[Film] Doctor Strange (2016 US)

Auch wenn Marvel im Grunde immer dasselbe abzieht – nämlich einen Superheldenblockbuster nach Schema F – so sind sie nicht auf den Kopf gefallen. Die kreativen Köpfe scheinen ganz genau zu wissen, wann sich ein Schuh totgelaufen hat und wann sie die Reißleine ziehen müssen. Just in diesen Momenten fügen sie ihrer Masche eine neue, andere Seite hinzu und lassen innovativ erscheinen, was im Grunde dem immer selben Muster folgt. Nichts anderes ist Doctor Strange, der dem technikorientierten Fokus des Marvel Comic Universe nun die Magie präsentiert.

Nach dem Hype der diesen Superheldenfilm umgab, braucht an Inhalt nichts mehr erwähnt zu werden. Etwas Originstory, die die Ursprünge des selbstverliebten Neurochirurgen Doktor Stephen Strange (Benedict Cumberbatch) zeigen, und prompt startet in der Zwischenzeit auch schon das eigene Abenteuer, in welchem sich der Magierneuling gegen dunkle Mächte behaupten muss. Natürlich noch während seiner Ausbildung…

Was hebt diesen Film nun aber von den anderen Marvelfilmen ab, was ähnelt ihnen und was macht Doctor Strange so einzigartig?

Das Gute voran: Doctor Strange ist kurzweilig. So kurzweilig, dass nach 115 Minuten überlegt werden kann, ob da gerade wirklich ein Marvel-Film lief. Und das ist ein Eindruck, der auch nach einer zweiten Runde bestehen bleibt. Wie das geht? Regisseur Scott Derrickson verzichtet auf ausufernde Materialschlachten und hält sich auch sonst an der kurzen Leine. Stattdessen startet er mit einer eindrucksvollen Actionsequenz, welche auch gleich die visuelle Finesse, die noch folgen soll, andeutet und verzettelt sich nicht in unnötigen Sidestories. Er konzentriert sich auf das Wesentliche und zeigt auch nur das Nötigste. Eine etwaige Romanze mit der Doktorenkollegin bleibt daher aus und die „komplizierte“ Beziehung zwischen Stephen Strange und Christine (Rachel McAdams) wird zum Tragebalken des egozentrischen Neurochirurgen und der Entwicklung, welche er nach dem Unfall durchläuft. Überhaupt sind es die Sidekicks, die dem Fantasyspektakel einiges an Wucht nehmen. Christine ist entschlossen und lässt sich nicht lange an der Nase herumführen, ist gleichzeitig aber auch supersüß wenn sie schreckhaft zusammenzuckt. Auch Bibliothekar Wong (Benedict Wong), der wahrscheinlich witzigste Nebencharakter (neben Doctor Stranges flatterhaften Umhang) lässt sich nicht die Show vom arroganten Doktoren stehlen. Stattdessen lässt er einen lakonischen Spruch nach dem anderen vom Stapel und lässt so den Zauberlehrling oft genug ins Leere laufen, was wiederrum in herrlichen Retourkutschen mündet. Es sind diese Momente, die zu den größten Stärken des Films gehören, ihm die Schwere nehmen, ohne es zu sehr ins Lächerliche zu zerren. Und es sind Momente, in denen die ausgeglichene Chemie zwischen allen Beteiligten durchscheint. Alle scheinen sie voll bei der Sache zu sein und vor allem mit einer Menge Spaß. So  lässt es sich leichter verzeihen, wenn ein Mads Mikkelsen als Antagonist beinahe vollständig seitens der Geschichte verschenkt wird (eine gewisse Ausstrahlung hat der Däne sowieso immer) und ein gewisser anderer Sidekick vom coolen Sympathen zur weinerlichen Memme (die dem ganzen in einer gewissen End Credit-Szene noch das Krönchen aufsetzt) verkommt. So gut Chiwetel Ejiofor auch spielt, so bescheiden ist doch seine Rolle als Mordo geschrieben. Zwar hat auch er einige starke Momente, muss sich jedoch selbst dekonstruieren und sich der Handlung fügen. Sehr schade, wenn man in seine Zukunft blickt… Diese beiden Punkte sind tatsächlich diejenigen, die Doctor Strange daran hindern, sich über die schematischen Vorbestimmungen des Superheldengenres hinwegzusetzen.

Worüber gar nicht erst debattiert werden muss, ist hingegen Leinwandgöttin Tilda Swinton. Es steht vollkommen außer Frage, dass diese Frau nicht viel braucht, um völlige Aufmerksamkeit zu erhalten. Ohne dabei die anderen an die Wand zu spielen, wohlgemerkt!  Ist es ihre zurückhaltende, aber bestimmte Art, mit der sie so dominiert? Ihre Optik, die mit ihren androgynen Zügen trotzdem, oder gerade deswegen so fasziniert? Ihr steht die Rolle der Ältesten wie angegossen und darf gleich zu Beginn sämtliche Zügel in die Hände nehmen. Dabei dürfte sich dieser Auftritt mit Sicherheit in der Riege der imposantesten Einstiege in ein Marvelabenteuer to date einfinden. Aber auch abseits der Action brilliert die Dame unangefochten. Sie beherrscht ihre Gegenüber aus unnahbarer Distanz, gibt sich jedoch alles andere als herrisch. Oft genug zeigt sie ihren Schülern mit einem Lächeln auf den Lippen (oder merklichen Zweifeln), wie sie sich in Anbetracht der Ereignisse zu verhalten haben.

Kann ein Benedict Cumberbatch dagegen überhaupt ankommen? Diese Frage lässt sich nicht so leicht beantworten. Wie abzusehen war nähert Cumberbatch seiner Paraderolle des arroganten Detektivs an, ringt ihm aber wieder andere Seiten ab. Es sind deutliche Unterschiede zwischen den Figuren eines Doctor Strange und Sherlock Holmes auszumachen. Ein Wiederholungstäter ist der Brite in dieser Hinsicht also nicht. Ihm steht die Rolle des (Ver)Zweifelnden gut zu Gesicht, der sich irgendwann zwar den neuen Gesetzmäßigkeiten fügt, aber trotzdem nach eigenen Wegen sucht, um sein Ziel zu erreichen. Dabei dürfen schnippische Bemerkungen gegenüber seinen neuen Magie-Kumpanen ebenso wenig fehlen, wie die Skepsis gegenüber der Magie selbst. Dennoch ist sein Auftritt als Gegenpol zum sonstigen auf Hightech bedachten Franchise nicht ohne Fehler, die auch Stephen Strange selbst betreffend. So treffsicher viele der Gags auch sind, so flach wie Schenkelklopfer entpuppen sich andere. Womöglich lag es an der deutschen Synchronisation, oder aber manche der humorvollen Einlagen wurden tatsächlich so versteift vorgetragen, dass man sich das Lachen aufgrund der bloßen Tatsache verkneifen muss, wie offensichtlich das Ganze doch ist. Es fehlt dem Ganzen an Konsequenz, den Humor voll durchzuziehen. So schien es doch öfters wie ein Pendeln zwischen unterschiedlicher Niveaus, die mit dem Ende – welches dem von Guardians of the Galaxy doch extrem ähnelt –  einen klaren Tiefpunkt erreicht, der im o.g.  Beispiel noch charmant erschien.   Hier kommt ein weiterer Punkt zum Tragen, der an späterer Stelle noch einmal kurz aufgegriffen werden soll. Bleiben wir für den Moment noch kurz beim Humor. Am bedauerlichsten für die Wirkung des Films ist die Tatsache, wie schnell die Stimmung nach übereifrigem Einsatz von Humorspitzen wieder umschlägt. Auch wenn der Grundtenor für die meiste Zeit über in lockerleichten Gefilden fischt, so wird nach den wenigen ernsten Momenten sofort ein Gag nachgereicht, der die Stimmung gar nicht erst setzen lässt. Krampfhaft wird eine fröhliche Schiene bedient, um dem Zuschauer ja nicht zu viel zumuten zu müssen. Zu Beginn des Films erstaunlicherweise nicht, womöglich ist es also nur ein Versuch, um der anfänglich recht depressiven Stimmung wieder Herr zu werden. Ein wenig unausgeglichen verhält es sich, dennoch ist auch dieser Kritikpunkt aufgrund der Kurzweiligkeit des Endprodukts nicht zu gravierend.

Wie bereits angesprochen gibt es noch eine Sache, die mit einem kritischen Blick beäugt werden sollte. Die Optik. Gefällig ist die Art und Weise, mit der die Moderne auf traditionelle Gesellschaftsmerkmale trifft. es ist leicht zu vergessen, dass es sich bei Stephen Strange um einen begnadeten Neurochirurgen handelt, der dann nach Neapel reist, um dort die Erleuchtung zu finden. Natürlich wird genau dieser Kulturclash auch im Film selbst diskutiert, allerdings sind die Grenzen nicht so hart und der Zuschauer muss nicht erst nach Asgard reisen, um ein neues Setting im MCU kennenzulernen. Kudos an die Männer und Frauen hinter den Kulissen, die einige wunderschöne Sets zusammengeschustert haben. Auch die Magie selbst, die zum Dreh- und Angelpunkt der Geschichte wird, wird mittels eleganter Effekte zur augenscheinlichen Realität. Und natürlich dürfen auch die an Inception und M. C. Escher erinnernden Dimensionsverzerrungen bewundert werden, die dank des 3D mit räumlicher Tiefe (oder doch eher Höhe?) zum Augenschmauß werden. Wenn sich dort die Action abspielt, dann bleibt einem die Luft weg. Dennoch machen sich einige Qualitätsunterschiede in diesen Dimensionsspielereien bemerkbar. Es gibt vereinzelte Szenen, in denen die Greenscreentechnologie geradezu danach schreit, verwendet worden zu sein. So verkommt manch ein Szenenbild mehr zur billigen Theaterrequisite denn zu einem Millionenblockbusterdesgin, was dazu führt, aus der magischen Immersion gerissen zu werden. Hier hat Marvels Qualitätssicherung etwas geschludert, was in anderen Filmen des Studios so noch nicht passiert ist.

All dieser Mängel zum Trotz besticht Doctor Strange mit seiner resoluten Kurzweil, die die 115 Minuten wie im Flug vergehen lässt und dem Marvel Comic Universe – endlich – wieder Innovation und Neues verschafft. Die Magie öffnet dem eingeschlafenen Superheldenfranchise eine neue Ebene, die nach dem Showcase auch gerne weiterhin beschritten werden dürfen. Und wer ist nicht schon gespannt, wenn Doctor Stephen Strange auf Tony Starks übergroßes Ego trifft? Das werden wir erfahren, wenn es soweit ist.

7,5/10 Punkte

film-doctor-strange-2016-us-posterDr. Strange [Doctor Strange]
Jahr: 2016 US
Laufzeit: 115 Minuten
Regie: Scott Derrickson |
Drehbuch: (+) Jon Spaihts, C. Robert Cargill    (Vorlage: Steve Ditko )
Kamera: Ben Davis
Musik: Michael Giacchino
Cast:
Benedict Cumberbatch, Chiwetel Ejiofor, Rachel McAdams, Benedict Wong, Mads Mikkelsen, Tilda Swinton, Michael Stuhlbarg, Benjamin Bratt, Scott Adkins, Zara Phythian, Alaa Safi, Katrina Durden, Topo Wresniwiro, Umit Ulgen, Linda Louise Duan, Mark Anthony Brighton, Meera Syal, Amy Landecker

Bilder [© Walt Disney Studios Motion Pictures]

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23 Kommentare zu „[Film] Doctor Strange (2016 US)“

    1. Der macht auch wirklich Spaß und denke er wird dir auch wieder mehr zusagen, als die anderen Marvelfilme, die in der x-ten Runde laufen. Hätte ja gesagt er ist wie Ant-Man, eigenständig und charmant, aber den hast du auch noch nicht gesehen, oder?

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    1. Hehe, das war vermutlich nur dem Umstand geschuldet, dass ich beim zweiten Durchgang generell keine allzu große Lust auf Kino verspürte. Da achtet man mehr auf die Kleinigkeiten. Trotzdem bleibt es eine kleine Spaßgranate.

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      1. Ich wollte die Rezi schon geschrieben haben, kam aber noch nicht dazu. Ich mochte zum Beispiel nicht, dass das Zaubern teilweise so unnatürlich aussah. Mich hat das jedes Mal rausgerissen. Dann war die ganze Effekthascherei so losgelöst vom Inhalt. Wenn aber nur Schmuck für die Erzählung, warum dann so hektisch und brachial? Für Eigenständigkeit gab das Visuelle aber auch nichts her. Schauspielerisch hat man sowohl Cumberbatch als auch Mikkelsen angemerkt, dass sie total unterfordert waren. Wenn man zwei Charakter-Darsteller hat, warum gibt man ihnen dann nicht auch einen? Mir würde tatsächlich noch mehr einfallen, aber insgesamt habe ich das Geld nicht bereut und wurde gut unterhalten. Ich verstehe nur oft nicht, warum so viele tolle Filme gegen einen erträglichen Marvelfilm abstinken. Ich denke, das beeinflusst meine Sicht auf dieses Universum auch stark.

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        1. Und diese hölzerne, absolut nicht nachvollziehbare Beziehung von Strange + love interest… hätte man sich gleich ganz sparen können. Neulich, sterbend auf dem Op-Tisch:
          „Was ist das?“
          „Oh, das ist mein astrales Ich.“
          „Achso.“

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        2. Gut, die Effekte bzw. die visuelle Abgedrehtheit scheint sehr an die Comicvorlage gelehnt zu sein, die eben dieses psychedelische Feature bedient hat. Die Zauberei empfand ich tatsächlich als die besten Effekte, da waren die riesigen Welten doch qualitativ mächtig am abstinken. Mikkelsen hatte mMn das beste aus der Rolle geholt, Cumberbatch sehe ich einigermaßen ähnlich. Da waren es aber wirklich mehr die gerissenen Witze, die das Niveau haben abfallen lassen, wo er etwas unbeholfen wirkte.

          Zum letzten Satz: $$$. Ob man will oder nicht, nicht jeder tolle Film ist so massenkompatibel und berechnend wie einer des MCU. Das ist gut für die Kunst, aber eben blöd für uns, die das mindestens genauso gerne auf der Leinwand sehen würden.

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  1. die Rezension liest sich am Ende nicht ganz wie 7,5 Punkte 😀

    schöne Rezension, der ich so eigentlich weitesgtehend zustimme
    es war zwar einmal mehr das gleiche Muster, aber es hat sich erfrischend anders und neu angefühlt
    nur der Humor war nicht so prickelnd, bspw. diesen WLAN-Spruch fand ich einfach nur schlecht. Hier hätte man die Chance auf einen richtig schön dramatischen und ernsthaften Ausflug gehabt, hat sich dann aber leider dagegen entschieden und ne Menge Potential (auch was den Bösewicht angeht) ungenutzt liegen gelassen

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    1. Ertappt. Ich neige leider dazu mich am negativen aufzuhängen und das breitzutreten. Beim ersten Mal kam er sogar mit 8/10 weg, denke der Mittelweg ist schon okay. Gerade auch in Anbetracht der einsetzenden Marvelmüdigkeit.
      Zum Humor: Im Endeffekt ist und bleibt es die ultimative Marvelformel, die mal mehr mal weniger gut umgesetzt wird. Hier waren manche Gags wirklich zu flach, aber das wird sich bestimmt noch einpendeln. Wobei ich befürchte, dass der nächste mögliche Solofilm(?) insgesamt etwas heiterer ausfallen wird. Vllt fiele es da dann nicht so auf. Der Kontrast war hier doch sehr stark ausgeprägt.

      Ich weiß nicht ob ich schon einmal gefragt hatte, aber kennst du dich mit den Comics aus? Ich hatte ursprünglich gedacht, dass Mikkelsen etwas… anders… werden würde. Lege dafür aber meine Hand nicht ins Feuer. Könnte mir vorstellen, dass man ihn irgendwann evt. nochmal irgendwie zu sehen bekommt. (Ich kann nichts spoilern, weil ich nix dazu weiß. Das ist nur eine rudimentäre Überlegung, warum man für solch eine Rolle solch einen Akteur gewählt hat. :D)

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      1. ne, hatte noch keinen Superheldencomic in der Hand, nur die Mickey Mouse Dinger und Asterix, sowie Lucky Luke gelesen 😀
        kennst du die Comics? Und, einen On-Screen-Tod von Mikkelsen haben wir ja nicht gesehn 😀 auch wenn ich rein gar nichts vom Wiederbeleben von Figuren halte…

        sicherlich, vereinfacht gesagt gab es ja bisher die Formel, Marvel = locker und lustig; DC = düster und brutal. Es hätte ja auch nicht direkt ein neuer Batman werden müssen, aber mehr Ernsthaftigkeit hätte diesem Film im speziellen und dem MCU im Allgemeinen meiner Meinung nach sehr gut getan

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  2. Ich werde ihn wohl nicht im Kino sehen können, aber da er Guardians of the Galalxy ähnelt oder ihn streift kann er nur „gut“ sein. Ich denke DC müsste mal auf den Selben Tripp kommen… die rutschen in eine Schiene ab, die ich nicht wirklich mag.

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    1. Ach schade! Aber es ist auch ein netter Film für die Couch, von daher.
      DC würde ich noch nicht zu früh abschreiben. Aquaman könnte gut werden, aber für den Rest fehlt es mir an Interesse. DC ist eben permanent unter Zugzwang und damit scheinen sie absolut nicht zurecht zu kommen.

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