[Abgehört] Ran – Toru Takemitsu (2016)

Das englische Label Silva Screen Records veröffentlicht dieses Werk nun gebührend auf CD & 12″ Vinyl. Ich hatte die Gelegenheit, schon vorab reinzuhören und bin doch ziemlich überrascht, angesichts der Tatsache, dass ich selten etwas mit traditionellen japanischen Klangkulissen anzufangen weiß.

Wie hat man sich den Soundtrack zu einem Klassiker vorzustellen, der thematisch genauso gut in die 50er/60er Jahre des japanischen Kinos gepasst hätte, tatsächlich aber erst 1985 erschien? Die Rede ist von Akira Kurosawas Samuraiepos Ran, dass sich lose an die Shakespear’sche Sage von King Lear anlehnt.

Federführend für den Score war Toru Takemitsu, ein mehrfach ausgezeichneter Komponist, welcher aus dem japanischen Kino seit den 60er Jahren nicht mehr wegzudenken ist und mit ambienten Sounds zu überzeugen vermochte.

Stellt euch den Soundtrack in etwa so vor: Ihr schaut einen dieser groß aufgeblasenen (amerikanischen) Piratenfilme der 60er Jahre und ruft euch nun die musikalische Untermalung ins Gedächtnis. Ich bin mir sicher, dass ihr nach kurzem grübeln schnell altbekannte Motive im Ohr habt. Oder zumindest schematisch wisst, was euch klanglich erwartet. Viele tiefe Pauken, nicht zu instrumental überbordend, aber stets vorantreibend mit den Bratschen und Celli. In die Breite gehend… habt ihr’s? Sehr gut.
Nun fügt ihr diesem Konstrukt kleine Passagen von Flöten hinzu, hier und da Klanghölzer und kleine Trommeln. Fertig ist ein exzellenter Soundtrack.

Aber genug des Gedankenspiels. Der Grund, warum dies den Anfang machen sollte, war euch in etwa zu vermitteln, wie man sich diesen Score vorstellen kann. Und mir schoss gleich zu Beginn direkt die Musik von frühen Piratenfilmen in den Kopf. Takemitsu war bekannt dafür, östliche Traditionen mit westlichen Elementen zu mischen und sich somit völlig neuen Möglichkeiten zu öffnen. Gemeinsam mit dem Sapporo Symphony Orchestra spielte er den gewaltigen Soundtrack zu Ran ein.

ran-coverTracklist:

1. Toru Takemitsu - Suite Part 1
 2. Toru Takemitsu - Suite Part 2
 3. Toru Takemitsu - Opening Credits - Main Title
 4. Toru Takemitsu - Kyouami / The First Castle / The Brave General's Bow
 5. Toru Takemitsu - The Flute Orchestra
 6. Toru Takemitsu - The Buddhist Praying Temple / The Last 110,000 and Hidetora / The Fury of Ootemon / The Second Castle
 7. Toru Takemitsu - Hell's Picture Scroll
 8. Toru Takemitsu - The Crimson Citadel / Surrendering the Castle – Desert of Madness
 9. Toru Takemitsu - Tsurumaru's Flute / Azusa Castle In Ruins
 10. Toru Takemitsu - Saburou's Army Arrives / Departing for the Front
 11. Toru Takemitsu - Endless Hell / Escape
 12. Toru Takemitsu - Tension In Yahatabara / Assault
 13. Toru Takemitsu - The Battle of Yawatano
 14. Toru Takemitsu - Lamentation / Chaos In the First Castle - Ujigabana / Illusions In the Sky
 15. Toru Takemitsu - Attendance At the Funeral / Flute of Darkness
 16. Toru Takemitsu - Ending Credits

Dauer:  01:12:09

Klick hier um  den Soundtrack auf Spotify anzuhören.

Obwohl der Soundtrack insgesamt sehr ambient ausfällt, heißt das keinesfalls dass er nicht aufbrausend sein könnte. Den Anfang machen hierbei zwei Suiten, die gemeinsam über 30 Minuten andauern und schnell ein beklemmendes Gefühl beim zuhören entfachen. Im englischen würde man es wohl ‚unsettling‘ nennen, sehr beunruhigend, wie effektiv mit sich abwechselnden führenden Instrumenten und auftretender Stille(!) eine bedrohliche Stimmung erzeugt werden kann, ohne dass die Instrumentalisierung kulminiert. Vieles wird zurückgefahren und bewegt sich langsam – aber sich steigernd – voran. Die spitzen Flöten und die Hörner als Kontrast zueinander… die Intensivierung durch die Violinen, die im Zusammenspiel mit den Pauken zum Klimax führen. Es ist schlichtweg beeindruckend, wie schnell Takemitsu den Hörer allein durch die klangliche Ebene in den Film hineinzieht, das Setting und die Stimmung kreiert und lange daran festhalten kann. Was sicherlich auch am Tempo liegen mag, welches sich zu den Höhepunkten natürlich steigert, aber dennoch nicht übereilt und so ausgeglichen am Ambientefeeling klammert.

Leitmotivisch heben sich die Flöten ganz klar vom relativ stumpfen Grundton ab, die hier und da mal mit einer Fahrradklingel(?) oder scharfen Klanghölzern ergänzt werden, während die Pauken und Bläser sonst immer ungehaltener werden. Im Grunde liegt die Stärke des Scores in seiner Simplizität, der mit einfachen Mitteln ungeheuer effektiv umgehen kann und so das Grundgerüst bildet. In Stücken wie Azusa Castle in Ruins hingegen, wechseln sich die Instrumente ab, eine Shinobue (= Flöte, genutzt im Noh und Kabuki Theater), die ähnlich eines Vogelgesangs einsam und melancholisch ihr Lied pfeift, und währenddessen die dröhnenden Pauken und das große Orchester an ihren Platz treten.

Das Amüsante an diesem Werk ist, dass man weder den Film gesehen, noch die einzelnen Titel kennen muss, um in etwa zu wissen, was im Film passiert. Die einzelnen Instrumente werden zu Stimmungsträgern, die das auf visueller Ebene Präsentierte wiederspiegeln. In der Hinsicht unterscheidet sich der Soundtrack von modernen Werken, die ebenfalls auf diesen Ambientesound setzen: Hier erfüllt der Soundtrack einen leicht narrativen Zweck und unterstützt dahingehend auf mehreren Ebenen, ohne dabei zu dominant zu erscheinen.

Mit seinem Soundtrack zu Ran schlug Toru Takemitsu bereits 1985 einen Weg ein, der gerade heutzutage wieder mehr im Trend liegt: Musik als Klangteppich, der Stimmungen erzeugt und fördert. Musikalische Leitmotive treten hierbei zwar auf, halten sich jedoch weitestgehend zurück und schaffen somit Raum für einen traditionell japanischen Sound, der mit westlichen Elementen untermauert wird und so effektiv ins Ohr des Hörers dringt.  Ein beklemmender und packender Soundtrack!

4,5/5 Punkte

Silva Screen Records veröffentlicht  Toru Takemitsus Soundtrack zu Ran am 30. September auf CD & 12″ Vinyl.

ran-cover
[Cover © 2016 Silva Screen Records]

Ran
(Original Soundtrack Recording)
Veröffentlichungsjahr: 2016
Komponist: Toru Takemitsu
Genre: Soundtrack, Orchestral
Laufzeit: 01:12:09 Stunden
Label: Silva Screen Records

 

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