selbstredend den jeweiligen Darstellern zu verdanken ist.
Während Evelyn Couch (Kathy Bates) aufgrund ihres schlechten Selbstbewusstseins mit ihrer Lebenssituation hadert, erzählt ihr Ninny Threadgoode (Jessica Tandy) über eine Familie aus ihrem Leben in den 1920ern/30ern, die genau das verkörperte, wonach sich Evelyn so sehnt. Ein Leben in Freiheit. Zwanglos, rebellisch, frei von Vorurteilen und vor allem: herzlich.

Auch wenn es witzig anzusehen ist, wie Evelyn versucht mit ihrem Leben klarzukommen, ist es doch die erzählte Geschichte über die Freundschaft zwischen Idgie und Ruth, die den Film zu dem macht, was er ist.
Dabei greift die Geschichte so viele Aspekte des Lebens wie (Frauen-)Freundschaft, Freiheit, Rebellion, Religion, Zusammenhalt und Familie, Rassismus oder Diskriminierung generell, auf meist amüsante Art und Weise auf, ohne auch nur ansatzweise den Ernst des ganzen aus den Augen zu verlieren. Witz und Seriosität gehen Hand in Hand, nie reißt eine Seite die Oberhand an sich. Er ist traurig und schön zugleich, er ist authentisch ohne dass man dem Film die ein oder andere abstruse Story abkaufen müsste. Er ist ehrlich und gleichzeitig verrückt. Wie ein Märchen.
Und er sagt: Trau dich was!

„One time… there was this lake… And it was right outside of town. We used to go fishing and swimming and canoein‘ in it. And, uh, see, one November, this big flock of ducks came in and landed on that lake. And then the temperature dropped so fast that the lake just froze right there. And they… er… the ducks… they… flew off, you see, and they took that lake right with them. Now they say that lake is somewhere over in Georgia. Can you imagine that?“ – Idgie

Grüne Tomaten ist ein so vielseitiger und herzensguter Film, der auf immer und ewig mein Feel Good Movie schlechthin sein wird. Das Ende fühlt sich jedes Mal wie ein „Wir sehen uns“ zwischen guten Freunden an, während man sich schon auf das nächste Treffen freut. Ein Film der mich so mir nichts dir nichts in seinen Bann zog. Wie könnte ich dem Film da mein ♥ verwehren.

10*/10 Punkte

Und abschließend sei noch folgendes gesagt: TOWANDAAA (und einen schönen 2. Advent)!
http://www.youtube.com/watch?v=kXZs3mjGlQU

PosterGrüne Tomaten [Fried Green Tomatoes]
Jahr: 1991 US
Regie: Jon Avnet | Drehbuch: Fannie Flagg, Carol Sobieski
Cast:
Kathy Bates, Mary Stuart Masterson, Mary-Louise Parker, Jessica Tandy, Chris O’Donnell, Lois Smith, Timothy Scott, Stan Shaw

 

Bilder: [© Universal Pictures]

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13 Kommentare zu “[Film] Grüne Tomaten (US 1991)”

    1. Ich war sehr froh dass sie die Briefe und die daraus folgenden Rückblenden rausgelassen haben. Die hatten mich beim Lesen damals immer extrem aus dem Lesefluss gerissen. Aber ansonsten sind sowohl Film als auch Buch etwas besonderes.
      Vllt. sollte ich das Buch auch wieder auskramen?

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      1. Sooo, konnte nicht schlafen und bin plötzlich auf Amazon gelandet. Aus unerklärlichen Gründen ist die DVD im Einkaufskörbchen gelandet. Ich konnte nichts dagegen tun. Genauso wie einige Platten die auf 12,95 heruntergesetzt waren. *heul* Hast du schonmal grüne Tomaten gegessen?

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        1. Verdammt, ich hätte wohl solche verlinkten Amazonlinks einfügen sollen, damit ich auch was davon habe. Naja, trotzdem Ziel erreicht. 😛
          Bei mir kam auch erst letztens wieder Krimskrams von Amazon… die Wunschzettel dort sind aber auch ein Teufelskreis…
          Nope, habe ich noch nie. Du etwa?

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  1. Dem kann ich nur zustimmen. Einer meiner Lieblingsfilme, die ich immer wieder gerne sehe. Seit kurzem steht auch die Blu-ray im Regal, doch diese habe ich noch nicht gesichtet — vielleicht wäre aber gerade im Winter die Südstaatenatmosphäre wunderbar?

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    1. Die BD fehlt mir leider noch, aber die kommt ganz sicher noch. Für den Winter wäre sie sicherlich das richtige. Schön in eine Decke eingewickelt, Plätzchen auf dem Tisch und den Film laufen lassen. Ja, warum eigentlich nicht? Und am Tag darauf noch „Forrest Gump“. Schon hat man sich ein Feelgood-Wochenende eingerichtet.

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