[Film] Die Taschendiebin (2015 KR)

Endlich. Endlich ist er da: Der gelungene Einstieg in das Kinojahr 2017. So viel sei vorwegzunehmen, denn auch wenn Die Taschendiebin bei weitem nicht perfekt ist, so ist es doch zumindest wieder ein richtiger (und wichtiger) Schritt zu sehen, wie Park Chan-wook wieder zu alter Stärke zurückgefunden hat.

Im Korea der 1930er Jahre, zu Zeiten der japanischen Besetzung, wird Sook-Hee (Kim Tae-ri) als Hausmädchen für die japanische Hausherrin Hideko (Min-hee Kim) angestellt, welche ein abgeschiedenes Leben fernab der Stadt führt und unter dem dominierenden Einfluss ihres Onkels lebt. Was nur niemand ahnt: Sook-Hee verfolgt einen Plan, der eine ganze Reihe unvorhergesehener Ereignisse ins Rollen bringt…

Es ist gar nicht so leicht, eine einigermaßen korrekte Synopsis zu schreiben, ohne gleich den gesamten Film vorwegzunehmen, daher sei jedem Interessierten dazu geraten, möglichst unvoreingenommen an Die Taschendiebin heranzugehen. Auch wenn bei Park Chan-wook häufiger der Weg das Ziel ist, als die Auflösung des Ganzen selbst.

Es war durchaus etwas Skepsis vorhanden, nachdem ich so meine Probleme mit Parks Ausflug nach Hollywood in Stoker hatte. Denn der Trailer versprach eine sehr ambitionierte Bildsprache, von der leicht die Gefahr auszugehen schien, wieder so dominant zu wirken, wie es in oben genannten Film der Fall war, wo die Handlung infolgedessen schnell zur Nebensache verkam. Glücklicherweise widersteht er dieser Versuchung und offeriert zwar dennoch eine berauschende Ästhetik (die sich auch deutlich an die von Stoker anlehnt), welche sich von den Bildern hin zu den Kostümen erstreckt, legt dieser jedoch auch eine anspruchsvolle Geschichte zugrunde, die mit den Erwartungen spielt. Es ist eine Rückbesinnung auf seine früheren Filme, in denen zunächst klare Strukturen für eine ambivalente Ausgangslage Sorge tragen. Die Figurenkonstellationen und -hierarchien sind klar gezeichnet und es wird schnell ersichtlich, wer welche Motive verfolgt. Das Hausmädchen Sook-hee, welches sich in das Leben der Haushälterin Hideko einschmeichelt und weniger here Ziele im Blick hat, als sich auf die anbahnenden Liebeleien einzulassen. Und dann stößt mit Graf Fujiwara (Ha Jung-woo) auch noch ein alter Bekannter in das fragile Geflecht…

Doch ist das so? Ist alles so einfach, wie es scheint? Gibt es ein schwarz und weiß? Wenn Park Chan-wook mit seinen bisherigen Werken eines gelehrt hat, dann ganz sicher, dass nichts so simpel ist, wie es den Anschein hegt. Liebe ist keineswegs einfach (I’m a Cyborg, but that’s OK), Rache ist es mit ihren strikten Konsequenzen ebenfalls nicht (Oldboy, Lady Vengeance), das Leben per se geschätzt noch weniger (Sympathy for Mr. Vengeance) und Hingabe zur Liebe… nunja.
In drei klar voneinander getrennten Akten schildert Park das Treiben auf dem noblen Anwesen und lässt dabei aus drei verschiedenen Perspektiven blicken. Faszinierend daran ist, wie sich die Rezeption einer einzelnen Szene, die sich im ersten Akt noch höchst erotisch und klimatisch vollzieht, im zweiten völlig entgegen ihrer ursprünglichen Intention wirkt und dadurch eine gänzlich andere Ansicht auf das Geschehen offeriert. Es ist ein Spiel mit der Erwartungshaltung, aber auch gängigen Kinokonventionen, die womöglich schon wieder so platt eingewoben werden, ganz sicher jedoch nichts in ihrer Effizienz, welche hier auf die Spitze getrieben wird, einzubüßen droht. Dafür ist der koreanische Filmemacher zu geschickt, um diese Elemente für die Anspannung zu nutzen, die er immer weiter vorantreibt und über sämtliche der drei Akte erstreckt. Weil er um die Wirkungskraft seiner Pointen weiß.

Ich bin etwas versucht, Die Taschendiebin in drei unterschiedliche Filme einzuteilen. Denn obwohl sich zumindest die ersten beiden Akte in ihrer Handlung ähneln, sind sie doch völlig unterschiedlich inszeniert. Was auch zu einem starken Bruch innerhalb der Stilistik des Films führt. In einer Zeitungsreview war gerade in Hinblick auf die zweite Hälfte vom Begriff der „Altherrenerotik“ die Rede. Dem lässt sich tatsächlich kaum etwas entgegensetzen, so erreicht die Erotik nun doch eine andere Ebene, als noch die rein physischen Interaktionen zweier Frauen, die sich nach und nach zueinander hingezogen fühlen. Nun, im zweiten Akt, springt eben diese Erotik auf die Fantasieebene, wo sie wortwörtlich ein Publikum älterer Herren sichtlich erregt. Es sind tatsächlich befremdliche Momente, deren Bedeutung für die Handlung erst erschlossen werden muss, aufgrund ihrer voyeuristischen Mentalität. Doch sich nur daran aufzuhängen, ist schlichtweg falsch, denn der Film verweigert sich in solchen Augenblicken der Hingabe an stillen Betrachtungen und entlarvt diese stattdessen. Auch hier ist die Rezeption der Szenen entscheidend und inwiefern man über diese Augenblicke hinauszublicken bereit ist. Denn gerade der zweite Akt könnte diese Momente nicht entscheidender aufbrechen und mit wahren Intentionen locken. So fremd diese Szenen, in denen Hideko ihre „Lesungen“ abhält, auch wirken mögen, so erlösend werden diese doch zum Ende des Akts, wenn sich getraut wird, über vorherrschende Grenzen zu treten und aus dem goldenen Käfig auszubrechen. Was übrigens in einer der schönsten Szenen des gesamten Films mündet.

Wahres Gold wert sind dabei die Darsteller, die sich für Die Taschendiebin die Ehre geben. Durch die unterschiedlichen Erzählperspektiven sind diese gezwungen, ihre Rolle in unterschiedlichen Facetten wiederzugeben, was das Ganze noch beeindruckender erscheinen lässt, als es ohnehin schon der Fall ist. Das Verschieben der Sympathien, aufgrund der fortschreitenden Handlung und der (soweit bekannten) Bestrebungen einzelner Charaktere, ist ein faszinierendes Spiel. Nicht nur seitens der eigenen Wahrnehmung, aber auch dank der herausragenden Akteure. Mit Beherrschung fügen sie sich ihren Rollen, brechen diese an vereinzelten Stellen mit absurd lakonischen Einschüben auf und lassen sich nie gänzlich in ihre Karten blicken. Gerade die Damen Kim Tae-ri und Min-hee Kim verblüffen mit präzisem Schauspiel, das sich edel, grazil und höchst erotisch vollzieht, während sich ihre männlichen Gegenstücke erst in den Schlüsselmomenten zu ihrem Talent bekennen. Dann aber auch wieder die Perzeption auf ihrer Seite wissen, was das Ganze gekonnt abrundet und den Szenen mehr Schlagkraft verleiht.

Auch vom Standpunkt der Regie aus betrachtet, gibt es nur wenig zu klagen. Die Bildsprache ist ein malerischer Traum, aber bei weitem nicht mehr so dominant wie oben bereits erläutert in Stoker. Es ist eine klassische Inszenierung, die nur gelegentlich von prägnanten Kameraeinstellungen unterbrochen wird, welche dem ganzen eine gewisse Handschrift unterstellen, sich sonst aber dem allgemein strengen Tonfall des Films beugt. Ebenso imponierend wie die Optik, gestaltet sich auch der emotional aufgeladene Soundtrack aus der Feder von Parks Stammkomponisten Jo Yeong-wook. Mit unverkennbaren Wiedererkennungswert ausgestattet, ist der Score nobel und elegant in seiner Ausführung und spiegelt exakt das wieder, was sich auf der visuellen Ebene ereignet. Gefühlvoll und sanft wie ein Glockenspiel, aber auch bestimmt und voranpreschend, ganz so, wie die Akteure im Film handeln. Besonders hervorgehoben sei daher das Stück My Tamako, My Sookee, welches so punktgenau mit seiner Leitmotivik spielt und doch die gesamte Gefühlspalette des Film wiedergibt. Es ist wie ein Traum, der nie enden soll, voller Schönheit und Zukunftsmusik, aber auch einem Ziel, auf welches hingearbeitet wird. Streicher und Klavier in ihrer pursten Form, ganz genau so, wie die beiden Figuren im Film, Sook-hee und Hideko (Tamako).

Die Taschendiebin reiht sich nahtlos in die virtuosen Werke des Koreaners Park Chan-wook ein. Knappe zweieinhalb Stunden berauschendes Kino in gehobener Ästhetik und anspruchsvollem Storytelling, münden in einer wundervollen Geschichte über zwei Frauen, die ihre wahre Liebe finden und aus ihren gesellschaftlich auferlegten Zwängen auszubrechen versuchen. Elegant gespielt, lakonisch im Umgang und ambivalent in Szene gesetzt: Das ist ein Film, der keine Sekunde kürzer ausfallen darf.

8/10 Punkte

die-taschendiebin-posterDie Taschendiebin [The Handmaiden; Agasshi; 아가씨]
Jahr: 2015 KR
Laufzeit: 144 Minuten
Regie: Park Chan-wook
Drehbuch: (+) Jeong Seo-kyeong (lit. Vorlage: Sarah Waters)
Kamera: Jung Jung-Hoon
Musik: Jo Yeong-wook
Cast:
Kim Min-hee, Kim Tae-ri, Ha Jung-woo, Cho Jin-woong, Kim Hae-suk, Moon So-ri, Han Ha-na, Jo Eun-hyung, Lee Yong-nyeo, Takagi Rina

Bilder [© Koch Media]

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7 Kommentare zu “[Film] Die Taschendiebin (2015 KR)”

  1. Danke. Du sprichst mir aus der Seele. Park Chan-wook hat es wirklich mal wieder bewiesen, dass er mit nichts falsch liegen kann. Ich mochte „The Handmaiden“ auch sehr… und zum Glück wusste ich vorab überhaupt nicht, worum es eigentlich gehen wird.

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    1. Ja, er weiß genau wie er was machen muss um zu überzeugen. Ich rechne es ihm auch hoch an, dass er dabei nicht abgehoben wirkt. Sonst würde sowas ganz schnell nach hinten losgehen.
      Oh, das ist natürlich die ideale Ausgangslage. Ich kannte nur ein paar Randinformationen, muss aber zugeben dass ich ihn mir infolgedessen ganz anders vorgestellt hatte, als er letztlich wurde. War positiv von der Herangehensweise überrascht.

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        1. Und die Twists erst. Mich haben ja beide Wenden völlig aus dem Konzept gebracht. Obwohl sie eigentlich das simpelste auf der Welt sind.
          Spricht auch wieder für exzellente Vorarbeit.
          Wie schätzt du die Wirkung beim zweiten Mal ein?

          Gefällt 1 Person

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