[Preview] Boy 7 (2015 DE/NL)

Gesneaked.

Wann auch immer es nun wirklich war, als das deutsche Kino sein Mojo verlor, so lässt sich dieser Tage doch ein deutlicher Trend erkennen: Das deutsche Genrekino will wieder. Es greift nach Möglichkeiten.
Im Falle von Boy 7 wirkt es jedoch noch zu unentschlossen.

Boy 7 ist ein Stoff, der in Buchform sicherlich (v)erträglicher ist, als in waghalsig verpackte Bilder eines Films. Die Geschichte um Sam/Boy 7 (David Kross), der plötzlich ohne Erinnerung aufwacht, von der Polizei verfolgt wird und auf ein wildfremdes Mädchen (Emilia Schüle) trifft, ist gar nicht mal soo uninteressant. Dabei beginnt Regisseur Özgür Yildirim mit einer gewagten POV-Perspektive, die mal erfrischend anders ist, aber so mit Amnesieeffekten (Unschärfe, Verwischungen, etc.) zugeballert wird, dass man froh sein kann, wenn sich die Kamera einigermaßen beruhigt und Boy 7 nicht mehr durch die grellen Lichter einer U-Bahnstation jagt. Ein Blick in den Spiegel, die Kamera wechselt und die durchgehende(!) Schräglage der Perspektive zeigt, was der Film auf drängen sein will: Er will wild sein, gefährlich, innovativ und einfach anders sein. Zugegeben, das muss man dieser Verfilmung lassen. Sie zieht ihr Ding konsequent durch. Dafür krankt es wiedermal an ganz anderen Stellen, die so typisch deutsch sind.

Deutsche Filmemacher schaffen es heutzutage kaum noch, ihre Bilder für sich sprechen zu lassen. Stattdessen ergießen sie sich in lange, ausgewalzte und nichtige Dialoge. Es wird erzählt und erzählt, ohne dass dabei erzählt wird. Es wird alles besprochen, gefühlt jedes noch so uninteressante Detail in Worte gepackt, alles bis auf den kleinsten Nenner aufgedröselt. Und so wird die verwegene Kameraführung zum Alibi. Wenn man nichts zu erzählen hat, liegt es am Drumherum, die Aufmerksamkeit des Zuschauers irgendwie zu fesseln. Ihn bei Stange zu halten. Da dieses Mittel hier aber zu sehr ausgereizt wird, funktioniert auch das nicht mehr, es wirkt zu erzwungen, es wird langweilig. Und Boy 7 ist einfach langweilig. Die Höhepunkte werden an den Anfang und das Ende gesetzt, zwischendrin plätschert das Geschehen nur so vor sich hin. Selbst wenn es sich andeutet, etwas klimatisches zu sehen zu bekommen, kullert alles stur vor sich hin, wird nach einer Art zusammengeklauter Checkliste abgehakt
(Spoiler: Jens Harzer als Isaak wandelt sich bspw. vom geleckten irritierenden Ausbilder zum klinisch sterilen Bond-Bösewicht)
und man weiß einfach nie so recht, auf was der Film eigentlich hinausmöchte. Er nimmt sich selbst so ernst, dass die amüsanten Einschübe ins abstrus Lächerliche abdriften, traut sich was in der Geschichte und zähmt sich dann selbst wieder in ihren spannend anmutenden Ausflüchten. Kurz: Er gibt sich innovativ mit seiner Machart, das typisch deutsche Gerüst lässt sich jedoch nicht abschütteln. Über die gequälten Marotten der Figuren wird besser gleich ein Mantel des Schweigens gelegt…

Und so steht am Ende wieder der Gedanke: Die Deutschen kriegen es einfach nicht mehr gebacken. Boy 7 meint es gut und das muss man ihm auch anrechnen. Aber im Endprodukt ist es nichts weiter als ein langweiliger, klischeebehafteter Genrefilm mit unzähligen lästigen Kinderkrankheiten. Wie wohl die zeitgleich entstandene niederländisch-ungarische Produktion ausschaut? Ich will es gar nicht wissen…

3/10 Punkte

Boy-7---PosterBoy 7
Jahr: 2015 DE/NL
Regie: Özgür Yildirim | Drehbuch: Özgür Yildirim, Philip Delmaar, Marco van Geffen (literar. Vorlage: Mirjam Mous)
Cast:
David Kross, Emilia Schüle, Ben Münchow, Jens Harzer, Jörg Hartmann, Liv Lisa Fries, Buddy Ogün, David Berton, Anna von Haebler, Ceci Schmitz-Chuh, Karin Johnson, Nina Petri

Bilder © Koch Media

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25 Kommentare zu “[Preview] Boy 7 (2015 DE/NL)”

  1. Das Poster sieht auch schon so klischeehaft aus 😀 du hast mich aber allein schon mit dem ersten Satz neugierig gemacht, die Ansätze von deutschem Genrekino muss man doch unterstützten, uns sei es nur, damit mehr aus der Richtung kommt 😀

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    1. Dann musst du den Film mal sehen! ;D
      Ja, es stimmt schon was du schreibst. Derzeit ist mit „Victoria“ ja noch ein interessanter deutscher Vertreter im Kino. Den werde ich auf DVD mal genauer unter die Lupe nehmen. Aber so langsam scheinen sich deutsche Regisseure wieder was zu trauen.

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      1. Ist das wichtigste, v.a. weil sie endlich mal wieder auch mediale Aufmerksamkeit bekommen, und über Filme wie Victoria oder who am i wird groß berichtet. Lass uns hoffen, dass der Schweiger/ schweighöfer Stil nur eine Phase wie der Heimatfilm ist und jetzt bessere Zeiten anbrechen 😀

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  2. Ich habe das Hörbuch gehört und muss sagen, dass es mich schon damals nicht besonders überrascht hat. Der Plot war sehr hervorsehbar, doch bei den ersten Sekunden des Trailer hatte ich Hoffnung. Durch das Gerüttle war es mal etwas anderes, aber naja der Rest des Trailer hält mich davon ab in den Film zugehen 😀

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    1. Ich glaube dennoch, dass deutsche Regisseure noch ihre Zeit brauchen. Heil, ist nun ja nicht gelungen auch wenn der Trailer vielleicht gelungen war. Victoria ist da auch meine letze Hoffnung, auch wenn die Story so gar nicht meins ist

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      1. Es ist auf jedenfall eine gern gesehene Entwicklung, vom typisch seichten Stoff wegzukommen. Victoria hat mich vom Trailer her auch nicht wirklich umgehauen, mittlerweile reizt mich die Machart jedoch.
        Naja, es wird so oder so noch dauern, so ein Prozess passiert nicht innerhalb von ein paar Jahren. Schön wenn sich trotzdem jemand traut, auch wenn das Endprodukt noch nicht überzeugen kann.

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  3. Die Deutschen kriegen es auch in den letzten Jahren sehr wohl auf die Reihe (siehe MASKS, HELL, HAI ALARM AM MÜGGELSEE, LOVE STEAKS, ZEIT DER KANNIBALEN)! Das der Film nicht so gut war, glaube ich dir gerne, aber so pauschal kann man das nicht sagen 😉

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    1. Von den letzten deutschen Filmen habe ich mit HELL oder URBAN EXPLORER so gar keine glücklichen Erfahrungen gemacht. Naja, aus ebendiesen Gründen sind mir deutsche Filme einfach nicht lohnenswert genug.
      Dann ziehe ich die Aussage mit dem über den Kamm scheren zurück, aber so einen richtigen Reißer habe ich dennoch noch nicht gesehen…

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        1. Doch, hin und wieder darf es gerne Horror sein. Aber diese Filme enden einfach IMMER blöd. Schlichtweg blöd. Ich weiß noch wie ich im Kino zu HELL saß und sie auf dieser Farm festgehalten wurden. Da war es für mich vorbei. Null Innovation, null andersdenken, stattdessen wird wieder zum x-ten Mal das gleiche durchgekaut, was man aus viel zu vielen anderen Filmen schon (besser) gesehen hat. Es sind diese Kleinigkeiten, die immer größer werden. Und dann schießt es mich quasi weg.

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    1. Der hat bei mir ja sowieso schon seit „Der Vorleser“ verschi**en, aber hier gibt er sich noch einigermaßen Mühe. Auch wenn er gut und gerne mal 10 Sekunden überlegen muss, wie er die Gesten im Script auch in die Tat umsetzen muss. Kein Witz, er steht gefühlte 10 Sekunden vor einem Klokasten, hat schon eine Ahnung dass er darin etwas finden wird und überlegt trotzdem erst… Tzz.

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      1. Ach .. bei dir auch? Aber ich glaube das war schon bei Krabat. Kam der eher? Ich weis es nicht mehr .. der mit seinem Kristen Stewart ähem total wandelbaren Gesichtsausdruck … niiiiicht!

        Mann … danke David .. jetzt wenn ich Inspiration brauche, schaue ich auch in den Spühlkasten. Aber erst nach 11(!) Sekunden, denn ich brauche länger 😛

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