Complicity (2018 JP/VRC)

Es war mein letztes Screening auf der Nippon Connection und ich hätte es kaum besser treffen können. Denn mit Complicity zeigt Regisseur Kei Chikaura ein feinfühliges Drama, in dem ein Chinese versucht, seinen Platz in der japanischen Gesellschaft zu finden.

Der Chinese Chien Lang (Lu Yulai) sucht als illegaler Einwanderer in Japan den Neuanfang, um die in China zurückgebliebene Familie finanziell zu unterstützen. Weil der Vater verstorben ist und die Mutter krank, liegt die Verantwortung nun bei Lang. Zunächst versucht er sich mit billigen Jobs, wie etwa Elektronikdiebstählen, über Wasser zu halten – natürlich bleiben diese Gelegenheitsjobs nicht ohne Risiko, von den Behörden entdeckt zu werden. Doch plötzlich erhält er einen Anruf unter seiner falschen Identität:
Dem ursprünglichen Inhaber dieser Personalien wird ein Jobangebot in einem Soba-Restaurant unterbreitet. Lang nutzt diese Möglichkeit, und heuert dort völlig blind an – in der vagen Hoffnung, in der japanischen Gesellschaft Fuß zu fassen.

Viele Filme drehten sich in dieser Festivalausgabe rund um das Motto „Outlaws und Außenseiter“, doch nur wenige vermochten auch tatsächlich dieses Außenseiter-Dasein zu vermitteln. Complicity nimmt sich sehr viel Zeit, um genau das zu tun.

 

 

Lang spricht kaum Japanisch und ist stets auf die Übersetzungshilfe durch seinen Freund angewiesen. Nachdem er bei seinen illegalen Arbeitgebern bereits tief in der Kreide steht und sie ihn mit den Ausweispapieren betrogen haben, versucht er aus diesem dreckigen Dunstkreis auszubrechen. Es ist kein Leben für ihn, sich mit einem halben Dutzend Männern eine stickige, kleine Wohnung zu teilen und auf nächtliche Streifzüge zu gehen, während die Mutter in der Heimat glaubt, er arbeite in einer legitimen Autowerkstatt. In dieser ohnehin schon schwierigen Situation herrscht zudem noch die ständige Angst, von den Behörden entdeckt und abgeschoben zu werden…

Es sind diese ständige Unsicherheiten, mit denen Complicity arbeitet und Druck ausübt. Auf die Figuren genauso sehr, wie auf den Zuschauer selbst. Die Kamera ist ständig bei Lang, es gibt kaum eine Szene, in der er nicht präsent ist. Jede seiner Gesichtsregungen ist zu sehen, seine Zweifel und Ängste somit immer offengelegt. Das sorgt für einen dichten Draht zum Protagonisten, der Zugang zu seiner Persönlichkeit und auch seinen Gedanken fällt sehr leicht. Begünstigt wird dies weiterhin von der unaufgeregten Erzählstruktur, die sich ganz einer natürlichen Entwicklung hingibt. Denn erst mit dem Anheuern im Soba-Restaurant öffnet sich die Geschichte für neue Beziehungen, auf die sich Lang als Außenseiter der Gesellschaft erst einzulassen lernen muss.

Der Film bietet wenige Konfliktherde, um Spannung zu erzeugen. Das braucht er auch gar nicht, denn die Grundspannung, die sich bereits aus der Prämisse des illegalen Einwanderers ergibt, steigt im weiteren Verlauf des Films kontinuierlich an.
Es gibt jedoch kleine Konfliktsituationen, die als Katalysator dienen und innerhalb der Diegese das Spannungsniveau anheben. So imponiert Sayo Akasaka als Hazuki, Langs Freundin, die selbstständig für sich denkt und entsprechend handelt. Sie spielt keinen Frauentyp, der manipuliert oder den Partner unter Druck setzen muss. Entweder Lang kann sich auf ihre freigeistige Art einlassen, oder sie verschwindet genauso plötzlich, wie sie in seinem Leben auftauchte. Dadurch bleibt dem Film genug Luft, um sich nicht künstlich zu dramatisieren und auch den eigentlichen Fokus nicht auf diese Beziehung zu verschieben. Ihre Rolle ist wichtig, dennoch bleibt sie nur ein Teil des geschilderten Lebensabschnitts des Protagonisten.
Auf der anderen Seite sind allerdings manche Klischees bedient, auf die sich durchaus auch dezenter hätte eingehen lassen können. So ist etwa die Beziehung von Lang zu seiner Mutter, sowie der Großmutter, nie stilistisch von der gegenwärtigen Erzählebene zu unterscheiden. Es dauert immer einen Moment, bis die Parallelmontage als Vergangenheitsebene erkannt wird, die natürlich dazu dient, Lang mit mehr charakterlichen Hintergrund auszustatten und seine Motive zu betonen. Natürlich werden dabei einige Mechanismen bedient, um noch einmal explizit an dem traditionellen Familiengedanken zu rütteln. In manchen Augenblicken wirkt es jedoch zu platt und leider auch überflüssig. Diese Szenen sind allerdings rar gesät, sodass sich über diese einigermaßen hinwegblicken lässt.
Ansonsten ist Kei Chikauras Regie in diesem wunderbaren Langfilmdebüt völlig auf die Figuren konzentriert.

Großes Lob gilt daher Darsteller Lu Yulai, der seine zwischen den Stühlen sitzende Rolle mit Souveränität ausfüllt. Ohne die nuancierten Beziehungen zu anderen Figuren wäre dies jedoch kaum möglich. Und Complicity nimmt sich wahnsinnig viel Zeit, um seine Figuren aufzubauen. Was in der Eröffnungssequenz wie ein Thriller beginnt, entfernt sich zügig von der suggerierten Hektik, hin zum detaillierten und langsam eingefangenen Charakterportrait. Die langen Einstellungen auf die Prozesse der Herstellung von Soba-Nudeln durch Langs Mentor (wunderbarer stoischer Vaterersatz, der auch Grenzen aufzeigen kann: Tatsuya Fuji) und später auch Lang selbst, reizen nicht nur das Hungergefühl, sondern bilden weitere Empathiepunkte für Lang aus, der sich sichtlich bemüht, dieses anspruchsvolle Soba-Handwerk unter den strengen Augen seines Meisters zu erlernen.
Überhaupt erscheint die ganze Familie rund um den Mentor sehr entspannt und begrüßt den jungen Chinesen, von dessen eigentlicher Identität sie nichts wissen, herzhaft. Natürlich ist die Sprachbarriere gerade zu Beginn fast unüberwindbar, doch irgendwie arrangiert man sich. Und das ist genau das, was diesen Film wahre Stärke verleiht: Er lässt seine Figuren menschlich erscheinen, schildert die simplen Träume, die sie haben, aber auch den Ehrgeiz, mit dem sie sie verfolgen, um mit ihnen ein Teil des sozialen Gefüges zu werden. Sicherheiten zu erlangen, aber auch Anerkennung. Und so ist es letztlich eine ganz humane Lust, die für normale Mitglieder der Gesellschaft keinerlei Konsequenzen nach sich zieht, die das wackelige Gerüst fast zum Einsturz bringen wird.

Es schmerzt umso mehr, wenn man genau weiß, dass dieser Traum in eine ungewisse Zukunft steuern wird. Ganz egal, wie sehr man sich auch ins Zeug legen mag, wie aufrichtig die Intention ist und wie unfair die Situation. Manchmal ist man leider nicht der Herr über die eigenen Umstände, man kann sich lediglich mit ihnen arrangieren lernen. Und so endet der Film mit einer bittersüßen Note, die einerseits die Hoffnung raubt, dafür aber wieder eine andere Hoffnung aufrechterhält. Für welche man sich entscheidet, das bleiben Lang und dem Zuschauer selbst überlassen.

8,5/10 Punkte

Complicity_(2018_JP_VRC)_posterComplicity [コンプリシティ]
Jahr: 2018 JP/VRC | Laufzeit: 116 Minuten
Regie & Drehbuch: Kei Chikaura
Kamera: Yutaka Yamazaki
Musik: Yutaka Tsurumaki
Cast:
Yulai Lu, Tatsuya Fuji, Sayo Akasaka, Kio Matsumoto

 

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