And Your Bird Can Sing (2018 JP)

Es dauert immer ein bisschen, bis sich die ersten guten Filme im Festivalprogramm durchschlagen. Nach dem sehr enttäuschenden und vor allem inkonsequenten und viel zu starren Geschwisterdrama Thicker Than Water kurz zuvor im Programm, folgte am Dienstag eine erste Perle des Festivals. Denn Regisseur Sho Miyake zeigt mit seiner Romanadaption des gleichnamigen Buchs And Your Bird Can Sing ein wunderbar unaufgeregtes Charakterdrama, dass sich im gemütlichen Hakodate abspielt.

Miyake sagte im Vorfeld des Screenings, dass er hoffe, dass man die drei Protagonisten des Films als Freunde betrachte. Erstaunlicherweise gelingt das dem Film sehr schnell. Schon zu Beginn deutet sich an, dass es ein eher gemächliches Drama werden wird, das ohne viel Traram auskommt. So verfolgt die Kamera in der Eröffnung zunächst ohne viele Schnitte Shizuo (Shota Sometani), wie er in der morgendlichen Dämmerung durch die Straßen Hakodates streift. Sein Gesicht in neonblaues Licht gehüllt, macht er sich auf den Weg um seinen Kumpel Boku (Tasuku Emoto) abzuholen, mit dem er dann weiter durch die Straßen wandert. Nachdem sie ihre kleine Runde auflösen, macht sich Boku auf den Weg nach Hause, als er fast schon schicksalhaft auf Sachiko (Shizuka Ishibashi) trifft und sich die Geschichte um diese drei junge Menschen langsam entfaltet.

 

 

Der Film entwickelt eine Sogwirkung, derer man sich nur schwer entziehen kann. Es wird auf überspitztes Erzählen verzichtet, hier wirkt nichts dramaturgisch gekünstelt und nach klassischen Spannungsbögen sucht man ebenfalls vergebens. Doch das macht nichts. Denn man lässt sich einfach treiben, gemeinsam mit den drei Figuren, die ihrem unspektakulären Alltag als einfache Ladenangestellte (Boku und Sachiko) oder als Arbeitsloser (Shizuo) nachgehen und nach Feierabend zusammenkommen. Entweder in der gemeinsamen Wohnung Shizuos und seines Kumpels, beim Liebesspiel im wenig geräumigen Hochbett, in den Straßen Hakodates und den umliegenden Pubs oder in einem Club, um sich mal richtig gehen zu lassen. Denn jeder von ihnen ist sich bewusst, dass dies nur ein Moment in ihren Leben ist, der den Sommer wahrscheinlich nicht überdauern wird.

Natürlich entwickelt sich, wie bereits angedeutet, zwangsläufig eine Dreiecks-Liebesbeziehung unter ihnen, die aufgrund der Lebenssituation von Boku und Shizuo erwartbar ist (zwei Männer die sich eine Wohnung teilen und entsprechend wenig Rückzugsorte zur Hand haben, sollte einer von ihnen mal Damenbesuch mitbringen. Was letzten Endes auch so geschieht..). Aber das ist okay. Es fühlt sich fast so an, als würde es in den Beziehungen, die sich allmählich entwickeln, keine Regeln geben müssen. Denn trotz der charakterlichen Entwicklungen respektieren sie sich gegenseitig und nehmen Rücksicht aufeinander. So müssen sich letzten Endes Boku und Sachiko beide gleichermaßen eingestehen, dass Shizuo ein viel zu rücksichtsvoller und netter Kerl ist – und das ist beileibe nicht negativ zu konnotieren.
Es kommt zu keinen Grenzüberschreitungen, auch wenn manche beziehungsrelevanten Interessen hin und wieder durchschimmern und Eifersucht in einzelnen Einstellungen angedeutet wird. Und doch gibt es keinen Streit, keine Eskalation und auch die wenigen externen Konfliktfelder werden so dicht in das an sich sehr unscheinbare Geschehen verwoben, dass man meinen könnte, dem Film nun eine anti-klimatische Stimmung vorwerfen zu müssen, weil wirklich nicht sonderlich viel passiert. Dennoch verfolgt man diese Dynamik und Interaktion zwischen den drei Seelen sehr gebannt. In der Erwartung auf irgendetwas? Eigentlich nicht. Es ist ein natürliches Treiben, dem man sich hingeben kann. Aussprachen in den Beziehungen finden durchaus statt, doch sind sie nie der alleinige Fokus der Geschichte. Sie passieren einfach, ohne dass Urteile gefällt werden. Sie sind vielmehr kleine Details, die das Gesamtbild abrunden, ohne die Aufmerksamkeit auf sich zu forcieren. Konsequenzen ergeben sich dennoch aus ihnen. So ist es wirklich fantastisch zu sehen, auf welch zwischenmenschlicher Ebene gehandelt wird und welche Effekte dies nach sich zieht.

Eine weitere große Stärke des Films ist seine audiovisuelle Subtilität. Natürlich stechen die satten Farbfilter in der Nacht sofort ins Auge, fügen sich aber sofort der driftenden Erzählung und der langsamen Gangart unter. Ebenso der stimmungsvolle Soundtrack, der die Stimmungen bloß andeutet und sich sonst zurückhält oder ganz abklingt, aber nie die Gefühle diktiert. Beide Ebenen, Ton und Bild, begleiten den Film auf ganz natürliche Weise, was einen großen Anteil an der zuvor erwähnten Sogwirkung bildet. An mancher Stelle fühlt man sich gar wie der*die Vierte im Bunde.

And Your Bird Can Sing ist ein gemütlicher Film, absolut zurückgelehnt, der einem seine Figuren auf natürliche Weise ans Herz legt. Sie sind einfach sie selbst, die im Moment ziellos durch das Leben driften, dabei aber jede Sekunde genießen. Und das überträgt sich, weil man es ihnen abkauft. Miyake erzählte im Q&A, dass die drei Hauptdarsteller Tasuku Emoto, Shizuka Ishibashi und Shota Sometani schon vor dem Film gute Freunde waren. Nach dem Film dürften daran gar keine Zweifel mehr bestehen.

8/10 Punkte

And-Your-Bird-Can-Sing-(2018-JP)-PosterAnd Your Bird Can Sing [Kimi no tori wa utaeru, きみの鳥はうたえる]
Jahr: 2018 JP Laufzeit: 106 Minuten
Regie & Drehbuch: Sho Miyake (liter. Vorlage: Yasushi Sato)
Kamera: Hidetoshi Shinomiya
Cast:
Tasuku Emoto, Shizuka Ishibashi, Shota Sometani, Masato Hagiawara, Makiko Watanabe

 

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