Nous sommes Unis – Fr. 13.11.2015

Ich mag es eigentlich nicht, mich in aller Öffentlichkeit zu politischen Themen zu äußern. Und schon gar nicht auf dem eigenen Blog. Aber es gibt da etwas, das ich mir von der Seele reden muss. Es geht einfach nicht anders, denn der Schrecken, der gestern/vorgestern in Paris seinen Lauf nahm, liegt mir noch immer schwer im Magen, als mir ein Bloggerkollege in einem angeregten Gespräch plötzlich davon berichtete.

Selten, wirklich selten treffen mich solche Nachrichten schwer. Nein, ich habe niemanden bei diesen hinterhältigen Anschlägen verloren, dennoch bin ich in Gedanken bei all den Opfern und Familien, die schreckliche Verluste erleiden mussten. Verluste, die unnötig sind. Die man keinem wünscht, die einfach unbeschreiblich furchtbar sein müssen. Ich verstehe die Welt noch immer nicht…
Mittlerweile ist der normale Bürger durch die stete Berichterstattung im nahen Osten medial abgestumpft. Das, was so weit schrecklicher Alltag geworden ist, berührt hier, im sicheren Westen niemanden mehr so recht. Es muss uns erst direkt treffen, damit der Westen zusammenrückt, damit Sympathien bekundet werden und ein Schulterschluss stattfindet. Einer, der ernst gemeint ist. Es muss unschuldige Menschen treffen, die sich in alltäglicher Sicherheit wähnen, die Füße an einem Freitagabend baumeln lassen wollen. „Menschen wie Du und Ich“, schreibt Stepnwolf. Für wenige Stunden im Kollektiv zur Musik tanzen, deinen Gott deinen Gott seien lassen, seine politische Einstellung seine politische Einstellung sein lassen. Es interessiert in diesen Stunden niemanden, alle sind gleich, alle feiern unter den gleichen Bedingungen. Lassen die Geschicke der Welt die Geschicke der Welt sein. Zumindest für eine kurze Zeit, als die ersten Schüsse im angesagten Pariser Rockclub Bataclan fallen. Panik bricht aus. Im Norden detonieren Bomben vor dem Stade de France, in dem Menschen ebenfalls gemeinsam ihre Mannschaft anfeuern. Die Tricolore und die Deutschen. Ein Freundschaftsspiel. Wettkampf und doch herrscht Respekt voreinander. Fußball verbindet. Genau wie die Musik. Genau wie ein Kaffee, den man zu später Stunde noch zum Feierabend mit Freunden genießt. Man möchte doch nur abschalten.

Ich weiß nicht warum, aber ich atme schwer, beim Verfassen dieser Zeilen. Vielleicht weil ich selber so musikvernarrt bin und bereits sämtliche Konzertlocations unsicher gemacht habe. Der Gedanke daran wie furchtbar es für die Menschen dort gewesen sein muss, das treibt mir die Tränen in die Augen. Lässt mich ungläubig ins Nichts starren. Wenn man nicht einmal mehr an solchen Orten seinen Frieden ausleben kann, wenn unschuldige Menschen, die doch überhaupt nichts böses im Schilde führen und die sich dabei so weit weg wie nur irgendwie möglich von den heuchlerisch verkehrten Auffassungen irgendwelcher terroristischer Minderheiten befinden so grausam niedergemäht werden, dann steigt Zorn in mir auf. Blanker, wütender Zorn. Einen kurzen Moment war ich tatsächlich wie paralysiert. Aber das weicht. Denn dieser Zorn macht mich unglaublich wütend. Wütend auf besagte politische Minderheiten, die an einen Gott glauben, vor dem ich mich niemals beugen werde. Denn ich kann mir beim besten Willen keinen einzigen Gott vorstellen, der solche Taten auch nur im Geringsten wertschätzen könnte. Der glaubt, das was diese verbohrten manipulierten und kaputten Typen vor sich hin predigen rechtfertigen könnte. Denn was soll ein Gott für recht empfinden, wenn Menschen, die gemeinsam für ein paar Stunden sämtliche Barrieren zwischen sich durchbrechen und ohne Unterschiede vor einer Bühne versammelt stehen? Was will er denn?!

Aber es gibt noch etwas, das mich wütend macht. Und diese Wut, die durch unterschiedliche Reaktionen, welche sich alle unter dem Terminus „falsche Angst“ verbergen, hervorgerufen wird, die macht mir in gewisser Weise ebenfalls Angst. Und lässt mich den Glauben an die Menschheit verlieren. Denn es gibt noch andere politische Minderheiten, die sich nach solch tragischen Tagen auf verlogenen und falschen Stimmenfang begeben. Die einen machen die Flüchtlinge für solche Aktionen verantwortlich – Flüchtlinge, die übrigens vor genau diesem Terror fliehen. Aber hey, diejenigen scheinen bei den News ja sowieso schon unlängst auf Durchzug geschalten zu haben. Mediale Abstumpfung, ich sagte es ja bereits.
Es ist mir übrigens vollkommen egal, wie die jeweilige Einstellung zu diesem Thema selbst ist. Aber es ist mir nicht egal, wenn unschuldigen Muslimen, Christen, Juden, whatever solch ein Hass entgegenschlägt, der mit unbegründeten Vorurteilen behaftet ist und absolut keine Existenzberechtigung in meinen Augen innehat.
Wenn Menschen, die nichts weiter als in Frieden leben wollen, die gerne bereit sind ihren Teil zu leisten um gemeinsam solche Krisen zu bewältigen, dann ist mir das nicht egal.
Wenn Politiker meinen, den Sündenbock für solche Attacken schon längst in diesen Flüchtlingen gefunden zu haben, dann ist mir das nicht egal.
Wenn Politiker wie Donald Trump (haha, Satire, ick hör dir trapsen!) schreien, dass lockerere Waffengesetze, d.h. – und das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen! – wenn eine Mehrheit in bspw. diesen öffentlichen attackierten Gebäuden bewaffnet gewesen wäre, dann hätte ein solcher Angriff auf diese Menschenmasse gar nicht erst stattfinden können; – dann ist mir das bei all der Dummheit, die in einem einzigen Kopf den gesamten Raum ausfüllen kann, nicht egal!
Denn genau diese Schreihälse, die für ihre undurchdachten Aktionen plädieren, merken gar nicht, wie sie selbst von den eingangs erwähnten politischen Minderheiten wie ISIS und Co. instrumentalisiert werden und für einen islamophobischen „Backlash“, also einen Fremdenhass ganz im Sinne dieser Organisationen sorgen. Wie sie im Versuch ebenjene zu bekämpfen für sie kämpfen, wenn auch über Ecken und Umwege. Und wie sie das einfach gar nicht raffen. Das ist etwas, das mich so zornig macht. Wie sich manche Menschen so blindlings ins Verderben stürzen, nur weil sie nicht einen einzigen Gedanken daran verschwenden, was sie mit ihren Aussagen eigentlich bewerkstelligen. Genauso die Aussagen, dass sich das Problem nur lösen ließe, wenn man in Syrien, Afghanistan, Irak, Palästina, wherever einmarschiert und dort mit massiver Kriegstechnik wütet. Was hat das denn in der Vergangenheit gebracht? Außer Kollateralschäden unter der Zivilbevölkerung? Man kann eben nicht alles mit Gewalt und einem Bombenteppich lösen. Aber das ist ein zu komplexes Thema, das schon viel zu weit von meinem eigentlichen Anliegen entfernt liegt.

Gewalt erzeugt Gegengewalt und diese Spirale kann nicht mit noch mehr Gewalt durchbrochen werden. Die Welt ist nach diesen feigen Angriffen auf die Opfer der Anschlagsziele nicht nur deswegen zusammengerückt. Es ist nicht nur die Trauer um die unschuldigen Menschen, die bei diesen hinterhältigen Attentaten ihr Leben lassen mussten. Es ist außerdem ein Angriff auf jeden einzelnen Menschen auf dieser Erde gewesen. Menschen wie Du und Ich. Menschen, die nichts weiter tun wollen, als ihr Leben, welches ohnehin schon knapp bemessen ist, zu genießen und gelegentlich der Seele bei all dem Leid in der Welt eine Verschnaufpause gönnen zu wollen. Was zählt, und das sagt sich so leicht wenn man nicht im direkten Umfeld sondern rund 500km entfernt lebt, ist, dass die Menschen sich nicht unterkriegen lassen. Diesen Angriff auf den Menschen selbst nicht auf sich beruhen lassen und sich in ihre Schneckenhäuser verkriechen. Die stattdessen Widerstand leisten und weiter auf die Straßen ziehen. In Cafés sitzen, der Musik in ausverkauften Hallen treu bleiben und dem Fußball frönen. Denn was würde aus dem Menschen werden, wenn er vor Angst paralysiert wäre und aus blanker Angst dem Kollektiv den Rücken kehren würde? Sich wildfremde Menschen auf Konzerten nicht mehr in Circle Pits umkreisen, bei denen Rasse und Religion so vollkommen unwichtig erscheinen? Es wäre mit Sicherheit eine trostlose Welt, in der ich nicht leben wollen würde. Vielleicht geht es euch da ähnlich…

Wir sind vereint.

NousSommesUnis

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7 Kommentare zu „Nous sommes Unis – Fr. 13.11.2015“

  1. Letztlich hast du recht. Diese ganzen Idioten, die jetzt gegen Flüchtlinge hetzen oder mehr Waffen für alle fordern, die sind einfach nur dumm. Das löst kein einziges Problem.

    Von dem Terror darf man sich nicht das Leben verbieten lassen. Im Gegenteil: Jedes Konzert, jeder Besuch in einem Restaurant, jeder Dialog zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft, Religion und Hautfarbe ist ein Schlag ins Gesicht dieser irren Fanatiker.

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  2. Kann ich so zu 100% zustimmen. Du sagst genau das, was ich mir seit Tagen denke. Besonders der eine Punkt: Gewalt mit Gewalt zu bekämpfen – das hat noch nie etwas gebracht. Und trotzdem halten alle Politiker daran fest. Obwohl so viele prädigen, genau diesen Weg eben nicht einzugehen. Es ist traurig, dass hier die wenigsten über den Tellerrand gucken.
    Und noch trauriger ist es natürlich, dass die Flüchtlinge, die auf der Suche nach einer sicheren Unterkunft hierher gekommen sind, nun auf andere Weise angegriffen werden. Ich frage mich echt, wie lange die Menschheit noch durchhält, bevor sie sich selbst ausrottet.

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