[Literatur] Tokyo Ghoul #1-14 – Sui Ishida

Irgendwann habe ich diesen Tick entwickelt, bei TV-Serien und längeren Mangareihen in ihren letzten Zügen auf die Bremse zu treten. Man verbringt eine vergleichsweise lange Zeit mit den Protagonisten, lernt sie mitsamt ihrer Probleme kennen; begleitet sie durch ihren Alltag. Und die Medien machen genau das gleiche mit dem Konsumenten.
Die Geschichten verbringen eine genauso lange Zeit mit uns.

„Der Vogel kämpft sich aus dem Ei. Das Ei ist die Welt. Wer geboren werden will muss eine Welt zerstören.“

Handlung

14 Bände und 144 Kapitel lang habe ich in diesem Jahr mit dem jungen Studenten Ken Kaneki verbracht. Einem literaturbegeisterten Einzelgänger und dessen einzigen Kumpel Hide, die gemeinsam durch dick und dünn gehen. Bis etwas grausames geschieht und Ken sich nach einem Unfall zurückzieht. Plötzlich sieht sich Kaneki mit einer völlig neuen Welt konfrontiert, die in Tokyo parallel zum gewöhnlichen Alltag existiert: Die Welt der Ghule. Sie lassen sich vom Menschen kaum unterscheiden und leben verdeckt inmitten Tokyos Alltag. Doch um zu überleben, fressen sie Menschenfleisch. Dabei ist es nur eine Frage der Zeit, bis es zum Konflikt zwischen Menschen und Ghulen kommt. Und mittendrin nun Ken, der zwischen den Stühlen sitzt.

Der Manga

Sui Ishida hat es mit seinem Debüt Tokyo Ghoul geschafft, eine völlig eigene Welt zu erschaffen. Und dabei lässt er sich nicht lumpen: Bereits im ersten Band nimmt die Geschichte ihren tragischen Lauf, wobei Ishida es einerseits gelingt mit hohem Tempo zu erzählen, andererseits aber auch, weitestgehend detailliert die Welt zu skizzieren, in der sich die Handlung abspielt. So lässt sich ausführlich darüber lesen, inwieweit der „Unfall“, den Ken Kaneki erleidet, sein künftiges Leben beeinflussen wird. Nicht nur physisch, sondern auch psychisch. Wie er sich damit arrangieren muss und dass es noch weitaus mehr Gefahren zu bewältigen gilt, als bloß die Ghule. Denn auch die Menschen fahren mit dem CCG (Commission of Counter Ghoul) schwere Geschütze auf, um Ihresgleichen vor den gefräßigen Monstern zu schützen.

Nun wäre es natürlich langweilig, wenn aus dem schmächtigen Protagonisten ein Monster werden würde, weshalb sich mit einem nicht weniger altbekannten Kniff geholfen wird. Für die einen mag diese Erzähltechnik verbraucht sein, wenn ein zum Monster gewordener Mensch noch immer seiner menschlichen Seite nachjagt. Für andere wiederum bietet gerade diese Herangehensweise ein weites Feld an Möglichkeiten, um psychologische Charakterportraits zu zeichnen. Worin sich übrigens eine große Stärke von Tokyo Ghoul findet: Die Wandlung Ken Kanekis, der sich inmitten einer großen Intrige wiederfindet und alles daran setzt, seine (neu gewonnenen) Freunde zu beschützen – vor Ghoulen, vor dem CCG; vielleicht auch vor sich selbst?

Es ist eine Geschichte, die von ihrer Düsternis profitiert, die bereits im ersten Band angekündigt, aber  erst im weiteren Verlauf  an die Stelle eines unbekümmerten Lebens tritt. Es wird brutal, widerlich, verstörend und packend. Packend, weil es Ishida gelingt, neben einem gelungenen Hauptcharakter viele  weitere Nebencharaktere einzubinden, die alle über ihre eigenen Ecken und Kanten verfügen, einen Eindruck beim Leser hinterlassen und über deren Hintergründe man Seite für Seite nach jedem noch so kleinen Detail absuchen mag. Z.B. der Ursprung allen Übels, Rize (Liz) Kamishiro, über deren Hintergründe nicht nur Ken rätselt. Oder Touka (Toka) Kirishima, eine Angestellte des Antik-Cafés, welche Ken mit größter Skepsis beäugt und grimmig über seine Entscheidungen urteilt. Herr Yoshimura und Yomo, über deren Hintergründe kaum einer Bescheid weiß, die mit ihren geheimnisumwobenen Charakteren jedoch so ziemlich jeden ins Grübeln geraten lassen. Doch auch auf Seiten des CCGs warten mit Ermittlern und Fahndern wie Koutarou Amon und Shinohara  mitsamt dessen verrückt erscheinenden Schützling Juzo denkwürdige Charaktere auf, die ebenso bedeutend für den Plot wie für die Spannungsmaschinerie sind, und deren – über die Ghule gespannte Netz – immer engmaschiger wird.

Tokyo Ghoul legt konsequent ein Tempo vor und lenkt den Fokus meist auf die Entwicklung seiner Protagonisten. Egal von welcher Warte man es betrachtet, meist sind es die derben Showdowns zwischen einzelnen Parteien, an denen die Figuren wachsen. Manche ausgeprägter, manche hingegen kaum merklich. Ein Grund, der Reihe etwas anzukreiden? Mitnichten. Auch wenn zuweilen Nebencharaktere erst wieder in Erscheinung treten, wenn man sie schon fast wieder vergessen hat, nur um den Plot voranzutreiben, so erfüllen sie dennoch eben diesen Zweck. Dadurch, dass die wichtigsten  ihre Einführung ohnehin mittels eigener kleiner Stories innerhalb der Hauptstory erhalten, erscheinen sie wenigstens mit Profil und ein Wiedersehen bereitet (in den meisten Fällen) große Freude.
Die Geschichte kommt dabei weitestgehend ohne unnötige Verzweigungen aus und verzichtet trotz ihrer  angenehmen Länge auf unnötige Filler. Vielleicht stößt die ein oder andere Nebenhandlung auf weniger Interesse, was Ishida jedoch mit Charakterentwicklung und seinen ikonischen Figuren wieder wett zu machen weiß. Zudem wird sich nie allzuweit von Kaneki entfernt, was die Spannung kontinuierlich oben hält.
Alles in allem bietet die Serie ein angenehm komplexes Storytelling, welches auf den Charakteren beruht. Vereinzelt etwas vorhersehbar, in den Schlüsselmomenten jedoch mit ausgeklügelten  narrativen Elementen versehen, die einem die Kinnlade runter rauschen lassen. Der finale Showdown schließlich hat es in sich und zehrt an den Nerven des Lesers, der danach gespannt auf den Nachfolger Tokyo Ghoul:re warten dürfte…
Dass das ganze außerdem noch zahlreiche Lightnovels, zwei Animeserien usw. nach sich zog, dürfte auch niemanden verwundern.

Der Zeichenstil

Da kommt große Freude bei mir auf. Denn jemand wie ich, die alles liest was ihr vor die Lesebrille gerät, weiß mittlerweile nur zu gut um die zeichnerischen Fähigkeiten mancher Mangaka oder auch um das genaue Gegenteil derer. Sui Ishidas Stil ist mir so bisher noch nicht untergekommen. Große Augen, große Köpfe, welche gerade noch die Proportionen zu den zugehörigen Körpern einhalten… und dennoch makellos ihren Dienst verrichten. Emotionen werden innerhalb der Panels vermittelt und das ist bei einer Serie wie hier ohnehin das notwendigste. Selbst wenn die Figuren mit ihren sehr stylischen Masken ausgestattet sind, lassen sich die dahinterstehenden Gefühle gut erahnen. Ein weiterer Pluspunkt sind die extrem detaillierten Hintergründe, welche die Handlungsorte fast schon real erscheinen lassen. Auch wenn die meisten von ihnen digital entstanden sein dürften, so ergänzen sie die einzelnen Panels und verpassen ihnen einen authentischen Look. Die einzige Schwäche, die sich im Zeichenstil offenbart, findet sich in der Unübersichtlichkeit einzelner Actionsequenzen wieder. Es ist zuweilen schwer, die Aktionen genau zu erkennen, respektive wer genau was tut, was dem ganzen abträglich ist. Denn statt in einem Rutsch durch die Action zu brausen, muss dem ganzen etwas mehr Aufmerksamkeit als üblich geschenkt werden, um hinterherzukommen. Ansonsten gibt es wahrlich nichts zu bemängeln, denn die Designs sind absolut erinnerungswürdig geraten und tragen zum flüssigen Lesefluss bei.

„Der Tag an dem ich starb“

Fazit

Tokyo Ghoul ist ein groteskes Fest für Freunde des Makabren. Mit seinen ikonischen Figuren rund um Kaneki Ken legt Mangaka Sui Ishida ein spannungsgeladenes und tragisches Debüt hin, welches sich über die 14 Bände kaum eine Verschnaufpause gönnt und stattdessen immer mehr an Erzählgeschwindigkeit zulegt. Selten schafft es ein Mangaka, so dicht bei seinen Figuren zu bleiben und alles in einem ganz eigenen Kosmos zu verorten. Ich bin beeindruckt und lechzte schon jetzt nach der Folgereihe Tokyo Ghoul:re!

4,5/5 Punkte

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TOKYO GHOUL © 2011 by Sui Ishida / SHUEISHA Inc.

Tokyo Ghoul #1-14
Mangaka: Sui Ishida
Erscheinungsjahr: 2011 (jp) / 2014-2016 (dts)
Status: abgeschlossen
Verlag: KAZÉ
Ausgabe: 1. Auflage; 2014/2015/2016
Seiten: 200+ (pro Band)
ISBN-13: 978-2-88921-205-7 (Band 1)

Leseprobe Band 1: Klick

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