The Shape of Water (2017 US)

Ich verstehe den Hype nicht. Genauer gesagt: Ich möchte ihn nicht verstehen. Um dieses „Meisterwerk“, das so viele Jahre in der Mache war. Eine Herzensangelegenheit del Toros. Ein Stück weit lässt sich das nachvollziehen. Manche Einstellungen lassen diese Leidenschaft spürbar werden. Da wird diese ungleiche Liebesgeschichte greifbar. Da wird sich Zeit genommen, den besonderen Augenblicken Aufmerksamkeit zu schenken. Aber der Rest ist…
Murks.

Erzählt wird die Geschichte Elisas (wunderbar stumm: Sally Hawkins), Ihresgleichen Putzfrau in einer Versuchseinrichtung der amerikanischen Regierung. Eines Tages wird ein Wassertank in das Labor gebracht, der ihre Aufmerksamkeit erregt. Eine merkwürdige Fischgestalt verbirgt sich darin. Eine unkonventionelle Geschichte nimmt ihren Lauf…

Ich mag die Idee so gerne. Diese sozialen Außenseiter, die, so sehr sie es auch versuchen, nie richtig in der Gesellschaft ankommen. Ob durch Beeinträchtigungen oder Lebensweisen, gesellschaftlichen Werten und Normen. Ich mochte sehr, wie sich das durch viele Kleinigkeiten und Nebenrollen zieht. Manchmal etwas plakativ, dann aber auch wieder unter der Hand erzählt (super: Octavia Spencer und ihre kleinen Spitzen). Gerade auch den Zeitgeist betreffend, welcher nuanciert getroffen wird. Rassismus und Unverständnis. Intoleranz und eigenes Ego. Aber auch Akzeptanz und Bereitschaft. Freundschaft und Courage. Hach, wäre das alles doch ständig so in solchen Bildern eingefangen, wie das erste richtige Aufeinandertreffen zwischen Sally und der Kreatur. Als sie voller Neugierde, aber auch Offenherzigkeit, den Kontakt sucht. Viele kleine Gesten, die nicht nur unglaublich schön im Kontext des Films eingebettet sind, sondern auch davon zeugen, wie wichtig dieses Projekt für Guillermo del Toro war.

Aber er macht zu wenig daraus. The Shape of Water oder wie er im Deutschen heißt – Das Flüstern des Wassers – ist so unfassbar langweilig und nach Schema F verlaufend. Man sagt ja gerne, wo Licht ist, ist auch Schatten. Und hier steht es so krampfhaft im Script geschrieben, dass es dem gesamten Film seiner Botschaft beraubt. Er möchte zu viel. Er macht zu viel.

Er versucht so starke Kontraste zu bilden, dass er gar nicht merkt, wie sehr er im Erzähltempo strauchelt. Mal nimmt er sich alle Zeit der Welt und gestaltet sehenswerte Momente. Dann stürzt er sich wieder in die totale Antithese dessen und versucht sich als Spionage(action)-Klamotte mit zig banalen Sidetwists, denen es lediglich eine kleine Randnotiz bedurft hätte, um gleichzeitig auch den Zeitgeist des Films näher zu beleuchten. Es ist der vergebliche Versuch, über die Gegensätzlichkeiten eine emotionale Bindung zur Thematik zu erzielen und den wichtigen Momenten ihre Dringlichkeit zu vermitteln.

Das ist etwas, dass mich an vielen dieser „Wohlfühl-Filme“ stört: Als Gegengewicht zum Wohlfühlteil wird etwas plattes, und zumeist völlig nebensächliches, eingebunden. Natürlich braucht ein Film eine gewisse Balance, um einen drohenden Verlust innerhalb der Handlung (in diesem Falle ist es die Unklarheit, ob die Romanze zwischen Sally und dem Fischwesen eine Zukunft hat) erst möglich und dann auch spürbar zu machen. Die schönen Augenblicke wären weitaus wirkungsloser, wenn sie nicht im Angesicht des „Bösen“ (klassischer Antagonist mit Michael Shannon besetzt…) stattfinden würden. Doch hier wirkt es so erzwungen und banal, dass es keinerlei Spaß bereitet, die, noch dazu so süffisanten, Gags zu verfolgen.

Es ist ja nicht so, dass The Shape of Water das Rad völlig neu erfindet. Aber er gibt sich schon Mühe, etwas Besonderes zu sein. Mal von der allgemeinen Mise en Scène abgesehen – welche wie in jedem Film des mexikanischen Regisseurs – vorzüglich ist (die grünen Bonbons sind vielleicht eeeetwas zu viel des Guten…). Er weiß, wie er etwas in Szene setzen muss und das gelingt ihm auch. Und doch stellt er sich mit seiner klassischen A nach B – Handlung selbst das Bein und wirkt uninspiriert. Natürlich verpasst die typische Struktur dem Film Geschwindigkeit. Die Frage ist nur, ob es dieser bedurft hätte. Mir war es mit dem dritten Handlungsstrang (Michael Shannon dreht durch und muss seinen Alpha-Mann stehen) zu unruhig, zu schnell und zu banal, um noch Empathie gegenüber der Hauptfigur aufbringen zu können. Noch dazu die Unmengen an sich wiederholenden Elementen (ja, ist okay. Wir wissen, dass es die Finger nicht schaffen…!). Da kann das Maskenbild und die Gesamtästhetik, die einfühlsame Liebesgeschichte und die Darstellerriege auch nichts mehr reißen.

The Shape of Water hat seine Qualitäten, die ich ihm keineswegs absprechen möchte. Aber was passiert, wenn man eine so originelle Geschichte mit platten Einweg-Geschichten auffüllt, um auf weit mehr als eine Dreiviertelstunde tollen Storytellings zu kommen, der braucht sich nicht zu wundern, wenn der überflüssige und schwache Rest so die Laune hinunterzieht, dass der gesamte Film drunter leidet.

3,5/10 Punkte

The-Shape-of-Water-(2017-US)-PosterThe Shape of Water [Das Flüstern des Wassers]
Jahr: 2017 US | Laufzeit: 123 Minuten
Regie: Guillermo del Toro | Drehbuch: (+) Vanessa Taylor
Kamera: Dan Laustsen
Musik: Alexandre Desplat
Cast:
Sally Hawkins, Michael Shannon, Richard Jenkins, Octavia Spencer, Michael Stuhlbarg, Doug Jones, David Hewlett, Nick Searcy, Stewart Arnott, Nigel Bennett, Lauren Lee Smith, Martin Roach, Allegra Fulton

 

Bilder [© 20th Century Fox]

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14 Kommentare zu „The Shape of Water (2017 US)“

  1. Ich bin immer noch am Grübeln, ob ich mir den anschauen soll. Das war jetzt zumindest mal die erste negative Besprechung, die ich bisher gelesen habe. Allerdings habe ich jetzt auch nicht soooo viel über den Film gelesen. Jedenfalls habe ich mir bei „The Shape of water“ jetzt keine supertiefe Story erwartet. Die meisten sprechen von einem modernen Märchen. Und die sind selten tiefgründig. Wie fandest du die anderen Werke des Regisseurs?

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    1. Ach, ansehen kann man sich den mal. Der bringt ja ’ne Menge mit sich, scheitert mir dann halt wirklich nur am ultra-plakativen Storytelling. Der hat einige Ideen, die er super intuitiv und subtil rüberbringt, bei den wesentlichen Dingen dann aber die Brechstange rausholt.
      Ich war auch völlig unvorbereitet rein und hätte ihn mir auch ganz anders vorgestellt. Er ist sehr leichtherzig, das hat mich überrumpelt.

      Von del Toro kenne ich bisher nur Crimson Peak, den ich durchschnittlich fand. Bin nicht so der Fantasy-Fan, weshalb mir seine „Klassiker“ noch fehlen.

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  2. Ooh, hoppla, nur 3,5! Ich habe ihm ja immerhin 7,5 gegeben, freue mich aber trotzdem irgendwie, dass es noch mehr Menschen gibt, die die vielen Oscar-Nominierungen nicht so ganz nachvollziehen können. Ich hoffe ja inständig, dass er weitaus schlechter abschneidet als die 13 Nominierungen es prophezeien…

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    1. Ja. Ich war doch recht schnell genervt – leider!
      Es wirkt auf mich wie klassischer Oscarbait, der in den handwerklichen Bereichen überdurchschnittlich stark ist. Da kann er auch gerne seine Preise holen. Aber in den Hauptkategorien bitte wirklich nicht.

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      1. Das Dumme ist, das er in den handwerklichen Kategorien auch häufig mit „Blade Runner 2049“ konkurriert, dem ich alle Oscars wünsche, die der Film kriegen kann… ;)

        Nun, bei den BAFTAs hat del Toro ja schon mal den Regiepreis bekommen. Immerhin nicht bester Film! Aber auch bei Regie würde ich mir andere lieber wünschen. Nun ja, wir werden sehen!

        PS: „Crimson Peak“ fand ich ja auch nur mittelmäßig.

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        1. Kann mir leider gar kein Urteil erlauben, weil ich Blade Runner 2049 noch nicht gesehen habe (aber unbedingt will!).

          Ja, wir werden sehen. Und fluchen und jubeln und… wer weiß. ;D

          PS: Ich mochte aber die Gothic-Stimmung. Und Hiddleston. *pfeif*

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          1. Ja, optisch war „Crimson Peak“ mit seiner Gothic-Stimmung super, und Hiddles schau ich mir immer gern an, aber ich habe die Chemie zwischen den Charakteren nicht gespürt (und so ging es mir jetzt ja auch mit „The Shape of Water“).

            Und: Shame on you! :P

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  3. Habe zwar ein paar Sternchen/Pünktchen mehr vergeben als du, aber besonders zufrieden war ich mit dem Film trotzdem nicht. Dass da großartig mit „Lust“ geworben wird, gefällt mir bei der Darstellung von Elisa als Kind-Frau nicht besonders. Deinem „Der Film wollte zuviel“ stimme ich vollkommen zu, denn für mich war das ein viel zu konfuser Mix von Eindrücken, so als ob sich Del Toro bei allen Möglichkeiten einfach nicht entscheiden konnte wie der Film denn nun sein soll.
    Die fauligen Finger haben mich genervt und die Musical-Einlage mit Amphibienmensch fand ich ein bischen zum Fremdschämen, die Einleitung war mir zu lang und viel zuviele Motive aus anderen Filmen her-inspiriert.

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