[Literatur] Vaterland (1992)

Nachdem sein letztes Werk Intrige so einen starken Eindruck auf mich machte, war klar: Es mag zwar das erste Buch von Robert Harris für mich gewesen sein, aber ganz sicher nicht das letzte! So fiel die Wahl schnell auf sein Debütroman Vaterland, das mit dem Was wäre wenn… Hitlerdeutschland den zweiten Weltkrieg überdauert hätte?„-Szenario spielt.
Diejenigen, die regelmäßig im Media Monday vorbeigeschaut haben wissen, wie oft ich dieses Buch verflucht habe und wie beschwerlich ich damit vorankäme. Ich sage es mal so: Die letzten beiden Drittel hatte ich binnen zwei Tagen durch…

Handlung

Hitler hat den Krieg gewonnen. Das neue Großdeutsche Reich erstreckt sich 1964 vom Rhein bis zum Ural, der Kalte Krieg sowie Partisanenkämpfe innerhalb der langgesteckten Grenzen erschüttern das Land. Des Führers 75. Geburtstag nähert sich, ebenso der Staatsbesuch vom amerikanischen Präsidenten Joseph P. Kennedy, als in Berlin ein hoher Parteibonze brutal ermordet wird. Kripo-Sturmbannführer Xaver März steht unter enormen Zeitdruck, den Fall reibungslos aufzuklären. Doch es scheint mehr dahinter zu stecken und es könnte dem Ermittler Kopf und Kragen kosten, wenn er nicht mit äußerster Vorsicht im paranoiden SS-Staat nach der Wahrheit sucht…

März sah sich über die Schulter um. Ja, jetzt folgte man ihm, war er sicher. Sie hatten genügend Zeit gehabt, das zu organisieren, während er in Luthers Haus war. Wer waren ihre Leute? Die Frau in dem grünen Mantel? Der Student auf seinem Fahrrad? Hoffnungslos. Die Gestapo war zu gut, als daß er sie hätte erkennen können. Es würden mindestens drei oder vier sein. Er verlängerte seine Schritte. Er näherte sich dem Bahnhof.

Das Buch

Vielleicht war es ein Fehler, nach dem aktuellsten Roman eines Autors gleich zu seinem Erstlingswerk zu greifen. Hatte mich Intrige seinerzeit binnen weniger Seiten am Wickel, war der Weg mit Vaterland ein sehr viel beschwerlicherer. Für die ersten 100 Seiten benötigte ich ganze zwei Monate. Selbst für mein gemächliches Lesetempo verflixt langsam. Doch das hatte seinen Grund: Entweder es lag an der Übersetzung, dem Verlag, oder Harris selbst. Wenn Absätze (bewusst?) nicht richtig gesetzt oder einfach weggelassen(!) werden und man in Folge dessen Zeitsprünge und Ortswechsel plötzlich für gegeben hinnehmen muss, dann zehrt das ungemein an der Geduld und Toleranz des Lesers. Und das schleppt sich hier über Seiten, wodurch der Lesegenuss auf ein Minimum reduziert wird. Sowas ist ärgerlich, sowas ist schwach und verdammt unangenehm zu lesen. Denn wenn wir mit Ermittler März erst am Tatort sind, dann in der Pathologie verweilen und uns in Gedanken mit der (völlig nebensächlichen) weinenden Frau beschäftigen, die um ein verlorenes Familienmitglied trauert, und dann auch noch ohne flüssigen Übergang plötzlich einen Ausflug mit März‘ Sohn Paule unternehmen während März mit seinem Kopf noch bei der Leiche hängt, dann wird es anstrengend. Wirklich anstrengend. Nichts gegen etwas Kopftraining, aber wenn man sich ständig fragen muss, wo und wann man denn nun gerade eigentlich steckt und was darauf folgen wird, dann wird diese Puzzelei zur Qual. Wer weiß, wer es hier tatsächlich vergeigt hat…
Aber: Nach rund 120 Seiten liest sich das Ganze plötzlich wie ein vollkommen neues Buch. Absätze werden mit einem Mal beachtet und fleißig gesetzt, vermitteln Übersicht und lassen das Geschehen sehr viel flüssiger Revue passieren. Und der einzige Grund, weshalb man an diesen Punkt gelangt, ist diese schneidend paranoide Atmosphäre, die Harris aufbaut. Historische Akkuratesse vermischt sich mit Fiktion und lässt Hitlerdeutschland auch über den Zweiten Weltkrieg hinaus existieren. Der Führer wird 75, jeder Bürger und jede Bürgerin jubelt den zahlreichen Propagandareden im Radio zu und hat das obligatorische Führerportrait im Wohnzimmer hängen, und nichts, aber auch gar nichts bleibt vor den Behörden verborgen. Die Schutzstaffel ist omnipräsent, die Polizei trägt Schwarz mit Totenkopf.
Überwachung, Überwachung, Überwachung.
Nationalsozialistisches Gedankengut wird auch weiterhin bei den Pimpfen, dem Bund deutscher Mädel oder der Hitlerjugend von klein auf indoktriniert, sowie etwaige charakterliche Fehler des Menschen in SS-Kadettenschulen „ausgemerzt“; wer gegen den Strom schwimmt ist schon so gut wie deportiert oder besser: gleich tot. Doch Kripo-Ermittler und SS-Sturmbannführer März ist ein Querulant. Auffällig geworden, weil er „der Partei“ nicht beitreten will und wegen einem guten Dutzend anderer Missfälligkeiten gegenüber dem NS-Apparat. Er ist ein Mann, der sich im Spiegel nicht mehr sehen kann, der weiß, dass das kein Leben sein kann. Die schwarze Uniform und die ganzen Propagandamaschinerie verteufelt. Doch kann er nicht weiter aus der Reihe tanzen, muss er sich doch wenigstens seines jungen Sohnes Paule willen fügen, der genau wie seine Ex-Frau streng nach den Vorgaben des Regimes für den Führer lebt und atmet. Und ausgerechnet März gerät in eine Ermittlung, die weitreichender nicht sein könnte. Noch dazu kreuzt sich sein Weg mit der attraktiven amerikanischen Reporterin Charlotte „Charlie“ Maguire. Ein SS-Mann und eine Ausländerin. Als wäre es für März nicht schon brenzlig genug…

Sie war anders als alle anderen Frauen, denen er begegnet war. Sie war keines der Heimchen aus dem NS-Frauenbund, nur „Kinder, Kirche, Küche“ – das Abendessen für den Mann immer fertig, seine Uniform frisch gebügelt, fünf Kinder schlafend oben im Bett. Und während ein gutes nationalsozialistisches Mädel vor Kosmetika, Nikotin und Alkohol entsetzt zurückschreckt, bediente Charlotte Maguire sich aller drei freizügig.

Wie auch schon in Intrige angemerkt, lebt Harris‘ Weltenaufbau primär vom Nennen von Straßen- und Ortsnamen, mit denen ein Nichtstädter, hier Berliner, anfangs kaum etwas anzufangen vermag. Und doch schafft es der Autor, mit seinen anschließenden Beschreibungen eine so dichte und spannungsgeladene Stimmung zu (er)schaffen, die seinesgleichen sucht. Intrige war fast schon ein Witz dagegen, wie hier in Vaterland das Großdeutsche Reich zum Leben erweckt wird und man beim Lesen regelmäßig den Blick langsam über den Buchrand erhebt, in Erwartung einem Spitzel gegenüber zu sitzen, der einen geradewegs verpfeifen will. Es ist eine unangenehme und erdrückende Atmosphäre, die von der ersten Seite an greift und dieses unwirkliche Szenario mit vernebelndem Leben erfüllt. Der genau das, was man im Geschichtsunterricht früher so unglaublich surreal empfand, zur lesbaren Realität werden lässt. Doch im Grunde fühlt sich das alles tot an. Nicht lebensfähig… nicht lebenswert. Und genau das hat mich den mürrischen Anfang über mich ergehen lassen, ehe das Tempo und die Stimmung ab dem Zusammentreffen von März und Maguire mächtig anziehen. Es entwickelt sich zu einem Wettlauf gegen die Zeit, was vielleicht etwas stereotyp klingen mag, es aber keinesfalls ist. Spionage und Überwachung, all das ist gehörige Würze in dieser Suppe, die so heiß und authentisch die Kehle hinuntergleitet – trotz der fiktiven Elemente.
Dieser Thrill, der sich allmählich entwickelt, hat mich zwar erst spät gepackt, dafür aber nicht mehr loslassen wollen, womit ich tatsächlich absolut nicht mehr gerechnet hatte.
Dieses ständige Misstrauen in der Luft, das zwischenmenschliche Beziehungen – selbst innerhalb der Familie – vergiftet, der ausgeprägte Gerechtigkeitssinn, die Frage nach der Wahrheit: Nicht nur den Fall betreffend. Die Frage nach der Wahrheit, über das Deutsche Reich, wie es von außen betrachtet gesehen werden muss. Was andere denken, die nicht unter dem Einfluss der Gedankenmanipulation stehen. Doch wer diesen freien Gedanken verfällt, der ist schon so gut wie tot…

„Was soll man tun“, sagte er, „wenn man sein Leben der Jagd von Verbrechern geweiht hat und dann nach und nach entdeckt, daß die wirklichen Verbrecher die sind, für die man arbeitet? Was soll man tun, wenn einem jeder sagt, man solle sich nicht darum kümmern, man könne doch nichts dagegen tun, es sei schon vor so langer Zeit geschehen?“
Sie sah ihn jetzt auf eine ganz andere Weise an. „Ich nehme an, man wird verrückt.“
„Oder schlimmer. Man kommt zur Vernunft.“

Es ist bittere Lektüre, die der historienversierte Journalist und Schriftsteller Robert Harris seinem Leser auftischt. Nein, es ist ein faszinierendes Gedankenspiel. Ein Gedankenspiel, welches glücklicherweise nur auf Papier existiert und niemals wahrgeworden ist. Vaterland, ein historisches Grauen, das den Kopf an nichts anderes denken lässt, als „Was wäre wenn…?“.

4 (3,75)/5 Sterne

via amazon.com [© Heyne / Randomhouse]
via amazon.com [© Heyne / Randomhouse]
Vaterland [Fatherland]
Autor: Robert Harris
Erscheinungsjahr: 1992 (engl) / 1996 (dts)
Verlag: Heyne
Ausgabe: 39. Auflage 2013
Seiten: 384
ISBN-10: 3453072057
ISBN-13: 978-3-453-07205-3

Leseprobe via randomhouse.de

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21 Kommentare zu “[Literatur] Vaterland (1992)”

  1. Ich habe das Buch damals verschlungen und oftmals ist es mir kalt den Rücken hinutergelaufen. Es ging mir aber ähnlich wie dir. Ich habe danach „Enigma“ von ihm gelesen und damit habe ich mich schwer getan, es kam mir sehr zäh vor.Es ist, glaube ich, selten eine gute Sache viel vom gleichen Autor/ gleicher Autorin hintereinander zu lesen.

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    1. Ich fand es auch ganz merkwürdig und faszinierend. Immer wenn der Griff zum Buch ging, dann dachte ich: „Möchtest du dich wirklich wieder in diese dunkle Welt begeben?“. Das hing wie ein Schleier darüber.
      Schlimm ist es ja, dass man sich das alles so gut vorstellen kann…

      Jepp, das hatte ich dann auch festgestellt. Nachdem die ersten paar Seiten abgesehen von der vorherrschenden Stimmung (die eben wirklich ab Anfang an packt) langwierig und anstrengend waren, musste ich vorerst aufgeben und zwei völlig andere Bücher dazwischenschieben. Danach ging es super flüssig weiter, muss wohl genau die richtige Stelle erwischt haben. Habe gestern noch „Aurora“ von ihm bestellt und werde es trotzdem recht schnell danach lesen. (Man lernt’s ja nicht…) Vor „Enigma“ bin ich etwas zurückgeschreckt, da habe ich noch so manches aus der Verfilmung im Kopf.

      Es ist nur immer schwer, sich von einem Buch loszueisen und die Erwartungen nicht auf das nächste zu übertragen. Selbst wenn man es gar nicht will, mit einem Vergleich ist man zu schnell zur Hand.

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  2. Ich fand den Film damals mit Rutger Hauer recht sehenswert. Das Buch kenne ich noch nicht. Dafür hatte ich Philip K. Dicks „The Man in the High Castle“ gelesen, das eine ähnliche Thematik bedient. Wird ja jetzt von Amazon als Serie verfilmt…

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    1. Ja, der Film für sich gesehen ist gut, als Verfilmung nicht mehr so ganz. Leider. Aber es war von vornherein klar, dass an diese Atmosphäre nicht angeknüpft werden kann. Dafür ist das zu dicht und wird im Film auch nur angeschnitten.
      Wie ist denn das Buch? Der Trailer zur Serie hat mich neugierig gemacht…?

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              1. Ich frag mich, wie viele Bücher so ein Zimmerboden aushalten kann. 😄
                Aber hey, ich dachte mir, ich geb John Scalzi mal ne Chance, der soll ja auch super sein. Und Marille Grünblatt (Hase im Apfelbaum) brachte mich auf Geoffrey of Monmouth. 😳

                Gefällt 1 Person

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