[Literatur] Psycho Killer (2015)

Zwar entsprang dieser Buchkauf mehr der freien Lust und Laune statt eines geplanten Griffs, aber bei diesem Buchcover musste ich tatsächlich nicht lange überlegen. Außerdem war es endlich an der Zeit, dem mir unbekannten Autoren Anonymus etwas Aufmerksamkeit zu schenken. Denn wie oft stand ich schon vor den Bücherregalen und hatte seine „Bourbon Kid“-Romane in der Hand, auch bekannt als Das Buch des Todes, etc.?

Habt ihr euch jemals gefragt, wie ein B-Movie wohl als Roman funktionieren könnte? Geht das überhaupt, ohne… nunja, zu doof zu werden?

Handlung: In dem kleinen Kaff B-Movie-Hell geht ein Serienkiller um. Angefangen bei einem enthaupteten Polizisten, sieht sich bald niemand mehr sicher, während der Killer munter ein blutiges Massaker nach dem anderen veranstaltet. Das ruft den pensionierten FBI-Agenten Jack Munson auf den Plan, der früher seine Brötchen mit dem verrichten von Drecksarbeit verdiente und nun auf den unbekannten Killer angesetzt wurde. Was so einfach klingt, wird durch die Kleinkaffmentalität erheblich erschwert, denn in B-Movie-Hell herrschen eigene Gesetze und ein spezieller Gemeinschaftssinn.

Irgendwo stolperte ich über den Vergleich, PSYCHO Killer sei einem Film von Quentin Tarantino nicht ganz unähnlich. Das ist natürlich Quatsch, auch wenn der Anfang den Vergleich durchaus noch zulassen könnte. Wenn zwei Streifencops auf dem Highway, dem einzigen Zugang zur Stadt, ihren Dienst verrichten und sich darüber zanken, wer denn nun die letzte Zahl des Einwohnerschilds von B-Movie-Hell [sic] ändern muss, weil einer befürchtet ein gefährliches Nagetier befände sich in Reichweite des Wagens, dann ist schon eine gewisse Skurrilität vorhanden, die mit ihren pfiffigen Dialogen doch an ein gewisses Flair erinnert.

„Da draußen lauert eindeutig irgendwas“, behauptete Pete und blickte mit zusammengekniffenen Augen durch die Windschutzscheibe.
„Das ist nur ein Stecken. Er bewegt sich nicht.“
„Ich vermute, es ist ein Eichhörnchen. Ein beschissen großes außerdem. Sind Eichhörnchen Fleischfresser?“
„Sie fressen nur Nüsse.“
„In dem Fall bleibe ich eindeutig im Wagen“, sagte Pete.

Und damit fängt alles an. Der erste Tote lässt nicht lange auf sich warten, und die Metzelorgien nehmen langsam an Fahrt auf. Diese sind übrigens recht plastisch formuliert und in der Gesamtwirkung ziemlich derb, aber schon wieder in einen so absurden Kontext versetzt, dass man teilweise doch schon arg schmunzeln muss. Auch wenn das moralisch betrachtet selbstverständlich falsch ist… aber hey, man lebt nur einmal. Yolo! Yeah!

Etwas, wofür man den Roman lieben und hassen könnte, ist die formale Struktur. Denn das 335 Seiten starke Buch ist in 55(!) Kapitel unterteilt. Das bedeutet wiederum, dass jedes Kapitel auf pi mal Daumen sechs Seiten kommt. Was dies nun für die Erzählweise bedeutet, sollte klar sein: Die Erzählperspektive richtet ihren Fokus alle Kapitel nach auf eine andere Figur der Geschichte und spielt sozusagen die Reise nach Jerusalem nach. Doch keine Angst, dies beschränkt sich lediglich auf rund 6 verschiedene Personen…
Eine Eigenschaft, die man anfangs noch verteufeln möchte, sich aber schließlich doch noch dran gewöhnt. Denn diese Art erfordert vom Autor, sich auf das Wesentliche zu beschränken, viel Spielraum für schmückendes Beiwerk bleibt also nicht. Und das tut der flotten Geschichte unglaublich gut. Die Dynamik bleibt durchgehend erhalten, viel Zeit zum Verschnaufen darf nicht erwartet werden. So prescht die Handlung nicht nur wie der Psycho Killer von einem Ort des Blutbads zum nächsten, sondern auch die ihn verfolgenden Agenten Munson und Fonseca (eine Leihgabe des FBIs) bleiben ständig in Bewegung.

Obwohl der Roman mit sämtlichen Klischees eines B-Films (gekonnt) spielt, stürzt er sich gerne selbst in sie. So ist beispielsweise der Puffdaddy des Beaver Palace Silvio Mellencamp ein Bilderbuchmacker, den man sich nur zu gut selbst ausmalen könnte, Agent Munson hingegen ein versoffener harter Kerl, der bewusst mit seinen sozialkompetenten Fähigkeiten spielt und seine Erfahrung für sich sprechen lässt.
Dadurch das man nun alles schon einigermaßen aus (schlechten) Filmen kennt, muss sich Autor Anonymus etwas reinknien, um so über diese Stolperlöcher hinwegzutäuschen. Und das gelingt ihm auf süffisant kurzweilige Art. Hier mal ein cooler Spruch, dort mal eine popkulturelle Erwähnung (Achtung, der Film Zwielicht wird in all seiner Pracht gespoilert!) und überhaupt viele selbstironische Kniffe, die stets zum schmunzeln einladen.

„Alles mögliche Chaos schien hinter ihr zu toben, aber sie hatte das entsetzliche Gefühl, dass sie, wenn sie einen Blick hinter sich warf, den maskierten Irren erblicken würde, wie er ihr nachjagte. Wenn er in irgendeiner Weise den maskierten Killern in den meisten Horrorfilmen ähnelte, würde er richtig langsam gehen und trotzdem aufholen. Sie versprach sich: Wenn sie stürzte, würde sie das einzig Vernünftige tun und sich sofort wieder aufrappeln, anders als die meisten Charaktere in Slasher-Filmen, die unerklärlicherweise auf dem Boden weiterkrochen, statt sofort wieder hochzukommen und weiterzulaufen.“

Zwar bleibt die Charakterzeichnung deutlich auf der Strecke, aber das lässt sich bei all dieser Schnelllebigkeit verzeihen, ebenso wie die schnörkellose und vorhersehbare Geschichte. Eigentlich hat sie mich nur einmal böse überraschen können, doch hier ist nicht die letzte Seite das Ziel, sondern der Weg dorthin. Und wer etwas flottes für den zwischenzeitlichen Lesegenuss sucht, sich dabei auf eine makabere und flinke Geschichte einlassen kann, der macht mit PSYCHO Killer so gut wie nichts falsch.
Yeah.

 4/5 Sterne

PSYCHO-Killer---(c)bastei-luebbe
(c) Bastei Lübbe

PSYCHO Killer [The Red Mohawk]
Autor: Anonymus
Erscheinungsjahr: 2015 (dts)
Verlag: Bastei Lübbe (Leseprobe via Bastei Lübbe)
Ausgabe: 1. Auflage 2015
Seiten: 335
ISBN-10: 3785761066
ISBN-13: 978-3785761069

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8 Kommentare zu „[Literatur] Psycho Killer (2015)“

  1. Die Bücher dieses Autors sind mir schon öfter ins Auge gefallen, aber irgendwie sprang der Funke nie so richtig über. Und nach deiner Rezension macht mich das Buch auch nicht wirklich an – was nicht an dir liegt, keine Sorge.

    Gefällt 1 Person

      1. Wie bei so vielem. 🙂

        Übrigens, mir ist noch eine Fantasyempfehlung eingefallen, die dir vielleicht gefallen könnte: Patrick Rothfuss, The Name of the Wind/The Wise Man’s Fear. 🙂
        Ich weiß leider nicht, wie ich das „verkaufen“ soll, ohne zu spoilern, aber im Grunde geht es darum, dass der Protagonist seine Lebensgeschichte erzählt und man so zwischen Rahmen und Biographie springt. Ziemlich gut geschrieben.

        Gefällt 1 Person

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