[Film] Death Note (2017 US)

Es braucht schon verdammt viel, eine Vorlage so dermaßen zu verhunzen, dass man nicht mal mehr darüber lachen kann. Adam Wingard hat sich für Netflix dafür erbarmt, den Kultmanga Death Note  als Realverfilmung umzusetzen. Alles gar kein Ding, die Japaner bekommen hin und wieder ja auch ganz ansehnliche Live Action-Filme hin – die Death Note Filme sind schließlich auch ganz ansehbar.

Es folgt eine polemische Spoilerwarnung!

Natürlich bleibt hier ein Vergleich nicht aus. Auch wenn ich lediglich den Anime, sowie den letzten japanischen Death Note – Light up the New World kenne. Was das Material jedoch so besonders macht, ist schnell erklärt:

Eines Tages fällt ein Death Note vom Himmel und landet in den Händen von Light, einem intelligenten jungen Mann. Dieses Death Note erlaubt es seinem Besitzer, über Leben und Tod zu entscheiden. Denn sobald Light einen Namen in das Buch schreibt, stirbt diese Person.
Mal ganz grob erklärt, denn es gibt einige Einschränkungen im Gebrauch. Und dennoch: Light schwingt sich zum Rächer der Justiz auf und begibt sich auf eine Welle der selbsternannten Gerechtigkeit, indem er zahlreiche Verbrecher zur Strecke bringt. Doch schon bald stellt sich ihm jemand entgegen. Ein intensives Katz- und Mausspiel beginnt. Und dann ist da noch der Shinigami Ryuk, welcher nur Äpfel isst…

Ja. Death Note vermengt Thrill mit übernatürlichen Elementen. Und das macht das Ursprungsmaterial so interessant: Denn die dämonischen Elemente nehmen nie Überhand. Sie sind nur das Mittel zum Zweck, um die Geschichte anzuheizen.
Das Death Note als wichtigstes Instrument, als eine Waffe der Gerechtigkeit(?) und Ryuk, dessen Loyalität immer in Frage zu stellen ist… immer hält es sich die Waage mit der Hatz zwischen Light und dem höchst intellektuellen Gegenspieler L. Und das gestaltet das ganze als so nervenzerreibend. Der eine flüchtet nicht nur vor dem Gesetz, er muss sich ihm auch gleichzeitig annähern, um seinen Feind im Auge zu behalten. Es ist das grandiose Spiel mit Nähe und Distanz, das bis zum unausweichlichen Ende ausgereizt wird.

Was macht also Adam Wingard mit seiner amerikanisierten Interpretation des Stoffes?
Eine gähnend lustlose, peinliche Highschool Romanze mit Final Destination-Elementen, die es nicht einmal schaffen, das peinliche Overacting des Protagonisten zu übertünchen.

Hier ist zu viel gewollt und zu wenig gekonnt. Der Film springt von einem Logikloch ins Nächste, nimmt sich in seinen Schlüsselszenen zu wenig Zeit und macht aus einem hoch Intellektuellen einen völligen Loser, der hier höchstens als halbherziger Möchtegernsexgott agiert und nicht als Todesgott Kira, der von den einen frenetisch gefeiert und von den anderen gefürchtet wird. Es lässt sich vieles bei einer Relokalisierung verzeihen. Aber nicht das. Nicht, dass der Hauptcharakter völlig entgegen seinem ursprünglich angedachten Rollenbild agiert und zum absoluten Volldeppen mutiert. Light Turner wird in Death Note (2017) mittels einer Einstellung als intelligenter junger Mann charakterisiert. Eine! Zu Beginn, als er gegen Geld die Tests seiner Mitschüler ausfüllt. Das ist auch der einzige Zeitpunkt, an dem der Zuschauer sich sicher ist, dass er etwas auf dem Kasten haben muss. Wenn auch nur in Mathe. Denn die restliche Zeit über verhält er sich so dermaßen strunzdumm, dass es ein Wunder ist, dass er nicht direkt zu Beginn schon auffliegt – oh, moment! Genau das passiert sogar. Die erste große Schwäche des Films, denn es lässt sich kaum absehen, ob Light nun wirklich als intelligent dargestellt werden soll, oder nicht. Darauf verweigert der Film eine endgültige Antwort, denn auch im weiteren Verlauf, als es dann zur Hatz zwischen ihm und L kommt, druckst er rum und zieht sich wegen Gewissensbissen aus der Affäre. Es ist eine recht simple Methode, um eine Geschichte zum Abschluss zu bringen. Doch hier geht es leider so halbherzig vonstatten, dass niemand wirklich weiß, woran er eigentlich ist. Light, der den Todesgott Ryuk unterschätzt, mit Mia ziemlich grundlos anbandelt (ach, es war nur der Sex) und sich zusehends mit ihr in die Ecke manövriert und L, der ihm immer näher kommt… Light in dieser Situation mit Moral zu konfrontieren – was schon sehr großzügig formuliert ist, denn hier spricht nur seine eigene Angst – um ihn zur Aufgabe zu zwingen, hätte spannend inszeniert werden können. Wie zieht man sich aus der Verantwortung, nachdem man einmal dem Machtrausch verfallen ist und spurlos die menschgewordene Justiz wurde? Ist es überhaupt möglich, der (Straf)Verfolgung zu entkommen? Das ist die goldene Frage, die leider nicht beantwortet wird. Denn Death Note verpasst es komplett, hier überhaupt diese für den Plot unabdingbare Ausgangslage zu etablieren. Ja, Light mordet und ja, sowohl L, als auch die Polizei sind ihm auf den Fersen. Doch von nervenzerfetzenden Thrill kann hier gar keine Rede sein. Hier fehlt Lights Biss, den Intellektuellen raushängen zu lassen. Sich auf das „Spiel“ der Genies einzulassen. Bevor die Situation überhaupt zünden kann, verpufft sie schon. Einfach, weil Light als völliger Loser dargestellt wird, der dank Nat Wolffs peinlichem Overacting noch zusätzlich zur Witzfigur heruntergeputzt wird.
Das ist der größte Stolperstein dieses Films.

Der zweite, der dem ganzen zusätzliche Luft raubt, ist die o.g. „romantische“ Beziehung zwischen Streber und Cheerleadergirl auf Tele5-Niveau. So sehr man hier auch vom dummen Cheerleader Mia sprechen möchte, so clever stellt sie sich an mancher Stelle doch tatsächlich an – ganz im Gegensatz zu Light, dem sie nicht nur in ihrer Skrupellosigkeit, sondern auch mit Gradlinigkeit und Grips überlegen ist. Es schmerzt zu sehen, wie ein Nebencharakter der Geschichte den Pfiff verleiht, während der Protagonist in den intensivsten Momenten mit halbherzigen moralischen Fragen angehauen wird, auf die nicht minder Laissez-fâire, stereotype Antworten geliefert werden und so der Grundpfeiler von Death Note ad absurdum geführt wird. Zumal hier die guten Ideen aus der Vorlage durchaus kurz angeschnitten werden – aber schleunigst wieder verworfen werden. Es könnte ja die Westernisierung stören, die doch mehr auf plumpe und lachhaft schlechte (visuelle) Einfälle setzt. So wirkt auch das Ende mehr unbeholfen zusammengezimmert, als mit Finesse ausgeheckt. Noch dazu sehen die Spezialeffekte käsig aus. Wozu braucht es diese überhaupt? Sie unnötiger Ballast für eine Handlung, die so minimiert und komprimiert hätte verpackt werden können… Wer von dem ganzen aber noch überrascht wird, der freut sich auch über den immer selben Minibausatz in Überraschungseiern, oder dem gefühlt recycelten Scores Atticus‘ und Leopold Ross, der einen zumindest in Gedanken in Mysterystimmung versetzt und an Stranger Things denken lässt. Ein Film, der sich stets abmüht, mit irgendetwas zu beeindrucken – gänzlich egal womit. Er ist ideenlos und scheitert auf ganzer Linie.

Was die amerikanische Death Note-Verfilmung kann, ist durchaus eine Verlagerung des Plots von Ost nach West. Weg vom Mysteriösen, weg vom intellektuellen Nervenkitzel, hin zur vorausschaubaren Anhäufung von Plattitüden und Teenieklischees. Womöglich wäre es eine Idee wert gewesen, hier keine Heranwachsenden in die Hauptrollen zu stecken oder sich zumindest nur auf das Dreieck Light – L – Ryuk zu konzentrieren. Dann wäre durchaus eine spannende Geschichte drin gewesen, welche weitaus anspruchsvoller hätte ausfallen können, als dieser, von Netflix produzierte, Mumpitz. Auch die Japaner bekommen nicht jede Realverfilmung ihrer Anime- und Mangavorlagen hin. Aber dort funktionieren die Death Note-Filme noch einigermaßen, weil sie es nicht versäumen zu unterhalten. Etwas, das man von diesem peinlichen Versuch Adam Wingards nicht behaupten kann, der mehr beschämt, als begeistert.

0,5/10 Punkte

[Film]-Death-Note-(2017-US)-PosterDeath Note
Jahr: 2017 US
Laufzeit: 101 Minuten
Regie: Adam Wingard | Drehbuch: Charley Parlapanides, Vlas Parlapanides, Jeremy Slater
(lit. Vorlage: Tsugumi Ôba, Takeshi Obata)
Kamera: David Tattersall
Musik: Atticus Ross, Leopold Ross
Cast:
Nat Wolff, Lakeith Stanfield, Margaret Qualley, Shea Whigham, Willem Dafoe, Jason Liles, Paul Nakauchi, Jack Ettlinger, Matthew Kevin Anderson, Chris Britton, Timothy Lambert, Christian Sloan, Artin John

Bilder [© 2017 Netflix]

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5 Kommentare zu „[Film] Death Note (2017 US)“

  1. Ich habe das Original Anime gesehen und fand es sehr gut. Ob man die einzelnen Figuren jetzt mag oder nicht ist egal, der Plot ist spannend, das Kräftemessen zwischen Kira und L richtig spannend und auch die Nebenfiguren sind interessant strukturiert.
    Manche Stories sollte man vielleicht einfach besser nicht verfilmen…..

    Gefällt 1 Person

    1. Es gibt ja durchaus ein paar gute. Aber die sucht man für gewöhnlich mit der Lupe. In diesem Falle wäre es lohnender gewesen, hätte man auf die forcierte Anbiederung an Japan gänzlich verzichtet. Zumindest das…

      Vielen Dank für die Ehre! Setze mich direkt dran. :)

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