[Film] Der Mann, der Liberty Valance erschoß (1962 US)

Während die industrielle Revolution in Form von Eisenbahn, Urbanisierung und Politisierung durch die wilde Prärie tuckert, verschlägt es den über alle Maßen von Rechtsprechung überzeugten Rechtsanwalt Ransom Stoddard (James Stewart) ungewollt in das Städtchen Shinbone. Eine Stadt, die auf das Gesetzbuch pfeift und lieber den Colt singen oder die Faust Recht sein lässt. Beinahe ganz ohne Regeln und doch traut sich niemand an den Revolverhelden Liberty Valance ran, der das Kaff mit seiner kleinen Bande tyrannisiert. Zu groß ist die Angst vor einer blutigen Auseinandersetzung.

Eigentlich fängt der Film ja ganz anders an: Stoddard ist nicht mehr Anwalt, stattdessen hat er es zum erfolgreichen Senator gebracht. Bei seinem Besuch in Shinbone möchte er nur seinen alten Freund beerdigen, wo er nach der Geschichte dieses Mannes gefragt wird. Also fängt er an zu erzählen.
Und wer erschoss eigentlich Liberty Valance?

Der-Mann-der-Liberty-Valance-erschoß---James-Stewart---Vera-Miles

Hach, mit diesen Abgesängen auf den wilden Westen konnte ich noch nie was anfangen… so bodenständig geerdet, trocken und unspektakulär. Als Freundin der Western, in denen die wilde Freiheit im Vordergrund steht, fühlt sich Der Mann, der Liberty Valance erschoß so an, als wäre er in ein Korsett gedrückt worden. Irgendwie finde ich das traurig und so abschließend (man beachte das Produktionsjahr 1962. Danach kam noch so einiges aus der Westernecke).

Zwar bietet dieser Film eine an sich spannende Geschichte, Witz und eine tolle Schauspielerriege, die mich zumindest am Anfang zu fesseln vermochte (diese Blicke von Vera Miles sprachen Bände). Doch der Funken wollte nie so recht überspringen. Ob es mir nun zu langatmig oder bloß zu unspektakulär war, ich weiß es nicht. Jedenfalls hat mir der Bezug zu den meisten Figuren gefehlt, John Wayne und Lee Marvin als DIE gegensätzlichen Sinnbilder des wilden Westens wirkten im Verlauf der Geschichte beinahe schon überzeichnet und selbst mit ihnen konnte ich mich nicht mehr identifizieren. Aber das gehört hier dazu. Genauso wie die Entwicklung, die das ganze Städtchen mitmacht:
Ein einzelner Mann bringt es zu Stande, den Bewohnern des verschlafenen Präriekaffs erst das Lesen und danach die politischen Grundzüge der USA zu erläutern, wodurch sich ein eigenes kleines politisches System entwickelt, fernab alter, ja beinahe schon antiquittierter Methoden.
Und doch muss Stoddard zu seinem Unglück gegen Ende feststellen, dass er trotz seiner pazifistischen und juristischen Haltung wieder genauso klug wie zu Beginn da steht. Nur diesmal ohne sein Gesetzbuch in der Hand und im Konflikt mit der eigenen Überzeugung.

Es wirkt zuweilen so, als wolle Regisseur Ford dem Zuschauer selbst so eine ähnliche Entwicklung aufdrücken wollen: Weg von der Selbstjustiz, hin zur Rechtsprechung. Die alten Zeiten sind vorbei und die neuen rücken unaufhaltsam wie eine Dampflok auf einen zu. Aber wo genau steht man nun überhaupt? Wo will man stehen und wo muss man letzten Endes stehen?
Obwohl mir die Aufmachung des Films nicht so liegt, so muss ich im Nachhinein doch zugeben, je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr entdeckt man in diesem Western von John Ford. Auch wenn es mich während/bis kurz nach dem Abspann nicht so angesprochen hat, wie erhofft. Vieles kommt erst, wenn man es sacken lässt, was ihn schon wieder so clever macht.

Obwohl die moderne Westernwelt und dieser Film nicht so ganz meine Welt ist, so konnte mir abschließend das zynische Ende von Der Mann, der Liberty Valance erschoß wenigstens noch ein kleines verschmitztes Grinsen ins Gesicht drücken. Und das wurde hier auch dankend angenommen.

7/10 Punkte

Der Mann, der Liberty Valance erschoß [The Man Who Shot Liberty Valance]
Jahr: 1962 US
Regie: John Ford | Drehbuch: James Warner Bellah, Willis Goldbeck
Cast:
James Stewart, John Wayne, Vera Miles, Lee Marvin, Edmond O’Brien, Andy Devine, Ken Murray, John , Jeanette Nolan, John Qualen, Willis Bouchey, Carleton Young, Woody Strode, Denver Pyle, Martin Strother, Lee Van Cleef, Robert F. Simon, O.Z. Whitehead, Paul Birch, Joseph Hoover

Bilder via imdb.com [© 1962 Paramount Pictures]

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4 Kommentare zu “[Film] Der Mann, der Liberty Valance erschoß (1962 US)”

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