[Literatur] Dark Places – Gefährliche Erinnerung (2009)

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Aufmerksame Leser werden es ja sicher schon aufgeschnappt haben. Dieses Buch hat mich enorm viel Zeit und Nerven gekostet. Und ich dachte schon, ich würde niemals den Vorgänger, Cry Baby – Scharfe Schnitte durchhalten. Das war ja noch einigermaßen flüssig geschrieben, aber hier war ich tatsächlich kurz davor, den E-Bookreader in die Ecke zu feuern. Aber halbe Sachen sind nicht mein Ding, und siehe da: Zum Ende hin konnte es mich dann doch noch einigermaßen fesseln. Dennoch bin ich vom narrativen Stil nicht gerade angetan.

Libby Day ist die einzige Überlebende eines Massakers im ländlichen Kinnakee, Kansas. Ihre Familie wurde vor 25 Jahren abgeschlachtet, lediglich sie und ihr Bruder Ben überlebten den brutalen Überfall. Alles deutete damals auf Ben als Täter hin, selbst Libby sagte damals gegen ihn aus. Doch die Zweifel nagen selbst nach so langer Zeit noch an ihr.
Seither lebt Libby aus einem eigens für sie eingerichteten Spendenfonds,  zumindest so lange, wie die Mittel reichen. Denn plötzlich steht sie vor der finanziellen Not. Da macht ihr Lyle, Chef eines „Killclubs“, ein Angebot:

Sie soll den Fall neu aufrollen und Informationen beschaffen, für dessen Aufwand sie belohnt werden soll. Denn die Clubmitglieder zweifeln an der Schuld Bens… zurecht?

„Als ich das nächste Mal aufwachte, was Minuten oder Stunden später gewesen sein kann, war meine Mutter nicht mehr da. Draußen, vor der geschlossenen Tür, durch die ich nicht hindurchsehen konnte, hörte ich meine Mutter jammern und Ben brüllen. Ich hörte auch noch andere Stimmen: Debbie schluchzte, schrie Mommymommymommymichelle und dann hörte ich eine Axt. Ich wusste sofort, dass es eine Axt war. Metall, das durch die Luft sauste, genau dieses Geräusch.“

Ich gebe zu, nach Cry Baby habe ich mir aus Trotz den Nachfolger geschnappt. Den Klappentext hatte ich gar nicht erst gelesen, stattdessen stürzte ich mich sofort in das Geschehen. Und das ist bei dieser Autorin immer wieder der Knackpunkt:
Gillian Flynn schafft es auch hier, in Dark Places, eine interessante und lesebegierige Ausgangslage zu schaffen. Ihre Protagonistin ist wie bereits im Vorgänger dem Typus „total kaputt“ zuzuordnen, immerhin war sie als kleines Kind Zeugin des brutalen Mordes an ihrer Familie. Sie muss körperliche Beeinträchtigungen ertragen, die ihr seit jener Nacht nachhängen, ebenso ist ihr Charakter von diesem Ereignis bestimmt. Und von der Entscheidung, ihren Bruder mittels ihrer Aussage so schwer zu belasten, dass dieser lebenslänglich im Knast schmorrt.

„Ich musste Lyle Wirth anrufen, ihm meinen Vorschlag unterbreiten, für einen angemessenen Preis Infos zu verkaufen, aber ich war noch nicht bereit, mich von ihm schon wieder belehren zu lassen, was den Mord an meiner eigenen Familie anging. (Du glaubst also wirklich, dass Ben der Täter ist?!) Ich musste in der Lage sein zu argumentieren und dagegenzuhalten, statt dazusitzen wie eine Ignorantin, der nichts Gescheites zu sagen einfiel.
Obwohl ich im Grunde tatsächlich eine war.“

In der Geschichte wird erst nach und nach das zentrale Ereignis aufgerollt. Doch statt es flüssig von der Hand gehen zu lassen, entscheidet sich Flynn hier für drei unterschiedliche Sichtweisen in zwei (drei) unterschiedlichen Zeiten, die sich im Schneckentempo peu a peu zu den dringend benötigten Puzzleteilen entwickeln. Die spannende Geschichte wird dabei so dermaßen breitgetreten, was an und für sich ja nicht das schlechteste ist. Motive der Einzelnen graben sich empor und werden wieder verwischt, die Handlung wird von mehreren Seiten betrachtet. Doch das, was hier förmlich nervt, ist diese drei Schritte vor, zwei Schritte zurück-Mentalität, die hier sichtlich danebenschießt. Statt dem Gefühl einen waschechten „Pageturner“ in den Händen zu halten, entwickelt sich schnell Frust. Denn jedesmal, wenn es verspricht spannend zu werden oder man Empathie/Groll für, bzw. gegen einen Charakter entwickelt, entschließt sich die Autorin für einen Sprung nach hinten, um die Spannung aufrechtzuerhalten. Sowohl die Zeit, als auch die Erzählperspektive werden wieder und wieder neu eingerichtet, um auch ja kein wichtiges Detail zu verpassen. Bei manchen mag diese Technik funktionieren, mich konnte es absolut nicht überzeugen, weshalb ich bei Dark Places voller Frust das Lesetempo rausgenommen habe.

Durch die kapitelumspannende umherspringende Erzählform ergibt sich eine ermüdende Schnitzeljagd, die zum Ende hin zwar etwas Tempo aufbauen kann, dafür aber mit einem wenig kreativen Schlussakkord, der auch hier wieder einmal vollkommen überstürzt eingeworfen wird, vollendet wird.
Mit Gillian Flynn’s ländlich angesiedelten Thrillern bin ich also vorerst durch, denn Gone Girl tue ich mir in Buchform sicherlich nicht mehr an, genauso wie etwaige Nachfolger. Der Film war toll umgesetzt, krankt aber auch gerade an dem überhasteten Ende. Überrascht es mich? Nicht wirklich…

1/5 Sterne (mit Tendenz zu 2 Sternen)

Gillian_Flynn_Dark_Places
(c) fischerverlage.de

Dark Places – Gefährliche Erinnerung [Dark Places]
Autor: Gillian Flynn
Erscheinungsjahr: 2009
Verlag: Scherz (Fischer E-Books)
Ausgabe: 1. Auflage (27. März 2014) [E-Book]
Seiten: 464
ISBN-10: 3651011895
ISBN-13: 978-3651011892

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7 Kommentare zu „[Literatur] Dark Places – Gefährliche Erinnerung (2009)“

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