Bamy (2017 JP)

Wie schreibt man am besten über einen Film, der sich gängigen Konventionen verweigert? Oder noch besser: Den man irgendwann nicht mehr nachvollziehen kann, weil der Regisseur genau das macht und zeigt, was er will?

Jun Tanakas Spielfilmdebüt Bamy lehnt sich ganz klar an zahlreiche Genreklassiker des J-Horrors an: Ob nun an Ringu oder Ju-On erinnernd, etwas von Kurosawas schauriger Schönheit à la Pulse findet sich ebenfalls darin. Doch was macht diesen merkwürdigen Reiz dieses Films aus, der mit einer Szene beginnt, in welcher ein roter Regenschirm fast schon schicksalhaft vom Himmel fällt und so zwei Seelen wieder zueinander finden lässt?

„I wonder if it’ll rain.“

Unter oben genannter Einstellung startet der Film, als ein unscheinbarer Regenschirm vom Himmel fällt und sich die Wege der alten Schulkameraden Fumikos und Ryotas kreuzen. Es knistert und schon bald steht ihre Hochzeit im Raum. Doch die Glückseligkeit wird von Ryotas Gabe gestört: Er kann Geister sehen. Das sorgt für Streit, denn Fumiko fühlt sich häufig ignoriert und von Ryotas eigenwilligen Verhalten genervt. Ob diese Beziehung halten wird? Und was hat es mit dem Regenschirm auf sich?

Bamy strotzt weder vor Budget noch narrativer Stringenz. Er ist reduziert, aber das macht ihn keinesfalls schlecht – höchstens anders. Denn er bedient sich zahlreichen Gimmicks des J-Horrors, spielt sie jedoch völlig entgegen ihrer ursprünglichen Intention aus und bringt ein Fünkchen Innovation in das angestaubte Genre. Anders lassen sich gewisse Augenblicke nicht erklären, die von einer schauderhaften Geisterszene zu einem lakonisch humorvollen Einwurf umschlägt und aus den unheimlichen Geistern wehrlose Opfer werden. Und wenn dann noch der aufbrausende Soundtrack plötzlich einen Hero-Moment generiert, der so absurd erscheint und gar keiner ist…verfehlt das trotzdem nicht seine Wirkung.

Ein gewisser Trashfaktor lässt sich dem Film nicht absprechen. Seine unangekündigten humorvollen Einschübe passen im Grunde genauso wenig zur Handlung, wie die teils amateurhafte Montage. Schnitte, die zu schnell gesetzt sind oder völlig gegen den Rhythmus ihrer Szene gehen, wirken unbeholfen. Und doch gibt es immer wieder Augenblicke, in denen das alles funktioniert – selbst wenn man sich nicht sicher ist, ob das alles gerade so ein cultural differences-Ding ist oder nicht. Dabei sind diese Stilbrüche profund intendiert. Das merkt man und das ist sehr reizend – wahrscheinlich, weil die aufgezeigten Gegensätze innerhalb der Geschichte so abstrus sind und gekonnt auf der Grenze zur Albernheit wandeln, im richtigen Moment jedoch einige WTF-Momente entfesseln. So beispielsweise der Regenschirm, der zwei Menschen zusammenführt und darauf besteht, dass dieses schicksalhafte Band zwischen Fumiko und Ryota bestehen bleibt. Ob sie es so wollen, oder nicht.

Auf der anderen Seite ist Bamy ein Slowburner, der sich sehr auf den Blick seiner Protagonisten fokussiert. Die Bewegungen sind schleichend, die Kameraführung regelrecht festgewachsen und auf den meist leeren Raum gerichtet. Ryotas Blicke ins Nichts wirken aufgrund ihrer stoischen Ausführung wie die eines Besessenen. Allein durch diese exekutierte Langsamkeit erschafft Tanaka eine unangenehme Atmosphäre, welche ohne viel Zutun von außerhalb (höchstens einige Windeffekte und ein im Vergleich zum Genre harmonischer elektronischer Soundtrack) eine solide Spannungsebene mit melancholischen Unterton aufrechterhält. Es hat etwas dokumentarisch nüchternes, dass sich mit Fiktion vermischt. Für Tanaka macht diese Trennung kaum einen Unterschied. Er lotet frei von erzählerischen Zwängen seine filmischen und narrativen Möglichkeiten aus und konfrontiert den Zuschauer mit Überraschungen – einfach weil er es kann und will und keine Rücksicht auf etwaige Sehgewohnheiten nimmt. Ganz egal, ob der Zuschauer mit den letzten 15 Minuten völig überfordert ist, oder nicht.

Ob man Bamy nun als Metapher des Blicks auf Vergangenes sehen möchte, der einen Menschen daran hindert, wirklich in der Gegenwart zu leben, oder einfach als bewusst verschrobenen Low-Budget-J-Horror-Verschnitt, der sich auf eine semifunktionale Liebesbeziehung konzentriert, das ist jedem selbst überlassen. Ich für meinen Teil war sehr dankbar für das aufschlussreiche Q&A nach dem Screening, in dem Tanaka einige seiner Ideen erläuterte. Denn die letzten 15 Minuten sind wirklich ein Erlebnis und lassen einen an der eigenen Interpretation des Films zweifeln…

Hier noch ein sehr lesenswertes Interview von Asian Film Vault mit Regisseur Jun Tanaka.

6/10 Punkte

Bamy-(2017-JP)-PosterBamy [Bâmî]
Jahr: 2017 JP | Laufzeit: 100 Minuten
Regie & Drehbuch: Jun Tanaka
Kamera: Hideaki Arai
Musik: Eiichi Terada
Cast:
Yuki Katsuragi, Hiromi Nakazato, Misaki Tsuge, Tôshi Yanagi, Hironobu Yukinaga

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2 Kommentare zu „Bamy (2017 JP)“

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