[Abgehört] High-Rise – Clint Mansell (2016)

Ohh, was war ich nach dem ersten Trailer zu Clint Mansells High-Rise – Soundtrack gespannt. Auch wenn sich im Trailer die druckvolle Synthesizerwand langsam aber zielgerichtet mit diesem unabsprechlichen Vibe der Grand Theft Auto-Spielereihe in relaxender Coolness ergießt, so überrascht der offizielle Soundtrack doch (zunächst) mit ganz anderen Klängen, als mit denen von der Elektroband Tangerine Dream.

Kurz vorab: Da ich den Film noch nicht gesehen habe, kann ich euch nicht spoilern. Allerdings kann es passieren, dass ich in den folgenden Zeilen etwas zum möglichen Geschehen des Films verrate, da der Soundtrack in meinen Augen durchaus eine kleine Geschichte erzählt. Zudem findet ihr weiter unten ein Stück aus dem Score eingebunden, welches ihr euch auch vorab schon anhören könnt, um euch besser vorzustellen, in welche Richtung der Score geht.

HIGH-RISE_cover_full_JayShaw_V2Tracklist:

  1. Critical Mass (2:18)
  2. Silent Corridors (3:09)
  3. The World Beyond The High-Rise (4:04)
  4. The Vertical City (2:44)
  5. The Circle Of Women (3:27)
  6. Built, Not For Man, But For Man’ s Absence (3:29)
  7. Danger In The Streets Of The Sky (6:07)
  8. Somehow The High-Rise Played Into The Hands Of The Most Petty Impulse (3:16)
  9. Cine-Camera Cinema (2:36)
  10. A Royal Flying School (3:03)
  11. The Evening’ s Entertainment (4:07)
  12. Blood Garden (3:41)

Clint Mansell, der sich unter Kinogängern mit dem Stück Lux Aeterna oder dem ambienten Score zu Moon einen Platz im CD-Regal gesichert haben dürfte, lässt zu Beginn erst einmal ordentlich die im Film vorherrschende Dekadenz ertönen. Mit pompösem barockesquen Orchester lädt Mansell den Zuhörer auf eine der ausschweifenden Feiern der gehobenen Gesellschaft ein. Als würde sich die Tür zu einem belebten Festsaal öffnen, läutet der Opener Critical Mass die Festlichkeiten ein und bietet zugleich auch eines von zwei Leitmotiven des Scores. Dennoch mischen sich vereinzelte kritische Töne unter, wenn sich die Bläser aus den Reihen des Orchesters entfernen und allmählich in einen knappen Dialog verfallen, was dem kommenden Geschehen das Damoklesschwert aufbürdet. Noch wähnt sich die Festgesellschaft in Sicherheit, doch bereits das zweite Stück Silent Corridors lässt erahnen, dass dieser Zustand der geregelten Ordnung nicht lange anhalten wird. Schemenhafte elektrische Klänge, die eine ambiente Stimmung erzeugen und von Streichern in aller Seelenruhe begleitet werden, sorgen für einen Schatten, der sich über das titelgebende Hochhaus zu legen scheint. Es klingt nach einem ausloten des unsichtbaren und mysteriösen, beinahe schon nach dem Suchen drohender Gefahr. Wie ein ungebetener Gast, der sich durch stille Korridore schleicht und mit einem selbstsicheren Pfeifen, welches sich als zweites Leitmotiv herausstellt, für Unbehagen sorgt. Eine ganz andere Welt schlägt hingegen wieder The World Beyond the High-Rise an, was wie ein starker Szenenwechsel wirkt. In fülliger Melancholie badend, entwickelt sich hier ein prägnantes Thema, welches vorerst Ruhe einkehren lässt. Das Orchester befindet sich im Einklang und bettet das Geschehen in einen sicheres Gefilde. Auch wenn sich diese Gemächlichkeit nach knapp 3 1/2 Minuten wieder allmählich anzuspannen beginnt, ohne dabei die Intensität zu erhöhen. The Vertical City ergötzt sich hingegen an einem Rollenspielcharakter, denn klanglich lehnt sich Mansell mit seinem immer gleichen Akustikgitarrenriff an mittelalterliche und fantastische Rollenspielthemen an. In einem fließenden Übergang schraubt er jedoch an der Intensitätsschraube und lässt die Streicher in ungeahnter Höhe verweilen, die so durchdringend sind, dass sich die gesamte Stimmung allmählich ändert, ehe sie in einer absteigenden Spirale mündet. Die einsetzenden Flöten sorgen für leichte Unruhe, auch wenn von ihnen keine Gefahr ausgeht. In The Circle of Women bewegen sich nun beide Leitmotive, das bedrohliche Pfeifen sowie die orchestralen Festlichkeiten allmählich aufeinander zu. Die Bedrohung durch das eindringliche Pfeifen rückt näher, während sich die Dekadenz in Sicherheit wähnt. Dennoch wirkt diese etwas vorsichtiger als üblich, auch das einsetzende Xylophon sorgt für leichte Paranoia, welche von Built Not For Man But For Man’s Absence weitergeführt wird. Die Beklemmung im Klangteppich nimmt zu, der pfeifende „Jäger“ rückt näher und näher, während die akustische Gitarre vorsichtig das Pfeifen zu durchbrechen versucht, jedoch daran scheitert. Dazu fügen sich die Streicher sowohl als hiesiges Dach, als auch als tappelnde Schritte in das Ambiente ein. Die alte Ordnung in Gefahr, bahnt sich nun Danger In The Streets of the Sky seinen Weg zielstrebig und filigran in das Hochhaus. Die gedämpften Paukenschläge im Hintergrund verleihen dem Mix aus entspannten Bläsern und gehetzten Streichern etwas Absolutes und schließen jedwede Rückkehr zur Normalität aus. Melancholie und Furcht vor dem kommenden zwingen die Instrumente zum Rückzug, ehe aufbrausende Klangwände in Wellen in die Gänge hinein schwappen, in denen die feiernden Gäste nichtsahnend zu warten scheinen. So wird das Leitmotiv der Gehobenen allmählich aufgebrochen und fragmentiert. Doch statt nun mit brachialem Tonus darauf loszustürmen, begibt sich Titel Nummer 8 Somehow the High-Rise Played into the Hands of the Most Petty Impulsives zunächst in wesentlich ruhigere Gefilde. Eine Harfe und ganz seichte Streicher, mehr braucht Clint Mansell nicht, um einen nichtsahnenden Stimmungsteppich aufzubauen. Es ist das altbekannte Warten auf den Sturm, ehe wieder das pfeifende Leitmotiv einsetzt und nur darauf brennt, die Türen einzutreten. Ein subtiles Wechselspiel aus abklingendem Stress, ehe plötzlich die Streicher in aufbrausender Manier hektisch ihre Saiten erklingen lassen und in Panik verfallen. Erregt und aufgebracht, fast schon orientierungslos, brechen diese in das angespannte Klangbild und zerreißen wie ein Schuss die Stille. Ob das der Umsturz ist?

Von der Intensität her, ist das folgende Stück Cine-Camera Cinemai wohl das eindringlichste auf dem gesamten Soundtrack. In zwei Minuten und 36 Sekunden und ohne mit dem Stil des Scores zu brechen, werden nun die Daumenschrauben angelegt. Das pfeifende Leitmotiv vermischt sich mit dem allgemeinen Klangteppich, eine strikte Abstraktion ist nicht mehr vorhanden. Es ist ein Stück, welches unter die Haut geht und äußerst bedacht die vorherrschende Stimmung in den dunkelsten Augenblicken des Trailers einfängt. Absoluter Anspieltipp! Völlig damit brechend folgt jedoch A Royal Flying School, in welchem nun das einsetzende Schlagzeug wieder für das unabwendbare der Geschichte sorgt. Trotz der feierlichen Stimmung, die wieder durch das Orchester aufzunehmen versucht wird, ist diese zum gnadenlosen Scheitern verurteilt. The Evening’s Entertainment versucht diese Unbekümmertheit und die Perversität der Lust noch ein letztes Mal aufzugreifen, doch die Harfe und Trompeten haben den Pfad bereits geebnet. Das „Entertainment“-Programm, oder auch die Perversität der ausschweifenden Lust der Dekadenz atmet ihre letzten Augenblicke ein, ehe die beiden klanglichen Leitmotive geradewegs aufeinander zustürzen und in einem Frage-Antwort-Spielchen münden, welches sich auf den abschließenden Titel Blood Garden schimpft. Ein ironisches Stück, das mit einem Transistorsound den Sturz in die Tiefe begleitet, ehe der Gong die Zwölf schlägt. Eine klangliche Todesspirale, begleitet von Harfen und Streichern, die ein letztes Mal die Unbekümmertheit im High-Rise Revue passieren lässt, ehe die Szene mit dem Fin endet. Am Ende wurde die eigene Arroganz zum Verhängnis.

Clint Mansell bedient sich jeder Stimme seines Orchesters, mit dessen Hilfe er seinem Hörer das Gefühl verleiht, die visuelle Komponente schon während des Hörens vor dem geistigen Auge erzeugen zu können, selbst wenn dieser die Geschichte nur schwerlich kennt. Hier ein klanglicher Fadeout, der von den Streichern ausgeführt wird und dort eine Abblende im stillen Korridor, kurz bevor die Jäger ihre Beute erreichen. Mansell hat mit seinem klanglichen Ambiente zu High-Rise einen Soundtrack geschaffen, der nicht ins Ohr, sondern unter die Haut geht und dabei eine Geschichte von Jägern und Gejagten erzählt, die sich in ihrer eigenen arroganten Dekadenz suhlen. Superb! Wer jetzt noch die Möglichkeit hat, dieser Klangkulisse auf LP zu lauschen, dem sei diese Version natürlich wärmstens ans Herz gelegt.

Der Soundtrack erscheint am 18. März beim britischen Label Silva Screen Records auf CD und Anfang April auch auf Vinyl.

4,5/5 Punkte

HIGH-RISE_cover_full_JayShaw_V2High-Rise
(Original Soundtrack Recording)
Veröffentlichungsjahr: 2016
Komponist: Clint Mansell
Genre: Soundtrack, Orchestral
Laufzeit: 42:01 Minuten
Label: Silva Screen Records


Weiterführendes zu Clint Mansell:
Website: www.clintmansell.com
Twitter: @iamclintmansell
Instagram: Clint_mansell
Facebook: Clintmansellcomposer

[Cover © 2016 Silva Screen Records]

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3 Kommentare zu “[Abgehört] High-Rise – Clint Mansell (2016)”

    1. Ich finde es ziemlich cool, dass der Score schon seine eigene Geschichte erzählt. Zwar kenne ich auch nur den Trailer und sonst gar nichts von dieser Literaturverfilmung, aber ich habe schon grob ein Gefühl dafür, was einen erwarten könnte. Und besser als lärmender Blockbusterkrach ist das sowieso. Vielleicht versüßt dir der Score ja den Film?

      Gefällt 1 Person

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