[Film] The World of Kanako (2014 JP)

Beim überlegen, welche Filmländer ich zuweilen als besonders nihilistisch erachte, schossen mir nach dem Sehen von Tetsuya Nakashimas The World of Kanako nur noch Koreas verbitterte Rachegelüste durch den Kopf. Denn bitterböse und zynisch, so gibt sich die Welt von Kanako.

Ex-Cop Akikazu Fujishima (abgedreht: Kôji Yakusho) erhält einen Anruf von seiner geschiedenen Frau, den wohl kein liebender Vater jemals erhalten möchte. Seine Tochter sei verschwunden, niemand wisse wo sie sich befinde. Prompt macht er sich auf die Suche nach Kanako und taucht mit jedem Schritt weiter in die perverse Welt seiner Tochter ein…

Wer sich jemals gefragt hat, wie sich ein japanischer Tarantino in etwa anschauen ließe, der findet hier zumindest eine Teilantwort. Zwischen grotesk überspitzten Gewaltexzessen und nicht ganz knusperen Charakteren, mischen sich überzogene und cool wirkende amerikanische Einstellungen, wenn Akikazu in seinem alten Musclecar durch die Straßen rast, um vor der Polizei zu fliehen. American Exploitation trifft auf Japanese Exploitation, alles scheint zu viel des Guten zu sein, und doch geht von diesem eigenwilligen Stil eine ganze Menge Faszination aus. Fragmentarisch beginnt Regisseur Nakashima (Geständnisse) seine Erzählung mittels heftiger Montage und dröselt nach und nach die einzelnen Schicksale auf.
In fiebrig kräftigen Bildern läutet er die Weihnachtszeit ein, lässt glitzernde Schneeflocken vor nachtblauem Hintergrund auf die Erde rieseln. Schnitt. Ein Supermarkt wird zum Schauplatz eines brutalen Mordes. Schnitt. Versüfft sitzt der ehemalige Polizist Akikazu auf dem Polizeirevier. Er hat alles verloren: Von der Frau geschieden, den Dienst eigenhändig quittiert, dem Suff verfallen. Und dann kommt der Anruf. Schnitt.

Gleich zu Beginn werden sämtliche Erwartungen schleunigst über den Haufen geworfen. Die Bilder sind hektisch aneinander montiert, doch bleiben sie stellvertretend als Visualisierung des Gemütszustands vom Vater bestehen. Auch wenn sich diese Struktur langsam entschleunigt und in ein gemächlicheres, fluenteres Erzähltempo mündet, so ganz verweigert sie sich der Lossagung einer gewissen Unübersichtlichkeit nicht. So nutzt Nakashima das Moment, um Akikazu Fujishima langsam in die Welt seiner scheinbar mustergültigen Tochter eintauchen zu lassen. Und immer wenn dieser eine neue Facette aus Kanakos Welt aufdeckt, steigt nicht nur sein Bedürfnis der Wut verbal Ausdruck zu verleihen, auch die Gewaltspitzen häufen sich; lassen den Worten Taten folgen. Wenn auch nicht immer von der gleichen Richtung ausgehend…

Es ist ein eigenwilliger Stil der etwas Geduld fordert, aber blitzschnell in unwillkürlich abgedrehte Momente abdriftet, bei denen man vor lauter Bitterkeit einfach loslachen möchte. Um sich von diesen ganzen Dreck, der hier an die Oberfläche befördert wird, abzuschütteln. Vielleicht auch, um das unwirklich anmutende Abdriften zu feiern. Denn  bei all dem Zynismus gönnt The World of Kanako dem Zuschauer gelassene Momente, die aus jeder Pore zum brüllen komische Coolness schwitzen. Etwas Aberwitzigeres als diese Szene auf dem Parkhaus beispielsweise, habe ich nur selten so genießen können. Wenn dann auch noch ein völlig konträrer Soundtrack von  Yasushi Sasamoto (Under the Sky) eingebunden wird, der auf diese verkorkste Weise aber wieder so lässig zu dem Gezeigten passt, dann dürfte so manchem ein Grinsen im Gesicht stehen bleiben.

Es ist die beständige Verweigerung sich auf einen Stil oder eine Struktur festzulegen, mit der Tetsuya Nakashima die Aufmerksamkeit zu fesseln vermag. Die Verweigerung, welche Spannung generiert und die Auflösung des ganzen schon beinahe nebensächlich erscheinen lässt. Denn am Ende fragt man sich ohnehin nur noch, was der labile Vater noch verkraften kann und wie er sich dem Ganzen stellen wird, während irgendwo im Hintergrund Dean Martins Kultsong Everybody Loves Somebody dudelt…

The World of Kanako ist verrückt, grotesk, verdreht und spaßig, so verquer das hier auch klingen mag. Eine subtil anmutende Tour de Force eines kaputten Vaters auf der Suche nach seiner vermeintlichen Mustertochter, die sich nach und nach in brutalen Exzessen ergießt und die Perversität falscher Eindrücke zelebriert. Absurd und doch genial.

7/10 Punkte

The-World-of-Kanako---Cover-(via-rapideyemoviesThe World of Kanako [渇き。; Kawaki]
Jahr: 2014 JP
Regie: Tetsuya Nakashima | Drehbuch: + Nobuhiro Monma, Miako Tadano (liter. Vorlage: Akio Fukamachi)
Cast:
Kōji Yakusho, Nana Komatsu, Satoshi Tsumabuki, Joe Odagiri, Fumi Nikaidō, Hiroya Shimizu, Hiroki Nakajima, Ai Hashimoto, Asuka Kurosawa, Miki Nakatani, Hitoshi Hoshino, Mahiro Takasugi, Jun Kunimura, Munetaka Aoki

Bilder [© Rapid Eye Movies]

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9 Kommentare zu “[Film] The World of Kanako (2014 JP)”

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