[Film] Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit) (2014 US)

Birdman-HeaderJetzt mal ernsthaft. Ich hatte vor diesem Film im Vorfeld nicht nur Respekt, sondern auch eine riesen Angst, in irgendeiner Weise vom künstlerischen Aspekt her enttäuscht zu werden. Dazu kam noch der Umstand, vorher direkt Whiplash gesehen zu haben. Was sollte den denn noch toppen?

„Birdman“!

Im Kino zu Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit) blutete mir ein wenig das Herz, als der Blick durch den spärlich besetzten Saal driftete. So einen Film MUSS man im Kino sehen. Genau DAFÜR wurde das Kino geschaffen. Und dann schauen nur so wenige zu… Banausen.
Nichtsdestotrotz hatte ich einen Teufels Spaß dabei, Michael Keaton bei seiner herausragenden Performance als in die Jahre gekommenen Schauspieler zu sehen, der sich von seiner alten Rolle, oder eher gesagt seinem beinahe schon Alter Ego, abspalten will.

Bei Birdman hätte so viel schiefgehen können. Allerdings nicht in den Händen von solchen Meistern ihres Fachs. Angefangen bei Iñárritus Regie, über Kameramann Emmanuel Lubezki, hin zu den Darstellern Michael Keaton, Edward Norton und jedem anderen Beteiligten an diesem Film. Was hat sich meine Angst schon in den ersten paar Minuten als unbegründet herausgestellt.

Obwohl der Film von seiner Geschichte und dem primären Schauplatz her so limitiert ist, hat man nie auch nur den Hauch von Langeweile zu erwarten. Dafür ist schon allein die gewiefte Kameraführung verantwortlich, die mittels Eindruck der One Shot-Führung den Zuschauer wortwörtlich an die Hand nimmt und durch die Gänge des St. James Theater zieht. Ohne einen Halt einzulegen bleibt die Handlung immer im Fluss und stürzt sich so in ein spektakuläres kleines Abenteuer nach dem anderen. Diese Dynamik wirkt hier so selbstverständlich. Allein der Blick in den englischen Wikipediaartikel lässt einen baff zurück. Aber das dann auch so präzise auf Zelluloid gebannt zu sehen… Wahnsinn.

Allein das wäre eine seitenlange Lobeshymne wert, aber wir wollen uns nicht darauf ausruhen. Denn Birdman würde ohne seine Darsteller nur halb so gut aussehen. Michael Keaton spielt als Riggan Thomson wohl die Rolle seines Lebens, mit Reminiszenz an vergangene Tage seiner Batman-Ära. Thomson muss nicht nur mit dem Druck der Öffentlichkeit fertig werden, die ihn lediglich als „Birdman“ in Erinnerung behalten wird, sondern auch damit, den Schritt weiter zu wagen. Etwas Neues zu erschaffen. Etwas, das nur ihm gehört. Und wie brilliant verkörpert Keaton diesen Charakter, der den Birdman nahezu immer auf der Schulter sitzen hat und sich hin und hergerissen fühlt. Man leidet richtig mit ihm mit. Und dann kommt da Mike Shiner (Edward Norton) dahergelaufen, der ihm gehörig den Auftritt versaut. Norton, der ja bei exzentrischen Profilen keinerlei Berührungsängste zu verspüren scheint, glänzt nicht minder in seiner Rolle als Schauspieltalent- selbst in Unterhose.

Ganz leichter Spoiler: Allerdings sorgten zwei andere Darsteller für meine Lieblingsszenen im Film: Zum einen nämlich Emma Stone. Der Moment in dem sie das Gespräch mit ihrem Dad an sich reißt und ihm gehörig ihre Meinung geigt. Oh, was musste ich da grinsen und doch mit Riggan mitleiden! Manche Menschen scheinen wie für eine Rolle geboren und diese Szene zeigt das prima. Der andere köstliche Moment ist das Aufeinandertreffen Thomsons mit der Theaterkritikerin Tabitha Dickinson (Lindsay Duncan). Hach, wenn aufbrausendes Temperament auf eine völlig trockene Gegenreaktion trifft… Göttlich. Jetzt bin ich zwar gehörig abgedriftet, aber das musste einfach raus.

Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)  atmet mit jedem Take, mit jeder Szene oder besser gesagt, jeder Sequenz, die Essenz des Kinos ein. Was hier an (künstlerischer) Energie eingeflossen sein muss, ist schlicht bemerkenswert. Den Oscar als bester Film hat er meiner Meinung nach absolut verdient gewonnen. Und ich freue mich jetzt schon auf ein aberwitziges und liebenswert skurriles Wiedersehen mit Riggan Thomson und seinem Birdman-Komplex.
Vor diesem stimmigen Gesamtpaket verneige ich mich voller Ehrfurcht.

9,5/10 Punkte

Birdman-Poster2Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit) [Birdman or (The Unexpected Virtue of Ignorance)]
Jahr: 2014 US
Regie: Alejandro González Iñárritu | Drehbuch: (+) Nicolás Giacobone, Alexander Dinelaris, Jr., Armando Bó
Cast:
Michael Keaton, Edward Norton, Emma Stone, Zach Galifianakis, Andrea Riseborough, Amy Ryan, Naomi Watts, Merritt Wever, Lindasay Duncan

Bilder via: vividscribe.com; latimes.com; latimes.com; sourcefed.com; film.com; nydailynews.com; reelfilmnews.com; local-iq.com; newyorker.com; newspaper.amsacs.org

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27 Kommentare zu “[Film] Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit) (2014 US)”

        1. Boah, nee. Dieser Hass. ^^
          Die Kritik kann ich kaum bis gar nicht nachvollziehen, zumal sich an mancher Stelle widersprochen wird. Aber den Rollenvergleich von Ed Norton hatte ich auch kurzfristig ^^

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            1. Ich meine mit durchgeknallt im Sinne von dass er dich eben dadurch nicht anspricht. Kann ja sein, dass er für dich noch durchgeknallter hätte sein sollen oder dich die Art dessen einfach nicht angesprochen hat. (Bin ehrlichgesagt zu faul den Podcast zu hören) ^^

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  1. Ein halbleeres Kino kann auch von Vorteil sein. Bei mir saßen ein paar Anfang-Zwanziger drin und wurden mit zunehmender Laufzeit hörbar missmutiger, weil das ja gar kein echter Superheldnefilm, sondern sterbenslangweilig wäre… 🙂

    Ansonsten kann ich da nur zustimmen, ich fand „Birdman“ auch großartig. Wie fandest du das Ende?

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    1. Ohje. Wir hatten aber auch zwei Primeln drin, die sich zwischendrin überdurchschnittlich laut unterhalten haben. Allerdings war ich in diesem Film so drin, dass es mir schon fast wieder egal war.

      Das Ende? Ich bin ohnehin kein Freund solch interpretationsfreudiger Enden und tue mich ehrlich gesagt recht schwer damit. Und du?

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      1. [SPOILER]
        Direkt nach dem Filmende war ich etwas verwirrt weil ich glaubte, dass das bessere Ende 10 Minuten früher stattgefunden hätte. Aber letztendlich fand ich den Schluss gelungen und er ist für mich auch weniger interpretationsbedürftig, als er scheint. Denn ich bin der Meinung, dass man nur zu einem Schluss kommen kann, wenn man den gesamten Film einbezieht. Er ist nicht gestorben und hat erst recht keinen Selbstmord begangen, weil er dazu keinen Grund hatte. Paradoxerweise kann er erst richtig frei sein und „fliegen“, nachdem er die Birdman-Maske abgelegt hatte.

        Mir war das allerdings auch etwas zu metaphorisch angelegt, weshalb ich auch keine vollen 10 Punkte gegeben habe. Ich wüsste aber auch nicht, wie man es hätte besser machen können.

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        1. Nachdem du das Ende angesprochen hast, kam ich auch zu der Variante „Frei sein wie ein Vogel“.
          Das Ende passt ja zum Ton des Films und rundet ihn auch schön ab. Ich glaube wenn wir ihn nochmal sehen, dann werden wir auch mit dem Ende zufriedener.

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  2. Sehr schöne Kritik! Da brauche ich ja meine längst überfällige gar nicht mehr schreiben… 😉 Wobei ich wohl noch auf 10 Punkte erhöhen werde, aber ich stimme dir in allem zu, auch die von dir erwähnten Highlights habe ich ich ähnlich empfunden, insbesondere die Szene zwischen Vater und Tochter!

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  3. Hi! Erst mal danke für’s Folgen und ein Lob für deine Kritik. Gut geschrieben, auch wenn ich den Film leider alles andere als gut finde 😦
    Trotzdem habe ich mir zum Ende des Films ein paar Gedanken macht. Ich lade dich (und deine Leser) ein mal rein zu schauen und mit zu diskutieren. Würde mich sehr über eure Meinung freuen: https://magofilmtipps.wordpress.com/2015/01/29/interpretation-das-ende-von-birdman/

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