[Film] James Bond 007: Spectre (2015 GB/US)

Wie geht man an einen Film ran, dessen Vorgänger bereits genau dem entsprach, was man sich von einer Neuausrichtung des Franchises so unbedingt erhoffte? Skyfall ist für mich, mit geringen Abstrichen, exakt das geworden, auf das ich seit Casino Royale so unglaublich pochte. Und dann setzt Sam Mendes mit Spectre nach. Oder auch nicht.

Man muss es einfach sagen: Ganz egal wie vielversprechend das alles auf dem Papier auch aussah, der Nachfolger von Skyfall war von vornherein zum Scheitern verurteilt. Was sollte denn auch folgen, oder: Wie sollte man das überhaupt überbieten können? Das war vermutlich einer der Gründe, weshalb sich Regisseur Sam Mendes mit der Rückkehr auf den Regiestuhl so schwer tat. Verständlicherweise.

Spectre ist wie gewohnt modern, versucht aber gleichermaßen krampfhaft an die alten Filme zu erinnern. Wo die Vorgänger mit Daniel Craig größtenteils ohne Q’s wundersame Gadgets auskamen (und wenn dann waren diese bodenständig gehalten), erhält hier nicht nur die Neuauflage des Aston Martins ein paar Spielzeuge, nein, hier muss alles, aber auch wirklich alles an die vergangenen Spektakeltage erinnern. Es gibt geschätzt zu jeder einzelnen Darstellerära eine Referenz, welche mal größer, mal kleiner ausfällt und alles wirkt so gleichermaßen erzwungen wie unnötig. Es lässt sich nicht einmal behaupten, dass sich hier nur von den Kirschen der einzelnen Bondableger bedient wurde. Alles muss sich in einem Gewirr aus hanebüchener Geschichte einfinden (Dave Bautista als Mr. Hinx wird als Beißer 2.0 gnadenlos verschenkt), die gegen Ende hin schon fast an Körperverletzung angrenzt. Die Originstory des Vorgängers wird fortgeführt und tritt mehr als 50 Jahre Bondgeschichte gnadenlos mit den Füßen. Einfacher hätte man es sich tatsächlich nicht machen können und das ist das, was den Zuschauer nicht gerade amusen dürfte.
Wo ist die Subtilität des Geschichtenerzählens hin, mit der die vorigen Ableger so punkten konnten? Warum wird schon wieder alles, was der Vorgänger so sorgsam aufgebaut hat, wie schon in Ein Quantum Trost, so brutal niedergerissen?
Statt eine Kontinuität der Handlung aufzubauen, macht sich wieder das Gefühl breit, nach ein bis zwei angesammelten Hinweisen zur nächsten Station, oder eben zum nächsten Kontinent zu reisen, nur um das Ganze noch drei Mal zu wiederholen. Es hat keinen Mehrzweck mehr, wenn sich Bond doch sowieso das meiste selbst zusammenreimen und Hilfe von Außenstehenden im Grunde gar nicht recht nötig zu haben scheint. Das macht gut die Hälfte des Filmes überflüssig und nagt zudem an der Geduld des Zuschauers.

Aber gut. Es gibt auch andere Dinge, auf die sich der Fokus legen lässt. Fangen wir doch mal chronologisch an. Die Eröffnungssequenz. Die größte und aufwendigste Introduktion überhaupt, wenn 007 auf dem mexikanischen Tag der Toten-Fest Jagd auf einen Mann macht. Es fängt durchaus imposant an, Style und Substance gehen Hand in Hand, Bonds Aufzug ist definitiv ein Hingucker. Der Aufwand, der hinter dieser Eröffnung steckt, ist nicht zu übersehen. Doch nach nur kürzester Zeit verläuft sich dieses Gefühl, der Drive geht verloren und aus diesem Massenschauspiel wird eine Actionorgie gemodelt, die zwar wieder schwer beeindruckt, aber stellvertretend für das Schema F dieses Films ist:

Style – (Story) – Attraktion – Style – Witz – Story – (exotischer Staub) – Attraktion – …

Um es mal ganz grob zu formulieren.
Allerdings wirkt einiges nach und nach formloser, der Rahmen der Geschichte schwankt und tut sich sichtlich schwer damit, die Spannung aufrechtzuerhalten. Einfach weil alles so belanglos aneinandergereiht wird. Manche Einlagen tauchen kurz auf, nur um dann wieder in Vergessenheit zu geraten, manche Nebenplots öffnen sich, werden aber höchstens oberflächlich angekratzt, ehe auch diese so verschenkt werden, dass man sie gar nicht erst betrauern würde, wären sie nicht erst vorhanden gewesen. Oder sich die Tür für einen Nachfolger offengehalten wird. Recht provokativ sogar.

Und wo wir schon wieder beim Verschenken von Potenzial sind: Christoph Waltz hätte alles tun und lassen können. Aber er ist in jeder seiner aktuelleren Rollen eine unerträgliche Labertasche. Ohne Unterlass redet er, mit höchster Theatralik (in der eigenen deutschen Synchronisation) und möglichst bedeutungsschwanger vor sich hin. Schon fast eine Standardrolle, die er mit ganz kleinen gelungenen Einschüben aufwertet. Aber mehr ist da auch nicht zu holen, erst recht nicht bei diesem grauenhaft schlechten Drehbuch. Man muss es wohl selbst gesehen haben, um das nachvollziehen zu können. Spoiler: Zudem ärgert es mich ungemein, wenn für sich alleinstehende gelungene Teile plötzlich unter das Dach eines solch langweiligen und alles andere als innovativem Films gezerrt werden. Nicht dass es die Vorgänger abwertet, aber es verleiht ihnen eine leicht bittere Note, die sich nicht mehr abschütteln lässt. Spoiler Ende. Ich könnte noch ewig so weitermachen, von Monica Belluccis Rolle fange ich bspw. aber gar nicht erst an… denn was hier alles gegen die Wand gedonnert wird, das ist unglaublich. Und das unter dem strengen Blick Sam Mendes‘, bei dem man sich fragen muss, wie das alles so durchgehen konnte. Etwa zu gestresst um da mal nachzuhaken oder sinnvolle Änderungen vorzunehmen?

Aber gut, bevor das hier in einem Rant endet, der kein Ende mehr findet, gibt es noch kurz ein paar positive Anmerkungen.
Und ich muss gerade echt überlegen…
Der Film ist locker eine gute halbe Stunde zu lang, füttert den Kinogänger aber mit genug Attraktion, um nicht vollends zu versagen. Bonds zurückgewonnener Humor wirkt oftmals befremdlich, sorgt aber dennoch für den ein oder anderen Lacher in den ruhigeren Momenten des Films. Die meisten Darsteller werden zwar vollends verheizt, aber zumindest darf „The Animal“ Dave Bautista ordentlich auf den Putz hauen. Wenn auch nur einmal richtig. Ansonsten ist es wohl einer der stärksten Aspekte des Films, dass dem Quartiermeister (Ben Whishaw) eine größere Rolle zuteil wird, bei der man tatsächlich sogar mal kurz schlucken muss. Ob man das gleiche nun aber auch unbedingt auf Ralph Fiennes‘ M hätte übertragen müssen, bleibt wiederum fraglich. Denn gerade das macht Spectre gegen Ende zu einem unwirklich anmutenden banalen Actioner, der so rein gar nichts mehr mit einem typischen Soloausflug des britischen Gentlemans zu tun hat und diesem Titel einen ohnehin schon mageren Beigeschmack hinzufügt.
Auch wenn das alles nicht so recht zu überzeugen weiß, so ist es letzendlich wieder das feine Handwerk, das dahinter steckt. Kameramann Hoyte van Hoytema (Interstellar, Her), den man getrost als einen würdigen Nachfolger für Roger Deakins handeln könnte, holt sein bestmöglichstes aus der ganzen Angelegenheit heraus und präsentiert wieder Bilder, die das Auge verzücken. Zumindest ein kleines Trostpflaster für den cinephilen Zuschauer.

Es war vor der Produktion von Spectre einige Zeit lang die Rede, diesen Bondfilm als Zweiteiler zu drehen, was aber recht zügig wieder verworfen wurde. Aber genau so fühlt sich das nun schon 24. Abenteuer von James Bond an. Wie eine ewig lange Exposition, die arm an Höhepunkten vor sich hin trödelt und nie so recht ernstmachen will. Als würde das große Spektakel erst im nächsten Teil folgen…
Natürlich steht dieser Film für sich alleine. Die Geschichte wird quasi abgeschlossen. Aber nur quasi. Auch hier werden wieder zahlreiche Türen offengehalten und es ist nur eine Frage der Zeit, wann zumindest Daniel Craig zusagt, noch einen Teil nachzuschieben. Denn als Abschluss seines vielversprechenden Runs wäre Spectre ein unverdient lahmender Abgang, bei all dem frischen Wind den er mit seiner Darstellung des britischen Agenten reingebracht hat. Ganz ähnlich dem schwachen Bondsong Writing’s on the Wall von Sam Smith. Es fehlt an herausragendem und vor allem wichtigen, was es zu erzählen wert gewesen wäre.

Extrem wohlwollende
6/10 Punkte

James-Bond-007---Spectre---posterJames Bond 007: Spectre [Spectre]
Jahr: 2015 GB/US
Regie: Sam Mendes | Drehbuch: John Logan, Neal Purvis, Robert Wade, Jez Butterworth
Cast:
Daniel Craig, Christoph Waltz, Léa Seydoux, Ralph Fiennes, Monica Bellucci, Ben Whishaw, Naomie Harris, Dave Bautista, Andrew Scott, Rory Kinnear, Jesper Christensen, Alessandro Cremona, Stephanie Sigman

Bilder via http://www.007.com/spectre/ [©2015 Danjaq, MGM, CPII}

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19 Kommentare zu “[Film] James Bond 007: Spectre (2015 GB/US)”

  1. Habe ihn gestern nachmittag mit der Familie gesehen und stimme Dir in vielen Aspekten zu. Das Beste war für mich noch die Anfangssequenz mit dem mexikanischen Totenfest. Den Titelsong finde ich im Radio mau, erstaunlicherweise passt er dann doch ganz gut wenn das Intro losgeht. Auch wenn es mal ganz nett war ein älteres Bondgirl einzubringen habe ich mich danach gefragt was das jetzt sollte. Die Szene knirscht nur so und war für mich absolut unglaubwürdig. Auch die Chemie zwischen Lea Seydoux und Daniel Craig war nicht vorhanden. Wie das funktionieren kann, war in Casino Royal zu sehen. Mir haben allerdings die Interaktionen von Q,M und Miss Moneypenny gut gefallen, davon dürfte es gerne mehrgeben….
    Man wird in Spectre zwar gut unterhalten aber insgesamt war ich eher enttäuscht, Skyfall hat die Latte sehr hoch gelegt 😦

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    1. Ich habe mich damals ja gefreut, als es hieß Mendes kehre wieder zurück, allerdings war ich seit dem ersten Trailer schon etwas skeptisch. War mir alles zu oldschool getrimmt, zu dem das moderne einfach nicht gepasst hat. Leider habe ich sämtliche Skepsis im Kinosaal ausgeblendet. Danach war das Ärgernis jedoch nur umso größer… Eigentlich sind es ja „nur“ die unzähligen Kleinigkeiten, die sich zu der schwelenden Kritik aufsummieren. Aber jetzt mal ehrlich: Hättest du erwartet dass mindestens ein gleichwertiger Nachfolger gekommen wäre?

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    1. Ich finde ihn angenehmer zu schauen als bspw. „Ein Quantum Trost“ (4,5 Pkt) und auch die Besetzung hat mir imponiert. Darüber hinaus fand ich „Spectre“ einigermaßen kurzweilig, trotz des zweifachen Endes. Naja, macht kurzfristig satt.

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  2. habs nicht gelesen, weil ich eigentlich nichts über den Film wissen/hören will, bevor ich ihn gesehen haben und nur kurz zum Fazit gescrollt

    wohlwollende 6 Punkte dämpfen die Vorfreude nach den genialen Trailern aber schon ein wenig 😮

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      1. 😀 hab mal ein Lesezeichen auf deine Kritik gesetzt und werds hoffentlich nicht vergessen, noch nachzuholen^^

        wann ich ihn selber sehen kann, steht leider noch in den Sternen, müsste dafür hier auch erst einmal ein englischsprachiges Kino finden (bin für ein Auslandssemester in Valencia – und des spanischen noch nicht so ganz mächtig^^)

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  3. Vorsicht mit Rants. Dein Beitrag liest sich wie 3/10 Punkten und nicht wie 6/10. Ich habe ja ebenso Kritik an dem Film geäußert und kann deine genauso nachvollziehen – aber wenn man sich allzusehr mitreißen lässt, von dem was einen ärgert, dann wird die Review schlecht nachvollziehbar. Möglich, dass das nur meine Meinung ist.

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    1. Da hast du ja auch recht. Allerdings gibt es hin und wieder Filme, die an exorbitanten Erwartungen zerschellen und der daraus resultierende Frust muss irgendwie abgebaut werden. Da kommt einem das Schreiben natürlich sehr gelegen. Und manchmal artet das auch in solchen Maßen aus. Ist einfach so. Deswegen maße ich mir ja auch gar nicht an, da irgendwo den Begriff „Review“, etc. zu verwenden. Es ist lediglich meine Meinung und die kann schon mal ruppiger ausfallen. Ich weiß schon wann ich über die Strenge schlage. So ist das ja nicht. Generell zum Film: Allzu grausig fand ich ihn ja nicht. Manchmal fällt es mir nur unglaublich schwer, nach so einer Scheuklappentastenrennerei auch noch das gute darin zu sehen, bzw. es in angemessene Worte zu verpacken. Daher geht das dann etwas unter und die Wertung wird schwerer nachzuvollziehen. Auch wenn ich es gar nicht direkt so meine. Du verstehst? 😉
      Aber danke für den Hinweis. Ist zur Kenntnis genommen.

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  4. Hoffe auch, dass der Craig noch einen macht, einfach damit eben Spectre nicht als sein letzter Bond in Erinnerung bleiben muss. Ich würde auf etwas Richtung Casino Royale hoffen, oder einfach nen Over-the.top-Bond wie „Die Another Day“ 😀

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