[Literatur] Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki (2015)

Es ist ein kleines Wunder, dass mich Haruki Murakami mit diesem Buch so vollkommen aus den Socken gehauen hat. Zumindest hatte ich das nicht erwartet. Nachdem Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki schon seine Runden durch die Blogosphäre drehte, wurde ich neugierig. Normalerweise kann ich mit solchen Slice of Life-Geschichten nur wenig anfangen, wissen sie mich einfach zu selten zu fesseln. Hier war es jedoch vollkommen anders und es glich einer Erfahrung, die ich jedem einzelnen von euch ans Herz legen möchte.

Handlung

Tsukuru Tazaki gehörte zu Schulzeiten einer Clique an, bestehend aus fünf Freunden, die eine einzigartige Chemie miteinander verband. Sie machten alles zusammen, konnten kaum ohne einander. Und doch gab es unausgesprochene Regeln, sodass sich niemand wie das fünfte Rad am Wagen fühlen sollte, was ihnen außerordentlich gut gelang.
Auch nach der Schulzeit und den ersten Jahren an der Universität hielten die Freunde den Kontakt zueinander aufrecht und es war fast wie in alten Zeiten. Doch urplötzlich und aus heiterem Himmel brechen die vier Freunde den Kontakt zu Tsukuru ab. Ohne ein weiteres Wort, ohne Erklärung. Tsukuru ist am Boden zerstört. Zahlreiche Jahre später fasst er den Entschluss, den Grund für die Verbannung zu erfahren. So begibt er sich auf eine Pilgerreise in die Vergangenheit…

„ Etwa eine Stunde später hatte er seine Einkäufe erledigt und ging, um sich auszuruhen, in ein Café auf der Omotesando. Er setzte sich an eine der großen Fensterflächen, bestellte sich einen Kaffee und ein Sandwich mit Thunfisch und beobachtete die Passanten, die im Abendlicht vorübergingen. Viele von ihnen waren glücklich wirkende Paare. Sie alle schienen auf dem Weg zu einem besonderen Ort zu sein, an dem etwas Schönes sie erwartete. Der Anblick dieser Menschen versetzte ihn in eine friedliche, leblose Stimmung. Er fühlte sich wie ein vereister Baum an einem windstillen Abend im Winter. Aber es war nichts Schmerzhaftes daran. Tsukuru hatte sich in all den Jahren so an diesen Geisteszustand gewöhnt, dass er nicht darunter litt. „

Das Buch

Die Geschichte von Tsukuru Tazaki erscheint auf den ersten Moment an tragisch. Und obwohl sie recht überspitzt daherkommt, ist es doch eine Geschichte, die man selbst bis in den Kern nachvollziehen kann. Denn wer kennt es nicht, wie sich nach der Schulzeit enge Freundschaften im Laufe der immer vorwärts ziehenden Zeit im Sande verlaufen? Man läuft sich zwar zufällig mal über den Weg und wenn man dann wieder ins Gespräch kommt, fühlt es sich noch genauso an wie damals, aber man verspürt diese imaginäre Wand. Als trenne sie die Beteiligten voneinander, die dann auch noch dafür sorgt, dass man es nicht schafft den Hörer in die Hand zu nehmen und die Freundschaft regelmäßig wieder aufzufrischen. Obwohl man es sich fest versprochen hat. Jeder geht seines eigenen Weges und wehmütig denkt man an die alten Zeiten zurück, in denen das alles so selbstverständlich schien…
Und genau so ergeht es Herrn Tazaki. Einzig der Umstand ist ein anderer. Denn von jetzt auf gleich blocken ihn seine besten Freunde. Ohne ein Wort, ohne beiläufige Erklärung. Der Stecker ist gezogen und keiner will ihn wieder reinstecken. Aus und vorbei. Für Tsukuru bricht eine Welt zusammen. Er, der sich sonst so in der Gruppe wohlfühlte. Eine Gruppe, in der unausgesprochene Gesetze herrschten, die dafür sorgten, das sich in dem Quintett keiner ausgeschlossen fühlen sollte und dabei durch dick und dünn gingen. Doch kaum haben sie die Oberstufe hinter sich gelassen, ist das alles vorbei. Der farblose Herr Tazaki ist allein.

Und doch ist es keine gewöhnliche Außenseitergeschichte. Haruki Murakami hat kein Problem damit, seine Protagonisten als versehrte Männer vorzustellen. In Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki startet er mit einem Mann, der am Boden zerstört ist. Sich damit abgefunden hat und keinen Sinn mehr in seinem Leben sieht. Er fühlt sich so trostlos, niedergeschlagen. Doch so leicht kommt er nicht davon und das weiß er auch. Er rafft seine letzten Kräfte zusammen und begibt sich auf eine Pilgerreise in die Vergangenheit.
Natürlich möchte man unbedingt wissen, was damals vorgefallen ist, woher diese plötzliche Ablehnung rührt. Und doch ist dieses Buch mit so vielem mehr gefüllt. Es ist schwer in Worte zu fassen, wie Murakami einen ganz eigenen Mikrokosmos erschafft und diesen mit Leben füllt. Und Leben ist ein weites Feld für diesen Ausnahmeschriftsteller. Er scheut sich nicht, die Grenzen zwischen Realität und Traum verschwimmen zu lassen. Seinen Leser selbst entscheiden zu lassen, was nun Wirklichkeit ist und was lediglich selbst erdachten Gedankengängen Tsukurus entspringt. Dazu nimmt er den Leser an die Hand und führt ihn mitten durch das Leben Tsukuru Tazakis. Durch all seine Facetten, durch all seine Gefühlslagen. Und es ist die schiere Faszination, die von diesem doch recht gewöhnlichen Menschen ausgeht, mit seinem Hang zu Bahnhöfen.

Es ist dieser Hauch Surrealität in der Geschichte, mit dem ich erstaunlicherweise sehr gut zurecht kam. Wenn Tsukuru auf Menschen trifft – in welchem Zusammenhang auch immer – haben diese meist etwas zu erzählen. Und manchmal fängt es so glaubwürdig an, ehe sich am Ende das Gefühl einschleicht, einen Bären aufgebunden zu bekommen. Doch wo diese Grenze verläuft, das ist zu keiner Zeit festgelegt. Es ist ein unverblümt fließender Übergang, der den Leser schmunzeln lässt. Wie ein Traum, in dem man plötzlich hineingelangte, ohne zu wissen wie. Ohne zu wissen, wann er genau anfing. Und genau so darf man sich manche Tagträumereien in diesem Roman vorstellen, die noch dazu eine angenehm philosophische Schwere mit entzückender Leichtigkeit vortragen. Verrückt, wie schnell man dabei auf den Geschmack kommen kann und sich in diesen Selbstfindungsreisen zum Teil sogar selbst wiedererkennt…

Und erotisch ist dieser Roman! Mein lieber Schwan! So etwas sinnlich leidenschaftliches findet man selten. Voller Ekstase wird sich träumerisch geliebt, das Leben und die Liebe zelebriert und auf ihren kleinsten gemeinsamen Nenner heruntergebrochen. Es ist wunderschön.

Allerdings gibt es eine Sache, an der ich mich bei diesem Ausnahmewerk störe: Das Ende vom Ende. Die Auflösung der Geschichte ist in Ordnung, der Weg ist hier ohnehin das Ziel. Aber dieses Ende wurmt mich. Ich fühlte mich auf den letzten Seiten etwas zu verloren und konnte mir keinen Reim darauf machen.
Murakami lässt die Türen gerne offen. Das habe ich nun nach dem Lesen zwei seiner Romane schnell begriffen. Menschen kommen und gehen, wie das im Leben nun mal so ist. Mich stört keineswegs, dass nicht jede aufgeworfene Frage beantwortet wird. Aber dieses Ende. Hach. Es kann schon gemein sein und ich fühlte mich etwas im Regen stehen gelassen. So ganz ohne Regenschirm. Da hilft es eigentlich nur, das Buch jemand anderem mit Ausdruck an’s Herz zu legen, damit man jemanden zum diskutieren hat. Um über dieses Ende zu philosophieren. Aber wie ich zuvor schon schrieb: Auch das ist etwas, was den Reiz dieses Buches ausmacht. Diese unzähligen Schritte entgegen dem Undefinierten. Das Unausgesprochene. Denn auch im wahren Leben gibt es zu viel unausgesprochenes zwischen den Menschen. Und genau das fällt irgendwann auf jemanden zurück.
Der farblose Herr Tazaki kann sprichwörtlich ein Lied davon singen.

„ Eifersucht war – das hatte Tsukuru durch diesen Traum begriffen – das trostloseste Gefängnis, das es auf der Welt gab. Denn es war ein Gefängnis, in das der Gefangene sich gewissermaßen selbst einsperrte. Niemand zwang ihn dazu. Er ging aus freien Stücken hinein, schloss von innen ab und warf den Schlüssel durch das Gitter nach draußen. Und niemand auf der ganzen Welt wusste, dass er dort eingekerkert war. Nur wenn er sich selbst dazu entschloss, konnte er es verlassen. Denn das Gefängnis befand sich in seinem Inneren. Doch er war außerstande, diesen Entschluss zu fassen. Sein Herz war von einer unüberwindlichen Mauer umgeben. Das war die wahre Natur der Eifersucht. “

Fazit

Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki verzückt in aller größtem Maße. Es ist eine unbeschreiblich schwer zu fassende Art, mit der der japanische Schriftsteller Haruki Murakami die Grenzen der Wahrnehmung verschwimmen lässt und dem Leser selbst einen Großteil der Geschichte überlässt; ihn dazu auffordert manches genauer zu betrachten und manches wiederum hinzunehmen; die verschiedenen Lebenswege selbst auszufüllen. Und doch gibt es in diesem Roman so viel zu lesen. Zu fühlen. Zu erleben. Zu sehen.
Dieser Roman ist eine Empfehlung auf ganzer Linie.

5*/5 Sterne

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© btb

Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki [Shikisai wo motanai Tazaki Tsukuru to, kare no junrei no toshi]
Autor: Haruki Murakami
Erscheinungsjahr: 2013 (jp) / 2015 (dts)
Verlag: btb
Ausgabe: 1. Auflage 08/2015
Seiten: 320
ISBN-10: 344274900X
ISBN-13: 978-3-442-74900-3

Hier geht es zur kostenlosen Leseprobe.

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11 Kommentare zu “[Literatur] Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki (2015)”

  1. Wow, klasse Besprechung! 🙂
    Was du beschreibst, gefällt mir sehr, sehr gut, und wenn ich mit dem Schreibstil des werten Herrn zurechtkomme, dann landet dieses Buch hier direkt auf meinem SuB!

    PS: Ich find das aktuelle Wetter inklusive Regen einfach nur herrlich! 😛

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  2. Aaaah, da ist die Besprechung 😀 Da hast du sehr schön zusammengefasst, was ich an dem Buch auch sehr mag. Inzwischen kann ich mit Murakamis offenen Enden ganz gut umgehen, aber bei dem Roman hat es mich auch mehr gestört als bei den anderen. Ich glaube ich habe heute noch keine wirklich gute Theorie wie das hätte ausgehen sollen/können.

    Wie haben dir eigentlich die Reaktionen und Erklärungen der Freunde gefallen? Irgendwo fand ich es sehr berührend und sicherlich irgendwie befreiend für Tsukuru, aber es ist auch etwas banal, dass sie nicht zu ihm gehalten haben.

    Habe eine ganze Menge Motive des Romans in „Naokos Lächeln“ wiederentdeckt … ich hoffe, dass das Echo nicht zu krass ist und ich das noch 20 Murakamis lese. Aber solange es nicht zu oft ist, finde ich das ganz charmant.

    Und oh wie war die Sache mit den Freunden die plötzlich verschwinden … das mit Haida hat mich auch sehr beschäftigt, muss ich sagen. Auch im echten Leben frage ich mich immer wieder „Warum sind die Menschen so?“

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    1. *knicks mach* Gedankt.
      Das Ende ist einfach nicht rund. Haida, ok. Freunde kommen und gehen. Aber der Schluss? Ach menno! Allerdings hat es mich nicht allzu lange gewurmt… Da hat er es in seinem Debüt „Gefährliche Geliebte“ wesentlich eleganter gelöst…
      Ja, der Grund ist so… lala. Banal trifft es sehr gut, aber trotzdem hat es sehr schön getroffen. Wurde ja dann auch noch etwas weiter ausgearbeitet, da war es nicht so platt wirkend. Aber es ist schon hart. Vor allem WIE sie ihm dann mehr oder minder gestehen… das hat mich so getroffen.
      Mit den wiederkehrenden Motiven sagst du was! Je länger ich an das andere Büchlein denke, desto ähnlicher werden sich diese. Noch finde ich es auch nicht schlimm, da mir das alles sehr gefällt. Aber ob/wann sich der Sättigungseffekt einstellt…?

      Aber jetzt stell dir mal vor, du würdest in Tsukurus Haut stecken. Irgendwie fühlte ich da viel mehr „Impact“, als wenn ich an eigene persönliche Entwicklungen zurückdenke… na aber wer weiß wie das heute wäre.

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