[Film] A Tale of Two Sisters (2003 KR)

Auch wenn ich nicht offiziell am #Horrorctober teilnehme, so gehört ein Horrorfilm im herbstlichen Oktober dazu. Wenn es draußen früher dunkel wird und man es sich auf der heimischen Couch gemütlich macht, geht es doch gar nicht anders. Hehehe… ich nehme mal vorweg, dass mich dieser – nebenbei bemerkt als einer der besten und nicht minder erfolgreichen koreanischen Horrorfilme – an die Grenzen gebracht. Ihr wisst ja, Horror und ich, das geht auf keine Kuhhaut. Und psychologisch motivierter Horror ist noch ein ganzes Stückchen fieser.

 

Der Film beginnt mit einer Einstellung, vermutlich innerhalb einer Psychiatrie. Wir sehen, fein kadriert, in einer Totalen einen Kittelträger, der sich im linken Bildabschnitt die Hände in einer Wasserschüssel reinigt. Rechts im Bild zwei Stühle, die sich gegenüber stehen, sowie einen Tisch. Die Stühle sind unbesetzt. Alles wirkt steril, distanziert, klinisch. Es bedarf keiner Worte, denn man versteht auch so. Plötzlich bringt eine Schwester der Einrichtung eine junge, abwesende wirkende Frau in den Raum und platziert sie auf dem rechten Stuhl. Die Schwester verlässt den Raum und der Arzt setzt sich auf den freien Platz. Ein einseitiges Gespräch beginnt, mit der Frage ob sie sich an die Ereignisse dieses bestimmten Tages erinnern könnte. Schnitt. Ein Auto fährt die Einfahrt zu einem stattlichen Landhaus hinauf. Die Tür geht auf und ein älterer Herr steigt aus. Nach seiner Aufforderung steigen dann auch zwei junge Frauen aus, welche die frische Brise auf dem Land genießen. Noch weiß niemand, mit welchem Horror sich die beiden Schwestern Soo-mi und Soo-yeon konfrontiert sehen werden. Die unausgeglichene Stiefmutter scheint da jedenfalls noch das kleinere Übel zu sein…

A Tale of Two Sisters von Kim Jee-woon entlehnt sich einem alten koreanischen Volksmärchen. Doch weitaus moderner fasst Kim dieses auf und zeichnet mit seiner Interpretation ein vermeintlich idyllisches Familienportrait, dessen Fassade mit dem ersten Kontakt zwischen den titelgebenden Schwestern zur Hausbewohnerin Eun-Joo (Yum Jung-Ah) bereits erste Risse erhält. Obwohl der Film mit seiner ersten Szene schon andeutet, dass etwas nicht ganz im Reinen mit sich ist, gibt sich A Tale of Two Sisters sehr lange rätselhaft. Sobald die Schwestern in ihr altes Heim zurückkehren – aus welchen Gründen auch immer sie abwesend waren – geschehen dort unerklärliche Dinge. Dinge, die zunächst willkürlich an eine Japanese Ghost Story erinnern mögen. Der Horror ist hier durchaus gespickt mit klassischen Horrormotiven, verzichtet aber auf Jumpscares. Eher nutzt Kim eine subversive Ader – ganz im Zeichen des J-Horrors – um mit langgezogenen Gruselsequenzen oder einem dissonanten Soundtrack für ein unangenehmes Befinden zu sorgen. Zudem wird der Horror auf einer psychologischen Ebene abseits üblicher Motivik bedient. Obwohl lange Zeit nicht auszumachen ist, worin die Geschichte ihren Ursprung findet und auch nur bedingt Antworten auf eben diese Fragen liefert, so streut Kim zahlreiche Hinweise ein, die nach und nach mit Sinn versehen werden. So ist auffällig, dass die Kameraführung häufig die Position von Soo-mi (Lee Soo-jung) einnimmt. Bereits in der eingangs erwähnten Fahrt zum Familienhaus wird dies ersichtlich. Zudem ist der dominante Einsatz der Farbe Rot deutlich wahrzunehmen. Ob im Kleidungsstil der Schwestern, den Wandfarben oder sonstigen feineren Details, es vergehen nur wenige Bilder ohne diese Warnfarbe, die in der saturierten Gesamtästhetik noch zusätzlich heraussticht. Die so drohende Gefahr, ein unausweichliches Ende, erscheint nahezu omnipräsent und nimmt seinem Finale dennoch nichts an Wirkungsmacht. Eine weitere Feinheit, mit der Kim dezent platzierte Hinweise gibt, ist die Kadrierung innerhalb seiner Bilder. Absolut souverän legt Kim das Grundgerüst für seine Geschichte mit der Bildsprache frei, deren Charakterbeziehungen er mit den Positionierungen innerhalb des bildlichen Raums aufzeigt. Es lohnt sich dem Beachtung zu schenken.

Dieser kleine analytische Exkurs soll deutlich machen, mit welch cineastischen Selbstverständnis Kim Jee-woon seinem Psychohorror Konturen verleiht. Die Kameraführung ist mancherorts unkonventionell gehalten, manchmal unangenehm distanziert vom Geschehen. Wenn die Familie gemeinsam am Tisch zum Abendessen sitzt und die Kamera eine gefühlte Ewigkeit in einer Totalen verweilt. Oder nahe um eine Figur kreist, um ihr Innerstes nach außen zu kehren… Mit A Tale of Two Sisters zieht der Koreaner sämtliche visuelle Register und braucht kaum Worte, um zu zeigen, worum es ihm geht. Es ist ein Film, der sich zunächst mit seinen warmen Farben und Nahen an das Gemüt anbiedert, ehe er sich dann wieder vollkommen in eintönigen Dekors distanziert.

Es ist vielleicht eine der Schwächen, die diesen Film etwas von seiner Effektivität als Horror einbüßen lassen: Das Zurückstoßen durch die bewusste Entfernung zu den Figuren. Als wäre zu viel Empathie gefährlich oder falsch, wenn nicht sogar unmoralisch. Womöglich hätte es dem Film besser getan, wenn er auf den Horror als reines Element verzichtet und sich stattdessen nur auf das Drama zwischen den Familienmitgliedern beschränkt hätte. So wirken Figuren, wie etwa der Vater, unvollständig; als würden ihm wichtige Eigenschaften fehlen (auch wenn ihm durchaus etwas fehlt). Die Interaktionen zwischen den Schwestern, der Stiefmutter und dem Vater wirken zuweilen fragmentarisch und wären durch einen etwaigen Wegfall des Horrors als solchen möglicherweise persönlicher gestaltet. So wirkt es, als würden die Persönlichkeiten der Figuren beschnitten, was sich wiederum ein wenig auf den Hook der erzählten Geschichte auswirkt. Dieser profitiert neben der Optik auch vom mysteriösen narrativen Geflecht, das nicht darauf ausgelegt ist, die Lösungen plakativ offenzulegen. So ist auch das Ende, welches dem ganzen zwar alle nötigen Antworten offenbart, auf seine Weise originell und mutig, aber auch erschreckend in seiner Konsequenz im Bildnis einer zerrütteten Familie.

Visuell ist A Tale of Two Sisters atemberaubend schön gestaltet. Es ist, als würde Die Taschendiebin auf Ringu oder Ju-On treffen. Mit einem Selbstverständnis, wie man es von den Koreanern gewohnt ist. Wäre doch nur das Drama durch greifbarere Charaktere ebenso gelungen, wie diese Bilder. Doch wer auf schön anzuschauenden, rätselhaften Psychohorror als solchen hofft, der muss dringend einen Blick riskieren.

6/10 Punkte

[Film]-A-Tale-of-Two-Sisters-(2003-KR)-PosterA Tale of Two Sisters [Janghwa, Hongryeon; 장화, 홍련]
Jahr: 2003 KR
Laufzeit: 110 Minuten
Regie & Drehbuch: Kim Jee-woon
Musik: Lee Byung-woo
Kamera: Lee Mo-Gae
Cast:

Kim Kap-su, Yum Jung-ah, Lim Soo-jung, Moon Geun-young, Woo Ki-Hong, Lee Dae-yeon, Park Mi-Hyun

Bilder via screenshots [© e-m-s the DVD-Company (2005)]

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2 Kommentare zu „[Film] A Tale of Two Sisters (2003 KR)“

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