Fly Me To The Saitama (2019 JP)

Ihr kennt das bestimmt: Ihr schaut einen Trailer und findet diesen so bescheuert – ganz im Sinne von durchgeknallt – sodass man sich zweimal überlegt, ob man sich das wirklich antun soll? So ging es mir mit dieser Realverfilmung des einbändigen Manga aus den 1980er Jahren: Fly Me To The Saitama (jap. Tonde Saitama), ursprünglich aus der Feder des Mangaka Mineo Maya (u.a. bekannt für Patalliro!).

Der Film arbeitet mit zwei Narrationssträngen: Als übergreifende Rahmenhandlung dient eine Familie, die gerade auf dem Weg von Saitama nach Chiba ist, um die Tochter zu ihrer Verlobungsfeier zu chauffieren. Diese erhofft sich, mit der Heirat aus der öden Präfektur Saitamas und hinein in die aufregende Metropole Tokyos ziehen – oder vielmehr fliehen – zu können. Während sie also mit dem Auto zu besagter Feier aufbrechen, lauschen sie im Radio der Geschichte einer urbanen Legende, die sogleich die Haupthandlung bildet:
Tokyo ist das alleinige Machtzentrum Japans, das sich aus den stärksten Präfekturen herausbildete. Während die Bewohner Tokyos in Prunk und Braus leben, sind es die armen Saitamesen, die aufgrund ihrer ungünstigen geografischen Lage (ihnen fehlt schlicht und ergreifend der Zugang zum Meer) als minderwertig gelten und streng von Tokyo abgegrenzt leben müssen. Wagt es auch nur ein Saitamese nach Tokyo zu gehen, drohen ihm Gewalt und schwere Strafen… doch natürlich wagt es ein junger Mann, dieses unfaire Gleichgewicht der Gesellschaftsschichten, empfindlich zu stören…!

Das klingt auf dem Papier jetzt nur halb so spannend, wie es tatsächlich ist. Denn wir haben es hier mit einer Mangaadaption zu tun, die französischen, barockesquen Prunk in Form von imposanten Kleidern und Uniformen bietet, sowie billiger Science Fiction in Power Rangers-Optik, was wiederum alles in einer Mischung aus futuristischen Blade Runner-Tokyo und feudalem, vom Krieg und Armut gebeutelten Saitama spielt. Und habe ich schon den klassischen school president’s council-Trope erwähnt…?

Es ist wahrscheinlich eine der verrücktesten Mischungen, die ich je in einem Film beobachtet habe. Und so bescheuert es auch klingen mag, so herrlich absurd und unterhaltsam ist dieser Klassenkampf der Präfekturen auch. Alleine diese prunkvollen Uniformen sind ein absoluter Hingucker, die natürlich so fehl am Platz sind, dass es einem Unfall gleichkommt, von dem man die Augen nicht abwenden kann. Wäre da nicht der 18-jährige Rei Asami, dargestellt vom wesentlich(!) älteren GACK’T, der mit seinen blauen Haaren, Augen und der umwerfenden Ausstrahlung als Musterstudent alle Blicke auf sich zieht (also bitte, auch seine Stimme ist hier absolut anbetungswürdig…), und mit seiner zielgerichteten Art auch gleich beim Schulpräsidenten Momomi (Fumi Nikaido) in Ungnade fällt.

Wie es natürlich häufig bei solchen Mangaadaptionen der Fall ist, wirken sie billig. Also richtig billig. Power Rangers-billig. Entweder, weil sie kein adäquates Budget aufbieten können, oder weil sie es trotz Budget nicht schaffen, eine etwas abgehobene Geschichte als Realverfilmung zu adaptieren. Die Medien und ihre jeweils eigenen Charakteristika spielen dabei oftmals eine große Rolle und erschweren diese Umsetzungen zusätzlich. Dieses „billige“ macht sich dieser Film jedoch zum Gimmick. Daraus macht er keinen Hehl und das kam wiederum wunderbar beim Publikum an, das sich lautstark über die Gags amüsierte. Denn der Einfallsreichtum ist beeindruckend und das Tempo in dem es umgesetzt ist, ist sorgt für gesunde Kurzweil. Der queere Subtext, der hier von allen Seiten als so absolut verständlich wahrgenommen wird, ist genauso toll, wie der vielseitige Soundtrack, der zwischen passend klassischer (zeitgenössischer) Musik und einem Fluch der Karibik-ähnlichen Hans Zimmer-Abklatsch für Abenteuerstimmung sorgt. Die Interaktionen zwischen den Figuren, sowie die Figuren selbst, sind genauso überspitzt, wie es zu erwarten ist. Und sofern man sich darauf einlassen kann, stehen einem eine knapp zweistündige Romeo-und-Julia-Interpretation mit dutzenden quirligen Einfällen bevor, was letzten Endes in einem revolutionären Klassenkampf der Schichten endet, der natürlich auch nicht ohne Konsequenz bei den Zuhörern der Radiogeschichte bleibt, wenn sie ihren Stolz als Saitamesen wiederentdecken…

Fly Me To The Saitama ist eine surreale und obskure Mischung, bei der man sicherlich zwischen der förmlich überbordenden Ästhetik und den abstrusen Gags, sowie dem völlig selbstironischen Schauspiel der Darsteller unterscheiden muss. Denn hier ist alles so vollkommen over the top, dass man tatsächlich ein bisschen Mitleid mit der Präfektur Saitama bekommt, auch wenn man noch nie dort war (während der Einführung zum Film wurde Saitama übrigens auch gepflegt von einer „versnobbten Tokioterin“ aus dem Filmauswahl-Team, als welche sie sich selbst bezeichnete, gedisst). Doch so viel sei ohne zu spoilern verraten: Natürlich beweist Saitama, dass es nicht ganz so niederträchtig ist, wie es hier dargestellt wird…

8/10 Punkte

Fly-Me-To-The-Saitama-(2019-JP)-PosterFly Me To The Saitama [Tonde Saitama, 翔んで埼玉]
Jahr: 2019 JP | Laufzeit: 107 Minuten
Regie: Hideki Takeuchi | Drehbuch: Yuichi Tokunaga (liter. Vorlage: Mineo Maya)
Kamera: Sohei Tanikawa
Cast:
Fumi Nikaido, Gackt, Yusuke Iseya, Masaki Kyomoto, Shotaro Mamiya, Ryo Kato, Tsubasa Masuwaka, Kumiko Takeda, Akaji Maro, Naoto Takenaka, Akira Nakao, Brother Tom, Kumiko Aso, Haruka Shimazaki

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2 Kommentare zu „Fly Me To The Saitama (2019 JP)“

    1. Ja. ^^ Der hat eine gute Balance gefunden. Sowas geht für gewöhnlich ja mächtig schief! War dahingehend sehr überrascht.

      Hachja, Gackt… 46 isser wohl und spielt den 18/19 Jährigen hier mit Bravour (so viel MakeUp, wie sie ihm aber auch raufgeklatscht haben…). :D

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