[Film] The Sea of Trees (2015 US)

Ja, das Leben kann stellenweise schon ziemlich gemein sein. Unerträglich sogar, und das aus den verschiedensten Gründen. Verlust, Demotivation, verkappte Beziehungen, verpasste Chancen; die Liste ließe sich endlos weiterführen.
In Gus van Sants Drama The Sea of Trees beschließt Arthur (Matthew McConaughey) mit seinem Leben abzuschließen und reist dafür nach Japan, genauer gesagt nach Aokigahara, einem Waldgebiet, in dem sich jährlich mehr als einhundert Menschen das Leben nehmen.

Ein sensibles Thema, über einen sensiblen Ort. Da bietet sich eine ruhige Herangehensweise und sensible Hände doch geradewegs an und der erste Eindruck verspricht genau das. Der Zuschauer folgt Arthur auf seinem Weg nach Japan, ohne die Hintergründe zu kennen. Dennoch lässt sich aufgrund der tristen Stimmung nichts gutes erahnen. Auch das erste Schild in Aokigahara, dass den Besucher fast schon flehend darum bittet, sich noch einmal Gedanken über die Entscheidung zu machen und vor allem an Familie und Hinterbliebene zu denken. Spätestens hier wird klar: das kann kein gutes Ende nehmen.

Wäre Regisseur Gus van Sant doch nur diesem Pfad weitergefolgt. Seinem Kameramann Kasper Tuxen ist nichts vorzuwerfen; seine vorsichtigen Einstellungen des wunderschönen Waldstücks sind ein Genuss für das Auge. So schön die Natur auch sein mag, so verloren wirkt der Mensch in ihr, der sich entschlossen hat, seine Existenz zu beenden. Der Rest dieses Mysterydramas verkommt jedoch zur reinen Farce. Das Drehbuch stapelt ein Klischee auf das nächste und findet darin kein Ende. Wo am Anfang noch eine mysteriöse Grundstimmung herrschte, die keineswegs klar werden ließ, was als nächstes folgen würde, so offensichtlich flach lösen die ständigen Flashbacks die wahren Beweggründe auf. Nach der Hälfte weiß man, wie der Hase läuft und der gescheiterte Versuch, dieses Wissen mit einem weiteren Klischee zu täuschen, scheitert grundlegend. Es ist schon peinlich, zu was für eine brutale Kitschgranate The Sea of Trees verkommt und wie mit handwerklichen Mitteln genau diese Nische noch weiter bedient wird. Warme Bilder, die dennoch eine Kälte verströmen und so übertrieben im Selbstmitleid ihrer Charaktere baden, dass man im Kreis brechen möchte.

Zwar ist mir unverständlich, warum dieses Drama beim Erscheinen und auch in Cannes 2015 so dermaßen verrissen wurde, da der durchaus Qualitäten hat, andererseits je länger man darüber nachdenkt, desto ekliger und vor allem peinlicher wird auch dieser Film.
Es fängt schon damit an, dass Matthew McConaugheys Charakter in besagtem Waldstück gefühlt den einzigen Japaner (Ken Watanabe) trifft, der verständlich Englisch sprechen kann. Gut, Schwamm drüber. Zu was für wehleidigen Geschichten sich diese aber ausheulen müssen, wie ungerecht das alles doch ist und wie unterschiedlich die Gesellschaften doch sein mögen… ihr Ziel war nur eines und jetzt überlegen sie es sich doch anders. Gut, auch hier Schwamm drüber. Aber wenn man zwei lustlos traurig ausschauenden Männern dabei zugucken muss, wie sie sich ihre Herzen ausschütten und allen voran McConaughey, dem ich solche Rollen nicht mehr abnehmen kann. Wie schon in Interstellar gibt es auch in The Sea of Trees eine Szene, in welcher er in Tränen ausbricht. Das Problem ist nicht das Weinen selbst, sondern wie er weint. Als würde der Oscar in greifbarer Nähe nur auf ihn warten, solange er einen ausreichenden Tränenpegel erreicht. Ungelogen. Es wird so lange draufgehalten, dass man nicht mehr weiß ob man nun lachen oder weinen soll und das Schluchzen McConaugheys allmählich auch so klingt, als würde er vom seufzen zum kichern übergehen. Widerliches Overacting, von dem er nicht mehr loszukommen scheint.

The Sea of Trees hätte vieles von seiner anfänglichen Stimmung beibehalten können, hätte van Sant die Entscheidung getroffen, Ken Watanabe durchgehend und womöglich auch ohne Untertitel japanisch sprechen zu lassen. Die Sprachbarriere hätte einiges an peinlichem Kitsch im Vorfeld vermieden und somit die mysteriöse Stimmung länger aufrechterhalten. So verkommt dieses Drama allerdings zu einer peinlichen Lehrstunde in Sachen „wie gemein das Leben doch sein kann“ und erdrückt alles noch so bedrückende mit einem aggressiven Ton.

5,5/10 Punkte

the-sea-of-trees-coverThe Sea of Trees
Jahr: 2015 US
Laufzeit: 110 Minuten
Regie: Gus van Sant | Drehbuch: Chris Sparling
Kamera: Kasper Tuxen
Musik: Mason Bates
Cast:
Matthew McConaughey, Ken Watanabe, Naomi Watts

Bilder [© 2015 Waypoint Entertainment/BLOOM/Netter Productions]

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5 Kommentare zu “[Film] The Sea of Trees (2015 US)”

  1. Wow, eine echt gelungene Rezension. Besonders gefällt mir, dass du nicht nur „meckerst“, sondern auch konstruktive Vorschläge gibst, was hätte geändert werden können. Schade, dass der Film sein Versprechen nicht halten kann…

    Gefällt 1 Person

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