[Film] Battle Royale (2000 JP)

Ich bin von Grund auf ein netter und aufgeschlossener Mensch. Das ist ja allgemein bekannt… wie dem auch sei. Im Folgenden möchte ich eine Ansicht zu Kinji Fukasakus Verfilmung von Battle Royale korrigieren, die ich bisher polternd und vehement vertreten habe.

Nicht nur einmal habe ich gepredigt, wie schlecht der Film ist, wie die Hauptessenz der Romanvorlage von Koushun Takami durch die plakative Umsetzung verloren ging. Jetzt, mit genügend Abstand zum Buch, sehe ich das anders, wenngleich die damals geübte Kritik weitestgehend bestehen bleibt. Paradox? Wartet ab.

Battle Royale. Einer der japanischen Kultfilme, die Satire bis zum Anschlag durchgezogen und natürlich richtig schön explizit in seiner Darstellung. Ein dystopisches Japan in ferner Zukunft, in welchem der so genannte „Battle Royale-Act“ verabschiedet wurde, um gegen die hohe Jugendkriminalität und Arbeitslosenquote vorzugehen. Jedes Jahr wird eine 9. Klasse via Zufall ausgewählt, die sich auf einem isolierten Island mit zum Teil barbarischen Mitteln gegenseitig töten muss, bis am Ende nur noch einer übrig bleibt. Dieses Schicksal trifft in diesem Jahr den Mittelstufenschüler Nanahara Shuya (Tatsuya Fujiwara) mitsamt seiner Klasse…

Es kann unter anderem als eine Satire auf die ausgeprägte Leistungsgesellschaft Japans betrachtet werden, in der für Faulenzer und individuelle Querulanten kein Platz ist und der Druck auf den Einzelnen verschiedenste Auswirkungen haben kann. Wie das Schicksal von Shuyas Vater beispielhaft zeigt, der zu Beginn des Films keinen anderen Ausweg aus seiner quälenden Lage sieht, als den Suizid.

Zu Beginn sollte erwähnt werden, dass der Film weitestgehend nah an seiner literarischen Vorlage klebt und abgesehen von vereinzelten Elementen wie dem Ende, sehr darum bemüht ist, die Schicksale sämtlicher Schüler – 42 in der Zahl – auf der Insel einzufangen.  Man kann es Battle Royale nicht verdenken, darauf zu pochen sämtliche filmischen Trümpfe auszuspielen. Die Narrative ist – anders als in der Vorlage – nicht mehr personengebunden und wird für den Film allwissend, um auch ja jedes einzelne Schülerschicksal in all seiner Hässlichkeit einfangen zu können. Regisseur Kinji Fukasaku entscheidet sich für einen visuellen Stil und kehrt damit leider das interessanteste am Stoff unter den Teppich. Denn mit dem Verlust einer gebundenen Narration geht dem Film einiges an Gefühl und vor allem Fantasie verloren. Die missliche Lage wird auf ein simples Abschlachten herunter gebrochen, in dessen knapp zwei Stunden Laufzeit natürlich viel zu wenig Platz für Charakterentwicklung und Etablierung der neuen Situation für die Schüler vorhanden ist. Es wird der grafische Weg beschritten, der im Schnelldurchlauf sämtliche psychologischen Belastungen für die Schüler anschneidet, die Kernelemente der Geschichte aber bewusst ausklammert und das Ende natürlich auch so kalkuliert umschreibt, dass das grausig schlechte Sequel Battle Royale II: Requiem natürlich nahtlos an die eigentlich abgeschlossene Handlung anknüpfen kann.

Nun. Das ist das Problem, das ich mit dem Film als Buchkennerin habe. Ignorieren wir aber mal kurz diesen Fakt, dann eröffnet sich eine neue Perspektive auf den Film, welche nur bedingt vom Vorwissen getrübt werden kann: Battle Royale will mit seinen expliziten comic-/mangareliefartigen Darstellungen schockieren und provozieren und ist sich dabei vollkommen bewusst, wie das in Anbetracht der Thematik zu bewerkstelligen ist. Die plakative Bildsprache prangert etwas an und sie trifft den Nagel auf den Kopf. Gewalt als Mittel zum Zweck und infolgedessen nicht als Selbstzweck missbraucht, überspitzt in jeder Szene die Situation an sich, in dessen Sterbeszenen der Schüler die übermäßig theatralischen letzten Momente nur dem „Pünktchen auf dem i“ entsprechen und die musikalischen Ouvertüren während der Reports, also der Bekanntgabe der Zwischenstände, den Zynismus auf die Spitze treiben. Alles verfügt über seine innere Ordnung, systematisch fordert die Battle Royale ihre Opfer, der Aufseher Kitano (Takeshi Kitano) schaut dem blutroten Treiben mit eloquenter Gelassenheit zu und kommentiert mit legerem Zynismus das Tempo des „Spiels“. Und Tempo hat das Spiel, was dem Film nur zu Gute kommt. Der groteske Gegensatz des langsam treibenden Aufsehers und der gehetzten Schüler, die unvorbereitet in die neue Situation geworfen werden, reizen.
Dabei sind es gerade die zahlreichen Jungdarsteller, die unter Anleitung der Regie eine wunderbare Gratwanderung zwischen Menschlichkeit und Wahnsinn darbieten. Angeführt von Tatsuya Fujiwara als Shuya fügt jeder einzelne Darsteller dem Gesamtwerk eine weitere schonungslose Facette hinzu, die den Film erst einen. Kudos an die abgebrühten Kids, die so einen Weitblick erst ermöglichen und in Anbetracht der Schwere der Thematik trotzdem noch für Schmunzler sorgen können, ohne dabei dem Film seiner Intention zu berauben.

Was dem ganzen darüber hinaus Mehrwert verschafft, ist der psychologische Subtext, der nahezu 1:1 aus der Vorlage übernommen wurde. Nicht jeder Schüler oder jede Schülerin hält dem Druck stand, liebgewonnene Freunde zu töten. So vertritt der Film gleich mehrere Positionen, wie Menschen in solch einer Situation reagieren könnten. Wie schnell kippt der Schalter, der dich von einer Außenseiterin zur begeisterten Mörderin werden lässt? Nimmst du den diktierten Kampf überhaupt erst an, oder versuchst du die Regeln des Spiels auszuhebeln? Und überhaupt: Kannst du deinen besten Freunden noch trauen, wenn alles erlaubt ist und dem Sieger das Leben versprochen wird? Die Antworten, die der Film gibt, greifen alle diese Positionen in unterschiedlichster Manier auf. Natürlich ist nicht zu erwarten, dass diese in der Kürze der Zeit akribisch ausgearbeitet und dargestellt werden. Aber die grundlegenden psychologischen Gedankenspiele finden ihren Platz und lassen Battle Royale zuweilen noch makabrer erscheinen. Und das ist gut so, denn hier verkommt die Kunst nicht zur Farce, sie zeigt Missstände auf und kommentiert diese.

Battle Royale ist makaber, überspitzt und bietet dennoch einen gewissen Wert, der bei all seiner kontroversen Darstellung nicht vergessen werden darf. Es ist ein schmaler Grat zwischen Satire und selbstzweckhafter Nutzung filmischer Mittel, den Regisseur Kinji Fukasaku jedoch meisterlich beschreitet. Zu kritisieren ist an diesem Film im Endeffekt nur noch eines: Wie dreist sich die Tür einer Fortsetzung offengehalten wird, die letzten Endes all das verrät, wofür dieser Film hier eintritt.

8/10 Punkte

via
Poster via expresselevatortohell.com

Battle Royale [Batoru rowaiaru; バトル・ロワイアル]
Jahr: 2000 JP
Laufzeit: 121 (Extended Cut) / 114 Minuten
Regie: Kinji Fukasaku
Drehbuch: Kenta Fukasaku (liter. Vorlage: Koushun Takami)
Kamera: Katsumi Yanagijima
Musik: Masamichi Amano
Cast:
Tatsuya Fujiwara, Aki Maeda, Tarô Yamamoto, Takeshi Kitano, Chiaki Kuriyama, Sôsuke Takaoka, Takashi Tsukamoto, Yukihiro Kotani, Eri Ishikawa, Sayaka Kamiya, Takayo Mimura, Yutaka Shimada, Aki Unone, Ren Matsuzawa, Hirohito Honda, Ryou Nitta, Sayaka Ikeda, Anna Nagata, Yukari Kanasawa, Misao Kato, Hitomi Hyuga, Satomi Ishii, Asami Kanai, Satomi Hanamura, Yousuke Shibata, Shirô Gô, Yuuki Masuda, Shigeki Hirokawa, Tamaki Mihara, Tomomi Shimaki, Yasuomi Sano, Shin Kusaka, Gouki Nishimura, Shigehiro Yamaguchi, Osamu Ohnishi, Satoshi Yokomichi, Junichi Naitou, Tsuyako Kinoshita, Mai Sekiguchi, Takako Baba, Haruka Nomiyama, Ai Iwamura, Ai Maeda, Minami, Michi Yamamura

Bilder [© Astro Distribution]

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7 Kommentare zu “[Film] Battle Royale (2000 JP)”

  1. Den Film wollte ich auch schon länger mal sehen. Da die deutsche Fassung so schwer zu bekommen ist, hat es immer nicht geklappt und für Import war er mir dann doch nicht wichtig genug. Du hast natürlich noch eine andere Perspektive darauf, aber auch abgesehen davon klingt das was du schreibst sehr interessant.

    Gefällt 1 Person

    1. Oh, der Film ist definitiv interessant. Er ist zwar nicht witzig in dem Sinne, aber der angewandte Zynismus sollte einem schon gefallen. Ob dir die überspitzte Darstellung taugt, das vermag ich allerdings nicht zu sagen. Denn die ist eben sehr „japanisch“. Man muss sich schon drauf einlassen können, das Gedankenspiel hilft dabei jedoch.

      Och, so schwer ist der gar nicht mehr zu bekommen. Siehe z.B. hier: https://www.cede.de/de/movies/?view=detail&branch_sub=0&id=15327162&branch=2
      Laut Schnittberichte wäre aber auch die DVD-Fassung uncut, böte aber nur die Kinoversion die rund 7 Minuten kürzer ist. Inhaltlich nehmen sich beide Schnittfassungen nicht wirklich was.
      (Mit dem Shop habe ich übrigens schon gute und schnelle Erfahrungen gemacht + portofrei, was bei Import immer besonders schön ist. Den solltest du im Auge behalten. 😉 )

      Gefällt 1 Person

    1. Dürfte bei mir auch so ähnlich gewesen sein. Er hatte mich damals allerdings etwas verschreckt – wem ist das auch zu verdenken? Das schön e an dem Film ist, dass man ihn immer wieder sehen kann, da der Weg das Ziel ist und nicht die Auflösung.

      Gefällt 1 Person

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