[Literatur] Die Flüsse von London (2012) – Peter Grant #1

Der frisch gebackene Police Constable Peter Grant hat sich nach dem Abgang von der Polizeischule schon in einer spannenden Abteilung der Metropolitan Police in London gesehen. Doch es kommt alles ganz anders, als er bei der Sperrung eines Tatorts, bei dem einem armen Kerl der Kopf abgeschlagen wurde, auf einen Geist trifft. Als wichtiger Zeuge mit unbewusstem Hang zum Magischen, wird Grant fortan Detective Chief Inspector Nightingale unterstellt. Was der junge Constable erst nicht weiß: Nightingale leitet eine eigene Einheit innerhalb der MET. Eine Einheit, die sich mit dem Magischen beschäftigt. Zusammen sollen sie den Mord aufklären, an dem irgendetwas nicht mit rechten Dingen zugeht.

Wer hier regelmäßig vorbeischaut, weiß, dass mir der erste Band der Peter Grant Reihe, Die Flüsse von London, sehr zugesagt hat.

Jemand schrie durchdringend, und im ersten Augenblick war ich keineswegs sicher, dass der Schrei nicht von mir kam. Mir war sehr nach Schreien zumute, aber es fiel mir gerade noch rechtzeitig ein, dass Lesley und ich die einzigen Polizisten am Tatort waren und dass es in der Öffentlichkeit keinen guten Eindruck macht, wenn die Polizei zu schreien anfängt. Mit der Aufgabe, Ruhe und Ordnung zu bewahren, ist es auch nur schwer vereinbar. Ich kam wieder auf die Füße und stellte fest, dass wir von einer Gaffermenge umringt waren.

Autor Ben Aaronovitch, der übrigens auch so manches zur britischen Kultserie Doctor Who abgeliefert hat, legt mit Die Flüsse von London einen absolut liebenswürdigen Start seiner Reihe rund um den jungen Zauberlehrling Peter Grant hin. In gewisser Weise ist es tatsächlich wie Harry Potter als Krimi im modernen London und doch ist es etwas völlig anderes.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht der junge Peter Grant, abgeschlossener Police Constable der Metropolitan Police. Er ist ein ziemlich impulsiver Kerl, der sich und seine Umwelt eigentlich recht rational betrachtet. Bis er auf diesen Geist trifft…
Würze wird den Figuren auf unterschiedliche Arten verliehen. Zum einen spielt Aaronovitch mit der Tatsache, dass seine Hauptfigur farbig ist und einen Migrationshintergrund besitzt. So werden selbst die kurzen U-Bahnfahrten zu kleinen Amüsements gestaltet. Der Humor ist angenehm schwarzhumorig und flapsig und wirkt durch die Ich-Erzählung aus der Sicht Grants treffsicher, ohne dabei über das Ziel hinauszuschießen.
Darüber hinaus lebt die Geschichte vom Zusammenspiel Grants mit den Frauen. Er ist ein kleiner Lustmolch und würde wohl kaum eine Gelegenheit verstreichen lassen – außer natürlich seine Pflicht steht ihm im Wege. Welch‘ Schande, dass seine Kollegin und beste Freundin Lesley vollbeschäftigt in der Mordabteilung der MET steckt und ihr derweil eine steile Karriere bevorsteht… Diese kleinen sexuellen Spannungsspitzen lockern das Geschehen ebenso auf, wie die Situationskomik.

Aber wie schlägt sich der Roman in Hinblick auf die Magie? Nun, glücklicherweise halten sich die „magischen“ Momente (für mein Lesevergnügen) die Waage mit dem modernen Leben in London. Fantasymuffel müssen also keine Angst haben, sich von Zaubersprüchen und Co. erschlagen zu sehen. Zumal diese hier sowieso „Forma“ genannt werden… Es wird einiges an unnatürlichen Wesen zu bestaunen geben, die sogar für teils heftige, respektive blutige Momente sorgen. Da verleitet das jugendlich anmutende Buchcover zum Schluss, es handle sich hier lediglich um harmlose Young Adult Lektüre. Weit gefehlt. Jede Altersklasse dürfte mit diesem schmalen Roman seine Freude haben, zumal es sich klasse als kleine Ablenkung zwischen größeren Literaturbrocken macht.

»Geister sind kapriziös«, sagte er. »Als Zeugen sind sie ziemlich unzuverlässig.«
»Wollen Sie damit sagen, dass es wirklich Geister gibt?«
Nightingale wischte sich die Lippen sorgfältig mit der Serviette ab. »Sie haben doch mit einem gesprochen. Was glauben Sie?«
»Ich warte auf eine Bestätigung durch einen Vorgesetzten«, antwortete ich. »Sir.«
Er legte die Serviette weg und griff gelassen nach der Teetasse. »Geister gibt es wirklich.« Er trank einen Schluck.
Ich starrte ihn sprachlos an. Ich persönlich glaube nicht an Geister, auch nicht an Feen oder Götter, und während der letzten paar Tage hatte ich mich wie ein Zuschauer einer Zaubershow gefühlt – eigentlich hatte ich nur darauf gewartet, dass der Zauberer vor den Vorhang treten und mich auffordern würde, eine Karte auszuwählen, irgendeine Karte. Ich war nicht bereit, an Geister zu glauben, aber so ist das mit empirischen Erfahrungen – sie sind real.

Und wenn es also wirklich Geister gab?
»Lassen Sie mich raten, Sir: Gleich werden Sie mir erzählen, dass es eine geheime Einheit der Met gibt, deren Aufgabe darin besteht, Geistern nachzuspüren, oder Gespenstern, Dämonen, Feen, Hexen, Hexenmeistern, Elfen, Trollen …« Ich hob beide Hände. »Sie dürfen mich ruhig unterbrechen, mir fallen sowieso gerade keine übernatürlichen Wesen mehr ein.«
»Sie haben nicht mal einen Bruchteil von dem aufgezählt, was es gibt«, sagte Nightingale gelassen.

Allerdings muss ich auch schreiben, dass mich ein zentraler Plotpoint anfangs irritiert hat. Naja, nicht direkt irritiert, aber ich konnte mich schwer damit arrangieren, was zu einer kleinen Lesepause geführt hat. Doch nach der Pause ging es flott weiter und das anfängliche Problem konnte flugs zur Seite geschoben werden. Es entwickelt sich sogar zu einem aberwitzig spannenden Handlungsstrang mit ungewöhnlichen Figuren, was die ganze Geschichte in vielerlei Hinsicht aufpeppt.
Etwas anderes, wo ich inständig hoffe, dass es sich in den nächsten Büchern bessert, ist der leicht hektische Stil Aaronovitchs. Es zieht sich nicht durch das komplette Buch. Jedoch gibt es Passagen, in denen der Autor gleich mehrere Gedanken zu fassen versucht, aber nur einen davon zu Papier bringt und ihn dann nicht wirklich ausformuliert. Da tat ich mich teilweise schwer, diese ordentlich in das Geschehen einzuordnen. Diese Passagen treten jedoch nur sporadisch und kurz auf, aber wenn sie da sind, dann hat man mit ihnen zu kämpfen. Ansonsten muss man nicht befürchten, ständig aus dem Konzept gebracht zu werden, mehr als eine halbe Seite nehmen diese Szenen nicht ein.

Mehr gibt es an Die Flüsse von London auch gar nicht zu meckern. Die Geschichte wird britisch, flott und frech erzählt und der Mix aus Magie, modernem Krimi und historischen Anleihen ist absolut gelungen. Dazu wurde mit Peter Grant ein eigenwilliger und doch liebenswürdiger Charakter geschaffen, der sogar ein kleines bisschen Kultpotenzial beherbergt.
Weiter geht’s mit Schwarzer Mond über Soho!

4/5 Sterne

(c) dtv.de
(c) dtv.de

Die Flüsse von London – Peter Grant #1 [Rivers of London]
Autor: Ben Aaronovitch
Erscheinungsjahr: 2012 (dts)
Verlag: dtv
Ausgabe: 1. Auflage 2012 [E-Book]
Seiten: 480
ISBN-10: 3423213418
ISBN-13: 978-3-423-21341-7 [E-Book]

Leseprobe (pdf [via dtv.de])

Bild via the-folly.com

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13 Kommentare zu “[Literatur] Die Flüsse von London (2012) – Peter Grant #1”

  1. Interessant, dass du das Buch so positiv erlebt hast. Gut, vielleicht entgingen mir im Original auch manche Sachen (müsste ich noch einmal lesen), aber ich fand, dass die Prämisse nicht so gut umgesetzt wurde. Die Idee, einen Polizisten plötzlich Geister sehen zu lassen, die gefällt mir sehr. Aber zwischen all den Flüssen Londons hat mich Aaronovitch abgehängt. Und, auch wenn ich mich nur mehr sehr vage erinnere, meine ich, dass das Motiv für das Verbrechen nicht wirklich schlüssig war, zumindest mir.
    Die Charaktere fand ich aber ganz gut, und die Chemie zwischen Grant und Lesley hat mir sehr gut gefallen.

    Gefällt 1 Person

    1. Perfekt ist es nicht. Und ja, bei mir war es genau der gleiche Punkt, der mir diese Pause beschert hat. Konnte mich erst nicht so recht mit dieser Prämisse anfreunden, allerdings legte sich das nach der Pause wieder und wurde hübsch in die Handlung eingebettet. Über das Ende scheinen sich auch viele zu streiten. Finde ich legitim, es gibt auch den ein oder anderen Punkt den man kritisieren kann. Allerdings hat Aaronovitch oft mit Metaphern und einer zweiten Ebene gearbeitet. Da erfordert das an sich simple Ende doch noch etwas Köpfchen, um es schlüssig aufzudröseln. Mir gefiel es.

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      1. Ich hoff, der Kommentar kam nicht zu negativ rüber – und ich wollte dir ganz sicher nicht absprechen, dass du Gefallen am Buch fandest, weit gefehlt! Falls das so rüberkam: Sorry!

        Vielleicht lese ich es auch ein zweites Mal, und es gefällt mir dann, manchmal passiert das ja auch.

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