[Film] Macbeth (2015 GB/FR/US)

In der Fülle der Shakespeare-Verfilmungen wundert es mich tatsächlich noch immer, wie es den unterschiedlichsten Regisseuren gelingt, dem Stoff immerzu neue Seiten abzuringen. So gleichen sich die wenigsten Adaptionen, der Fokus scheint immer in Bewegung zu sein. Der australische Regisseur Justin Kurzel entlockt der Geschichte um den machthungrigen Thanen Macbeth wieder neue Facetten und lässt die alten Worte in moderner cinematischer Poesie schwelgen.

Ähnlich poetisch und virtuos wie Nicolas Winding Refns Walhalla Rising, ergießt sich Justin Kurzel in unglaublich detaillierten und verführerischen Bildern, die dem Shakespeare’schen Drama eine erdrückende Schwere verleihen. Die Einstellungen sind träge, in der anfänglichen Schlacht sogar soweit entschleunigt, dass die angestrebte Intensität fast schon wieder verloren geht. Dazu kommt eine von Grund auf abgedunkelte Beleuchtung, die nicht nur dem trüben schottischen Wetter geschuldet ist, sondern auch dem nihilistischen Ansatz, dem diese Adaption folgt. Mord und Totschlag, ein brutales Schlachtengemälde, Verrat und Intrigen… es wird gemeuchelt bis zum letzten Mann, wenn auch nicht allzu graphisch explizit.

Natürlich dürfen die originalen Shakespear’schen Passagen auch in einer neuen Verfilmung nicht fehlen. Manchmal haut das ganz gut hin, manchmal eher weniger. Hier wirkt gerade der Beginn etwas unbeholfen, wenn David Thewlis den munteren King Duncan spricht, dann wirkt das etwas gestelzt und unpassend. Aber auch bei Fassbender und Cotillard hat man etwas Mühe, ihnen die Sprache abzunehmen, was sich jedoch nach einer kurzen Eingewöhnungsphase wieder legt. Zu stimmig sind die Sets, die Kostüme, die Handlungen, als dass man sich daran aufhängen sollte, ehe man in die Welt aus Macht, Gier und Verrat abtaucht.
Allerdings gibt es neben der reizenden Optik auch Schattenseiten. Aufgrund der langen Einstellungen und dem an sich sehr gemächlichen Handlungstempo wirkt Macbeth sehr langatmig. Da können die Panoramen noch so schön sein, die Totalen noch so feine Gesichtszüge einfangen – auf Dauer wird es anstrengend. Dazu kommt, dass sich Kurzel um eine authentisch anmutende Version der Erzählung bemüht und anders als es damals bspw. Roman Polanski tat, den Fantasieaspekt weitestgehend ausklammert und als fiebrige Sequenz oder als tatsächlich auftretendes Ereignis (der Dolch) in Szene setzt. Durch diesen Realismusanspruch wird noch mehr Druck auf die Atmosphäre ausgeübt, die umhin schon sehr angespannt ist. Bemerkbar wird dies vor allem im Schauspiel Michael Fassbenders, der zwar den Thane von Glamis präzise porträtiert, aber nicht gegen die visuelle Wucht der Bilder ankommt. Sie liegen wie eine schwere Last auf seinen Schultern, die ihn daran hindern, völlig in der Rolle aufzugehen. Etwas einfacher hat es Marion Cotillard, die als Strippenzieherin Lady Macbeth zwar deutlich weniger Screentime erhält, aber dafür umso mehr aus der knapp bemessenen Zeit rausholt. Als intrigantes Stück braucht sie gar nicht aufbrausend zu werden, sie bekommt das mit wesentlich subtileren Zügen hin und überzeugt am ehesten in dieser Adaption.

Justin Kurzel gibt sich für seine Interpretation von Macbeth sichtlich Mühe, den altgedienten Stoff hart anzupacken. Und zum Teil beeindruckt diese rohe Gewalt durchaus. Dennoch wirkt der verpasste düstere und drückende Touch auf Dauer ermüdend. Die anspruchsvolle Verfilmung mündet in einer Monotonie die ihres gleichen sucht, ehe das Ende mit seiner artifiziellen Bildgewalt schließlich genau das zeigt, was man im Mittelteil so schmerzlichst vermisst hat: Eine treibende, brennende Energie, entfesselt von Worten aus einer lange vergangenen Zeit.

6/10 Punkte

Macbeth-PosterMacbeth
Jahr: 2015 GB/FR/US
Laufzeit: 113
Regie: Justin Kurzel
Drehbuch: Jacob Koskoff, Michael Lesslie, Todd Louiso | (literar. Vorlage: William Shakespeare)
Musik: Jed Kurzel
Kamera: Adam Arkapaw
Cast:
Michael Fassbender, Marion Cotillard, David Thewlis, Paddy Considine, Lochlann Harris, Kayla Fallon, Lynn Kennedy, Seylan Baxter, Scot Greenan, Hilton McRae, David Hayman, Jack Reynor

Bilder via Macbeth-movie.com [© Studiocanal]

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