A Quiet Place (2018 US)

Unverhofft kommt oft, hatte ich von dem Film bis vor einigen Wochen so rein gar nichts mitbekommen. Der Trailer im Kino weckte das Interesse und die Hoffnung war groß, mit A Quiet Place ein herausragendes Psycho(horror)drama präsentiert zu bekommen.

Und wow, wenn man dem Film eins unterstellen muss, dann, dass die Spannungskurve ausnahmslos(!) nur eine Richtung kennt: Nach oben. In seiner Prämisse stark an das Spiel The Last of Us erinnernd, bietet John Krasinski dennoch genug eigenes Material, um die Überlebensgeschichte einer Familie zu erzählen, die keinen Mucks von sich geben darf. Jedes Geräusch kann dich töten. Der Clou an der ganzen Sache? Wenn die Perspektive zwischen einzelnen Familienmitgliedern wechselt und so auch aus der Sicht der gehörlosen Tochter Regan (tatsächlich gehörlos: Millicent Simmonds) erzählt. A Quiet Place bietet gleich mehrere dieser tickenden Zeitbomben, die aus ihrer Situation heraus das Ende von allen bedeuten könnten. Dadurch, dass das Mädchen in ihrer Hörfähigkeit eingeschränkt ist, kann sie gar nicht unmittelbar wissen, ob sie versehentlich ein Geräusch verursacht hat. zumindest sehen dass die Eltern (John Krasinski und Emily Blunt) so. Allein dadurch entsteht schon eine stark bedrückende und dynamische Figurenkonstellation. Denn im Prinzip hat jeder eine tödliche Waffe zur Hand, sobald er auch nur ein Geräusch verursacht. Da kann bereits der kleinste Konflikt zur größten Bedrohung werden. Und nicht immer ist ein Stofftier zur Hand, das man voller Wut – aber immerhin klanglos – gegen die Wand pfeffern kann.

Der Film geht so richtig schön an die Nieren. Denn er erzählt seine Geschichte so, dass sich mit jeder einzelnen Figur wunderbar identifiziert werden kann: Die Eltern, die ihre Kinder beschützen wollen und Entscheidungen treffen müssen, die sie unter Umständen als unmenschlich erscheinen lassen, und die Kinder, die Kinder sein wollen, aber es einfach nicht können. Es ist ein wunderbares Gedankenspiel, wenn man versucht, sich in die Rolle der jeweiligen Figuren hineinzuversetzen. Man kann sie alle nachvollziehen, wenn sie versuchen müssen, das Unmögliche zu schaffen. Kudos daher an die Besetzung, denn auch wenn die Kinderdarsteller Millicent Simmonds, Noah Jupe und Cade Woodward manchmal nach klassischem Schema F handeln; man kann es ihnen nie verübeln. Denn es passt und das ist dieses unfassbare Plus, welches der Film seinem Zuschauer um die Ohren feuert. Diese Selbstverständlichkeit, wie wir sie kennen – sie ist einfach nicht existent. Und das ist das wirklich Brutale an diesem Werk.

Dabei spielt das Sounddesign eine fantastische Rolle. Wie zu erwarten ist, spielt A Quiet Place mit seinem Sound und dem Fehlen eben dessen. Ohne die Umgebungsgeräusche extradiegetisch zu verstärken, wirken diese so unfassbar laut, dass es beängstigend ist. Was wir als White Noise verstehen, ist der Schutz der Überlebenden innerhalb der filmischen Welt. Das Knarzen der Holzdielen oder Zertreten von Laub wird zur tödlichen Gefahr, ohne dass diese Geräuschkulisse verstärkt werden muss. Es wird nicht gesprochen, der – sich bedrohlich steigernde – Soundtrack wird nur gelegentlich eingebunden um das Spannungsgefüge anzupassen. Supervising Sound Editor Erik Aadahl und sein Departement leisten großartige Arbeit, um die Atmosphäre glaubwürdig zu gestalten, ohne dass es zu künstlich wirkt. Vielleicht hätte ich an manchen Stellen sogar auf den Score komplett verzichtet, um wirklich alles auf diesen White Noise zu reduzieren… Wirklich spannend wird es jedoch, wenn zwischen den hörenden Mitgliedern der Familie und Tochter Regan geschnitten wird. Das völlige Fehlen der Umgebungsgeräusche steigert die umhin schon gefährlich angespannte Spannung ins Unerträgliche. Ein schöner Kniff, der meiner Meinung nach jedoch nicht ganz konsequent umgesetzt wurde, was mich etwas aus dem ganzen Konzept rausgerissen hat. Immerhin schafft das Lichtdesign diesen Umstand etwas abzumildern, denn Lichtsetzung und Kameraästhetik von Charlotte Bruus Christensen greifen die unangenehme Atmosphäre weiter auf und verstärken den Effekt.

Aber kommen wir noch einmal kurz zur Geschichte und dem suggerierten Spannungsbogen zurück. In dieser Hinsicht ist der Film wirklich brutal, denn er gönnt keine Pausen. Selbst die harmonischsten Momente können nie wirklich genossen werden und dieses Bewusstsein ist auch beim Zuschauen stets präsent. Im weiteren Verlauf des Films übernimmt sich der Film in meinen Augen jedoch etwas. A Quiet Place ist so konsequent in seiner Umsetzung, wie es nur geht. Doch gerade darin liegt das Problem: Er ist bereits sehr gut und versucht trotzdem noch, durch Details weiteren Einfluss auf die Spannung zu nehmen und sie weiter hoch zu treiben. Dadurch relativieren sich die Spannungsspitzen wieder, weil es einfach zu viel wird. Zu viel Pech, das die Figuren in der Situation haben und das Erwarten des Zuschauers, dass noch etwas draufgesetzt wird, weil es sich durch die Situation durchaus so ergeben könnte. Meinem subjektiven Empfinden nach war es in zwei Situationen so weit, dass der gewollte Effekt verpuffte, weil der Film je einen Schritt zu weit ging, um die Spannung fördern zu wollen, dadurch aber die konträre Wirkung verursachte.

A Quiet Place ist ansonsten jedoch großartig. Der Horror ist konsequent durchdacht, die Stimmung ist ungemütlich und man kommt nicht um den Gedanken herum, sich als Zuschauer selbst in dieses Setting zu setzen und zu bemerken, wie schrecklich eine Welt ohne Geräusche sein muss – auch ohne eine permanente Bedrohung durch die Monster.
Auch wenn sich Krasinski mit dem krassen Spannungsgefüge ein wenig übernimmt, so ist der Film bis auf kleinste Klischeefallen allerbeste Unterhaltung, die ich bestimmt noch einmal zu Hause mit Kopfhörern schauen werde, um das bestmögliche an Immersion herauszukitzeln und ihn in völliger Stille zu genießen.

7,5/10 Punkte

A-Quiet-Place-(2018-US)-PosterA Quiet Place
Jahr: 2018 US | Laufzeit: 90 Minuten
Regie: John Krasinski | Drehbuch: (+) Bryan Woods, Scott Beck
Kamera: Charlotte Bruus Christensen
Musik: Marco Beltrami
Cast:
Emily Blunt, John Krasinski, Millicent Simmonds, Noah Jupe, Cade Woodward

Bilder [Photo Credit: Jonny Cournoyer – © 2018 Paramount Pictures]

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4 Kommentare zu „A Quiet Place (2018 US)“

  1. Ich fand den auch echt gut… aber nur solange, wie man nicht zu intensiv drüber nachdenkt (warum ist eine einfache Matratze so schallsicher, ist nur eine von vielen Fragen, die ich mir gestellt habe).

    Das Konzept fand ich auf jeden Fall echt super und es war toll, dass sie es auch wirklich so konsequent durchgezogen haben. Ich weiß nur wirklich nicht, was ich davon halten soll, dass jetzt schon ein zweiter Teil angekündigt wurde.

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    1. „Did it work?“ :o)
      Du kannst dich auch fragen, warum das Monster nicht durch die ziemlich lasche Matraze gefallen ist, als es oben wild getobt hat. Es gab halt ein paar richtig tolle Sachen, zum Beispiel die Sache mit dem Licht als Warnsignal (was trotzdem irgendwie jedem egal war…). Das Ende war mir etwas mau, sprich die Auflösung wirkte etwas unbeholfen?
      Bei einem zweiten Teil bin ich auch sehr skeptisch. Es würde mich nicht einmal wundern, wenn es jetzt wie mit Cloverfield weiterläuft und einfach schematisch unterschiedliche Filme dazu rausgehauen werden. Das Ende bietet ja genau so einen Impuls *seufz* Aber Stand jetzt: Es soll sich auf andere Überlebende konzentriert werden. Aber was sich da noch rausholen lässt… Nun.

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      1. Die Auflösung fand ich auch super albern. Als wenn nicht irgendein ein Top-Wissenschaftler irgendwann irgendwo auf diese Idee gekommen wäre. Das war dann doch arg weit hergeholt.

        Teil 2 brauche ich irgendwie gar nicht. Das Konzept ist gut für einen Film, mehr braucht es da nicht.

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        1. Sie waren wahrscheinlich einfach zu laut, ehe sie der Lösung auf die Schliche kamen…

          Ne, den braucht es auch nicht. Aber wird kommen, weil man eine frische Idee direkt weiter ausschlachten möchte.

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