Gintama (2017 JP)

Gintama. Gintama ist sowas wie Kulturgut in Japan. Warum, erkläre ich in den folgenden Absätzen. Wen das nicht interessiert, der möge bitte zum Textbreaker weiter unten scrollen, um so direkt zur Filmbesprechung der Realverfilmung zu gelangen.

Gintama-Manga-Cover-Vol1.pngMit millionenfachen Printverkäufen der ausdauernden* Mangareihe und zahlreichen Animeadaptionen in Form von mehreren Serienstaffeln, Specials, Side-Stories und Co., zählen sich die zumeist witzigen und ausnahmslos alles parodierenden Geschichten rund um den „Silver Samurai“ Gintoki Sakata als äußerst erfolgreiches und gleichermaßen beliebtes Franchise in der Anime- & Manga-Community. Doch erst im Jahre 2017 erfolgte eine Live Action Adaption, mit Shun Oguri in der Rolle des silberhaarigen Samurai.

* seit Beginn im Jahr 2003 sind bisher 75 Bände erschienen und die Reihe neigt sich ihrem Ende zu.

Doch was macht diese populäre Reihe aus?

Gintoki Sakata ist Samurai – in einer Zeit der Moderne, in denen den Samurai in Edo das Existenzrecht abgesprochen wurde. Das Mitführen von Katana und auch das Ausleben des Samuraikodex – dem Bushido – ist ihnen nicht mehr gestattet, seit das Land von außerirdischen Kreaturen, den Amanto, überfallen und besetzt wurde. Doch Gintoki weigert sich, sich den Invasoren gänzlich zu unterwerfen und führt auch weiterhin ein Holzschwert mit sich. Mit dem restlichen Verhalten eines Samurai ist es jedoch etwas weiter her… Denn inzwischen ist er ein Faulenzer und Schmarotzer, der mit seinen Freunden Kagura und Shinpachi ‚Odd Jobs‘ betreibt und allerlei Dienstleistungen für ihre rar gesäte Klientel anbietet…
So ergeben sich zahlreiche Abenteuer, die häufig episodisch diesen „Odd Jobs“, aber auch vereinzelten Storyarcs nachgehen, welche mehr über die Invasion der Amanto und Gintokis Rolle darin verlauten lassen und sämtliche Genrebegrenzungen sprengen.

Dabei wird ausnahmslos alles in der (japanischen Pop-) Kultur thematisiert und parodiert, durch den Kakao gezogen oder im Verlauf einer Episode auch mal als Aufhänger genutzt (und ein Gundam Suit als Waffe gegen den Feind genutzt o.ä. …). Es werden so viele Referenzen eingeworfen, die als Nicht-Muttersprachler häufig nicht einmal verortet werden können, aber eben den Reiz dieses Formats ausmachen. Nicht selten parodiert sich das Franchise selbst und bricht die vierte Wand. Das Trio debattiert dann über die Struktur eines Episodenformats und wie unzufrieden sie u.U. mit der künstlerischen Gestaltung einer Folge seien. Hier nimmt sich wirklich alles aufs Korn und bricht nicht selten mit klassischen Mustern. Schwer zu sagen also, wie sich eine Realverfilmung wohl schlagen wird, wenn sich doch sowohl Manga als auch Anime allergrößter Beliebtheit erfreuen. Dass eine Umsetzung dieser Medien oft schwierig sein kann, wissen wir nicht erst seit dem katastrophalen US-Death Note oder dem mediocren Ghost in the Shell. Dass es aber auch nicht immer ein Reinfall sein muss, beweisen Umsetzungen wie Live.Die.Repeat. und Battle Royale.



Gintama (2017 JP)

Aber kommen wir zum Film. Und ich sage es direkt vorweg: Der Film ist zum Teil so schlecht, dass er wirklich wieder unterhaltsam und sehenswert ist. Ich fürchte glatt, ein neues Guilty Pleasure gefunden zu haben…

Unter der Regie von Yûichi Fukuda, der Verbrechen an der Menschlichkeit wie Hentai Kamen 1 & 2 begangen hat, versammeln sich einige namhafte Darsteller für die Realverfilmung dieses Kultformats. Shun Oguri (Crows Zero) als Silver Samurai Gintoki Sakata, Masaki Suda (Pink and Gray, Hibana) als Shinpachi und Kanna Hashimoto als rothaarige Assassinin Kagura – darüber hinaus Ken Yasuda (Hentai Kamen, The Actor), Masami Nagasawa (Unsere kleine Schwester), Masaki Okada (Geständnisse) und andere.

Bevor wir zu den Darstellern kommen, etwas zur Geschichte selbst, die sich wie in Gintama häufiger in mehrere Plots unterteilt. Um die Figuren einzuführen, wird ein Miniplot etabliert, in welchem die Figuren auf Käferjagd gehen (nicht fragen…). Clever gemacht und ganz in Gintama-Manier ist hier, dass die Figuren im Schnelldurchlauf und ohne Umschweife als Begegnungen inszeniert werden und ihnen gar nicht viele Infos zum Teil werden. Mit Texttafeln werden Bezüge und Relationen verdeutlicht und mehr braucht es auch gar nicht, um hier durchzusteigen. Es wird sich mit einem Miniplot durch die Figurenriege gehangelt, ehe es dann zum eigentlichen Hauptplot geht. Und zugrundeliegend ist hier der Benizakura-Arc, der erste größere Handlungsstrang aus dem Manga, welcher mehr Hintergrundwissen über die Zeit der Invasion durch die Amanto und der Rolle Gintokis und seinen damaligen Kameraden gewährt.

Handlung: Ein Serienkiller treibt sein Unwesen in Edo, der mit einer mächtigen Klinge, der Benizakura, willkürlich Menschen ermordet. Unter den Opfern ist auch Katsura, ein alter Freund Gintokis. Als dann auch noch ein Klient bittet, den Killer zur Strecke zu bringen, entflammt es in Gintoki. Er, Kagura und Shinpachi machen sich auf die Suche, den Killer zu finden. Nichtsahnend, zu wem sie das führen wird…

Was bei dieser Realverfilmung sehr schnell klar wird, ist, dass Gintama hier eher als Fanservice für bestehende Fans betrachtet werden sollte, anstelle des Versuchs, neue Fans über dieses Vehikel hinzuzugewinnen. Es kommen so viele Referenzen aus Anime und Manga vor, welche für das Verständnis der Handlung oder einzelner Situationen zwar nicht zwangsläufig vorauszusetzen sind, aber das Drehbuch so wesentlich zusammenhängender erscheinen lassen, als es ohne das Vorwissen der Fall wäre. Dies ist nicht nur auf die Handlung zu beziehen, sondern auch auf einzelne Figuren und ihre Beziehungen untereinander. Auch wenn sich bei den Figuren sichtlich Mühe gegeben wird, diese so kohärent wie möglich in den zwei Stunden zu gestalten.

Der Benizakura-Arc ist zudem eine Geschichte, die weitaus ernster ist, als der allgemeine Gintama-Tenor verlauten lässt und im Film sehr schön in Szene gesetzt wird. Zwar sind die Effekte sehr oft, sehr billig anmutend – speziell die Greenscreen-Hintergründe, welche eher an billig ausgeleuchtete Theaterbühnen erinnern. Aber Regisseur Fukuda und seinem Team gelingt es dennoch, einige wundervolle Bilder zu produzieren, die man sich als Fan durchaus an die Wand hängen würde. Da bin ich durchaus bereit, die sehr durchwachsenen qualitativen Sprünge und das vergleichsweise niedrige Budget zu verzeihen, denn im Endeffekt läuft es auf ein sehenswertes Durchschnittseffektgerangel hinaus. Die Geschichte selbst ist, nach der eigenen Einleitung, auch sehr angenehm und smooth erzählt und spielt mit einigen stilistischen Mitteln, um unterschiedliche Erzählebenen voneinander abzugrenzen. Natürlich gibt es auch einige Szenen, die klar den Vorlagen nachempfunden und entsprechend stilisiert sind. Vereinzelte Kampfchoreografien zum Beispiel sind nicht immer in einem Rutsch gedreht und wirken eher wie einzelne Mangapanels, deren Posen aneinandergereiht sind. Was jetzt wie epileptisches Stakkatokino klingt, ist aber durchaus charmant anzusehen, zumal die Liebe zu den Vorlagen verbildlicht wird. Ganz von den Ursprüngen abrücken, wie es zum Beispiel die japanischen Death Note-Filme machen, tut man hier nicht und im Falle von Gintama ist das passend gewählt – ruft man sich die strukturellen Persiflagen, wie sie hier subtil oder auch plakativ angewandt werden, in Erinnerung.

Etwas Unschlüssigkeit herrscht hingegen bei der Besetzung des Haupttrios. Während Masaki Suda als zurückhaltender Shinpachi verdammt gut getroffen ist, tue ich mich etwas schwer mit Shun Oguri als lässiger Samurai, der zu nichts zu gebrauchen ist, in der größten Not jedoch zum schimmernden Helden wird. Shun Oguri ist eine coole Sau, ohne jeden Zweifel, aber er wirkt nicht hundertprozentig überzeugend in der Rolle des Gintoki. Wobei hier das Drehbuch einige wenig glatte Dialoge einwirft, die mehr zum Fremdschämen einladen, und wie auch schon in den Vorlagen eher präpubertären Humor von sich lassen. Vielleicht leidet der Eindruck darunter, sowie manchen Szenen, die dann doch zu sehr nach statischen Mangapanel aussehen. Doch wenn es drauf ankommt, ist Oguri zur Stelle und schafft es zumindest, dem seriösen Samurai einige Sonnenseiten zu entlocken, ehe er dann in der saloppen Rolle aufzugehen scheint. (Hier hänge ich vermutlich auch Tomokazu Sugitas Voice Acting nach, der Gintoki im Anime einen unwiderruflich eigenen und witzigen Charakter verleiht. Da ist Oguri mit seiner lässig coolen Stimme ein harter Kontrast.)

Wirklich schwer tue ich mich im Film jedoch nur mit der Besetzung des Kondou Isao, dem Chef der Shinsengumi (einer Art Polizei in Edo), sowie der Verschwendung des großartigen Ken Yasuda. Yasuda ist einer dieser Darsteller, auf die man in jedem Film achtet, weil sie durch ihr Charisma herausstechen – ganz egal, wie verkorkst die Rolle auch sein mag. Hier wird er leider als schwerhöriger Schmied sowas von verbraten, dass es schon wieder wehtut. Denn was der Kerl kann, hat er bereits in The Actor bewiesen. Auf der anderen Seite steht Kankuro Nakamura VI, als Kondou Isao. Man mag ihm zugutehalten, dass sein Charakter eh immer die Ar***karte zieht und er von Pech und Unfähigkeit geplagt, die arme Sau des Franchises ist. Aber hier hätte ich mir doch gerne einen wuchtigeren Darsteller gewünscht, der dem Spitznamen „Gorilla“ mehr Konturen verleihen kann, als es Nakamura mit seiner vergleichsweise schmächtigen Figur zu tun vermag. Richtig spitze getroffen sind hingegen die beiden Shinsengumi-Schergen Hijikata und Sougo, Untergrundkämpfer Katsura, sowie der Antagonist des Films Shinsuke Takasugi (Tsuyoshi Domoto). Hier zahlt sich die Besetzung aus und die markanten Posen und Charakterzüge lassen bereits im Vorfeld erahnen, dass hier mit weiser Voraussicht im Casting gehandelt wurde. Auf ein Wiedersehen mit diesen Figuren würde ich mich durchaus sehr freuen, stehen sie ihren Vorbildern doch kaum etwas nach.

Als Realfilm ist Gintama durchwachsen. Die Effekte sind billig und trotzdem wird hier optisch einiges gerissen. Die Besetzung ist mit wenigen Ausnahmen gut getroffen, bei Shun Oguri wird jedoch die Zukunft zeigen (und ein zweiter Film mit ihm wird kommen), ob er noch in die Rolle des Silver Samurai hineinwachsen kann oder der Funke ausbleibt. Signifikante Gesten machen schließlich noch keinen Charakter aus. Sinnvoll erscheint die Umsetzung des Benizakura-Arcs, welcher die Vielschichtigkeit Gintamas wunderbar abdeckt. Es ist ein schöner Einstieg in das Franchise, welches wenig Sinn und ganz viel Unsinn in solides Storytelling wickelt und hin und wieder an epische Bilder anknüpft.
Allerdings sehe ich mich als rudimentäre „Kennerin“ des Franchises deutlich im Vorteil und kann einige Stationen besser verknüpfen, als es vielleicht ein Neueinsteiger könnte. Daher ist der Film mehr als reiner Fanservice für die ohnehin schon große Fanbase zu verstehen, was dann doch den einen Punkt mehr macht, als ich ihm sonst zustehen würde.

6/10 Punkte

Gintama-(2017-JP)-PosterGintama [銀魂]
Jahr: 2017 JP | Laufzeit: 131 Minuten
Regie & Drehbuch: Yûichi Fukuda (liter. Vorlage: Hideaki Sorachi)
Kamera: Yasuyuki Suzuki, Tetsuya Kudo
Musik: Eishi Segawa
Cast:
Shun Oguri, Masaki Suda, Kanna Hashimoto, Masaki Okada, Masami Nagasawa, Tsuyoshi Muro, Kankurô Nakamura, Yûya Yagira, Ryô Yoshizawa, Ken Yasuda, Akari Hayami, Hirofumi Arai, Jiro Sato, Nanao, Tsuyoshi Domoto

Bilder [© Well Go USA Entertainment]

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