[Film] Silkwood (1983 US)

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Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre gab es zwei äußerst erfolgreiche Filme, die auf unterschiedliche Weise mit der Problematik von Nuklearenergie umgehen. Zum einen Das China-Syndrom, zum anderen Silkwood. Auch wenn die beiden Filme nur schwerlich auf einen Nenner zu bringen sind, so kristallisieren sich doch mindestens zwei sehr ähnliche Strukturen heraus. Die Angst vor Strahlungsschäden beim kleinen Mann, welche wiederum durch die kapitalistische Übermacht der Konzerne kleingeredet werden. Und am Ende steckt mehr Wahrheit drin, als man glauben möchte. Zwar handelt Silkwood nicht per se von einem Nuklearkraftwerk, dennoch wird in Mike Nichols Drama auf eine ähnliche Thematik Bezug genommen und die Geschichte von Karen Silkwood verfilmt.

In einer Plutonium-Verarbeitungsanlage, die u.a. Brennstäbe für Kernanlagen produziert, kommt es zu einer Verseuchung, bei der es eine Mitarbeiterin erwischt. Obwohl sie alle schon beinahe wie selbstverständlich mit dem Plutonium hantieren, ist der Schock groß, aber die in einem solchen Fall eingreifende Routine wird abgehandelt. Nach der Dekontamination des Arbeitsplatzes geht es wieder zurück an die Arbeit, auf die nicht nur jeder Mitarbeiter, sondern auch der Konzern angewiesen ist. Nach diesem Vorfall entschließt sich Karen Silkwood (Meryl Streep) jedoch dazu, aufgrund der katastrophalen Arbeitsbedingungen etwas unternehmen zu müssen. Dazu tritt sie der Gewerkschaft bei und macht sich fortan Feinde im Betrieb.

Silkwood basiert auf der wahren Geschichte der titelgebenden Protagonistin Karen Gay Silkwood, die es als Frau in einer Gewerkschaft mit den unlauten Methoden ihres Arbeitgebers aufnahm. In dem Drama verkörpert Meryl Streep eine äußerst starke Frauenfigur, die nicht durch heroische Taten in dem Sinne glänzt. Es ist der Kampf einer einzigen Frau, die es mit einem mächtigen Konzern auf sich nimmt und dabei ihr eigenes Wohl dem Erreichen sozialer Gerechtigkeit unterordnet.

Der Film macht es sich etwas schwer, ein wirkliches Gleichgewicht für sich zu finden. Auf der einen Seite versucht er, seinen Hauptfiguren mit sehr ausschweifenden Passagen einen gefühlsechten Hintergrund zu verschaffen. Das mündet an vielen Stellen vermehrt in einem Familiendrama, das jedoch immer im direkten Bezug zu Karens Handlungen steht. Dennoch hat man immer das Gefühl, sich auf zwei verschiedenen Baustellen gleichzeitig zu befinden, was dem Flow weniger erträglich ist.
Auch wenn die darstellerischen Leistungen dabei glänzen – das Casting ist top notch – so ist es doch dem Drehbuch geschuldet, nicht wirklich eine, sondern gefühlt zwei oder mehr Handlungen zu verfolgen. Meryl Streep spielt sich die Seele aus dem Leib und gibt eine facettenreiche Darstellung ab, muss sich jedoch immer wieder neu auf den sich ständig wechselnden Tonus und das sprunghafte Tempo des Films einstellen. So ergeht es auch dem Rest: Kurt Russell und Cher fungieren als Stützräder und liefern viel Stoff, um eine familiäre Beziehung aufkommen zu lassen. Davon profitiert Silkwood zwar ungemein, dennoch sorgen gerade diese langen Phasen für ein knappes Zeitmanagement, was sich in gehetzten Momenten, in denen sich der Film seiner angestrebten Thematik widmet, widerspiegelt. So rast das Script durch die Schlüsselszenen und hakt die notwendigen Szenen ab, ohne sich wirklich damit auseinanderzusetzen. Vieles bleibt dabei unausgesprochen, und einiges muss man selbst in das Gesehene hineininterpretieren. Gerade in Hinblick auf das Ende.

Es bleibt also festzuhalten, dass es sich bei Silkwood mehr um ein biographisches Drama handelt, denn um ein Drama gespickt mit Thrillerelementen. Dafür lässt sich die Geschichte nicht in die Ecke drängen und verfolgt ihren eigenen roten Faden. Ob das nun schade ist oder nicht, bleibt dem Zuschauer überlassen.
Neben den herausragenden darstellerischen Leistungen sollen jedoch die handwerklichen Finessen die hier sichtbar werden, nicht unerwähnt bleiben. Mike Nichols gestaltet seine Erzählung zwar so, dass sich der Zuschauer an manchen Stellen selbst um Aufklärung bemühen muss, dennoch lässt er ihn nicht vollends im Regen stehen. Wer ein bisschen auf die Kameraarbeit Acht gibt, der wird in etwa wissen, auf was es hinauslaufen wird. Es fällt wortwörtlich ein wenig aus dem Rahmen, gibt aber trotzdem subtile Hinweise auf die vorherrschenden Beziehungen unter den Figuren. Auch der Ton und das Editing fallen positiv auf und runden den Film trotz seiner auftretenden Langwierigkeit ab und schenken Filmfreunden kleine Details, die sie aufnehmen können.

Die oben bereits angesprochene Sozialkritik, die in diesem Werk behandelt wird, ist eigentlich altbekannt. Eine Frau, die auch heute noch mit Vorurteilen zu kämpfen hat und es damals erst recht nicht leicht hatte, in Gewerkschaften für ihre Belange zu kämpfen, ist dabei nur ein vergleichsweise kleineres Übel. Karen Silkwood, entdeckte Missstände, die von erschwerten Arbeitsbedingungen, schlechter Bezahlung etc. reichten, zu weitaus gravierenderen Erkenntnissen über die Machenschaften der Firma, für die sie arbeitete. Es ist Kapitalismuskritik, die im kleinen Maßstab beginnt, sich nach und nach jedoch zu unglaublichen Ausmaßen entwickeln wird, die gerade in der damaligen Zeit, als die Atomenergie noch wesentlich unsicherer war, für blankes Entsetzen sorgt. Dass sich dabei eine einzige Person, und dann noch eine Frau, mitten in das Fadenkreuz eines solchen Konzerns begibt, gebührt Anerkennung und Mut. Und das wird auch hier im Film mehr als deutlich. Obwohl gerade diese Elemente relativ kurz kommen, so sind sie in ihrer Quintessenz so deutlich auf den Punkt gebracht, dass beklemmende Gefühle nicht unüblich sind, wenn man sich in der Position des reinen Beobachters wiederfindet. Im Film dargestellt wird ihr einsamer Aktivismus, der sie fast alles kosten wird. Nicht nur die Beziehung zu ihrem Freund wird auf eine harte Probe gestellt, auch die Abkehr ihrer Arbeitskollegen ist erschreckend, aus Angst ihre Posten zu verlieren. Dabei gibt sich der Film größte Mühe, beide Seiten verständlich darzulegen, sodass man sich nicht auf eine blanke schwarz-weiß-Malerei verlassen kann.

Regisseur Mike Nichols zeigt mit seinem Film Silkwood die erschreckende Großmacht finanzieller Interessen und die Ohnmacht Einzelner, die für Verbesserungen und Sicherheiten eintreten. Auch wenn mit Meryl Streeps Verkörperung einer starken Heldenfigur gezeigt wird, so hat es nichts, aber auch rein gar nichts Heroisches an sich. Es ist ein schmutziger Kampf, der aussichtslos erscheint. Und doch gibt es immer mal wieder Menschen, die sich zum Wohle aller aufopferungsbereit dazu aufraffen, sich gegen diese Zustände zu stellen. Und das zeigt Silkwood auf beeindruckende Art und Weise.

7/10 Punkte

Silkwood-PosterSilkwood
Jahr: 1983 US
Laufzeit: 131 Minuten
Regie: Mike Nichols | Drehbuch: Nora Ephron, Alice Arlen
Kamera: Miroslav Ondrícek
Musik: Georges Delerue
Cast:
Meryl Streep, Kurt Russell, Cher, Craig T. Nelson, Diana Scarwid, Fred Ward, Ron Silver, Charles Hallahan, Josef Sommer, Sudie Bond, Henderson Forsythe, E. Katherine Kerr, Bruce McGill, David Strathairn

Bilder via Screenshots & [© 20th Century Fox]

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