Annihilation (2018 US/GB)

Bei manchen Filmen möchte ich einfach nur schreien. Nicht nur, dass die Netflix-App auf dem heimischen TV nicht für einen einwandfreien Stream für Alex Garlands aktuellen Film gewährleistet hat (Sound- und Bufferprobleme waren zu Beginn die Folge), nein, ich habe inzwischen das Gefühl, dass Netflix vermehrt prätentiösen Quatsch abliefert. Sich selbst und seine Produktionen zwanghaft andersartig darstellen möchte, was selten gelingt. Annihilation (dt: Auslöschung) empfand ich genau so.

Ein mysteriöser Schimmer hat sich in einem Küstengebiet der USA ausgebreitet. Die Behörden halten ihn vor der Öffentlichkeit geheim, denn niemand weiß, was dieser Schimmer ist oder was ihn verursacht hat. Expeditionen in das Innere des Gebiets sollen Auskunft darüber geben. Unter ihnen die Biologin Lena (Nathalie Portman), die noch immer nicht über das Verschwinden ihres Mannes hinweg ist.

Ok. Zunächst einmal die Fakten. Ich habe nicht das Gefühl, den Film in Gänze verstanden zu haben. Auch die anschließende Diskussion mit einer Freundin brachte uns nicht voran, denn wir haben versucht, die Kontinuität des Storytellings nachvollziehen zu können. Aber es geht nicht. Der Film will unbedingt anders sein. Ist auch okay. Aber es gibt so verdammt viele Baustellen, dass ich nicht im Geringsten das Zelebrieren dieses Streichs nachvollziehen kann oder gar möchte.

Ich schätze Filme, die dir nicht alles erklären wollen oder müssen. Die dir als Zuschauer Freiraum lassen, und die eigenen Gedankenströme herausfordern, zu Interpretationen des Gesehenen anregen. Was ich hingegen wirklich verabscheue, sind Filme, die sich herausnehmen, etwas bestimmtes sein zu wollen, es aber letztendlich nicht sind. Die dich dazu auffordern, dir aber gewisse Sichtweisen aufzwingen, und dir Hinweise an die Hand geben, welche die innere Logik innerhalb der Diegese (filmischen Welt) vollkommen ignorieren und gegen ihre ursprüngliche Aussage gehen. Ja, ich habe letztlich nicht verstehen können, worauf die Geschichte wirklich hinauswollte. Ob es einfach nur metaphorisch zu betrachten ist, oder ob tatsächlich das, was zu sehen ist, über eine bestimmte Aussage verfügt. Ich weiß es nicht, denn gegen Ende wurde es so widersprüchlich, dass ich, egal wie ich es drehe und wende, welchen Lösungsansatz ich mir auch zurechtlege, mir keinen Reim daraus machen kann.

Es läuft so vieles schief, was nicht hätte schief laufen müssen. Aber irgendwann herrschte nicht nur bei mir Planlosigkeit, es wirkte so, als wüsste Annihilation selbst nicht, was er eigentlich bezwecken wolle. Aber der Reihe nach.
Die Erzählstruktur wirkt, als wären die Segmente einfach mit einem Mindestmaß an Kontinuität innerhalb der Erzählung aneinandergereiht. Die eigenwillige Montage von Flashbacks, Gegenwart und unterschiedlichen Vergangenheitsebenen, hat es mir unfassbar schwer gemacht, überhaupt in den Film reinzufinden. Nicht in einem fordernden Sinne, vielmehr wirkte es so distanziert und abstrakt, als wäre es gar nicht wirklich erwünscht, der Geschichte auf Schritt und Tritt zu folgen. Dann wiederum wird versucht, krampfhaft andersartig zu sein – subtile Hinweise zu streuen, nur um dann in den entscheidenden Szenen mit unerträglicher Plakativität zu kontern. Es wird sich erst gängigen Konventionen erwehrt und entledigt, nur um dann die Klischeekanone auszupacken und vorhersehbare Grütze zu produzieren, welche den szenischen Klimax niederdrückt. Es ist ein unspektakuläres Hin und her, das mich die Geschehnisse mit Gleichgültigkeit betrachten lässt. Obwohl Annihilation durchaus weiß, wie beklemmende Atmosphäre funktionieren kann.

Die Besetzung empfand ich als völlig verkehrt. Nathalie Portman kann schauspielern, dass hat sie nun schon oft genug unter Beweis gestellt. Aber hier. Uff. Wenn ich permanent nur zwei Minen, die zwischen purer Ausdruckslosigkeit und unendlicher Trauer mit sich anbahnenden Heulkrämpfen ertragen muss, dann ist eine Figur direkt unten durch bei mir. Hier gab es für mich rein gar nichts, wo ich Empathie hätte investieren können. Die restlichen Damen – mit Ausnahme von Gina Rodriguez – waren so ausdrucksleer und langweilig, das lässt sich nicht mal mit den „Päckchen, die jede der Frauen mit sich zu tragen haben“, begründen. Die sind alle so weit weg, dass es mich deren weiteres Schicksal nicht entfernt berührt hat.

Weiter geht’s mit der Inszenierung. Der Schimmer war ja wirklich schön, mit seinem Seifenblasenmotiv. Aber wow. Was hat bitte schön die ca. 40 Millionen Dollar geschluckt, dass für die Optik so viel vernachlässigt werden musste. Ich meine nicht das, was den Schimmer ausmachte. Die Lichtsetzung war zum Teil eine schwere Katastrophe. Da befindet sich das Team in dieser vitalen Welt, wo alles knallbunt und ‚exotisch‘ ist. Und dann muss man so schlecht ausgeleuchtete Figuren betrachten, die wie Fremdkörper darin wirken, weil sie durch das mangelhafte Licht nicht mit dem Setdesign verschmelzen. Es gibt ein paar Momente, da passt das, da funktioniert das Lichtdesign. Aber gerade in diesen knallgrünen Waldszenen… Das Setdesign wirkte zuweilen eh wie ein absurder Mix aus Plastikpflanzen und Greenscreen-Gedöns. Auch wenn man sich in Gedanken ruft, dass hinter dem Schimmer eine andere Welt existiert und man durch bestimmte Parameter innerhalb der Inszenierung (z.B. Farbgebung) den Zuschauer darauf aufmerksam machen muss, wo sich die Figuren innerhalb der Erzählung gerade befinden, dann muss es doch wirklich nicht so wirken, als würde man sich in Quadern von 100m² bewegen und alles was dahinter liegt, komplett vernachlässigen. Abgesehen davon waren einige optische Spielereien wunderschön anzusehen und riefen zugleich einen krassen Ekel hervor, wenn man die Bedeutung hinter den Dingen ersteinmal verstanden hat. Das war wiederum beeindruckend gut gemacht und förderte die Atmosphäre.

Mit Annihilation hat Netflix eine wundervolle Prämisse nach Jeff VanderMeers Southern Reach-Romantrilogie inszenatorisch in den Sand gesetzt. Auch wenn der Film einige existentielle Gedankengänge und die eigene Interpretierfreudigkeit anregt, so macht ihn die unbeholfen wirkende Umsetzung mit sämtlichen antiklimatischen Entscheidungen einen Strich durch die Rechnung. Ein bisschen wie Kunst, die gar keine Kunst ist.

2,5/10 Punkte

Annihilation-(2018-US)-PosterAuslöschung [Annihilation]
Jahr: 2018 US/GB | Laufzeit: 115 Minuten
Regie & Drehbuch: Alex Garland (liter. Vorlage: Jeff VandeMeer)
Kamera: Rob Hardy
Musik: Geoff Barrow, Ben Salisbury
Cast:
Natalie Portman, Benedict Wong, Sonoya Mizuno, David Gyasi, Oscar Isaac, Jennifer Jason Leigh, Gina Rodriguez, Tuva Novotny, Tessa Thompson

Bilder [© Netflix]

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7 Kommentare zu „Annihilation (2018 US/GB)“

  1. Nur, um hier ein Missverständnis aufzuklären: Netflix hatte mit der Produktion des Films absolut nichts zu tun. Sie haben die Rechte von Paramount gekauft, nachdem die sich nicht getraut haben, den weltweit ins Kino zu bringen. Auch wenn Netflix-Filme selten was taugen, konnte sie in diesem Fall nix dafür. Wobei ich den Streifen ziemlich gut fand.

    Gefällt 2 Personen

    1. Ach Mist, ich falle jedes Mal darauf rein, wenn das Netflix-Logo über dem Teaserbild prangt. Hast ja recht.
      Ich frage mich, ob er genauso gute Kritiken eingeheimst hätte, hätte er nicht diesen Hintergrund und wäre regulär im Kino gelaufen.

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          1. Zumindest ist fraglich, ob sich überhaupt so viele Leute für den Film interessiert hätten. Aber die Kritik wäre wohl auch etwas anders ausgefallen. Viele haben dann hinterher auch eher kritisiert, dass der Film ja gar nicht so intelligent ist, wofür aber ja der Film selbst nichts kann. Dieses ganze Vorgeplänkel war eben absoluter Käse.

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  2. Ich fand den Film klasse.

    Super Atmosphäre, die einem als Zuschauer genau das Gefühl gegeben hat,was die Protagonisten im Schimmer erlebten: Ahnungslosigkeit und Verwirrheit. Dazu spannende Szenen, die das Adjektiv auch verdienen und nicht nur auf kurze Schockmomente setzen.
    Die einzelnen Figuren hätten etwas mehr Tiefe verdienen können, aber da sich die Geschichte auf Lena und Kane fixiert hat, hat mir das nicht so übel aufgestoßen. Die Effekte waren auch nicht die besten aller Zeiten, wobei mich das nicht aus der Geschichte herausgerissen hat.
    Dazu lässt der Film viel offen und man darf sich endlich mal selbst Gedanken machen und wird nicht wie sonst bei amerikanischen Produktionen in jedem Gespräch darauf aufmerksam gemacht, was einem der Film erzählen will.

    Daumen hoch von meiner Seite aus.

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  3. Aus Gründen habe ich den Film nicht gesehen, denn das Buch reichte vollkommen. Ich hasse auch Filme, Serien, Bücher etc., die vorgeben mehr zu sein als tatsächlich da ist. Auf den Roman trifft das auf jeden Fall zu und deine Kritik zeigt, dass der Film wohl nicht besser ist, obwohl er für sich in Anspruch nimmt, nur lose auf dem Roman zu basieren.

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