[Serie] Sühne (2012 JP)

Der japanische Zweiteiler Sühne oder auch Shokuzai ist nicht ganz ohne, zehrt an den Nerven und auch an der Geduld.

Fünf Mädchen spielen auf dem Schulhof ihrer Schule, als ein Mann um Hilfe bittet und eines der Mädchen weglockt. Die Mädchen sind skeptisch, doch lässt sich die neueste in der Clique darauf ein und geht mit dem Fremden mit. Besorgt warten die Mädchen und als ihre Freundin nicht zurückkehrt, machen sie sich auf die Suche nach ihr. Sie finden jedoch nur ihre geschändete Leiche in der Turnhalle. Obwohl sie den Täter gesehen haben, können sie ihn nicht beschreiben, woraufhin die Mutter des getöteten Kindes, Asako, sie unter Druck setzt und dazu zwingt, dieses Unvermögen zu sühnen. Wie, ist ihnen überlassen… doch lebt Asako in der Hoffnung weiter, dass sich die Mädchen dadurch an den noch immer freilaufenden Täter erinnern mögen und er so seine gerechte Strafe erwartet.

In zwei Teilen (respektive 5), die zusammengezogen 4 1/2 Stunden dauern, begleiten wir die nun erwachsenen Mädchen 15 Jahre später und blicken in ihren Alltag. Jede der Frauen versucht, die Vergangenheit auf andere Weise zu bewältigen, versucht sich daran, das zu sühnen, was sie damals nicht konnten: Die nötigen Hinweise der Polizei zu liefern, weshalb der Täter noch immer auf freiem Fuß ist. Dabei werden in jedem Teil je zwei Schicksale behandelt, die in episodenhaften Einzelgeschichten in das Gerüst des großen und ganzen zusammengefügt werden.

Es ist mit Sicherheit erbaulich, das Thema der Sühne nicht in einem obligatorischen Blutbad serviert zu bekommen, sondern tatsächlich vermehrt im dramaturgischen Rahmen behandelt zu sehen. Das funktioniert hier jedoch mehr schlecht als recht, denn für die eingeschlagenen Lebenswege der vier Frauen benötigt es nicht nur einiges an Fantasie, sondern auch eine kühne Toleranz gegenüber dem Drehbuch.
Gerade im ersten Teil fordert die Erzählung schon einiges an Nerven und Glaubwürdigkeit ein, die man als Zuschauer nur schwer aufzubringen vermag, da es leider zu früh abstrus wird. Doch hat man diese erste Geschichte erst einmal verwunden, überrascht „Sühne“ mit einer unbewussten Kälte, die zunächst von den einzelnen Frauen und am Ende von der Mutter des ermordeten Mädchens ausgeht. Das Erlebte hat sie geprägt und der nach außen hin offene Schein trügt. Sie alle tragen ihre Schuld mit sich herum, die sie zwar verborgen halten möchten, es aber nicht können. Dafür begegnen sie nicht nur auf ihren selbstentschiedenen Pfaden gravierenden Wegpunkten die sie zur inneren Einkehr zwingen, sondern über kurz oder lang auch Asako, der Mutter des ermordeten Mädchens, die sie an ihre gegebenen Versprechen erinnert und auf diesem Wege die Sühne der Mädchen einfordert.
So werden alle Geschichten gebündelt, auf einen Nenner gebracht, doch wirklich unter einen Hut bekommt es die Regie unter Kiyoshi Kurosawa nur selten. Dafür sind die Einzelgeschichten zu bewusst zu unterschiedlich, drängen sich und den Frauen eigene Marotten auf und scheitern im Endeffekt an deren Glaubwürdigkeit. Natürlich spielt hier auch die japanische Kultur eine Rolle, in der manches nun mal anders läuft, als hier im Westen und diverse kulturelle Gepflogenheiten auch gänzlich anders aufgefasst und/oder behandelt werden. Damit hat man sich hier anzufreunden, oder man scheitert allein deswegen an dieser kleinen japanischen Mammutserie.

Ist das Eis jedoch erst einmal gebrochen, offenbart sich in Shokuzai eine Finesse. Der Teufel liegt im Detail, was auch die Inszenierung selbst früh verdeutlicht:
Während dem eigentlichen Auslöser der Geschichte vergleichsweise wenig Zeit eingeräumt wird, erhalten die Frauen sehr viel Raum, unabhängig voneinander. Wir blicken in ihren Alltag, ohne jedoch das Gefühl zu erhalten, sie wirklich kennenzulernen. Stattdessen beobachten wir sie, wie ihr Karma sie einholt, sie sich an prägnante Wendepunkte begeben, die ihnen dann ihre Konturen verleihen. Vieles vorher ist unter überflüssiges Geplänkel einzuordnen. Denn wirklich erzählt wird dort nichts, stattdessen wird ausufernd in (Selbst-)Mitleid gebadet, wofür die Serie schlichtweg als zu lang zu betrachten ist. Was den Film- und Serienfreund jedoch immer wieder erstaunt aufschrecken lässt, ist die wunderbare Ästhetik. Die „Mise en Scène“, der Bildaufbau im Inneren. Die gezeigten Bilder brennen sich aufgrund ihrer Einfachheit förmlich ins Gedächtnis, dennoch sind sie nicht als simpel zu betrachten, sondern als wunderschöne Cinematographie, die speziell die ruhigen Passagen mit dieser unangenehmen Kühle unterlegt – dem Zuschauer immer vor Augen führend, dass es nicht vorbei ist, ehe das, was Asako fordert, erfüllt ist.

Aufgrund der unterschiedlichen Schicksale, die etwas zu konstruiert daherkommen, könnte man der viereinhalb stündigen Serie Langatmigkeit vorwerfen. Und das ist sie auch. Eine Stunde hätte sie sich bestimmt kürzen lassen können, ohne dabei um ihre eigentlich angepeilte Aussage fürchten zu müssen.
Die letzte Stunde erinnert dann auch eher an ein gesetztes Rachedrama und spult die Konsequenz aller vorangegangenen Handlungen gnadenlos und für sich selbst stehend herunter. Was man nun von der Quintessenz der Geschichte halten mag, sei mal verhalten dahingestellt. Zumindest hätte es für einen eigenen Film gereicht.

Sühne oder eben Shokuzai fordert. Fordert vom Zuschauer und bedient sich an dessen Geduld. Weitestgehend unkommentiert zeigt es die Frage und den Gedanken hinter der Sühne, der sich letztlich jeder Mensch auf eigene Weise stellen muss, ehe das Ende dann mit einer eigenen Antwort auf den Zuschauer lauert. Dazwischen liegen jedoch rund 270 Minuten, die es dem Zuschauer nicht immer leicht machen. Immerhin sei der Serie die ruhige, auf den dramatischen Aspekt beruhende und weitestgehend gewaltfreie Herangehensweise zu Gute gehalten.

Schauen könnt ihr die Serie übrigens noch bis zum 31.7. im Onlinegebot von arte. Kostenfrei versteht sich.

5,5/10 Punkte

Sühne-Shokuzai---PosterSühne [Shokuzai; 贖罪; Penance]
Jahr: 2012 JP
Idee: Kanae Minato | Regie & Drehbuch: Kiyoshi Kurosawa
Cast:
Kyōko Koizumi, Yū Aoi, Eiko Koike, Sakura Andō, Chizuru Ikewaki, Ryō Kase, Ayumi Itō, Mirai Moriyama, Teruyuki Kagawa, Hirofumi Arai, Kyūsaku Shimada, Kenji Mizuhashi, Tomoharu Hasegawa, Tetsushi Tanaka, Hazuki Kimura

Trailer (frz. UT):

Bilder via wowow.co.jp/dramaw/shokuzai/gallery; sinematurk.com [© WOWOW INC.]

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8 Kommentare zu “[Serie] Sühne (2012 JP)”

  1. Hört sich ziemlich anspruchsvoll an, weil ja doch zwischen Form und Inhalt ein ziemlicher Bruch ist. Man erwartet bei Rache ja etwas anderes, als einen Blick in den Alltag und eine genaue Analyse der Gefühle, die dieses traumatische Erlebnis nach sich gezogen hat. Hm. Gut, noch drei Tage in der Mediathek, kann man mal reinschauen, auch wenn ich befürchte, dass mir da der Zugang fehlt. Mal schauen.

    Spannend nach wie vor, wie gut du Filme und Serien rezensierst. Gefällt mir sehr! 🙂

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    1. Gut, die Rache folgt ja womöglich erst noch. Primär geht es hier tatsächlich um die Sühne und wie die Mädchen danach leben. Spannend im Kern ist das schon. Wenn auch sehr ausbaufähig… Aber kannst ja mal reinschauen. Episode 1 schreckt vielleicht etwas ab, danach wird es jedoch sehr viel eingänglicher.

      Hach, das geht runter wie Öl. Dank dir! Gebe mir Mühe, es so zu halten. 😉

      Gefällt 1 Person

      1. Ah, ok, dann haben meine Gedanken sich bereits von deinem Text fortbewegt! 😳
        Gut, dann passt es natürlich wieder von der Thematik. Und wenn ich dazu komme, werd ich auf jeden Fall die ersten zwei Episoden anschauen. 🙂

        Gern geschehen. 🙂 Ich werd weiterhin ein Auge drauf haben, dass du das auch schaffst! 😀

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  2. Ah, du hast das auch kürzlich auf Arte geschaut!? 😀 Ich auch, wobei mich neben dem bloßen Fakt, dass es eine japanische Serie ist, doch ziemlich gelockt hat, dass es wohl auf einem Buch von Kanae Minato basiert. Genauso wie der recht bekannte Film „Geständnisse“. Da musste ich es einfach gucken, weil ich bei Geständnisse sehr hin- und hergerissen war, ob ich es nun gut oder schlecht gemacht finde.
    Sühne fand ich allerdings verhältnismäßig schlecht. Mir hat auch die karge und bemühte Machart nicht gefallen. Insbesondere in den ersten beiden Kapiteln fand ich die Settings extrem schlecht ausstaffiert und das wirkte auf mich sehr unnatürlich. So als ob man erst einen Tag vorher beschlossen hätte „Da drehen wir. So … kanns losgehen?“ Bei der 3. und 4. Episode habe ich die untersättigte kalte Atmosphäre und Bildfarbe als sehr störend empfunden. Während man in amerikanischen Popcornkino-Produktionen dazu neigt alles in organge und teal zu tunken, zieht man hier fast das ganze Leben raus … das nervt mich an asiatischen Produktionen manchmal sehr. Sehr schade beim Medium Film.
    Und die Handlung hat mich leider auch nicht überzeugt. Dramaturgisch und inszenatorisch fand ich es doch ziemlich viel schlechter als Geständnisse und war immer mal reichlich gelangweilt. Die letzte Episode fand ich aber sehr viel stärker als den Rest der Serie – das ist mir sehr positiv in Erinnerung geblieben …
    ach … seltsame Serie.

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    1. Habe mich den einen Abend mit der Mediathek rumgeschlagen, nachdem die Festplatte wiedermal voll war. 😀
      An „Geständnisse“ fand ich mich auch etwas erinnert, wenn gleich „Sühne“ im direkten Vergleich mächtig abs(t)inkt. So schlimm wie du fand ich es allerdings nicht ganz. Die gewählten Farben waren für mich immer an der Grenze zum erträglichen, in Episode eins muss ich dir allerdings doch zustimmen. Da steckte wirklich nichts mehr an Leben drin, was wiederum zum Puppenmotto passte…
      Der direkte Vergleich mit „Geständnisse“ ist aber auch nicht ganz fair, schließlich unterscheiden sich die Konzepte doch sehr. 😉
      Ist ja ulkig das es bei dir ausgerechnet die letzte Episode war, die Eindruck zu schinden vermochte. Den Anfang fand ich davon bspw. noch okay, aber je näher die Auflösung rückte, stellte sich der Meh-Effekt ein. Da fand ich Ep 3 sehr viel eindringlicher, obwohl die locker für sich hätte stehen und spielfilmfüllend gewesen wäre…
      „Seltsame Serie“ trifft es da wirklich gut.

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