[Abgehört] Three Days Grace – Human (2015)

Ich fühle mich mittlerweile etwas in meiner Themenwahl eingeschränkt, weshalb ich in Erwägung ziehe, neben Filmen, Serien, Theaterstücken und dem bisschen Literatur auch ein wenig über Musik zu plaudern. Es wird vermutlich nicht allzu oft passieren, da ich doch recht engstirnig in meinen musikalischen Ecken abhänge, aber mal sehen ob sich überhaupt ein Rhythmus einstellt und wie es bei euch ankommt. Denn Musik ist für mich noch ein Stück weit spannender, als es der Film oder die Literatur ist. Ein Leben ohne Musik möchte ich jedenfalls nicht missen müssen. Eines kann ich allerdings schon vorab sagen: In diesem Stil wird das wohl nicht mehr passieren, da sich diese Methode nicht unbedingt bewährt hat *hust*
Lange Rede, kurzer Sinn: Ich möchte euch ein neuerschienenes Album vorstellen.

Schwierig, wenn eine Band, wie die kanadischen Alternative Rocker Three Days Grace, gezwungen ist, das repräsentative Merkmal schlechthin auszutauschen. Nach dem starken Selftitleddebütalbum aus dem Jahre 2003, folgte mit One-X drei Jahre später vermutlich das Album der Band. Es verfeinerte die Bandmechanik und legte ein durchgehend hörenswertes Rockbrett ab, ohne auch nur einen skipwürdigen Titel zu beinhalten. Meiner Meinung nach der Zenit der Band, der so nicht mehr erreicht werden sollte. Obwohl Life Starts Now 2009 eine glattgebügelte Neuausrichtung ankündigte, fiel diese doch nicht so prägnant aus, was Fans der vorherigen Alben versöhnlich stimmte. Erst mit Transit of Venus sollten ihre Hörer 2012 ahnen, dass hinter den Mühlen der Band geackert und geschuftet wurde. Zwar sind hier auch noch feine Rockriffs vorhanden, doch ist der Ton um einiges experimenteller und nicht mehr so rockig straight von der Leber weg.

Nun, mit dem kürzlich veröffentlichten 5. Studioalbum Human, sah sich die Band mit dem Problem konfrontiert, eine Alternative für Sänger Adam Gontier zu finden. Zwar war Ersatz in Form von Matt Walst (My Darkest Days), dem Bruder des Bassisten der Band Brad Walst, schnell gefunden, doch wie würde sich ein neuer Sänger auf den Sound der Band auswirken? Gerade weil Adam Gontier mit seiner speziellen rauen Stimme doch über eine einzigartige rohe Stimmgewalt verfügt?

Three-Days-Grace-Human-Artwork-2015-(c)ThreeDaysGraceHuman – Three Days Grace

Tracklist:

1. Human Race (4:09)
2. Painkiller (2:58)
3. Fallen Angel (3:06)
4. Landmine (3:25)
5. Tell Me Why (3:30)
6. I Am Machine (3:21)
7. So What (2:57)
8. Car Crash (2:50)
9. Nothing’s Fair in Love and War (3:44)
10. One Too Many (2:41)
11. The End is not the Answer (2:52)
12. The Real You (3:54)

Die Eröffnungsnummer Human Race sorgt für Bedenken. Wenn das ein gewaltiger Albumopener sein soll, dann gute Nacht. Zwar verirrt sich in den Gitarren und Synthiklängen sogar ein kleines Solo von Gitarrist Barry Stock, aber wo ist bitteschön der breite Arenensound in der Instrumentalisierung, der die vorigen Alben immer so über den langweiligen Durchschnitt hob? Auch der neue Frontman der Kanadier tut sich sichtlich schwer, kommt seine Stimme im Mix doch viel zu dünn daher, um hier etwas reißen zu können. Ein fast schon einschläfernder Auftakt, der trotz seiner lyrischen Punches nichts ausrichten kann.

Glücklicherweise bleibt dies jedoch klar ein Ausrutscher, wenn auch ein besonders unglücklicher auf der neuen Scheibe. Denn wie die Folgenummer und erste Singleauskopplung Painkiller beweist, hat sich der rotzige Sound der Band nicht verändert. Zumindest in den Instrumenten lässt sich glasklar der persönliche Sound von Three Days Grace heraushören. Dabei lässt Gitarrist Barry Stock seine rotzigen Powerchords vom Stapel und versieht diese mit für die Band typischen Stakkatoeinsätzen. Der Song ist frech und ein pures Rockbrett, dass sich aufgrund des eingängigen Refrains fies im Ohr einnistet.

„A fallen angel in the dark, never thought you’d fall so far.“ Mit Fallen Angel folgt eine vergleichsweise gediegene Nummer, die aufgrunddessen in den ersten Durchläufen noch durch die Maschen fällt. Nach einer Weile entwickelt sich jedoch ein angenehmer Wiedererkennungswert, der nicht zuletzt auch von den eingängigen Textzeilen ermöglicht wird. Gefällt immer mehr, auch wenn die Überraschung ausbleibt. Und dennoch bleibt Fallen Angel einer der Songs auf dem Album, in denen das Zusammenspiel der Band am besten funktioniert.

Tell Me Why ist wieder so ruhig geraten, dass es ebenso wie Fallen Angel erst gar nicht auffällt, wenn man Human hört. Zwar bricht der Track aus diesem Käfig aus und baut sich zu einer straighten Rocknummer auf, aber mir fehlt das besondere an der Nummer, um aus dem prägnanten

„Tell me why does everything that I love get taken away from me?
Why does everything that I love get taken away?
You take me to the edge.
You push me to far.
You watch me slip away.
Holding on to hard.“

das Maximum rauszuholen. Durchschnittskost.

In Landmine stellt sich die Frage schon gar nicht mehr, was für die Band am besten funktioniert: Stelle ich mich bewusst dem alten Klang entgegen und probiere etwas völlig neues, oder nehme ich die Basics mit rüber und kreiere einen Sound, der zwar an die alten Titel erinnert, aber genug Eigenständigkeit aufweist, um der Band einen alten neuen Weg zu bahnen? Landmine bedient sich altbekannter Elemente, unterlegt diese mit einem flottem Drumbeat, einer aufbrausenden Gitarrenspur, sowie einem drückenden Bass und brüllt die Energie förmlich durch die Boxen. Aus alt mach neu und du hast eine fetzig pure Rocknummer geschaffen. Klingt gut und gefällt immer mehr. Live sicherlich ein Muss. Mit der Favorit des Albums.

„Here’s to being human
All the pain and suffering
There’s beauty in the bleeding
At least you feel something

I wish I knew what it was like
To care enough to carry on
I wish I knew what it was like
To find a place where I belong“

I Am Machine hatte mich beim ersten Hören als Singleauskopplung doch deutlich mehr abgeschreckt als angelockt. Obwohl es alle Elemente eines klassischen Three Days Grace Songs vereinnahmt, nahm es mich in der Bridge doch nicht so mit wie erhofft. Aber je öfter ich den Song höre, desto röhriger wird er. Die wohl fettesten Riffs des Albums lassen teilweise tatsächlich erwarten, gleich einer gewaltigen Maschine gegenüber zu stehen. Bleifett dröhnen die verzerrten Gitarrenspuren aus den Boxen und lassen mein Rockherz doch noch höherschlagen. Anspieltipp!

Als Liveschlager entpuppt sich So What, bei dem man die Zuschauerparts schnell ausmacht. Ein schneller und simpler Track mit fies geradlinigem Bass, der live einfach gut kommen muss.

„You’re like a car crash… like a car crash. And I can’t look away.“ So fühlt sich die Nummer Car Crash auch an. Aus irgendeinem Grund fesseln die repetitiven Elemente so sehr, dass man vergisst wie langweilig der Track eigentlich ist und sich eine unbewusste Faszination entwickelt. Wenngleich ich den Song auch nicht allzu oft hören kann, da er für einen Mehrwert zu einfach und unüberraschend ist.

Der vermutlich einzige Song, der komplett an die alten Scheiben, speziell sogar an Three Days Grace aus dem Jahre 2003 erinnert, ist Titel Nummer 9. Während Sänger Matt Walst auf Human gar nicht erst versucht, Adam Gontier in irgendeiner Weise zu imitieren, lässt sich in Nothing’s Fair in Love and War doch eine kleine Hommage an die alten Alben mit Gontier festmachen. Und das ist auch gar nicht mal so verkehrt, wenn es nostalgische Gefühle zulässt. Im zweiten Durchlauf mausert es sich sogar zu einem der Favoriten auf der Scheibe und stellt den Hörer vor die Frage, ob ein Album mit diesem Sound nicht auch eine wünschenswerte Alternative geworden wäre?
Und doch fällt hier auf, dass Walst‘ Stimme für den breiten Sound und die Open Drums Sandersons doch etwas dünn klingt. Ein wenig fehlt der Boden in seiner Stimmlage, um dem Titel das i-Tüpfelchen zu verpassen.

One Too Many is never enough“ erinnert von der Grundstruktur an die erste Singleauskopplung Break vom Album Life Starts Now. Nach mehrmaligem Hören muss ich sogar meinen ersten Eindruck revidieren und sagen, dass die Nummer für ordentliche Kurzweil sorgt. Sie hat Pepp und geht schnellen Tempos geradeaus. Funktioniert live bestimmt gut.

Mit The End is not the Answer neigt sich das mittlerweile 5. Album der kanadischen Rocker dem Ende zu. Es ist ein letztes großes Aufbäumen, in dem ein leicht experimenteller Sound und die fantastischen Drums Sandersons in den Vordergrund treten. Könnte Matt Walst doch nur etwas Boden und evt. einen Tacken Geschwindigkeit liefern, um das Gesamtpaket abzurunden. Denn in den knapp 3 Minuten zeigt sich die Band von einer ihrer besten Seiten.

Auch darf dem Album ein Titel nicht fehlen, in dem Schlagzeuger Neil Sanderson hinter dem Piano sitzt. Ob Matt Walst mit seiner rockig, höhenorientierten Stimme die richtige Wahl für eine reinrassige Ballade wäre, sei mal dahin gestellt. Durch den Einsatz einer rotzig verzerrten Gitarre und dem dominierenden Piano ergibt sich im Schlusstrack The Real You ein eigenwilliger, dunkler Mix, der doch ein paar Runden erfordert, um damit warmzuwerden. Vielleicht wäre es eine Option gewesen, den recht simplen Klavierpart gleich außen vor, oder im weiteren Verlauf zumindest in den Hintergrund treten zu lassen. Denn nach einem angenehmen Beginn wird dieser doch immer mehr zum Ballast und lenkt vom wesentlichen, dem Gesang, ab. Eine brilliante zweite Ballade wie Last To Know bleibt uns also verwehrt.


Zwar ist das Album Human nach dem Sängerwechsel, wie erst befürchtet, kein Reinfall, aber es besteht trotzdem noch einiges an Luft nach oben. Der alte Stil wird weitergeschleppt und etwas abgedunkelt, was zumindest für eine grundsolide Basis sorgt. Doch die Experimentierfreudigkeit in den Riffs der Vorgängeralben fehlt, welche hier für die herausragenden Besonderheiten gesorgt hätte.
Zwar muss man dem Album ein paar Wiederholungen in der Soundanlage gönnen, doch je öfter man sich den Songs hingibt, desto mehr haben diese zu offenbaren. So ist Matt Walst‘ Three Days Grace Debüt doch als grundsolide zu betrachten. Leider aber auch nicht mehr, denn vieles klingt noch etwas angestrengt und nicht ganz so rund, um sich wirklich für mehrmaliges genussvolles Hören anzubieten. Aber lassen wir erstmal ein wenig Wasser über die Mühlen laufen und warten ab, was die Band in der Zukunft noch in Petto hat. Denn der ständige Vergleich zwischen alt und neu ist irgendwo auch nicht ganz fair.

2,5/5 Sterne

Anspieltipps:
2. Painkiller
4. Landmine
6. I Am Machine
9. Nothing’s Fair in Love and War

Three-Days-Grace-Human-Artwork-2015-(c)ThreeDaysGraceHuman
Veröffentlichungsjahr: 2015
Band: Three Days Grace
lead vocals: Matt Walst
guitar: Barry Stock
bass: Brad Walst
drums, percussion, backing voc: Neil Sanderson
[add. keyboard, synth: Dani Rosenoer]

Genre: Alternative Rock, Post Grunge
Singleauskopplungen: Painkiller, I Am Machine, Human Race
Laufzeit: 39:29 Minuten
Label: RCA Records

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