[Literatur] Die Saat – The Strain #1 (2010)

Tot? Wie kam sie darauf? Das Ding war doch nie lebendig gewesen…
Aber für einen kurzen Augenblick kam Lorenza das Bild einer riesigen faulenden Leiche in den Sinn, ein gestrandeter Wal. Genau so kam ihr das Flugzeug vor: wie ein verrotender Kadaver, ein toter Leviathan. „

„Nur gucken…!“ ist mittlerweile mein Standardspruch geworden, wenn es heißt den nächstbesten Buchladen unsicher zu machen. Und tatsächlich sollte nur geguckt werden. Kein Buch verirrte sich in die lesebegierigen Hände und so wollte ich schon von Dannen ziehen. Als… dieses schicke Cover meinen Blick auffing. Wie eine Elster wurde ich von diesem metallenen Design angezogen. Der Name Guillermo del Toro ist mir ohnehin ein Begriff und nach intensiver Begutachtung dann die Feststellung, dass es sich bei Die Saat um den ersten Band der The Strain Trilogy handelt, die übrigens auch gerade im Fernsehen läuft. Und da sich Bücher nun mal gerne vor der Verfilmung zu lesen eignen, war es um mich geschehen. Lange Rede, kurzer Sinn: Es folgen ein paar Worte zu dieser Zusammenarbeit Guillermo del Toros und Chuck Hogans. – Übrigens komplett spoilerfrei.

Handlung

Als eine volle Passagiermaschine auf dem JFK-Airport in New York kurz nach der Landung plötzlich nichts mehr funkt und ohne äußere Einflüsse alle technischen Geräte des Flugzeugs ausfallen, wird die Flugsicherung unruhig. Mit einem großen Aufgebot nähern sie sich dem „toten“ Flugzeug. Steht ein Terroranschlag bevor? Oder handelt es sich um etwas völlig anderes, aber nicht minder gefährliches? Das pure Böse?
Dr. Ephraim „Eph“ Goodweather und sein Team sollen herausfinden, was vor sich geht. Unterstützung erhalten sie dabei von einem gebrechlichen Mann: Abraham Setrakian, der mehr zu wissen scheint…

Das Buch

Geschrieben im Jahre 2009, hatte Guillermo del Toro bereits primär in der Filmbranche gearbeitet. Ob als Produzent, Drehbuchschreiber oder Regisseur (Pans Labyrinth, Pacific Rim) – er kennt sich mit Filmen aus, wohingegen Chuck Hogan lediglich im Literaturfach tätig ist. Und das liest sich hier deutlich heraus.
Die Saat liest sich im Kern wie ein Drehbuch und es wird schnell klar, dass die Geschichte als Verfilmung angepeilt war. Die Atmosphäre baut sich Stück für Stück auf und die ständigen Verschachtelungen innerhalb der Geschichte lassen diesen Charakter deutlich hervortreten. Aber gut, fangen wir mit dem gefälligen an.

Guillermo del Toro gilt nicht umsonst als ein Meister seines Fachs. Er lässt das Grauen langsam, sehr langsam kommen. Es könnte zunächst alles sein: ein Terroranschlag, eine Seuche… aber es ist viel grausamer. Nur was es ist, damit lässt er sich Zeit. Und das ist keinesfalls abwertend gemeint. Der Roman beginnt mit einer Schauergeschichte, die der junge Abraham Setrakian von seiner Großmutter erzählt bekommt. Und damit könnte die Ausgangslage der Geschichte gar nicht lesenswerter sein. Del Toro und Hogan spielen dabei gekonnt mit mehreren Zeitebenen und tragen diese durch ihr gesamtes Buch. Wie alles begann, der Leidensweg des (jungen) Setrakian und die Gegenwart. Diese zeitlich getrennten Abschnitte gehen dabei Hand in Hand, ohne dass sie deplatziert wirken. Stattdessen verleihen sie dem Roman eine tiefschürfende Atmosphäre, die den Leser unruhig werden lässt und zumindest mir einen unangenehmen Alptraum bescheren konnte… Diese Dichte ist komplex und genussvoll in Worte gepackt. Und doch fühlen sich diese unterschiedlichen Zeitebenen jeweils anders an, erzählen unterschiedliche Geschichten und fügen sich dennoch nahtlos in das Geschehen ein. Und davon lebt und zehrt Die Saat.

Zurück in der Gegenwart präsentiert das Autorenduo ein lebhaftes New York, mit all seinen Milieus und variablen Figurentypen. Fast schon schade dabei ist die Figurenpräsentation selbst. Eph, der Seuchenschützler, der sich in einer privaten Krise befindet und natürlich ausgerechnet im gefährlichsten Fall seiner Karriere direkt in einem Sorgerechtsstreit um seinen Sohn Zack steht. Das klassische Familiendrama, das jedoch dankenswerterweise nicht zu sehr ins Zentrum des Geschehens gerückt wird und der Leser somit vor etwaigen ausufernden Schlammschlachten herumkommt. Natürlich gibt es auch darüber zu lesen, jedoch nur peripher und in vertretbarem Rahmen. Dafür liegt den Autoren zu viel an der Geschichte, als dass sie sich in solch stereotypen Nichtigkeiten zu sehr verlieren. Hier steht eindeutig der Spannungsaufbau im Vordergrund, und einen Großteil dessen stecken sie in die Figur des Abraham Setrakian. Ein alter Mann und Pfandleiher, der zu wissen scheint was es mit dem stillstehenden Flugzeug auf sich hat. Was es mit den Passagieren der Maschine auf sich hat.
Mittels knackigen Rückblenden lernen wir aus seiner grausamen Vergangenheit, erfahren was da im Busch ist und werden stets von diesem antiquierten Hauch angeatmet, welcher diesem Roman seinen ganz eigenen Charme verleiht. Gerade darin befinden sich die ausdrucksstarken Augenblicke, wenn sich die Vergangenheit von der Gegenwart löst und den ganz eigenen Pfaden folgt, völlig unbeirrt vom Geschehen. Feinfühlig von del Toro und Hogan geschrieben, wird der Horror greifbar, hässlich und authentisch. Sie romantisieren nichts, sondern lassen das, was da draußen lauert, mit all seinem furchteinflößenden Schrecken auf die nichtsahnende Menschheit los. Und das macht schwer Laune. Dabei hasten sie nicht, lassen es sich langsam entwickeln und schöpfen von ihrem dichten Storytelling. Hier mal eine kleine Andeutung und dort… ehe die Gewalt losbricht.

Wo sie sich aber konstant selbst ein Bein stellen, ist die angesprochene Verschachtelung der Geschichte. Den einen Protagonisten gibt es hier nicht, diese Stellung teilen sich Eph Goodweather und Abraham Setrakian. Darüber hinaus hat Eph noch ein kleines Team und Familie im Schlepptau, während Setrakian ebenfalls Bekanntschaft mit dem einen oder anderen macht. Ob mit einem Latinogangster oder einem Rattenfänger namens Vasiliy. Und sie alle bekommen, ich muss es fast schon so formulieren, leidtragend ihre eigenen kleinen Handlungsstränge zugesprochen. Und so teilt sich die Geschichte in viele kleine Geschichten auf, verfolgt nicht nur die Leute des CDC, sondern auch dem gemeinen Mann, was sich wiederum auf eine Handvoll anderer, munter zusammengewürfelter Leute aufsplittet. Während das bei der Kerngruppe ja kein Problem sein sollte, stört es an anderer Stelle gewaltig. Die Szenerie wiederholt sich und bringt die Geschichte zum stocken. Während die intensive Atmosphäre beinahe durchgehend aufrechterhalten werden kann, leidet der Spannungsbogen selbst unter den wiederkehrenden Aktionen und Reaktionen, dümpelt gerade im Mittelteil siechend vor sich hin, ehe zum Schluss dann zahlreiche Handlungsstränge zusammenlaufen. Und hier ändert sich der Grundton, das Vorsichtige weicht dem Brachialen und es mausert sich zu einem Actiongelage, das in gehetztem Tempo die Brücke zur Fortsetzung schlagen möchte. Übelnehmen kann man es dem Roman nicht und zumindest lässt er seinen Leser nicht im Regen stehen, sondern schließt in sich schlüssig ab und weckt dabei das Interesse an der Fortsetzung.

Fazit

Mit Die Saat ist dem Autorengespann bestehend aus Guillermo del Toro und Chuck Hogan ein grundsolider Erstlingsroman gelungen. Es ist nichts überragendes, dafür verschachteln sie sich und wiederholen diverse Motive zu oft, was die an sich schön durchdachte Geschichte immer wieder ausbremst. Dennoch wird hier spannungsgeladen ein altes Genre wieder aufgewärmt, welches mit exzellenten kleinen Erzählungen zu punkten weiß und dem Leser nicht nur einmal einen unangenehmen Schauer über den Rücken zu jagen vermag.
Auf den zweiten Teil der The Strain Trilogy Das Blut bin ich schon sehr gespannt!

3,5/5 Punkte

The-Strain-#1---Die-Saat-Cover
© Heyne

Die Saat – The Strain Trilogy #1 [The Strain]
Autor: Guillermo del Toro, Chuck Hogan
Erscheinungsjahr: 2010 (dts) | 2009 (engl)
Verlag: Heyne
Ausgabe: 3. Auflage
Seiten: 528
ISBN-13: 978-3-453-43518-6

Hier geht es zur kostenlosen Leseprobe.

Advertisements

15 Kommentare zu „[Literatur] Die Saat – The Strain #1 (2010)“

  1. Klingt auf jeden Fall spannend und so, dass ich es auch gerne lesen würde. Sehr gespannt bin ich nun auch, was du von der Serie hältst bzw. ob sich diese stark an den Büchern orientiert.

    Gefällt mir

    1. Nathan stelle ich mir ja sehr passend vor. Wie weiß bist du denn mit den Büchern?
      Bisher (zwei Folgen gesehen) finde ich die Serie gut. Hat eben die gleichen Macken wie die Vorlage und lässt Eph viel zu cool rüberkommen. Aber sonst… finde ich es gut. Vasiliy rockt.

      Gefällt mir

        1. Entzügen? ^^ Vermutlich bist du weiter als ich.
          Jetzt muss ich aber mal in das Hörbuch horchen. Es gibt da diese eine Stelle, die mir Nathan vorlesen _muss_. (Als Setrakian in der Baracke liegt und Sardu zu ihm kommt…)
          Ha, dann auf auf, putzen, putzen. *grins*

          Gefällt mir

  2. Hm, das klingt wirklich nach so einem Buch, dass man lesen kann, aber nicht unbedingt muss. Mal schauen, wenn mir die Serie gefällt, schlag ich vielleicht einmal zu. Ich erinnere mich noch daran, dass ich den alten Mann Abraham ziemlich gut fand.

    Übrigens wurde es wohl schon vor 2009 geschrieben, da ich im Frühjahr damals ne Leseprobe bekam, die bereits übersetzt war. 😉

    Gefällt mir

    1. Also.. ja. Ich mochte das Buch sehr. Es hat eben seine Macken, aber nichts desto trotz macht es gehörig viel schaurigen Spaß.
      Hmm, hätte ich wohl besser „veröffentlicht“ geschrieben. 😉

      Gefällt mir

  3. Uhhh, die Saat höre ich gerade als Hörbuch und ich muss sagen, dass ich es nicht am Stück hören kann da sich sonst mein Magen umdreht. Mittlerweile ist es aber schon sehr spannend und ich hoffe es gibt eine plausible Auflösung. ich spekuliere auf einen guten Thriller und nicht auf ein 0815-Ding. Da hat mich deine Review irgendwie zumindest ein bisschen beruhigt. 😀

    Gefällt mir

  4. Hab die Serie nach den ersten Folgen aufgehört zu schauen … ich weiß auch nicht. Irgendwie gefallen mir die „Gegner“ nicht. Mehr Grusel und weniger Ekel, dann wärs wahrscheinlich eher mein Ding. Lediglich die Story um Abraham Setrakian und der Schauspieler 😀 hätten mich bei Laune gehalten, aber das war dann doch noch zu wenig Antrieb …
    Ist bei dem Buch eigentlich auszumachen wie groß del Torros Beitrag war?

    Gefällt mir

    1. Dann wären die Bücher wohl eher was für dich, obwohl die Serie schon ziemlich nah dran ist. Aber da ist die Atmosphäre sehr viel einengender. Die „Gegner“ (danke für das Umgehen des Spoilers :)) sind allerdings sehr akkurat übernommen. Im Buch herrscht auch sehr viel mehr Ekel und Rohheit vor. Das Gruselige kommt in der Serie einfach nicht so gut rüber. Dafür sind viele der Figuren einfach zu badass angehaucht… was wiederum schade ist und vieles von der Angespanntheit wegnimmt.

      Zu deiner Frage: Schwierig schwierig, da ich mit del Toro nicht so befasst bin. Würde ihn aber locker als groß bezeichnen, da eben auch viele Drehbuchcharakteristika drinstecken, die man so aus seinen Filmen wie bspw. „Mimic“ kennt.

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s