[Film] The Unforgiven (2013 JP)

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Die große Ära des Shogunats und somit auch die der Samurai (Edo-Zeit) neigt sich 1868 dem Ende zu. An ihrer Stelle drängte sich die Meiji-Restauration. Die Politik veränderte sich, die Gesellschaft und die neuen kaiserlichen Machtstrukturen lehnten sich an westliche Vorbilder an. Der Schwertadel, die Samurai,  wurden aufgrund der allgemeinen Wehrpflicht 1873 nicht mehr gebraucht, nach und nach verloren sie ihre Privilegien.  Im Jahr 1877 folgte der letzte große Widerstand der Samurai um ihre Privilegien gegen die neue Regierung: Die Satsuma-Rebellion.

Das erstmal zum historischen Hintergrund, in dem sich der Film wähnt. Nun aber zum Film selbst.

Wie bereits in Erbarmungslos handelt Unforgiven von einem Mann, der seinem alten Handwerk des Mordens abgeschworen hat. Jubee Kamate, einst ein Samurai der während des Zusammenbruchs der Edo-Zeit einem tödlichen Strafverfolgungstrupp des Kaisers entkommen konnte, lebt zurückgezogen mit seinen beiden Kindern auf einem kleinen Flecken Land, das er in ärmlichen Verhältnissen bewirtschaftet. Eines Tages besucht ihn sein alter Freund Kingo der sich ein Kopfgeld verdienen will, welches auf zwei Männer in Hokkaido ausgesetzt wurde. Diese haben einer Hure das Gesicht zerschnitten. Weil der Statthalter der Stadt aber nur eine verhältnismäßig harmlose Strafe ausspricht, fordern ihre Freundinnen Vergeltung. Jubee und Kingo machen sich auf und greifen unterwegs den jungen Goro Sawada auf. Fortan sind sie zu dritt hinter dem Kopfgeld her. In einer Zeit des Umbruchs, wie sie schon bald feststellen müssen.

Regisseur Lee Sang-il lehnt sich mit seinem Remake Unforgiven sehr eng an Eastwoods Werk an. Teilweise bekommt man sogar den Eindruck, bestimmte Kamerawinkel seien penibelst genau übernommen worden. Vermutlich ist das der Grund, warum ich im Kino ständig in Gedanken an Erbarmungslos hing, obwohl letzterer schon eine ganze Weile bei mir her ist.
Dabei ist das nicht fair. Lee schafft es nämlich mittels seines Abgesangs auf die große Zeit der Samurai dem Rachestoff seinen eigenen Grundton zu verpassen. Die Geschichte verändert sich dabei zwar nur im Detail, aber es entsteht nicht nur eine vollkommen andere Stimmung durch kleinere dramaturgische Veränderungen, sondern auch ein eigenständiges Charakterdrama. Und das lässt sich allein schon an den wundervoll eingefangenen Landschaftsbildern erkennen, die Kameramann Norimichi Kasamatsu einfängt. Japans Panorama wurde wohl selten schöner in Farbe gezeigt. Dazu gesellt sich ein nicht minder schwelgender Soundtrack von Tarô Iwashiro (Red Cliff, Shinobi: Heart Under Blade), der die Geschichte und ihre Bilder teils sanft umschmiegt und teils dominierend vorantreibt.

Unforgiven_Konflikt
Von Schuldgefühlen geplagt: Jubei

Die Besetzung verspricht zudem auch gutes, sorgt aber nur teilweise für Überraschungen. Ken Watanabe schlüpft in die Rolle des gebrochenen „Jubei The Killer“, ein ärmlicher ehemaliger Samurai, der nun sein unfruchtbares Land mit seinen beiden Kindern bewirtschaftet. Die Frau schon vor Jahren gestorben, klammert er sich an sein Versprechen, nie wieder zu morden. Doch seine Schultern werden unter der Last seiner Vergangenheit immer schwerer und schwerer. Da hilft es auch nicht, dass ihn sein Freund aus alten Zeiten darum bittet, mit ihm auf die Jagd nach den beiden Männern zu gehen. Er sträubt sich zunächst, doch willigt ein.
Dieser innere Kampf mit sich selbst ist Watanabes Aufhänger seines Schauspiels, von dem er (leider) auch nicht wirklich wegkommt. Natürlich gehört es zu seiner Rolle, aber zwischenzeitlich hat er durchaus die Möglichkeit, mehr aus seiner Figur zu machen, über sich hinauszuwachsen. Leider wagt er es zu selten, was auf Dauer schlicht uninspiriert wirkt. Er hat die nötige Präsenz, die aber unter der getragenen Last nicht zum Vorschein kommt. Immerhin bekommt man diese Klasse wenigstens zum Schluss präsentiert und die Szenen mit einem anderen Schauspielkollegen kitzeln das bestmögliche aus ihm heraus. So bleibt er leicht hinter der Erwartung zurück, auch wenn sein trauriger Ausdruck stellenweise durch Mark und Bein geht.
Der mehr schlecht als rechte Morgan Freeman Verschnitt Akira Emoto (selbst der Hut passt) dient als notwendiger Wegbegleiter. Er ist da, macht seine Sache solide, bleibt aber nicht unmittelbar im Gedächtnis haften. Etwas abschrecken könnte der Einstieg Yūya Yagiras (Nobody Knows) wirken, doch mit der Zeit und der sich offenbarenden Tragik hinter seinem Charakter des jungen Goro Sawada, wächst er einem zügig ans Herz, während er das Trio komplettiert.

Unforgiven_sato
Der Statthalter Hokkaidos: Oishi (Kōichi Satō)

Die wohl größte Überraschung  hingegen war für mich Kōichi Satō, der den schmierigen Statthalter Hokkaidos nicht nur interessant, sondern auch greifbar gestaltet. Für mich mit Abstand die faszinierendste Gestalt im Film, während er mit seinem bestimmten Auftreten eine bodenständige Grundcoolness ausstrahlt, womit er alle anderen an die Wand spielt. Wo Ken Watanabe im Mittelteil etwas absackt, kann es Satō mit Leichtigkeit wieder ausgleichen. Hätte ich so nicht erwartet, aber wow. Von dem Herrn muss ich mir die Filmographie mal näher betrachten.

Das einzige Manko am Film sehe ich in seiner Länge. 135 Minuten sind schon eine Ansage. Zwar beginnt er kurzzeitig temporeich, doch drosselt er dies zusehends und ruht sich oft entsprechend auf seinen Figuren aus. Zwar nützt diese Herangehensweise sichtlich den Figuren und verleiht ihnen somit fein geschliffene Konturen, doch speziell die vielen ruhigen Passagen wirken mit weiterem Verlauf immer  gestreckter. Je mehr der Film also voranschreitet, desto entspannter wirkt er. Dabei wird er hin und wieder von kurzen Momenten des Aufbrausens unterstützt, was ihn glücklicherweise nicht in die gefilmte Langeweile abdriften lässt. Allerdings kommt die Geschichte im letzten Abschnitt etwas aus dem Rhythmus, wirkt in ihrer Erzählung leicht holprig, ehe sie kurz vor dem Ende wieder im richtigen Takt schlägt und einen sehenswerten Showdown abliefert. Der gefiel mir hier sogar ein Stück weit besser, als in seinem großen amerikanischen Vorbild.

Es kommt zum Showdown
Es kommt zum Showdown

Insgesamt zählt Unforgiven für mich zu den wenigen gelungen Remakes, da es Regisseur Lee Sang-il gelingt, dem populären Stoff seine ganz eigene Note zu verleihen. Zwar hat man stellenweise tatsächlich den Eindruck man würde Erbarmungslos lediglich auf japanisch sehen, doch bei genauerer Betrachtung findet sich hier ein nicht minder spannendes Drama eines gebrochenen Mannes mitsamt eines Abgesangs auf die ehemals große Ära der Samurai, was mich gerade wegen des letzten angesprochenen Punktes und der teils einhergehenden drastischen Veranschaulichung stärker emotional einwickeln konnte. So dürfen Remakes gerne auch weiterhin gedreht werden. Zumal ich auch wieder Lust bekommen habe, Eastwoods Werk zu sehen.

7/10 Punkte

Unforgiven_PosterThe Unforgiven [許されざる者; Yurusarezaru Mono]
Jahr: 2013 JP
Regie: Lee Sang-il | Drehbuch: David Webb Peoples, Lee Sang-il
Cast:
Ken Watanabe, Kōichi Satō, Akira Emoto, Yūya Yagira, Shiori Kutsuna, Eiko Koike, Jun Kunimura, Yukiyoshi Ozawa, Takahiro Miura, Kenichi Takito, Yoshimasa Kondo

Bilder via collider.com; outnow.ch

Diese Kritik erschien in leicht abgewandelter Form auch auf Kinofilmer.de

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4 Kommentare zu „[Film] The Unforgiven (2013 JP)“

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