Mori: The Artist’s Habitat (2018 JP)

Der erste Tag der diesjährigen Nippon Connection liegt hinter mir. Wie immer gab es sehr nette Leute zu treffen und auch das Wetter war uns – trotz akuter Unwetterwarnung – hold. Der Tag war auch relativ kurz, denn heute stand lediglich der Eröffnungsfilm Mori: The Artist’s Habitat von Shuichi Okita auf dem Programm. Und einen anstrengenderen Einstieg in das Festival hätte ich nicht treffen können.

Regisseur Okita zeigt uns einen Tag im Leben des Künstlers Morikazu Kumagai (1880-1977), der meditativ nach Inspiration für seine Kunst sucht. In einem überschaubaren Garten, den er seit 30 Jahren nicht verlassen hat. Er kennt jede Pflanze,

jedes Tier auf seinem Grundstück und weiß, was an welchen Ort gehört. Ein Stein, der plötzlich vor ihm liegt, lässt ihn nachdenklich erscheinen. Er kann sich nicht erklären, wie er dort hingelangen konnte. Doch wirklich aus der Ruhe scheint es ihn nicht zu bringen. Und auch sonst niemanden. Und tatsächlich ist alles weitere auch egal.

Zugegeben, wer sich die Handlung – ein Künstler verließ seinen Garten seit 30 Jahren nicht – durchliest, der weiß in etwa, wohin die filmische Reise geht. Dass hier nicht viel Aktion zu erwarten ist und wir viel Zeit in diesem räumlich begrenzten Konstrukt verbringen werden. Wir beobachten Kumagai, wie er sich in diesem Mikrokosmos bewegt, wie er beobachtet und ein Stück weit lernen wir auch seine exzentrische Ader kennen, mit der sich jedoch jeder in seinem Umfeld arrangiert hat und ihn trotz oder gerade wegen seiner Marotte für den großartigen Künstler hält. Der gar nicht den Wunsch hegt, sein Fleckchen Erde zu verlassen. Wirklich schön gemacht ist dabei der Anfang. Okita inszeniert diesen an sich überschaubaren Garten als weitläufiges Gelände. So ist man doch sehr amüsiert, wenn wenn sich Kumagai auf die „Reise“ begibt, sich seine Ausrüstung anlegt und voller Tatendrang „Off I go!“ ruft und seine Frau ihn bittet, unterwegs vorsichtig zu sein. Es ist schon sehr geschickt, wie hier mit Erwartungen hantiert wird und genau darin liegen einige Reize des Films.

Sowas ist nett, aber die Entschleunigung, die der Film bietet, gestaltet sich als schwierig, wenn man nicht in der Stimmung für so etwas unfassbar Unspektakuläres ist. Denn hier gibt es keine Konflikte, die an den Figuren rütteln, oder eine grobe Handlung in die Geschichte bringen könnten. Etwaige Andeutungen werden sofort im Keim erstickt, großflächig umschifft oder ohne Weiteres im Raum stehen gelassen, um bloß nicht aus der beobachtenden Narrative auszubrechen, derer sich der Film so großzügig bedient. So bleiben es minimale Details, die bspw. die unterschiedlichen Lebensperspektiven zwischen Mori und seiner Frau in Relation zueinander setzen – aber auch kaum Ansätze für Interpretationen bieten. Da ist man um jedes Einbrechen dieser starren Struktur erfreut. So werden flüchtige Begegnungen, wie etwa mit dem Postboten, der die Familie darauf aufmerksam macht, dass schon wieder jemand das Namensschild der Kumagais gestohlen habe (ein running gag im Film), zum wohligen Aufbrechen dieses blanken Stimmungskinos.

Auch das rege Treiben im Haus und Garten vermag hier nicht viel zu retten. Die humorvollen Einlagen sind manchmal wunderbar lakonisch trocken gehalten, manchmal jedoch völlig überspitzt und unpassend platziert. Aber faszinierend ist, dass hier keiner Anstoß am Verhalten des exzentrischen Künstlers äußert. Etwas Schönes liegt darin, sodass ich mir wirklich gewünscht hätte, vom Film in irgendeiner Weise ergriffen zu werden, mich auf diese Form des Abschaltens einlassen zu können. Wie etwa der zunächst unverständnisvolle Assistent des Fotografen, der nach und nach eine Faszination gegenüber dem Künstler und seiner tiefenentspannten Art entwickelt. Dabei beobachtet er doch nur aus nächster Nähe, ob Ameisen ihren ersten Schritt tatsächlich mit dem mittleren linken Bein beginnen…

Letztlich ist und bleibt es jedoch nur ein unkommentiertes und präzises Beobachten dieses Künstlers und seiner bekannten Umgebung. Das macht aus Mori: The Artist’s Habitat ein Stimmungskino, für das man schon empfänglich sein muss, um hier nicht seine Geduld an dem Alltäglichen zu verlieren. Bei mir ging diese Rechnung leider gar nicht auf und gepflegte Langeweile statt wohligen Gefühl im Herzen war die Folge.

3,5/10 Punkte

Mori: The Artist’s Habitat [Mori no Iru Basho; モリのいる場所]
Regie & Drehbuch: Shuichi Okita
Kamera: Yuta Tsukinaga
Cast:
Tsutomu Yamazaki, Kirin Kiki, Ryo Kase, Kaito Yoshimura, Ken Mitsuishi, Munetaka Aoki, Mitsuru Fukikoshi, Nobue Iketani, Kitaro, Yoichi Hayashi, Hiroshi Mikami

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