[Musik] Abingdon Boys School

Es ist Sonntag Abend, die Sonne kämpft sich für einige Augenblicke durch die graue Wolkenwand und zieht mich förmlich zur Stammeisdiele. Während die wärmenden Sonnenstrahlen das Eis allmählich zu schmelzen beginnen, geht mir eine Melodie nicht aus dem Kopf. Ein Lied, von dem ich nur ein paar Bruchstücke verstehe, denn der Rest ist japanisch. Aber es macht mir ausnahmsweise nichts aus, denn seit Tagen höre ich ohnehin nichts anderes mehr. Die Rede ist von der japanischen Rockband Abingdon Boys School.

Der Grund, warum ich dieser hierzulande leider sehr unbekannten Band einen Blogeintrag widme, ist einfach. Während mich meine alljährliche Filmfaulheit plagt und ich gefühlt nur Nieten erwische, hat es diese Musikgruppe geschafft, ein anderes Interessengebiet wieder aufzureißen. Die Musik.
Ich bin nicht sehr musikalisch, kann mehr schlecht als recht ein paar Akkorde auf der Gitarre brettern und ein paar Melodien auf dem Klavier erklingen lassen, aber das war es auch schon. Zudem bin ich zwar eine sehr aktive Musikhörerin, sprich ich kann keinen Tag ohne Musik aushalten, dennoch verstauben gerade die Gitarren in ihren Halterungen und Cases. Doch kaum erklang das Opening der Animeserie Darker Than BLACK, und schon wusste ich, nein, ich spürte, dieser Band müsse ich nachgehen. Und so kam es dann auch. Long story short: Die Jungs aus Abingdon Boys School haben eine lang erloschene Leidenschaft wieder entfacht und ziehen mich mit ihren unglaublich rhythmischen und catchigen Songs erneut zur Musik. Zum Musikmachen. Und genau deshalb ist es mir ein wichtiges Anliegen, euch diese Band etwas näher zu bringen. Vielleicht steckt unter euch ja jemand, der sich musikalisch auf neues Terrain wagen möchte und so eine kleine Perle für sich entdeckt.

Abingdon Boys School

Vocals: Takanori Nishikawa | Guitar: Sunao |
Guitar: Hiroshi Shibasaki | Keyboard/DJ: Toshiyuki Kishi
Gründung: 2006
Genre: J-Rock

Takanori Nishikawa, der in Japan als T.M. Revolution zum musikalischen Megastar avancierte, etablierte im Jahr 2006 zusammen mit den Mitgliedern seiner Liveband die Formation Abingdon Boys School, kurz a.b.s. Anstelle von japanischen Popsongs sollten fortan schnelle und harte Rockriffs in den Fokus rücken, welche zum Großteil von japanischen, später aber auch mit zahlreichen englischsprachigen Texten begleitet werden. Vom Stil her bewegt sich die Band zwischen äußerst harten und komplexen Rhythmen und ausufernden Soli der beiden Gitarristen Sunao und Hiroshi Shibasaki, aber auch geradlinigen Rocksongs, die mit catchy Melodien ausgestattet sind und dadurch regelrecht zum Tanzen zwingen. Keyboarder und DJ Toshiyuki Kishi (der übrigens u.a. Stücke zum Kill Bill-Soundtrack beisteuerte) unterbuttert die schweren Riffs mit Synthesizern, scheut aber auch vor balladesquen Pianoeinlagen nicht zurück, die von der kräftigen aber äußerst sympathischen Stimme Takanori Nishikawas bedient wird. Auch wenn der Schwerpunkt auf einladendem Rock liegt, so kommen z.B. im flotten Track Howling fette Refrains vor, während in der Coverversion Sweetest Coma Again (im Original von Luna Sea) neben den E-Gitarren auch eine Akustikgitarre zum Tragen kommt, die das Geschehen munter aufbröselt und sich perfekt in das Gesamtbild einfügt. Singles und B-Seiten wie Strength, Innocent Sorrow oder BLADE CHORD bieten energiegeladene und freche Riffs, die sich von monotonen Powerchords entfernen, fette Bässe und Einzelmelodien einfließen lassen und dem Ganzen somit etwas außergewöhnliches verpassen. Es sind diese verspielten Songstrukturen, die in mir das Gefühl aufkommen lassen, unbedingt wieder eine Gitarre in die Hand nehmen zu müssen, um mitzurocken. Nervous Breakdown kommt bspw. so rotzig daher, dass es erst live auf der Bühne seine volle Wirkung entfacht und darum fleht, laut aufgedreht durch die Boxen tönen zu dürfen. Überhaupt empfiehlt es sich bei dieser Band, den Liveauftritten besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Obwohl Abingdon Boys School schon auf Platte einen brechenden Sound haben, so sind doch gerade diese intimen Liveshows noch umwerfender und verpassen den Songs neue Facetten, die nur vor Publikum funktionieren. Gerade der kleingewachsene Nishikawa bringt die Bühne zum brodeln und wirft sich mit vollem Elan in seinen Job als Frontmann. Und wenn sie dann noch eine Coverversion von Dress zum besten geben und sich der Sänger von Buck-Tick, Atsushi Sakurai, der dieser Ballade ursprünglich seine Stimme verlieh, die Ehre gibt im Duett mit Nishikawa aufzutreten, dann… woah. Geht das durch und durch. Eben auch, weil es kein sturer Abklatsch des eher unaufgeregten Originals ist, sondern doch drängender, aber nicht zu aufdringlich gehalten ist. Irgendwo steckt da auch ein jugendlicher Enthusiasmus dahinter, der sich im Dress der Band, nämlich den Schuluniformen, widerspiegelt. Der Bandname entstammt nämlich der berühmten englischen Jungenschule Abingdon in England, auf welche die Mitglieder der heute weltbekannten Band Radiohead gingen.

Ich bin ja jetzt nicht so ein Sensibelchen und verstehe noch weniger japanisch, aber ich denke die Grundaussage der jeweiligen Texte wird mit abwechslungsreichen Klängen Rechnung getragen.
Obwohl der Stil deutlichen Wiedererkennungswert hat und sich problemlos in eine Schublade stecken ließe, verzichte ich an dieser Stelle auf weitere analysierende Passagen und komme nun zum Wesentlichen.

Klangbeispiele:

Da Abingdon Boys School gerade zu Beginn ihrer Karriere die Openings für Animeserien beisteuerten, fangen wird auch gerade mit diesen Singleauskopplungen an. Innocent Sorrow habe ich euch bereits zu Beginn schon präsentiert (Opening zu D.Gray-Man).

Howling (Darker Than BLACK)

Strength (Soul Eater)

Nephilim

Blade Chord

Kimi no Uta (Tokyo Magnitude 8.0)

WE aRE
http://www.vevo.com/watch/abingdon-boys-school/we-are%28fx-free%29/JPES81201142

Ich bin mir dessen voll und ganz bewusst, dass gerade die japanischen Songs nicht jeden ansprechen werden. Geht mir mit manchen übrigens auch so. Und das ist auch vollkommen in Ordnung. Daher liefere ich euch nun noch Teile aus zwei unterschiedlichen Liveshows, durch die ihr euch nach belieben klicken könnt. Denn wenn ich euch das nun vorenthalten würde, könnte ich mir wohl nie verzeihen. Die Videos entstammen den der Live in Japan 2010 Live-DVD sowie dem Inazuma Rock Festival Auftritt von 2011 und bieten einen durchgehend wilden Mix aus ihrer leider sehr dünnen Diskographie, die leider nur zwei reguläre, ein Coveralbum und ein Album als Ansammlung sämtlicher Singles umfasst. Das letzte Lebenszeichen der Band gab es im Jahr 2012 mit der Single WE aRE, welche immerhin neben der B-Seite Cold Chain (die im Riffing an Nightwish erinnert) den Titeltrack fünfmal enthält. Die Krux dabei ist, dass sie in jeder Version ein anderes Mitglied der Band aus dem Mix entfernt haben und man so einen Eindruck vom jeweiligen Stil dieser Person erhält. Durchaus eine spannende Sache. 😉

Howling, Nervous Breakdown und Blade Chord live 2010:

Live in Japan 2010 Disc 2 (einfach nach belieben durchklicken. Der Anfang mit dem englischsprachigen Lied Desert Rose dürfte auch nicht zu sehr abschrecken. Versprochen. 😉 Ab 19:46 Minute läuft das o.g. Sweet Coma Again. Etwas fordernder, in den ruhigen Passagen aber umwerfend schön)

JAP + Valkyrie (falls es etwas catchiger sein darf – Live at INAZUMA ROCK Festival 2011)

Innocent Sorrow + Fre@k $how (von eben da)

Die Diskographie ist, wie bereits erwähnt, überschaubar, und hierzulande beklagenswerter Weise auch nur noch überteuert aus Restbeständen zu haben. Wenn mich nicht alles täuscht, können zumindest Amazon Prime Nutzer auf das Material der Band zugreifen. Da ich es aber noch nicht nutze, kann ich das nicht mit Gewissheit sagen. Ansonsten sind die beiden Live DVDs aus den Jahren 2008 und 2010 sehr zu empfehlen, zumal sie auch mit etwas Backstagematerial ausgestattet sind. Eine Band, die so alles andere als abgehoben wirkt und den Spaß an der Musik in den Mittelpunkt stellt. Wenn sich Takanori Nishikawa jetzt nur bitte wieder der Abingdon Boys School widmen würde, anstatt seinem T.M. Revolution Projekt Aufmerksamkeit zu schenken und sich die Herren nochmals über den Teich zu uns her bequemen könnten…
Ich glaube ich würde selbst nach London düsen, um diese Jungs mal live zu erleben. Und das sage ich, obwohl ich die Band gerade erst seit rund zwei Wochen kenne. Nur ein weiteres Anzeichen dafür, wie sie mich mit ihrer Musik zur jetzigen Zeit prägen. Diese Enwicklung tut unglaublich gut.

Und weil es mein Instant-Lieblingstrack der Jungs ist, hier eine Livezugabe:

Studioalben:

  • Abingdon Boys School (2007)
  • Teaching Materials (2009) – Compilation album (Europa-exklusiv)
  • Abingdon Road (2010)

Bilder [© Epic Records Japan | Sony Music JP]

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7 Kommentare zu “[Musik] Abingdon Boys School”

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