[Literatur] Der Marsianer (2014)

„Die Kommunikation zwischen Erde und Mars ist schwierig und erfordert äußerst spezialisierte Geräte. Aus Alufolie und Kaugummi kann ich mir jedenfalls nichts basteln.“

Der Marsianer von Andy Weir trieb vor nicht allzu langer Zeit durch diesen Teil der Blogosphäre und diverse Besprechungen machten mich neugierig, auch wenn die Motivation noch nicht allzu sehr vorhanden war. Seit aber plötzlich die Raumfahrt dank eines kanadischen Astronauten, der sich auf den Namen Commander Chris Hadfield schimpft, wieder im medialen Aufschwung ist und unabhängig davon der erste Trailer zur Verfilmung dieses Romans mit Matt Damon in der Hauptrolle des gestrandeten Astronauten veröffentlicht wurde, war ich Feuer und Flamme für dieses Buch. Und was soll ich sagen, außer: „Ich würde es dir ja gerne ausleihen weil es so gut ist, aber ich muss es einfach selbst nochmal lesen.“

Handlung:

Sechs Astronauten, unter ihnen Mark Watney, sollen im Zuge der Ares 3-Mission den Mars erkunden. Aufgrund eines heftigen Sandsturms muss die Expedition jedoch frühzeitig abgebrochen werden – fünf Astronauten können sich retten und sich einen Weg zurück zum Raumschiff bahnen, Watney hingegen wird von einer Sendeantenne durchbohrt. Da die Biodaten des Anzugs kein Signal mehr übertragen können, wird er infolge dessen für tot gehalten. Tja, Watney glaubt es selbst nicht, dass er das Chaos überlebt hat und sieht sich nun als einsamer Astronaut auf dem Mars gestrandet. Seine Crew, unwissend dass er noch am Leben ist, schon längst auf der Heimreise, muss der Ingenieur und Botaniker nun einen Schlachtplan entwickeln. Um Kontakt zur NASA herzustellen und um zu überleben. Vier Jahre dauert es nämlich, bis die nächste bemannte Mission, die Ares 4, auf dem roten Planeten ihr Lager aufschlagen wird. Vier Jahre, in denen Watney auf unbekanntem Terrain und mithilfe der vorhandenen Technik auskommen muss.

„Mein Gott, was würde ich für eine fünfminütige Unterhaltung mit irgendjemandem geben. Egal, wer und wo. Egal, welches Thema. Ich bin der erste Mensch, der allein auf einem ganzen Planeten sitzt.

Der Roman

Das Debüt von Andy Weir hatte mich bereits von anfang an. Mit einer gehörigen Portion Sarkasmus erleben wir, wie sich Mark Watney mit Wissenschaft aus dem Schlamassel zieht. Oder es zumindest versucht. Denn bekanntermaßen ist im Weltraum alles ein wenig kniffliger. Und beschränkter. Und kälter und… anstrengender.  Und doch verliert Watney nicht seinen Sinn für Humor, übertüncht seinen Stress gerne mit einem zackigen Spruch und tüftelt sich sein eigenes Wohnzimmer auf dem Mars zurecht. Dabei fallen technische Termini in Akkordzeit, doch an etwaige Abkürzungen wie EVA (Extravehicular activity; Außenbordeinsatz) oder RTG (Radioisotopengenerator) gewöhnt man sich flott und Autor Weir (bzw. Watney) schafft es ohnehin, alles im bodenständigen Rahmen aufzudröseln und für den Techniklaien so verständlich wie nur irgend möglich zu erklären. Was Watney tun muss, um beispielsweise eine bestimmte Atmosphäre in seinem Lager aufzubauen, bei dem er dann einen bestimmten chemischen Prozess durchführen kann. Natürlich wird es dabei kompliziert, aber der Autor schafft es, diese wissenschaftlichen Ausführungen auf charmante Weise zu verbildlichen. Und mal unter uns: Alles läuft sowieso nicht so wie es anfangs geplant ist. Da ist Improvisationstalent gefordert. Über welches der Astronaut glücklicherweise zur Genüge verfügt. Hut ab vor diesem Erfindungs- und Ideengeist. Nach der Lektüre fühlte ich mich selbst wie eine kleine Ingenieurin, die solche Probleme meistern könnte (und dabei kläglich krepieren würde)!

Statt jeden einzelnen Tag des langwierigen Überlebenskampfes herunterzubrechen, bekommen wir die Geschichte in Form eines Logbuchs präsentiert, welches Watney für den Fall seines Todes anlegt. Auf diese Weise schildert er seine wichtigsten Handlungen seiner sogenannten Sol’s, also der Marstage, schafft es aber trotzdem durch bestechenden Witz und seine nonchalante Art, den Leser bei Stange zu halten und Leben in die staubige Einöde des Mars zu bringen. Selbst wenn er einfach mal einen Tag lang nichts tut. Allerdings muss ich auch zugeben, dass mir diese verbale Leichtigkeit Watneys im Umgang mit seiner Situation am Anfang etwas Sorge bereitete, konnte ich mir doch nicht vorstellen, diesen Stil durch das gesamte Buch durchhalten zu können. Selbst Freunde der Ironie werden irgendwann ihre Grenzen entdecken, aber auch das hat Weir wunderbar unter Kontrolle. Gerade wenn sich das Gefühl einschleicht, zu viel des Guten vorgesetzt zu bekommen, wechselt die Erzählperspektive zurück auf die Erde, auf der die NASA, durch bestimmte Ereignisse in Gang gesetzt, eine Rettungsmission plant, die den Beteiligten alles abverlangt. Was vielleicht etwas dröge klingt, wird durch eine Vielzahl an Figuren aufgelockert. So ist beispielsweise Annie, die zuständige Pressesprecherin der NASA, nicht gerade auf den Mund gefallen, wenn es darum geht bestimmte Informationen rauszugeben und gegenüber ihren männlichen Kollegen und Führungskräften der NASA stichelt, um ihr Ziel zu erreichen. Man hat teilweise schon gut Lachen, wenn man den unterschiedlichen Konversationen in Ground Control folgt. Doch nicht alles lässt sich mit einem Lächeln geradebiegen, was alle Beteiligten an dieser Mission erfahren müssen. Gerade mit Dr. Venkat Kapoor, dem Leiter der Marsmission, dem man die Sorgenfalten am liebsten irgendwie abnehmen möchte, leidet man förmlich in dieser Situation mit – möchte selbst mit an diesem Projekt anpacken und Unterstützung liefern. Etwas mehr Feinheiten hätte ich mir hingegen bei den restlichen Figuren gewünscht. Mit deutlich weniger Profil sind die restlichen Astronauten auf der Hermes ausgestattet. Auch wenn der Fokus eindeutig auf Watney liegt, der so menschlich wie nur irgendwie möglich geschrieben ist, so hätte ich mir dort gerne weniger Klischees gewünscht, in die häufig getreten wird. Diese werden zwar auf der Erde weitestgehend ausgelassen und so manche Randfigur tut sich mit Besonderheiten hervor, doch verlor ich stellenweise den Überblick über die unterschiedlichen Führungskräfte der NASA.  Hier hätte es noch etwas Herzblut gebraucht, um die Sache perfekt abzurunden. Aber wie dem auch sei. Es ist eine enorme Drucksituation, unter der sie sich befinden und Konzentration ist gefordert. Wenn die Nerven bei den Figuren blank liegen, liegen sie auch beim Leser blank und manches ist schlicht und ergreifend so ehrlich eingeschoben, dass man so manch einen Moment auf dem Mars auch von Zuhause auf der Erde nur zu gut verstehen kann. Der Marsianer verliert sich selten in Kleinigkeiten, bleibt stattdessen stets im narrativen Fluß und zum Ende hin ist die intensive Atmosphäre, die sich aus all dem Vorangegangen zog, kaum noch auszuhalten. Für die letzten 15 Seiten musste daher ein passender Soundtrack zur musikalischen Untermalung der Ereignisse her. Etwas schade vielleicht, dass das Ende so abrupt erfolgt, auf der anderen Seite lässt es diesen Roman mit einem großen Knall enden, den es verdient. Die Spannungskurve zieht schließlich immer weiter an, ehe sie in exponentielle Höhen schießt. Grandios.

„Plastik brennt nicht, aber wer schon mal mit einem Ballon gespielt hat, weiß, wie leicht man damit eine statische Ladung aufbauen kann. Wenn ich dieses Prinzip anwende, müsste ich einen Funken erzeugen können, indem ich einfach nur ein Metallstück anfasse. Nebenbei: Auf genau diese Weise ist die Crew von Apollo 1 gestorben. Wünschen sie mir also viel Glück.“

Randnotiz

Faszinierend ist übrigens auch die Entstehungsgeschichte dieses Romans: Weir, der eigentlich in der IT tätig ist, begann im Jahr 2009 mit den Recherchen zum Marsianer, um etwaige Technikaspekte auf ihre Machbarkeit zu prüfen, was dem Buch einen erhöhten Realismusgrad bescheinigt (was von verschiedenen Seiten sogar bestätigt wird). Nach Fertigstellung zeigte jedoch kein Verlag Interesse an dem Stoff, weshalb Weir sein Werk zunächst kostenlos auf seiner Website anbot. Da sich aber binnen kürzester Zeit eine Fanschar um dieses Buch riss und die Bitte vortrug, es auch Kindletauglich zur Verfügung zu stellen, beschloss Weir es für den Mindestpreis von 99 Cent auf amazon zu verkaufen. Prompt erreichte es die Spitze der Science-Fiction-Charts, wodurch nun ein Hörbuchverlag darauf aufmerksam wurde. Zwei Monate später, im März 2013, schlug nun auch endlich ein Buchverlag zu, der sich die Rechte an dem Material für eine stolze Summe sicherte. Im gleichen Monat zog auch Twentieth Century Fox nach, um sich die Rechte für eine Verfilmung zu sichern. Einen ersten Eindruck könnt ihr im oben verlinkten Trailer erhaschen. Mir gefällt’s. Im März 2014 landete der Roman dann auf Platz 12 der New York Times Bestsellerliste. Was für eine Odyssee, fast schon wie der Trip Mark Watneys.

Fazit

Andy Weir schafft es mit gekonnter Finesse, ein spannendes Abenteuer rund um Astronaut Mark Watney und die NASA im Allgemeinen auf die Beine zu stellen. Der Überlebenskampf, um den es schon von Anfang an nicht gut stand und bei dem sich der einsame Marsianer meist jedoch von allein wieder mit dem Kopf aus der dünnen Marsatmosphäre befreien kann, ist abwechslungsreich geraten und liegt so nah wie nur irgendwie möglich am heutigen Stand der technischen Möglichkeiten. Watney mag vielleicht kein Superheld sein und aus Alufolie und Kaugummi auch kein Funkgerät in MacGyver-Manier basteln, aber auf den Kopf gefallen ist er sicherlich nicht. Es ist eine schweißtreibende und kraftraubende Odyssee, die ihm sämtliches Know-How abverlangt und den Leser auf eine (sprichwörtlich) atemraubende Reise in die sandige Ödnis des roten Planeten mitnimmt. Wäre ich im All verloren, dann hätte ich gerne einen Mark Watney an meiner Seite… Der Marsianer darf sich daher tatsächlich in das Regal meiner Lieblingsbücher einreihen.

„Kein Plan überlebt den ersten Kontakt mit dem Feind.“

5*/5 Punkte

Der-Marsianer-Andy-Weir-Cover-(via-amazon.de)
© Heyne / Randomhouse

Der Marsianer [The Martian]
Autor: Andy Weir
Erscheinungsjahr: 2014 (dts)
Verlag: Heyne
Ausgabe: 1. Auflage 11/2014 [E-Book]
Seiten: 513
ISBN-10: 3453315839 [Paperback]
ISBN-13: 978-3-641-14400-5

Leseprobe auf randomhouse.de

Advertisements

22 Kommentare zu “[Literatur] Der Marsianer (2014)”

      1. Das könnte natürlich auch sein, immerhin ist es ja sein Debütroman, und wenn da bei Erfolg die Möglichkeit für eine Fortsetzung besteht, warum nicht? Ich frage mich nur, wie man die Handlung fortsetzen könnte. Probleme auf dem Rückflug wäre dann wieder zu sehr Apollo 13, da müsste eher ein Themenwechsel her.

        Gefällt 1 Person

        1. Um ehrlich zu sein bezweifel ich eine Fortsetzung ja. Aber der erste Gedanke war tatsächlich der an Apollo 13. Hätte super in die Rolle des Gary Sinise gepasst. Vorher halt das ganze Geplänkel an der Rückgewöhnung auf der Erde usw.

          Gefällt 1 Person

  1. Ich muss ja gestehen, dass ich ein bisschen kämpfen musste. Gerade am Anfang… da dachte ich mir irgendwann: „Wenn ich noch mehr über Kartoffeln auf dem Mars oder Wassergewinnung aus Urin lesen muss, dann lege ich das Buch beiseite“, doch dann kam zum Glück genau zum richtigen Zeitpunkt ein Wandel im Roman und ab da war ich dann auch voll drin… hat sehr viel Spaß gemacht…

    Ich hoffe und bete nur, dass ein Ridley Scott diese Komik im Film auch einfangen kann.

    Gefällt mir

    1. Hehe, das kann ich mir vorstellen. Auch wenn es eigentlich immer das selbe ist was er macht, hat es mich vermutlich gerade deswegen immer weiterlesen lassen. Es wurde eben nicht abgehoben und abenteuerlich, sondern so (anstrengend) wie solch ein Überlebenskampf wohl sein muss.
      Bei der Verfilmung musste ich auch daran denken. Vieles findet ja in Watneys Kopf statt. Aber ich bin zuversichtlich. Mit Matt Damon haben sie einen super Darsteller für die Rolle an Bord.

      Gefällt mir

  2. Sehr cooler Artikel, macht nochmal richtig Lust auf das Buch. Hatte eigentlich auch vor es vor Start des Kinofilms zu lesen, werde es aber wohl nicht schaffen.
    Die Hintergründe kannte ich gar nicht mir kommt dein Vergleich mit der Odyssee sehr passend vor. 😉

    Gefällt mir

  3. Ich muss sagen, der Film dazu ist wirklich absolute Spitzenklasse (wahrscheinlich genau wie das Buch, das seitdem ebenfalls auf meiner To-Read-Liste steht)!!!! Ich habe geweint, ich habe gelacht, ich habe intensiv mitgefiebert und mich in den Kinosessel gepresst… Absolut empfehlenswertes Kino (auch wenn es nicht unbedingt 3D sein muss)…

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s