[Literatur] Anleitung zur Schwerelosigkeit – Was wir im All fürs Leben lernen können (2013)

Kennt ihr Chris Hadfield? Ehemann, Vater, Musiker, Astronaut, virale Persönlichkeit? Der Typ, der die Menschheit mit fantastischen Bildern der Erde via Twitter versorgte und zudem das erste Musikvideo überhaupt im Weltraum gedreht hat?
Passend zu den abgeänderten Klängen von David Bowies „Space Oddity“ folgt die Kamera dem kanadischen Astronauten quer durch die ISS, der Internationalen Raumstation, und somit dem äußersten bemannten Außenposten der Menschheit, rund 250km über der Erde.

Das Buch

Mit neun Jahren beschloss ebenjener Mann, dass er Astronaut werden würde. Schwierig für einen Kanadier, dessen eigenes Land noch nicht einmal über eine Weltraumbehörde verfügt. Und damals, 1969, genau in der Zeit der ersten bemannten Mondlandung, war es für nichtamerikanische Erdenbürger eine aussichtslose Sache auch nur daran zu denken, irgendwann Astronaut werden zu können. Aber der Junge lies nicht locker, überlegte sich „Was würde ein angehender Astronaut wohl tun?“ und ging seinen Weg. Heute, 46 Jahre später, kann Hadfield drei Flüge ins Weltall verbuchen: zwei relativ kurze Trips und einen mehrmonatigen Expeditionsaufenthalt auf der ISS, dessen Kommando er im Laufe der Mission sogar übernahm. Wie viele Astronauten also ein echter Überflieger, aber darum handelt sein Buch Anleitung zur Schwerelosigkeit – Was wir im All fürs Leben lernen können (Orig.: An Astronaut’s Guide to Life on Earth) nicht. Nicht nur jedenfalls.

Was vom Titel her wie ein Ratgeber fürs Leben klingt, kommt schon näher an dieses Buch heran, trifft den Kern aber auch nicht so recht bzw. wird ihm nicht gerecht. In eine einzige Schublade lässt es sich nicht schieben. Denn hinter dem ewig langen Titel versteckt sich einerseits eine grob umrissene Biographie des Mannes, der die Raumfahrt wieder medientauglich machte, andererseits auch ein tiefer Einblick in das Leben eines Astronauten, ob auf der Erde oder im All und nicht zuletzt ein paar persönliche Worte, wie sich Hadfields Sicht auf das Leben auf der Erde für ihn geändert hat, nachdem er nicht nur einmal den Boden unter den Füßen verlor und in der Schwerelosigkeit des Alls umhertrieb.

Mit einer sehr lockeren Schreibe beschreibt Hadfield seinen Werdegang als angehender Astronaut. Da es damals für ihn aber nahezu unmöglich erschien einer zu werden, musste er sich überlegen, wie er sich in eine möglichst günstige Position bringen sollte, um im nahezu unmöglichen Falle bereit zu sein und die Chance zu ergreifen. Mit neun Jahren wohlgemerkt. Und siehe da: Er hat es geschafft. Heute hat er dem Astronautendasein nach 21 Jahren aktivem Dienst den Rücken gekehrt und doch wirkt vieles was er beschreibt so lebendig, als wäre man als Zuschauer selbst dabei. Von den unzähligen Tests und Simulationen, bis hin zu den EVAs (Außenbordeinsätzen) und der Schwerelosigkeit im All selbst.

Dieses Buch selbst lässt sich dabei in zwei grobe Parts einteilen: Dem Weg zum Astronauten und dem Astronautendasein selbst. Wer hier eine detaillierte Biographie des Mannes erwartet, wird enttäuscht, stattdessen werden alle Eckpfeiler umrissen und erwähnt, aber genaueres bleibt dabei aus. Braucht es auch gar nicht, denn Hadfield geht es ohnehin nicht vordergründig um seinen Werdegang, auch wenn er die klare Hauptrolle innehält.
Stattdessen füllt er vieles mit eigenen Erfahrungen und Anekdoten, die einen schmunzeln und staunen, aber nie in Vergessenheit geraten lassen, welchen ehrgeizigen und anspruchsvollen Weg er für sich gewählt hat. Und das hält er seinem Leser noch nicht einmal unter die Nase. Natürlich beschreibt er, wie hart es sein kann und auch ist. Nicht nur das ständige Umherreisen mit der Familie, das ständige Getrenntsein von eben dieser, die harten Anforderungen, der Lerninput… es ist eben nicht leicht, ein Astronaut zu sein. Und doch bemüht er sich stets darum, das alles etwas ‚runterzureden‘, bodenständig und lieber eine „Null statt einer Plus Eins“ zu sein – es auch wie ein Abenteuer zu betrachten, das sich lohnt. Nicht nur wegen der wissenschaftlichen Erkenntnisse, die sie aus jedem einzelnen Trip ins All ziehen können, sondern auch, was es für den einzelnen Menschen bedeutet. Ob im All oder auf der Erde.

– Eckiger Astronaut, runde Luke –

Wer sich ein bisschen mit Chris Hadfield beschäftigt, der weiß um sein sympathisches Auftreten. Ob via Internet vor Schulklassen, die simple Fragen stellen und er dann experimentier- und zeigefreudig demonstriert, ob man im Weltraum bspw. weinen kann, oder sonstige ganz alltägliche Sachen zeigt, er weckt das Interesse und den Entdeckergeist in einem. Und das schafft er auch mit seinem ersten Buch, dass sich zu Beginn zwar recht kindgerecht liest (deutsche Übersetzung?), später aber durchaus anspruchsvolle Themen leicht verdaulich schildert. Dabei hangelt er sich kapitelweise von einem Themenschwerpunkt zum nächsten und dröselt diese detailliert auf. Zwar gibt es eine grundlegende Chronologie, dennoch verzichtet er darauf, etwaige Punkte aufzuschieben und nimmt diese auch vor dem eigentlichen Kapitel genauer unter die Lupe. Allerdings hat dieser Mann so viele Anekdoten und Geschichten parat, sodass man keine Wiederholungen fürchten muss. Spannend und lebhaft führt er einen durch die moderne Raumfahrt, ohne dabei unnötig abzuschweifen und gibt so manch spannende persönliche Ansicht frei. Er ist eben auch nur ein Mensch.

Fazit

Nicht nur für angehende Astronauten ein faszinierender Lesestoff: Anleitung zur Schwerelosigkeit – Was wir im All fürs Leben lernen können zeigt auf lockere Weise die anspruchsvolle Ausbildung der Astronauten auf, und auch, was es eigentlich bedeutet, Astronaut zu sein, wenn man gerade nicht während einer Mission durch den Orbit schießt. Die jahrelangen Mühen und Investitionen die damit verbunden sind, aber auch die Belohnungen, die nicht immer nur groß ausfallen müssen, um sie zu genießen. Aber auch, was das All mit einem einfachen Menschen anstellt. Körperlich und geistig.
Dabei lassen sich manche Handlungsweisen super in den eigenen Alltag eingliedern, ohne dass man dabei ein Raumschiff steuern muss. Denn manchmal ist es besser „eine Null zu sein, anstelle einer Plus Eins“.

Zusatz

Wer einen Eindruck von Chris Hadfield erhalten möchte, dem möchte ich zudem noch dringend diesen gut 18 minütigen TED Talk (engl.) ans Herz legen. Auf genau das könnt ihr euch bei der Lektüre einstellen:

4/5 Punkte

© Heyne /randomhouse

Anleitung zur Schwerelosigkeit – Was wir im All fürs Leben lernen können [An Astronaut’s Guide to Life on Earth – What Going to Space Taught Me About Ingenuity, Determination, and Being Prepared for Anything]
Autor: Chris Hadfield
Erscheinungsjahr: 2014 (dts) / 2013 (us)
Verlag: Heyne
Ausgabe: 1. Ausgabe (dts 05/2014) – Gebunden
Seiten: 368 (inkl. 8 Farbabbildungen)
ISBN-13: 978-3-453-20068-5
ISBN-13: 978-3-641-13779-3 [e-book]

Hier geht es zur kostenlosen Leseprobe.

 

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6 Kommentare zu „[Literatur] Anleitung zur Schwerelosigkeit – Was wir im All fürs Leben lernen können (2013)“

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