[Film] Dunkirk (2017 US/UK/NL/FR)

Hier muss gar nicht um den heißen Brei geredet werden, denn Dunkirk ist ganz in Ordnung. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Das größte Problem des Films ist es, dass er sich wie eine Fingerübung Christopher Nolans anfühlt. Es ist ein technischer Showcase par excellence: Ein immanenter anschwellender Score unterstreicht die anspruchsvollen Bildkompositionen, die Szenen werden von ihren Darstellern getragen… und zugleich bietet all dies auch Tücken, auf die Dunkirk gnadenlos hereinfällt. Und da wären wir wieder beim Hauptproblem: Es erscheint lediglich wie eine Fingerübung, deren Unsauberkeiten mit Leichtigkeit hätten umgangen werden können.

Ohne seinen Score würde Dunkirk sicherlich nicht funktionieren. Müsste ein einzelner Faktor benannt werden, welcher Dunkirk einzigartig gestaltet, dann ist es der nahezu immerwährende Score Hans Zimmers. Trotz seiner – mittlerweile – absolut klassischen elektronischen Symphonie, die überhaupt nichts mit der zeitlich historischen Einordnung des Films gemein hat, ist es beeindruckend zu fühlen, wie nahtlos sich die Musik in die visuelle Narrative einfügt. Er ist bis auf zwei, drei kurze Ausnahmen immer präsent – mal ähnlich einem unterschwelligen Maschinenbrummen – mal wie eine nahende Bedrohung, die gnadenlos wie das Meer vor den eingekesselten britischen und französischen Truppen in Dünkirchen wütet. Es ist kein Soundtrack, der alleine wirkt. Vielmehr muss er gemeinsam mit den Bildern erlebt werden. Er ist zweifelsfrei das Herzstück der gesamten filmischen Komposition. Und auch die Bilder sind ein Traum. Die nun schon zweite Zusammenarbeit zwischen Nolan und Kameramann Hoyte van Hoytema wird mit atemberaubenden Aufnahmen belohnt, die eine unerträgliche Intensität ausstrahlen. Egal ob es sich um den Anfang handelt, als ein britischer Soldatentrupp durch Dünkirchen bewegt und plötzlich unter Beschuss gerät, oder Soldaten in einem untergehenden Schiff panisch um ihr Überleben kämpfen, der Zuschauer wird mitten in das Geschehen verfrachtet. Dabei ist es überraschend gelungen, dass Dunkirk trotz seiner wenig expliziten Bilder weitaus mehr Grauen erzeugen kann, als so manch anderer Kriegsfilm. Ist es das Kopfkino, das Nolan hier bedient? Die Schreie im Off von sterbenden Soldaten sind weitaus unerträglicher, als mit ansehen zu müssen, wie Fliegerbomben auf Männer am Strand hinab regnen und diese wegsprengen. Das Sounddesign als Schlüsselkomponente ist wahrlich beeindruckend.

Doch was versäumt das Kriegsepos? Nach den Vorankündigungen war klar genug, dass Dunkirk – mit Ausnahme der Evakuierung – keinen Fokus auf ein Einzelschicksal legen würde. Das kann durchaus funktionieren und sporadisch tut es das auch. Nolan zwingt sich nicht in ein narratives Korsett, und knüpft keine Verbindungen, wo keine sind. Airforce, Navy, Army und ein Stück weit auch die Zivilbevölkerung werden in klar voneinander abgegrenzten Segmenten betrachtet. Zwar kreuzen sich die Erzählstränge mancherorts, doch ist es viel mehr ein natürliches Storytelling. Zwar kommen dabei manche Hauptcharaktere etwas in ihren Darstellungen zu kurz, aber das wird weitestgehend durch die ausdrucksstarke Besetzung wieder ausgebügelt. Mark Rylance beeindruckt als solidarischer Kapitän eines zivilen Schiffes, der es als seine (nicht übermäßig patriotisierte) Pflicht erachtet, seine Landsmänner aus der aussichtslosen Lage zu befreien. Auch wenn es heißt, selbst Opfer bringen zu müssen. Tom Hardy, der sich weitestgehend hinter einer Fliegermaske versteckt, mimt den toughen Piloten wie kein anderer und legt sein klassisch stoisches Spiel an den Tag. Er macht das Beste aus seiner Rolle, die zum Ende hin leider immer undankbarer wird. Kenneth Brannagh, der umhin ein Fels in der Brandung ist, passt in die Rolle des Navyoffiziers wie angegossen. Er verfügt über das notwendige Charisma eines Anführers und fügt sich in das Gesamtbild ein. Schade nur, dass Nolan im Verlauf des Films gnadenlos an ihm vorbeiinszeniert und die patriotischen Totalen und Close-ups peinlicher wirken, je häufiger sie bei ihm eingesetzt werden… Die fesselndste Leistung liefert jedoch Fionn Whitehead ab. Sein Soldat ist ein Opportunist, der nur überleben will. Kein Held, kein Übermensch – nur ein gewöhnlicher britischer Mann, der seine Kameraden wie die Fliegen sterben sieht und nach jeder Möglichkeit greift, dem Hexenkessel zu entfliehen. Es kommt Dunkirk zugute, dass er mehr zeigt, als er erzählt. Die Dialoge halten sich in Grenzen, denn Nolan weiß zu gut um die Wirkung seiner Bilder. Er entsagt sich einer klassischen Erzählstruktur, um zu zeigen, was Kino zu leisten vermag. Vielleicht etwas ignorant in Hinblick auf mangelnde Charakterentwicklung und zum Ende hin auch unerträglichem Pathos, aber technisch gesehen ist dieser Kriegsfilm ein Brett.

Ich möchte mich gar nicht daran aufhängen, dass Dunkirk narrativ nicht immer souverän erscheint. Bei den Ausmaßen des Films hält es sich im Toleranzbereich und deutet so an, dass es sich um mehr als nur das Schicksal einzelner Männer in dieser militärisch kläglich gescheiterten Aktion handelt. 400.000 Mann warteten voller Verzweiflung am Strand auf die Rettung vor den Deutschen, welche bereits in Dünkirchen anrückten. Aussichtslosigkeit in dieser drohenden Niederlage vor Augen, welche immerzu präsent erscheint. Doch Dunkirk vermittelt nie gänzlich das wahre Ausmaß dieser Rettungsaktion. Es sieht zu keinem Zeitpunkt so aus, als wären tatsächlich so viele Männer an den Stränden oder in der Stadt (die eh nur eine vernachlässigbare Rolle spielt). Fernab der Szenen, die sich Einzelschicksalen widmen, wirkt der Film fad und wenig beeindruckend. Es gibt keine wunderbare Plansequenz wie etwa in Abbitte, die das ganze Ausmaß des Geschehens einfängt. Vielmehr hängt der Film in vorgegebenen Bildkadrierungen, die sich weitestgehend „mittendrin“ befinden oder schnell zum nächsten Handlungsort führen. Es fehlt der Sinn für das große Ganze, das Tüpfelchen auf dem i, um dem Film zu wahrer Größe zu verhelfen. So wirkt es wie ein festgefahrenes maschinelles Abdrehen vorbestimmter Situationen, die mittels eines rhythmisch soliden, aber uneinnehmlichen Schnitts auskommen müssen. Nicht selten wirken die Übergänge wie einzelne Clips für Werbematerial jeglicher Art, die zwar in dem Moment gut für sich selbst wirken, aber unsensibel im Gesamtpaket erscheinen. Und wenn dann noch der dritte Schnitt in Folge auf die selbe unveränderte Situation erfolgt, dann wird es überdeutlich, dass es an notwendigem Gefühl mangelt.

Die Szenen verweigern sich der ultimativen Wirkungsmacht und das ist der größte Mangel an Dunkirk. Denn letztlich ist und bleibt es nur eine Fingerübung Christopher Nolans mit ausuferndem Budget und Material. Zumindest erscheint es erfrischend, wie anders sich dieser Blockbuster präsentiert. Doch anders ist nicht immer herausragend…

6,5/10 Punkte

[Film]-Dunkirk-(2017-US-UK-NL-FR)---PosterDunkirk
Jahr: 2017 US/UK/NL/FR
Laufzeit: 107 Minuten
Regie & Drehbuch: Christopher Nolan
Kamera: Hoyte van Hoytema
Musik: Hans Zimmer
Cast:
Fionn Whitehead, Aneurin Barnard, Barry Keoghan, Mark Rylance, Tom Glynn-Carney, Tom Hardy, Jack Lowden, Billy Howle, Mikey Collins, Will Attenborough, Kenneth Branagh, James D’Arcy, Matthew Marsh, Cillian Murphy, Adam Long, Harry Styles, Miranda Nolan, Richard Sanderson

Bilder © [Warner Bros.]

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8 Kommentare zu “[Film] Dunkirk (2017 US/UK/NL/FR)”

  1. Trifft es ganz gut. Wobei ich wohl mehr Probleme damit hatte, dass die Figuren alle einfach nur da sind und absolut keinen Charakter aufweisen. Und Zimmers Score ging mir zwischenzeitlich eher auf die Nerven. Ich mag es dann auch mal ruhig, um die Szene auf mich wirken zu lassen.

    Das größte Problem ist aber wohl wirklich, dass es sich nicht anfühlt wie die große Bedrohung für so viele Menschen. Das kommt einfach nicht rüber. Erstens stehen am Strand gefühlt eher 300 Leute als 300.000 und zweitens fehlt einfach ein Blick auf das Stadtinnere, wo die Deutschen anrücken. Wenn man hier in einer vierten Ebene noch zwei Soldaten in der Stadt beleuchtet hätte, die immer mehr zum Strand zurückgedrängt werden, wäre das nahende Grauen spürbar gewesen. Aber so verpufft das alles ein bisschen.

    Hab dem erstmal 4/5 gegeben, weil der im Kino schon gefetzt hat, muss ich sagen. Aber bei einer Zweitsichtung wird der sicher in der Wertung fallen.

    Gefällt 1 Person

    1. Das mit den Charakteren kann ich nachvollziehen. Aber da war schlichtweg kaum Platz. Und irgendwo fand ich es auch wieder gelungen, weil es eben nicht diese typische Helden-/Survivalstory eines Einzelnen war.
      Auch das kann ich verstehen. Hier muss man wohl eh eher von Sounddesign sprechen. Melodien habe ich kaum herausgehört. Allerdings fand ich den Anfang, als es so still war, auch sehr intensiv. Aber da hatten die D-Box-Sitze auch mit zu tun. Deren Vibrationen hat man auch noch zwei Reihen weiter gespürt, wenn die Kugeln einschlugen..

      Exakt. Ich fürchte aber, ein weiterer Fokus hätte die Narrative komplett zerschossen und zu sehr vom relativ ruhigen Strand abgelenkt. Da fand ich das Treffen mit den Franzosen schon solala. Die Bemühungen des Films, das alles greifbarer zu machen, waren halt selten direkt genug. Die Schießübungen und die Bomben zwischendrin waren das Einzige, was wirklich funktionierte.

      Kann man machen. Ich glaube aber nicht, dass ich den unbedingt noch ein zweites Mal sehen muss. Dafür war es mir insgesamt nicht gut genug.

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      1. Klar, wenig Platz war da, wenn man dem Film aber einfach 15-20 Minuten mehr gibt, kann man da schon was machen. Ich verlange da ja auch keinen komplett ausgearbeiteten Charakter, der mir sein ganzes Leben erzählt. Aber ein paar Ecken und Kanten, die den Menschen greifbarer machen, sind auch in kurzer Zeit drin.

        Das mit der vierten Erzählperspektive ist natürlich ein schmaler Grat, aber es hätte halt schon irgendwie geholfen, die Bedrohung sichtbar zu machen. Auch wenn es schon so genug Chaos war, keine Frage. Es ist halt schwierig, das alles unter einen Hut zu bringen. Ich respektiere aber Nolan einfach dafür, dass er immer mal wieder solche Dinge versucht. Das muss nicht immer hundertpro gelingen, aber wenigstens traut er sich noch was.

        Ich gucke ja quasi alle mindestens zweimal, es sei denn, ich finde es von vornherein komplett scheiße. Das bringt immer nochmal eine andere Sichtweise mit sich, bei der man neue Dinge entdecken kann usw. In manchen Fällen zieht es dann eben auch nochmal etwas runter (bei Tarantino mittlerweile zB immer).

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  2. „Ohne seinen Score würde Dunkirk sicherlich nicht funktionieren.“

    Ohne seine Bilder würde Dunkirk sicherlich nicht funktionieren.
    Ohne seine Schauspieler würde Dunkirk sicherlich funktioniert.
    Guter Satz. Sicherlich nur eine Fingerübung. 😉

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      1. Ich hoffe ich verstehe auch so was du meinst! 😉
        Der Score ist an sich nichts außergewöhnliches. Aber erst in Verbindung mit dem Visuellen wird er zur Wucht. Wobei, vllt nennen wir es besser „Sounddesign“…
        Die Besetzung empfand ich weitestgehend redundant. Abgesehen von Whitehead war jetzt keiner dabei, der nicht auch durch einen anderen hätte ersetzt werden können – finde ich.

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