[Film] 10 Cloverfield Lane (2016 US)

10 Cloverfield Lane hat ein Problem. Eigentlich ist es nicht nur dieser Film, der ein Problem hat und es ist auch nicht nur ein Problem. Je öfter ich solche Filme schaue, desto eher beschleicht mich das Gefühl, dass Drehbücher unglaublich ideenlos sind. Nicht wagemutig genug. Thomas Elsaesser schreibt über das moderne (digitale) Kino, dass einige Filmwissenschaftler behaupten, „dass das Gestaltungsprinzip, dem Hollywood und andere ausgerichtete Kinematografien in den vergangenen 80 Jahren gefolgt sind – das Modell eines Drei- oder Fünfakters, basierend auf dem zweieinhalbtausend Jahre alten aristotelischen Drama -, in Form der klassischen Filmerzählung im digitalen Zeitalter immer noch völlig ungebrochen funktioniert.“[1]
Zwar schreibt er hier über die Anpassung an neue digitale Formen des Films, aber den Gedanken möchte ich für 10 Cloverfield Lane gerne aufgreifen. Denn hier führt diese klassische Narration zu einem Dilemma, dem ich immer mehr Filme ausgesetzt sehe: Das entweder oder.

Als Kammerspiel funktioniert dieser Film ganz ordentlich. Die Einleitung gestaltet sich als gut und traut sich einmal, mehr mit Bildern zu zeigen, als mit Worten zu erzählen. Wie es dann dazu kommt, dass Michelle (Mary Elizabeth Winstead) in einem Bunker beim großzügigen Howard (John Goodman) aufwacht, sei geschenkt. Hier übergießt sich Regisseur Trachtenberg wenig mit Ruhm und die Situation lässt sich als nichts anderes als reinen Mittel zum Zweck erachten, um das eingeschränkte Setting zu etablieren. Was soll’s. Immerhin schafft es Trachtenberg danach, die Stärken des Bunkers voll und ganz auszubauen. Dabei ist bemerkenswert, wie er es dem Zuschauer nicht permanent ins Gesicht drückt, wie unvorteilhaft so ein Zusammenleben sein kann. Statt jede Minute damit zu verbringen, wie eng alles ist, wie monoton der Alltag schnell werden kann, wird einem als Zuschauer nicht langweilig. Ob das nun als ein Argument für oder gegen den Film und seinen Stil sein mag, entscheidet jeder für sich selbst. Es soll allerdings die Kurzweiligkeit betonen, mit welcher der Film agiert.

Darstellerisch reißt sich niemand ein Bein aus, aber die Narration ist qualitativ arg schwankend. 10 Cloverfield Lane weiß nie so recht, was er eigentlich erzählen möchte. Natürlich steht an allererster Stelle das Misstrauen Michelles gegenüber Howard, da sie keinerlei Grund hat ihm seine Geschichte zu glauben, bzw. sie nicht zu glauben. Doch stolpert der Film immer wieder in klassische Klischeefallen, die ihn zu bemüht erscheinen lassen. Das entweder oder – Prinzip, dass ich vorhin kurz angeschnitten habe, macht sich hier deutlich bemerkbar. Im klassischen Drei-/Fünfakter bewegt sich der/die Protagonist/in von Punkt A nach C über B. Je nach Aufwand liegen noch zwei oder mehr Stationen dazwischen, die als Konflikt oder retardierendes Moment für Spannung sorgen. Ganz klassisch nach Aristoteles. Hier ist es Michelle, die im Bunker landet und direkt das Ziel verfolgt, aus diesem zu fliehen. Nun öffnet der Film immerzu eine weitere Option zu jeder Station – sowohl erzählerisch, als auch audiovisuell. Man kann Howard vertrauen, aber man bekommt gleichzeitig genug Hinweise, ihm nicht zu trauen. Es herrscht Frieden im Bunker, aber gleichzeitig weiß jeder, dass etwas nicht stimmt. Vereinzelte unausgesprochene Mechanismen sorgen dafür, dass Vertrauen aufgebaut oder erschüttert wird.
Es ist ein ganz klassischer Spannungsaufbau. Daran gäbe es nichts zu bemängeln. Doch hier funktioniert es nur halb, denn das Drehbuch weiß nie so recht, was es überhaupt erzählen möchte. Es lässt sich permanent zwei Türen gleichzeitig offen. Eine Entscheidung – das entweder oder  – kommt gar nicht erst zustande, wenn doch immer beide Möglichkeiten bedient werden. Ein Problem, welches den modernen Film meiner Meinung nach umhin plagt: Die Geschichten erschöpfen sich im immer gleichen Muster. Folgt ein Film wie dieses Kammerspiel demselben Schema, oder bricht es aus diesem aus und entwickelt sich in die entgegengesetzte Richtung der Erzählung? Spielt er mit deiner Erwartung, weil er eben diese bedient? Oder weil er genau diese nicht erfüllt, dafür aber das genaue Gegenteil, mit welchem der geübte Zuschauer inzwischen auch schon zuhauf rechnen kann? An sich beschränkt sich eine Erzählung nie auf nur zwei Möglichkeiten, wie sich mit einem Konflikt umgehen ließe. Um es mal salopp zu formulieren, kann eine Erzählung in jede Richtung gehen. Vorwärts, rückwärts, seitwärts, diagonal, sie könnte sogar wagemutig Elipsen einlegen und allein dadurch Spannung aufbauen, indem es wichtige Informationen durch Sprünge einfach auslässt. Und doch scheint es in den meisten (nicht allen) Fällen nur diese zwei Routen der Narration zu geben. Ein Film wie 10 Cloverfield Lane scheitert gezwungenermaßen an diesem Dilemma, indem er sich anpasst, aber auch keinen Schritt weiter wagt. Sich doch wieder in altbekannten Gewässern tummelt und es verpasst, den Film weiter voranzubringen.

Jetzt könnte man meinen, ich sei größenwahnsinnig geworden, einem an sich über weite Strecken unterhaltsamen Kammerspiel solche Forderungen abzuverlangen. Den Film weiterbringen. Nein, das wäre tatsächlich zu viel verlangt. Es soll aber zumindest im Ansatz illustrieren, woran dieser hängenbleibt. Sein ewiges unentschieden innerhalb der Erzählung nutzt sich nach einer gewissen Zeit ab. Es ermüdet, aus Gewohnheit immer alles in Frage stellen zu müssen, sobald noch die Standardspannungsspitzen mit einbezogen werden (z.B. die fallende Schraube, welche das Finale erst ins Rollen bringt). Auch hier muss noch einmal klargestellt werden, dass der Film durchaus Spannung evoziert. Mal abgesehen von den klassischen Elementen und dem schnurrstracken Entgegeninszenieren etwaiger Erwartungen. Das funktioniert durchaus, bis es sich dann eben abnutzt. Wahrscheinlich bin ich von solchen Mustern inzwischen einfach nur übersensibilisiert, aber hier musste ich unweigerlich an das eingangs erwähnte Zitat denken. Anpassen, aber nicht überwinden.

Dazu sollte außerdem erwähnt werden, dass ich (dank unglaublich schlechtem Marketing in Übersee) durchaus wusste, auf was der Film hinaus wollte. Bis zum großen Finale stellt er sich dabei einigermaßen geschickt an und unterhält nach bestem Gewissen. Er verrät weder zu viel noch zu wenig in Hinsicht darauf, auch wenn es wie eingangs erwähnt schon einige Hinweise gibt, die in seine endgültige Richtung deuten. Ironischerweise macht 10 Cloverfield Lane am Ende genau das, was ich vorher so schmerzlichst vermisst habe: Den einen Schritt weiter. Hier ist es zu weit. Was sich bis dato einigermaßen ernst nimmt, verkommt zu einem effekthascherischen Spektakel, das den gesamten vorigen Verlauf ad absurdum führt und nicht einmal mehr im positiven Sinne als Unterhaltung gelten kann. Er überschreitet jede noch so absurde Grenze und setzt weiter noch einen Drauf. Da ließe sich doch lieber das klassische offene Ende mit einer einzigen finalen Einstellung beklatschen, als dieses unnütze Ausbrechen aus vorherrschenden Konventionen, mit denen er sich doch so einiges selbst einbüßen muss.

10 Cloverfield Lane wäre eine grundsolide Unterhaltungskost geworden, die sich in die magere Nische der Kammerspiele einsortiert. Leider belässt es Trachtenberg nicht bei seinem subtilen Beginn und ergötzt sich an einem Attraktionskino, welches hier so gar nicht passen möchte. Da bleibt der fahle Beigeschmack der Marketingstrategien zu stark, ihn franchisetauglich zu trimmen.

4/10 Punkte

10-cloverfield-lane-poster-via-kino-de10 Cloverfield Lane
Laufzeit: 104 Minuten
Jahr: 2016 US
Regie: Dan Trachtenberg | Drehbuch: Josh Campbell, Matthew Stuecken, Damien Chazelle
Kamera: Jeff Cutter
Musik: Bear McCreary
Cast:
John Goodman, Mary Elizabeth Winstead, John Gallagher Jr.

Bilder [© Paramount Home Entertainment]


[1] Elsaesser, Thomas (o.J.): Das Digitale und das Kino – Um-Schreibung der Filmgeschichte? In: Kloock, Daniela (Hrsg): Zukunft Kino. The End of the Reel World. Schüren. 2008. Marburg.

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3 Kommentare zu „[Film] 10 Cloverfield Lane (2016 US)“

    1. Mein Problem war irgendwann, dass er mit seinen „Überraschungen“ nicht mehr überraschen konnte. Da war jeder Twist obsolet geworden.
      Nuja, das Ende sollte ihn wieder in ein kommerzielles Korsett prügeln. Ich fand abgesehen von dem Mumpitz die letzte Einstellung ganz schön, wo sie noch überlegt.

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