[Film] Das Jerico-Projekt: Im Kopf des Killers (US 2016)

Ja, es gibt einen Grund, warum dieser Actionflic kaum beworben wurde und weitestgehend unter dem Radar flog. Nein, das trägt dem Film keine Rechnung. Dennoch ist und bleibt Das Jerico-Projekt: Im Kopf des Killers von Regisseur Ariel Vromen weder Fisch, noch Fleisch.

Dank der Forschung Doctor Franks (Tommy Lee Jones) ist es möglich, die Erinnerungen Verstorbener auf Lebende zu übertragen. Diese Technik nutzt CIA-Leiter Quaker Wells (Gary Oldman), um die Erinnerungen einer seiner toten Agenten zu extrahieren und in den ohne Moral Empfindenden Knasti Jerico Stewart (Kevin Costner) einzupflanzen. In der Hoffnung, so den Anarchisten Xavier Heimdall (Jordi Mollà) zu stoppen, der eine Backdoor jagt, um Zugriff auf das amerikanische Waffensystem zu erlangen.

Es ist genauso wie es klingt: actionlastiger Mumpitz, der gut besetzt daherkommt.
Wer Kevin Costners Ausflug in die Actiongefilde in 3 Days to Kill schon nett fand, der dürfte hier endgültig auf seine Kosten kommen. Costner präsentiert sich als wuchtiger Typ, der kein richtig von falsch trennt, keine Gefühle kennt und infolgedessen skrupellos und eiskalt daherkommt. Dass ihm dann auch noch Erinnerungen und Fähigkeiten eines Topagenten eingetrichtert werden, machen ihn zu einer unberechenbaren Todesmaschine, die mit stumpfen Gewaltexzessen (stumpf im Sinne von Prügeleien und sonstigen Nahkampfmethoden wie der Gebrauch von Autotüren, etc.) durch London pflügt, um eigenen Zielen nachzujagen. So kennt man Costner nicht, und doch liefert er eine eindrucksvolle Leistung ab, bei der das Zuschauen manchmal richtig wehtut.

„Wer mir weh tut, dem tue ich richtig weh.“

Das ist sein Mantra und das ist die Kurzfassung von Das Jerico Projekt. Damit empfiehlt sich der Herr auch weiterhin für die Riege alteingesessener Schauspieler, die den Schritt ins Actionmetier gerne öfters machen könnten. Die Spielfreude ist ihm sichtlich anzuerkennen, auch wenn er eher den grummeligen Typen mimt. Spielfreude ist hier ohnehin großzuschreiben. Denn nicht nur der Beginn verspricht eine intensive Auseinandersetzung zwischen Geheimdienst und spanischen Anarchist, auch die restliche namhafte Besetzung spielt, bis auf wenige Ausnahmen, mehr als solide. Dafür dass der Film von vornherein mit dem Flair spielt, es nur mit einem mickrigen B-Film zu tun zu haben, überraschen der gut aufgelegte Tommy Lee Jones als Doc und Gary Oldman als Geheimdienstleiter. Jones, zurückhaltender als sonst und ohne Taschenspielertricks ausgestattet, muss Sorge dafür tragen dass es seinem Versuchsobjekt an nichts mangelt und Oldmans Version eines exzentrischen Abteilungsleiters ist genau das, was man von ihm erwartet: Zornige Wutausbrücke und trotzdem das Charisma, wie es nur er aufbietet. Allein das macht Das Jerico Projekt zu einer Freude unter Genreliebhabern. Dazu zwei starke weibliche Rollen, gespielt von Alice Eve und Gal Gadot, die nicht übers Ziel hinausschießen, sondern auch ohne gleich auf Hochtouren kommen zu müssen ein relativ starkes Frauenbild beweisen. Leider anders als Antje Traue, die in Zack Snyders Man of Steel noch ausdrucksstark Superman verprügeln durfte. Ihre Elsa Mueller bleibt hinter den Erwartungen zurück, da es sich bei ihr nur um eine billige austauschbare Rolle handelt, welche alles für ihren noch weniger charismatischen Boss tun würde. Aber gut, es ist zumindest ein Schritt in die richtige Richtung, wenn ihr kein Alphatier zur Seite gestellt wird.
Größte Enttäuschung und einer der größten Kritikpunkte ist die Besetzung Jordi Mollàs, dessen Xavier Heimdall es nicht nur an Motiven mangelt, sondern auch an einer eigenen Art, den Antagonisten zu mimen. Dieser bleibt vollkommen auswechselbar und wenig charismatisch, um der Rolle gerecht zu werden. Was wiederum zu einer generellen Schwäche des Films verkommt.

Während die Idee, das neuronale Netzwerk zu duplizieren und diese so in einen anderen Menschen zu pflanzen, gar nicht so blöde daherkommt, ist doch der größte Schwachpunkt des Films die schwammige Struktur, der er folgt. Nur weil altbekannte Elemente (Hacker, Geheimdienst, Anarchist, …) in einen Film gepresst werden, heißt das noch lange nicht, dass sie auch alleine funktionieren. Hier fehlt die Struktur, welche die einzelnen Bausteine zusammenführt und aneinander hält. Stattdessen wirkt jedes Element gesondert, bekommt isoliert etwas Aufmerksamkeit geschenkt und wird dann wiederum durch andere Dinge ersetzt. Der rote Faden der Geschichte verliert sich zusehends, wenn er denn überhaupt vorhanden war, und verkorkst alles mühsam Aufgebaute. Da helfen auch keine sonstigen positiven Merkmale, wenn ein Film am Grundlegenden scheitert – nämlich dem Erzählen einer nachvollziehbaren Handlung. Die Bezüge zueinander fehlen zu häufig und werden nur bei Bedarf aus der Kiste geholt, um den Rahmen zumindest grob zusammenzuhalten. Vielmehr soll das wohl der namhafte Cast übernehmen, von dem sich bis in die Nebenrollen noch Michael Pitt, Scott Adkins und weitere erstrecken. Dass das nicht funktioniert, sollte bewusst sein.

Das Jerico Projekt bietet gute Ansätze und ein unerwartet gut aufgelegtes Darstellerkollektiv. Das allein kann diese nette Idee jedoch nicht tragen, weshalb dieser Agentenflic schnell wieder vergessen ist. Costner empfiehlt sich allerdings mit Bravour für härtere Rollen. Davon bitte mehr, auch wenn am Rest noch geschliffen gehört.

4,5/10 Punkte

film-das-jerico-projekt-us-2016-coverDas Jerico-Projekt: Im Kopf des Killers [Criminal]
Jahr: 2016 US
Laufzeit: 113 Minuten
Regie: Ariel Vromen | Drehbuch: Douglas Cook, David Weisberg
Kamera: Dana Gonzales
Musik: Keith Power, Brian Tyler
Cast:
Kevin Costner, Gary Oldman, Tommy Lee Jones, Ryan Reynolds, Jordi Mollà, Gal Gadot, Michael Pitt, Amaury Nolasco, Alice Eve, Antje Traue, Scott Adkins, Lara Decaro

Bilder [© Splendid Film/WVG]

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