[Film] Inside (2007 FR)

Bei einem schweren Autounfall überlebt die schwangere Fotografin Sarah (Alysson Paradis) nur knapp mit ihrem ungeborenen Kind, während ihr Mann seinen schweren Verletzungen erliegt. In der Folge verliert sich Sarah monatelang in Depressionen, möchte nur noch alleine sein. Zurückgezogen in ihrer Wohnung wartet sie auf den nahenden Geburtstermin, nichtsahnend, was für ein Martyrium ihr am Tag vor der geplanten Geburt bevorstehen wird, als plötzlich eine vermeintlich hilflose Frau an die Türe klopft…

Als einer der drei bekanntesten Vertreter der neuen französischen Härte streben die Regisseure Alexandre Bustillo und Julien Maury mit À L’Intérieur neue Maßstäbe im Genrekino an und erfüllen dabei die Erwartungshaltung in Sachen Darstellung völlig. Dass die furchtbaren Bilder des Verkehrsunfalls, mit denen der Film startet, nur als kleiner Anheizer dienen sollen, ist klar. Dennoch wirkt das Gesehene umso drastischer, wenn durch eine Stimme aus dem Off vermittelt wird, dass die Fahrerin schwanger ist und der Zwischenschnitt auf eine computergenerierte Embryografik im Mutterleib den Aufprall simuliert. Auch wenn die Gewalt hier nur passiv dargestellt wird, so verfehlt sie nicht ihre Wirkung, wenn die Kamera infolgedessen wieder auf die schwer verletzte und bewegungsunfähige Sarah im Autowrack wechselt. Und das ist erst der Anfang, denn das wahre Grauen soll noch folgen…

Was sich aus diesem Drama heraus entwickelt, ist nichts anderes, als ein hartgesottener Terrorfilm, der weder an expliziten Darstellungen noch an psychologischer Härte spart. Auch wenn Inside vergleichsweise gesittet beginnt, der Homeinvasioncharakter nur langsam an Fahrt aufnimmt und die psychologische Komponente zu Beginn im Vordergrund steht, so ist es doch dem gekonnten Schnitt des Films zu verdanken, dass sämtliches Zeitgefühl verloren geht und der folgende drastisch inszenierte Horror über einen nicht enden wollenden Zeitraum Einzug in Sarahs Wohnung erhält.
Die häufig eingesetzten Abblenden wirken künstlich, sorgen dennoch für eine unangenehme Atmosphäre und einen eigenen Rhythmus, der etwas Unvorhersehbares in sich birgt. Daraus resultiert schon weit vor dem blutigen Höhepunkt des Films ein spannungsgeladener Klimax, der Hoffnungen auf eine akkurate Inszenierung weckt.

Leider wird Inside dieser handwerklichen Finesse nur auf darstellender Ebene gerecht. Die Narration des Horrors wackelt im Vergleich dessen gewaltig und muss sich mit unübersehbaren Logiklöchern und Banalitäten herumschlagen, die so schwach in die Erzählung eingebunden werden, dass sie den gesamten Film zusehends ins Absurde abdriften lassen und den Terror unverhältnismäßig überzeichnet darstellen. Er verkommt zu einer Karikatur seiner selbst und toppt sich nur noch mit mageren Spezialeffekten, welche müde toleriert werden. Gegen Ende entschließt sich das Regieduo sämtliche Grenzen zu sprengen und so den brutalen Gewaltexzess, der bis dahin durchaus gekonnt und in Maßen Verwendung fand, auf die Spitze zu treiben. Es mündet in der bildgewordenen Umkehrung des zuvor Gezeigten, der den psychologischen und physiologischen Gewaltgrad so sehr ins Triviale verkehrt, dass sämtliche aufgebrachten Emotionen verschwinden und alles auf Rache sinnt. Es ist ein letztes Aufbäumen, das Ersehnen der Katharsis und dem Beenden des Terrors, und doch verweigern die narrativen Ungereimtheiten genau diesen Effekt, diese Genugtuung. Es passiert zig Mal zu oft, dass sich Charaktere zu dümmlich verhalten oder eine dünne Sperrholztür als einzige Bastion in der heimgesuchten Wohnung präsentieren. Wo soll da noch Raum zum mitfiebern gegeben sein?

Dass sich der Film zudem noch offensichtlich um Interpretation in Hinblick auf das Einstreuen  der tatsächlichen Unruhen von 2007 in Villiers-le-Bel (Paris) bemüht, wird dabei ebenso banal verschenkt, wie mögliche Spannungsmomente durch ein etwaiges Eingreifen der Polizisten. Oder finden sich gerade hierin die Parallelen in der Unfähigkeit der Polizisten…?

Einzig die Darsteller vermögen dem Horror noch ein Gesicht zu verleihen. Alysson Paradis überzeugt mit ihrer Darstellung Sarahs ebenso wie Béatrice Dalle als die Unbekannte La femme. Der Psychoterror wird von beiden Akteurinnen getragen, der sich aus dem nicht vorhandenen Zusammenhang beider Frauen bis ins Mysteriöse erstreckt. Sämtliche Nebendarsteller werden im Vergleich dessen weitestgehend verschenkt, wobei hier das immer schwächer werdende Drehbuch klar zur Verantwortung gezogen hört.

Der deutsche Titel Inside – Was sie will ist in Dir gibt den Inhalt des französischen Horrorfilms À l’intérieur kurz und knapp wieder und bedarf kaum einer Ergänzung. Der Titel ist Programm und bietet eine drastische Härte, die im wahrsten Sinne des Wortes unter die Haut geht. Dennoch versäumen es Alexandre Bustillo und Julien Maury ihrer handwerklich gekonnten Inszenierung auch eine erzählerische Geradlinigkeit zu verleihen, die der Thematik gerecht wird. Gerade in den angestrebten Spannungsspitzen tappen die Regisseure in die Falle und opfern die gesunde Portion Erzählstruktur einer reißerischen Darstellung. An die Finesse vom nationalen Genrekollegen Martyrs reicht Inside daher bei weitem nicht.

3,5/10 Punkte

film-inside-2007-fr-posterInside – Was sie will ist in dir [À L’Intérieur]
Jahr: 2007 FR
Laufzeit: 82 Minuten
Regie & Drehbuch: Alexandre Bustillo, Julien Maury
Kamera: Laurent Barès
Musik: François-Eudes Chanfrault
Cast:
Alysson Paradis, Jean-Baptiste Tabourin, Nathalie Roussel, François-Régis Marchasson, Béatrice Dalle

Bilder [© Senator Home Entertainment]

Advertisements

2 Kommentare zu “[Film] Inside (2007 FR)”

  1. Ohje, deine Torturtage sind also noch nicht vorbei. Schade irgendwie, dass in dem Genre bisher noch nichts wirklich Sehenswertes dabei war. Aber vielleicht ist das auch nur logisch. Hmm…

    Gefällt mir

    1. Nichts sehenswertes wäre vielleicht etwas zu hart formuliert. Mit „A Better Tomorrow“ gab es einen richtig guten Film, „From Dusk Till Dawn hat schwer Laune gemacht, „Martyrs“ sollte jeder Filmfan einmal gesehen haben und „Battle Royale“ konnte nach einer Zweitsichtung auch überzeugen. ISt also nicht alles Mumpitz, durch das wir uns quälen müssen. 😉
      Das nicht alles gut ist, was vom deutschen Markt „genommen“/eingeschränkt wird, ist ja klar. „Inside“ zum Beispiel ist unter Genreliebhaber sehr begehrt, baut aber trotz wirklich gelungener Atmosphäre übelst ab. Ein Vorteil hat das Ganze aber: Höchstwahrscheinlich werde ich ein kleines Special schreiben und mit ein paar Mythen der FSK & BPjM aufräumen. Es gibt nämlich ein paar interessante Fakten, die manche Entscheidugen nachvollziehbar machen, andere hingegen nur noch lächerlicher… 😉 Da kann ich durchaus etwas zu berichten.

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s