[Film] Das China-Syndrom (1979 US)

Stell dir mal vor du guckst einen Film aus 1979, der einen fiktiven nuklearen GAU zur Grundlage hat… Und dann überlegst du mal, über welche GAUs man heute, 37 Jahre später, noch spricht: Tschernobyl (1986) oder Fukushima (2011).
Da mag man kaum glauben, dass es schon vor diesen einschneidenden AKW-Unfällen eine äußerst beängstigende Haltung gegenüber dieser Technologie gab. Wer nun aber einen kurzen Blick auf folgenden Artikel wirft, den dürfte das nicht mehr wundern. Ebensowenig die Tatsache, dass dieser Film beinahe vorausschauend die Ereignisse im Kraftwerk Harrisburg, Pennsylvania beschrieben hat, die nur wenige Monate nach dem Film geschahen.

Die Reporterin Kimberley Wells (Jane Fonda) filmt mit ihrem Team in einer Kernkraftanlage, als plötzlich ein Erdbeben für eine Störung sorgt. Der Konzern beschwichtigt, dennoch lässt der Kameramann Richard (Michael Douglas) nicht locker. Der Vorfall wird vertuscht, doch auch der leitende Ingenieur des Kraftwerks (Jack Lemmon) wird allmählich von Zweifeln geplagt. Ist die Anlage sicher, oder gehen hier wirtschaftliche Interessen der allgemeinen Sicherheit vor?

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Kimberley muss sich nicht nur gegen die Vertuschugn durchsetzen, sondern auch gegen ihren Chef beim Sender

Das China-Syndrom von James Bridges ist auch heute noch so topaktuell wie schon vor knapp 40 Jahren. Und das ist das wirklich erschreckende daran. Hat sich irgendetwas an der Situation geändert? Natürlich sind die Sicherheitsstandards heutiger Kernkraftwerke besser, aber das muss ja trotzdem nichts heißen. Passieren kann immer etwas. Umso raffinierter ist hier jedoch die Aufarbeitung dieses Themas.
Statt einen Reißer aus der Thematik zu produzieren, wird sich angenehm zurückgehalten. Zwar wird dabei das obligatorische Schema verwendet, speziell den Anfang und das Ende als besonders intensiv zu gestalten, dennoch schafft es Regisseur James Bridges bereits zu Beginn eine Spannung zu vermitteln, die im weiteren Verlauf stetig ansteigt und am Ende die Schweißtropfen aller Beteiligten zu Tage fördert. Dabei wird vermieden, unnötig durch den Film zu hetzen. Stattdessen werden der Reporterin Kimberly Wells (Jane Fonda) nach und nach Steine in den Weg gelegt, die dem Film eine durchaus dramatische Bodenhaftung aufzwingen, die wiederum das Handlungskonstrukt mit Glaubwürdigkeit ausstattet. Eben dieser Herangehensweise ist es geschuldet, dass keine Langeweile aufkommt. Wenn einem überhaupt die Zeit bleibt, selbst darüber nachzudenken, wie nah das alles an der Realität angesiedelt sein könnte…
Doch auch abseits dieses Bezuges überzeugt Das China-Syndrom mit einem herausragenden Darstellergespann. Jane Fonda mimt die vermutlich glaubwürdigste Reporterin im Fernsehen. Gebunden an ihr völlig überflüssiges Ressort mit Walreportagen oder Tigergeburtstagen, legt sie (nach einiger Überzeugungskraft Michael Douglas‘) den Willen an den Tag, diese Story über den vermutlichen Fehler im Kernkraftwerk abzudrehen. Dabei ist sie weder die Überreporterin, zu der heutzutage viel zu stark die Tendenzen gehen, noch ist sie eine, die die Regeln beugt. Sie ist eine Karrierefrau, dennoch kennt sie die Grenzen und überschreitet diese nicht. Und das ist das gelungene, bzw. gar sehenswerte an ihrer Darstellung. Es bedarf weder einer Überstilisierung der Materie, noch überdramatisierter Handlungswege. Alles ergibt sich in logischen Bahnen, die hier und da vielleicht etwas glücklich ausgespielt werden, aber trotzdem über so viel Aussagekraft verfügen, sodass man locker darüber hinwegsehen kann. Mit tatkräftiger Unterstützung und mitreißendem Spiel von Jack Lemmon als leitender Ingenieur des Kernkraftwerks Jack Godell entwickelt sich dieser eigentliche Katastrophenfilm mehr und mehr zu einem Drama, bei dem der Begriff nüchtern wohl eine negative Konnotation ausüben würde, weswegen an dessen Stelle wohl eher der Begriff ‚vehement‘ eingefügt werden muss. Die Erzählung ist stringent und schneidet wichtige Themen wie die Endlagerung in Zusammenhang mit Kernkraft an, dessen Beantwortung aber weder heute, noch damals eine zufriedenstellende Antwort erhält.

Vermutlich macht das den Film so gut: Er ist zeitlos und hält der wirtschaftsorientierten Menschheit den Spiegel vors Gesicht. Dabei muss er nicht einmal übertreiben, er muss sich nur so bodenständig geben, wie er es unter der Regie James Bridges tut. Und genau aus diesem ungestellten Realitätsanspruch zieht Das China-Syndrom all seine Effizienz und beeindruckt mit simplen Mitteln.

8/10 Punkte

Das-China-Syndrom---PosterDas China-Syndrom [The China Syndrome]
Jahr: 1979 US
Laufzeit: 122 Minuten
Regie: James Bridges
Drehbuch: (+) Mike Gray, T.S. Cook
Kamera: James Crabe
Musik: /
Cast:
Jane Fonda, Jack Lemmon, Michael Douglas, Scott Brady, James Hampton, Peter Donat, Wilford Brimley, Richard Herd, Daniel Valdez, Stan Bohrman, James Karen

Bilder [© Sony Pictures Home Entertainment]

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3 Kommentare zu “[Film] Das China-Syndrom (1979 US)”

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