[NCFF 2017] A Silent Voice (JP 2017)

Bereits die sieben Bände umfassende Mangavorlage von Yoshitoki Ōima beeindruckt(e) Millionen von Lesern. Ob national oder auch international entwickelte sich A Silent Voice (OT: Koe no Katachi) schon kurz nach Erscheinen des gleichnamigen Oneshots (einem kurzen Abriss der Handlung in Mangaform) zum Ausnahmewerk japanischer Unterhaltungsliteratur.
Da ist die Skepsis berechtigt, ob ein knapp über zwei Stunden andauernder Animationsfilm aus dem Hause Kyoto Animation der Masse an Stoff gerecht werden kann.

Als sich Shōko vor ihren neuen Klassenkameraden vorstellen soll, blickt sie in die Klasse, als wäre sie in Gedanken woanders. Nach einer erneuten Aufforderung zückt sie ein Blatt Papier, auf dem steht „Hallo, mein Name ist Shoko Nishimiya und ich bin taub. Es freut mich, euch kennenzulernen.“
Schnell wird sie aufgrund ihrer zuvorkommenden Art von ihren Mitschüler(innen) ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt. Sie erhält Unterstützung wo es nur geht, wenn sie aufgrund ihrer Gehörlosigkeit nicht alles vom Klassengeschehen mitbekommt. Doch nach und nach betrachten ihre Mitschüler sie aufgrund ihres Handicaps als Last, weswegen sie zum Opfer des Querulanten Shōya Ishida wird, der eine Mobbingwelle innerhalb der Klasse auslöst. Die Angriffe, die sich zusehends nicht mehr nur auf verbale Aussagen beschränken, entwickeln eine Eigendynamik, die dafür sorgt, dass Shōko die Schule erneut wechselt. Womit Shōya nicht gerechnet hat? Nun wird er selbst zum Außenseiter. Er verliert seine Freunde und den Anschluss an seine Klassenkameraden, sieht sich deftigen Mobbingattacken ausgesetzt und steckt nun selber in der undankbaren Opferrolle.
Jahre nach dem Abschluss trifft Shōya jedoch zufällig auf Shōko. Kann er Buße tun für seine Taten…?

A Silent Voice ist eigenartig. Und das ist keinesfalls negativ konnotiert. Dieser Animationsfilm ist eigen in seiner Machart, was für Verzückung sorgt. Selten stellen Anime Protagonisten in den Mittelpunkt, die mit einer (körperlichen) Beeinträchtigung zu kämpfen haben, die sich im weiteren Verlauf der Geschichte nicht beheben lässt (ganz im Gegensatz zu unzähligen Shounen-Serien, die diesen Missstand z.B. durch Training korrigieren). Das einzige Beispiel, welches mir in den Sinn kommt wäre Gangsta. Shōko ist taub und das ist ein unwiderruflicher Fakt, sowie das Herzstück der Handlung, was zu zahlreichen Komplikationen im weiteren Verlauf führt. Wo zu Beginn noch eine gewisse Art der Neugierde und Hilfsbereitschaft von den Mitschülern offeriert wird, wandelt sich dies schnell, als diese merken, wie lästig es sein kann, ständig auf etwas verzichten zu müssen, nur um helfend unter die Arme zu greifen. So macht Shōko schnell die Bekanntschaft mit dem stets gelangweilten Shōya, dem dieser Umstand gerade recht kommt: Um seine Langeweile zu vertreiben, stichelt er gegen Shōko, was in ungeahnten Mobbingattacken mündet, die hier mit einer ungewohnten Härte gezeigt werden. Auch dies ist eine Thematik, die in Anime(serien) selten mit solch einem Nachdruck und Grad an Intensität gezeigt werden. Einzig eine Geschichte aus der zwölfteiligen Serie Shigofumi könnte dem in Sachen Drastigkeit das Wasser reichen.
Mobbing innerhalb der Schule scheint allgemein ein Tabuthema in japanischen Filmen zu sein, geschweige denn in Anime. Wen verwundert’s, bei dem sozialen Druck, der schon von Kindesbeinen an zur gesellschaftlichen Norm gehört. Und wehe, jemand unterscheidet sich auf eine Weise vom Rest der Gruppe…

Sowohl wenn Shōko, als auch Shōya in die Opferrollen gestoßen werden, schenkt der Film dem Zuschauer nichts. Es ist unerträglich mitansehen zu müssen, mit welchen Mitteln Kinder(!) gegen ihre Mitschüler wettern – ohne jegliche Rücksicht wird nachgetreten, wo es nur geht. Woran A Silent Voice jedoch scheitert, ist, diesen Handlungen eine tiefere Motivation zu verleihen. Ein Punkt der Kritik, der mit Sicherheit auch durch das knapp bemessene Zeitmanagement der Erzählung bedingt ist, welche mehr als genug Stoff für eine 12/13 Episoden lange Serie bietet. So wird das Mobbing selbst nach einer gefühlten halben Stunde schon wieder abgehakt. Wie es zu den Verschiebungen innerhalb der Charakterkonstellationen kommt, lässt sich nur bedingt nachvollziehen. Stattdessen argumentiert der Film mit einem Bruch innerhalb der Narration und verleiht dem ganzen einen episodenhaften Charakter. Das Pacing ist zu hoch, der Stimmungswechsel dadurch wenig glaubhaft.

Dieser Umstand wird jedoch vom Film selbst behoben, wenn er sich den Folgen dieser Konflikte widmet. Hierfür nimmt er sich genügend Zeit und Raum, um den mühsamen Kampf gegen Vorurteile vielschichtig und behutsam zu gestalten. Gerade Shōya entwickelt sich zu einem spannenden Charakter, der auch Jahre nach dem Schulabschluss mit Vorurteilen und persönlichen Problemen zu kämpfen hat.
So verschiebt sich nun der erzählerische Fokus direkt auf Shōya, der nun nicht mehr nur einer von vielen ist. Hier geht die emotionale Reise erst richtig los. Was sich von hier an entwickelt, ist eine gefühlvolle Auseinandersetzung über die Folgen von Mobbing bis ins höhere Jugendalter, Freundschaft, Loyalität und was es überhaupt bedeutet, über andere ständig hinwegzusehen und hinwegzusetzen. Es klingt nach einer abgedroschenen, stereotypen Geschichte, aber hier verbergen sich zahlreiche Trigger, die bekannte Denk- oder Erinnerungsmuster aus der eigenen Jugend hervorholen können – je nachdem, was für einen Hintergrund sich der Thematik entsprechend vorweisen lässt. Und genau das macht A Silent Voice so ausdrucksstark. Es ist die Geschichte eines Außenseiters, der wieder versucht, Fuß zu fassen und sich seinen gemachten Fehlern völlig bewusst ist. Die Dramatik spitzt sich dabei immer weiter zu, und nimmt durchaus Entscheidungen vor, die bei solch einem Film nicht unmittelbar zu erwarten wären. So entpuppt sich der Film als weitaus erwachsener und durchdachter, als es das Setting vielleicht vorgaukeln möchte.

Die Inszenierung

Neben der emotionalen Achterbahnfahrt, auf die einen der Film über zwei Stunden mitnimmt, ist es die künstlerische Umsetzung, die schwer beeindruckt. Die Animationen von Kyoto Animation sind wunderbar flüssig, leisten sich keinerlei Aussetzer und bieten selbst in Mimik und Gesichtsausdrücken genug Möglichkeiten, die Gefühlslagen der Figuren nachvollziehen zu können. Selbst die Szenen mit Gebärdensprache sind detailverliebt umgesetzt und lassen an nichts mangeln. Die Hintergrundzeichnungen sind entzückend in ihren knalligen Farben, ohne sich jedoch in den Vordergrund zu zwängen. Durch den sanften Einsatz starker Lichteffekte verbinden sich die Hintergründe mit den klar abgetrennten Figuren und verbinden diese auf elegante Weise.

Beeindruckend ist jedoch das Drumherum. Das Spiel mit optischen Spielereien – in diesem Falle sind es flatternde Kreuze vor den Gesichtern, die den Standpunkt der Figuren gegenüber Shōya als freundlich oder feindlich markieren. Auch wenn dieses Stilmittel in der Masse fast schon zu häufig Verwendung findet, so ist es doch eine interessante Herangehensweise, die gefühlte Isolation innerhalb des Gruppengeflechts nicht nur gefühlstechnisch, sondern auch visuell darzustellen. Ausgrenzung schmerzt immer, aber gerade im Animationsbereich gelangt man schnell an Grenzen innerhalb der Darstellung. Da ist dieser optische Kniff eine gelungene Veranschaulichung, die auch den Zuschauer nahe der Position Shōyas rückt. Denn nicht nur er nimmt diese wahr, auch wir als Zuschauer sehen uns mit den Reaktionen der anderen direkt konfrontiert und können uns so mit dem Protagonisten identifizieren.

Doch auch in Bezug auf Shōko hat A Silent Voice einiges zu bieten. Wie bereits erwähnt, spielt der Film mit der Gebärdensprache, die von den Bildern und der Animation her schön in Szene gesetzt ist. Sie ist zudem ein subtiler Vermittler von Gefühlsregungen zwischen den Gesprächsteilnehmern, was persönlicher wirkt, als die Kommunikation via Stift und Papier. Dennoch ist es paradoxerweise die Tonebene, die alle Trümpfe ausspielt. Nicht der Soundtrack ist es, der beeindruckend gestaltet ist, sondern das Tondesign, das wie für das Kino gemacht ist. Es ist ein Spiel mit dumpfen Tönen und wummernden Bässen, die sich über die Musik legen und so die Gehörlosigkeit Shōkos fühlbar gestalten. Ähnlich eines Herzschlags, unterstreichen diese Formen der Klänge die Emotionen der Charaktere, allem voran auch die Beziehung zwischen Shōya und Shōko. Zumindest rudimentär versetzt es den Zuschauer in eine ähnliche Situation und bietet so Platz für Anknüpfungspunkte.
Zwar ist das alles sehr verspielt, jedoch eine sehr erfrischende Herangehensweise, um unterschiedliche Defizite oder Andersartigkeiten aufzuzeigen und aus den medienbedingten Einschränkungen einer Literaturvorlage ausbricht.

A Silent Voice ist eine absolut sehenswerte Adaption der gleichnamigen Mangavorlage. Obwohl gerade zu Beginn noch Skepsis herrscht, ob die Fülle an Stoff gerecht umgesetzt werden kann, entwickelt sich der Film nach kurzen Anlaufschwierigkeiten zu einer sehr gefühlvollen Geschichte um gemachte Fehler und die Suche nach Vergebung, sowie den Grenzen, denen eine Freundschaft obliegt. Im wahrsten Sinne des Wortes eine Achterbahnfahrt der Gefühle!

8/10

[NCFF-2017]-A-Silent-Voice-(JP-2017)---Poster

A Silent Voice [Koe no Katachi; 聲の形]
Jahr: 2017 JP
Laufzeit: 130 Minuten
Genre: Drama, School, Shounen
Studio: Kyoto Animation
Regie: Naoko Yamada
Drehbuch: Reiko Yoshida (liter. Vorlage: Yoshitoki Ōima)
Sprecher:
Shouya Ishida – Miyu Irino – Mayu Matsuoka
Shouko Nishimiya – Saori Hayami
Keisuke Hirose – Hana Takeda
Miyako Ishida – Satsuki Yukino
Maria Ishida – Erena Kamata
Miki Kawai – Megumi Han
Satoshi Mashiba – Toshiyuki Toyonaga
Tomohiro Nagatsuka – Kensho Ono
Ito Nishimiya – Ikuko Tani
Yuzuru Nishimiya – Aoi Yuuki
Yae Nishimiya – Akiko Hiramatsu

Bilder via screenshots [©YK/SVM]

Advertisements

9 Kommentare zu “[NCFF 2017] A Silent Voice (JP 2017)”

  1. Hach. Würde ich gern noch einmal sehen. Die Idee mit der Serie ist interessant. Vielleicht solltest du dich neben deiner kinematographischen Tätigkeit mal an ein Drehbuch setzen 😉 Ich wüsste gar nicht, wie man das aufteilen wollen würde, außer dem offensichtlichen Bruch. Die Motovation der Charaktere hat mir auch gefehlt, vielleicht könnte man dem noch etwas hinzufügen.

    Gefällt 1 Person

    1. Haha, besser nicht. 😉 Dadurch dass es ja ziemlich drastig gezeigt wurde, könnte man meinen, dass die Straffung durchaus in Ordnung geht. Nur eben die fehlende Motivation/Charakterzeichnung zu Beginn ist schade.
      Im Serienformat wäre der Bruch sicherlich spannender, da sich dort auch mit dem Verschieben des Fokus spielen ließe. Also zwischen Shouya und Shouko. Ist im Film ja auch mehr oder minder so gemacht.

      Gefällt 1 Person

      1. Da bin ich mir sicher. Aber gibt es den Film schon irgendwo regulär zu sehen?

        Mal ab vom Thema: Weißt du, ob und wann „Your Name“ in Deutschland einen Start bekommt? Höre von allen Seiten nur Gutes.

        Gefällt mir

        1. Bisher noch nicht. Es ist auch noch nicht klar, wann er letztlich hier veröffentlicht wird. Zumindest verfügt Kazé über die Lizenz.

          Bei „Your Name“ munkelt man, dass sich irgendjemand die Lizenz geschnappt hat. Aber keine Ahnung wer und wann man es erfährt. Das kann noch eine ganze Weile dauern. Bei den Briten erscheint er fürs Heimkino nicht vor Oktober, wie es scheint. Da lässt sich bei uns noch ein bisschen mehr Zeit hinzurechnen. Da sind die Japaner mit ihren Lizenzen knallhart und versuchen sie so lange wie möglich zurückzuhalten.

          Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s